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Sie ist eine von drei Fotografen in der Ausstellung, die sich über Bilder dem Thema angenähert haben, und sie stellt das größte Kontingent an Fotografien, alle schwarz-weiß und fast alle eindrucksvoll und berührend. Patrick Zachmann aus Frankreich und Bruce Gilden aus den USA, beide von der Fotoagentur Magnum, sind die weiteren Ausstellenden.
Battaglias Bilder zeigen ein sizilianisches Leben, das leider nicht nur berühmt, sondern auch berüchtigt ist. Es geht um Armut, Tod, Schmerz, Trauer und Mord, man sieht Blutlachen, leblose Körper, Verhaftete und Scheinheilige und über allem thront so etwas wie Hilflosigkeit und Ohnmacht, weil die Macht perfide ist – es geht um das tägliche Leben mit der Mafia.

Ein klein wenig anachronistisch wirkt die Ausstellung, weil die Sichtbarkeit der Mafia der 1970er bis 90er-Jahre – und das nicht nur in Italien – heute einer Unsichtbarkeit gewichen ist. Keines der Fotos entstand nach der Jahrtausendwende. Die Mafia lässt sich so nicht mehr fotografieren. Das ‚Unternehmen Mafia’ mordet in Italien vielleicht weniger sichtbar, es liegen kaum noch Leichen auf der Straße. Aber aktiv ist sie mehr denn je. Immer mehr Geld wird in globale Wirtschaftszweige investiert, besonders bevorzugt sind Immobilien und die Medienbranche. Schließlich lassen sich da Meinungen, Sehgewohnheiten und Bilder bestimmen.

Auf die Frage, ob sie sich nicht selbst ständig während ihrer fotografischen Arbeit in Gefahr gebracht hätte, antwortet Letizia Battaglia: „Ja, sicherlich, aber man durfte das nicht beachten. Angst, nein, die hatte ich nicht!“. „Ich bin nun 76 Jahre alt“, sagt sie weiter, “und ich bin müde, mich mit dem Thema weiter zu beschäftigen. Wenn ich in diese Ausstellung komme, dann erinnere ich mich sofort an die Geschichten der Fotos. Zwanzig Jahre habe ich mich dieser Welt ausgesetzt und versucht, mit meinen Möglichkeiten die Dinge ein wenig zu verändern, aber die Mafia ist noch da – mehr noch, sie breitet sich immer weiter aus, weltweit, und sie wird immer da sein und das Leben vieler Menschen bestimmen. Die Mafia ist eine Institution geworden, sie ist Teil der Wirtschaft, der Verwaltung und der Regierung. Nach wie vor infiltriert sie. Ich mag nicht mehr über die Mafia sprechen und letztendlich muss ich feststellen, meine Arbeit hat niemanden wirklich etwas gebracht“, sagt sie ernüchtert mit frustrierter Stimme.

„Dann lassen Sie uns nicht über die Mafia sprechen“, bitte ich sie, „sondern über die Frauen in den Bildern. Ich sehe so deutliche Verhaltensunterschiede zwischen den Geschlechtern. Die Frauen sind voller Schmerz, sie halten die Fotos ihrer ermordeten Männer hoch, sie schreien ihren Schmerz heraus, wenn vor ihnen der blutüberströmte Körper ihres Sohnes, Mannes oder Bruders liegt, und in ihren Blicken ist neben Schmerz auch Verbitterung. Gibt es eine Machtlosigkeit der Frauen?“
„Ja, es gibt eine Machtlosigkeit der Frauen, auch wenn es verschiedene Organisationen von und für Frauen gibt, in denen ich auch teilweise Mitglied bin.
Seit 120 Jahren gibt es die Mafia im Süden Italiens und etwas später dann ebenfalls in Nordamerika. In den letzten Jahrzehnten schließlich auch in Norditalien, in Frankreich und Deutschland. Sie breitet sich aus. Eine einzelne Frau, eine Fotografin oder eine Abgeordnete kann da nichts alleine machen, es müssen sich alle zusammen tun. Nicht Sizilien alleine, nicht Kalabrien oder das arme Neapel, nicht Italien, sondern alle betroffenen Länder müssen gemeinsam darauf hinwirken eine Gesellschaft hervorzubringen, in der man glücklich werden kann. Nur so kann man Glück schaffen – in einem Land ohne Mafia leben. Und Mafia bedeutet: Korruption, Arroganz, Drogen, Waffenhandel und Handel mit allem anderen. Die Mafia ist nur an Geld interessiert.“

Im Gespräch:


Bei einigen Fotowerken in der Ausstellung verlässt Letizia Battaglia das Dokumentarische und wird zur Kommentierenden. In eine kleine Anzahl von Bildern hat sie ihre Tochter oder sich selbst einkopiert, immer nackt: mit Wasser übergossen vor einer Carabinieri-Truppe mit Staatsanwalt Roberto Scarpinato, in einem einsturzgefährdetem Haus oder sie stützt den Kopf einer Frau auf ihrer Brust während einer Trauerfeier. In jenen Bildern verweigert sie den Frauen die Ohnmacht und delegiert ihnen und sich selbst eine andere Rolle zu, denn unbeteiligt ist hier niemand und niemand ist ohne Verantwortung für das was geschieht, auch nicht die Frauen.

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