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Hamburger Architektur Sommer 2019

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Architektur

Die Lage ist exponiert, keine Frage. Allerdings nicht wegen des fantastischen Elbblicks, von dem nach Bau des „ASTOC-Kristalls“ an der gegenüberliegenden Straßenseite nur wenig übrig bleiben wird. Einzigartig macht dieses Hanggrundstück an der Großen Elbstraße, Ecke Sandberg, vielmehr die unmittelbare Nachbarschaft zu einem historischen Komplex, der – neben der Fischauktionshalle – heute als das „substantiell bedeutendste Denkmal des Altonaer Hafens“ gilt (Anne Frühauf, Fabrikarchitektur in Hamburg). Zwei Bauten aus zwei Epochen, die zusammengehören, obwohl man ihnen ihre inhaltlichen Bezüge nicht ansieht: Ein spätbarockes Kaufmannshaus (erbaut um 1772) und die ehemalige Maschinenfabrik „Groth & Degenhardt“, die der Fabrikant Emil Groth1899 als „Erweiterungsbau“ direkt neben seinem Wohnhaus errichten ließ. Das Ensemble aus Barock und Gründerzeit ist nicht nur in Bezug auf die unterschiedlichen Architekturstile interessant. Es ist auch das letzte erhaltene Zeugnis einer grundlegenden sozialen und städtebaulichen Veränderung, die das Quartier erlebte: Die Große Elbstraße verwandelte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts zunehmend von einer gutbürgerlichen Wohnlage in ein Gewerbegebiet.

Einen Neubau unmittelbar neben diesem denkmalschutzwürdigen Komplex zu erstellen, war keine leichte Aufgabe, zumal es die extreme Hanglage zu bewältigen galt. SEHW-Architekt Christoph Winkler stand vor der Alternative, den Entwurf in Formensprache und Material dem historischen Umfeld anzupassen, oder auf Kontrast zu setzen. Da ihm der Bauherr, die „Vineta Erste Projektverwaltungs-GmbH“, freie Hand ließ, entschied sich Winkler für die zweite Variante: Er entwarf einen strengen skulpturalen Baukörper aus Edelstahl und blauem Sonnenschutzglas, der das 21. Jahrhundert repräsentiert und sich mit den benachbarten Gebäuden zu einem architektonischen „Dreiklang“ vereint. Eine ebenso mutige wie souveräne Lösung – und eine unerhört aufwendige obendrein. Die Wirkung allerdings ist bestechend: Je nach Wetterlage fangen die Keramik gestrahlten und geschliffenen, drei Millimeter starken Edelstahlplatten die Stimmungen des Lichtes ein und verändert so das Gesicht des gesamten Bauwerkes. Das faszinierende Farbenspiel reicht von melancholischem grau-blau bei Regen, bis hin zu einem funkelnden Kupferrot in der Abendsonne. Eine klare, bis ins kleinste Detail durchdachte Formensprache, lebendige Oberflächen und hochwertige Materialien gehörten zwar schon immer zur Philosophie Christoph Winklers. Doch so kompromisslos wie hier konnte er das subtile Spiel mit Licht und Schatten noch nie verwirklichen.

Steigt man von der Großen Elbstraße die Stufen zur Nummer 138 hoch, so fällt als erstes die enorme Länge der Fassade ins Auge. Mehr als 30 Meter schiebt sie sich diagonal in den Geesthang hinein. Oder anders gesagt: Ragt aus ihm heraus – gleich einem überdimensionierten Keil, dessen Spitze sich passgenau an die ehemalige Maschinenfabrik anschmiegt. Um der metallisch-gläsernen Front ihre Wucht und Massigkeit zu nehmen, hat der Architekt die Achsen der drei Geschosse ineinander gedreht. Sockel sowie das als Sahnehäubchen aufgesetzte Staffelgeschoss sind zudem deutlich zurückgesetzt, so dass sich an der Spitze des Keiles zwei fast quadratische Einschnitte ergeben: Der obere nimmt die bewegte Silhouette der benachbarten Dachlandschaft mit ihren Ziergiebeln und Kranaufbauten auf; durch den unteren gelangt man in den weit zurückliegenden Eingangsbereich und den nostalgisch anmutenden Hinterhof der Maschinenfabrik. Frontal betrachtet wirkt das Gebäude so fast wie ein Kreuz: Während der eine Schenkel vorwitzig auf Tuchfühlung mit der historischen Bausubstanz geht, hält der vertikal ausgerichtete diskret Abstand und trägt Sorge, dass der Altbau nicht erdrückt wird. Starke vertikale Akzente setzen zudem noch die schmalen hohen Fensterrahmen, die dem Bau eine musikalische Rhythmik verleihen. Zur unbeschreiblichen Leichtigkeit trägt auch ein raffinierter Detail bei, das man anfangs kaum wahrnimmt: Die verdeckt aufgehängten Edelstahlplatten enden wenige Zentimeter über dem Boden und werden von unten durch ein in der Erde eingelassenes Lichtband beleuchtet. Ein ästhetischer Kunstgriff, der das Gebäude im Dunkel fast zum Schweben bringt.

Um die komplette Form des Bürohauses zu erfassen, muss man es umrunden und den kopfsteingepflasterten Sandberg hoch zum Elbwanderweg spazieren. Schon auf halben Weg zeigen sich die gewaltigen Eingriffe ins Erdreich an der Rückwand des Gebäudes. Eine meterhohe Mauer stützt den Hang ab, das Bürohaus selbst ist hier wie ein Schwalbenschwanz eingekerbt. Das ausgeschnittene Dreieck formiert sich zu einem charmanten kleinen Atrium, das viel Licht in die beiden Büroetagen der Reederei lässt. Deren Inneneinrichtung ist allerdings weit weniger spektakulär als die Außenhaut. Türen, Tische und Einbaumöbel sind aus Europäischem Ahorn, das schmale Treppenhaus aus hellem Jura und den in den Boden eingelassenen Lichtbändern wirkt dezent und funktional. Allein die Innentreppe, die den ersten und zweiten Stock miteinander verbindet, setzt mit ihrem Zitat aus Edelstahl und blauem Glas einen extravaganten Akzent. Das Sockelgeschoss mit Küche und Garage ist vom Geesthang aus nicht zu sehen. Dafür jedoch die minimalistisch gestaltete Dachterrasse, die man von den beiden gläsernen Konferenzräumen des Staffelgeschosses aus betritt. Landschaftsarchitektin Evelina Boue hat die Terrasse als Mix aus Schiffsdeck und japanischem Zen-Garten angelegt: Dunkle Bangkirai-Planken kombiniert mit weißen Kieselsteinen. In der Mitte zieht ein imposanter langer Tisch aus sandfarbenem Jura die Blicke auf sich und korrespondiert mit den beiden langgestreckten Hochbeeten entlang der gläsernen Brüstung. Ein skulpturales Ensemble, in dem selbst die festverankerten Sonnenschirme wie Kunstwerke von Christo erscheinen. Eine Etage höher hingegen, auf dem Dach des Staffelgeschosses, konterkariert fröhlicher Wildwuchs die elegante Strenge: Mit blühender Wiese aus Löwenzahn und Butterblumen fügt sich der Bau fast nahtlos in den dahinterliegenden Park ein. Auch wenn es paradox klingt: Mit dem Bürohaus an der Großen Elbstraße hat Christoph Winkler von den SEHW-Architekten einen architektonischen Kontrast voller Harmonie geschaffen.

Hamburger Architektur Sommer 2012


Beim Architektur Sommer beteiligt sich SEHW Architekten mit einem "Architekten-Roman" im Stil der Groschenromane. Wir dürfen gespannt sein... (Anm. der Red.)

Technische Daten:
Standort: Große Elbstraße 138, 22767 Hamburg
Bauherr: Vineta Erste Projektverwaltungsgesellschaft GmbH
Nutzer: Reederei MACS Maritime Carrier Shipping GmbH & Co., Konsulat von Mosambik
Architekt: SEHW Architekten GbR, Bogenallee 14, D - 20144 Hamburg
Projektleitung: Prof. i. V. Christoph Winkler
Mitarbeiter: Bettina Bierwirth-Claussen, Mark Bogaczynski, Bettina Rustemeyer, Aud Rosenthal, Ina Storjohan
Tragwerksplaner: Ingenieurbüro Dr. Binnewies Ingenieurgesellschaft mbH, Hamburg
Haustechnik: Energiehaus Ingenieure, Hamburg
Außenanlagen: Schmidtke & Boué Landschaftsarchitekten, Hamburg, Evelyna Boué
Lichtplanung: SEHW Architekten
Fotos: Andreas Fromm (Rechte bei SEHW Architekten)
Fertigstellung: August 2007
Bauzeit: März 2005 – August 2007
Baukosten: 2,40 Mio. Euro
Flächen: BRI 5.515 m³, BGF 423 m² (unterirdisch), BGF 1.271 m² (oberirdisch mit Staffel); NF 1.363 m²
Leistung: Neubau HOAI 1-8
Gebäudetyp: Stahlbetonskelettbau
Konstruktion/Material: Stahlbeton. Fassade aus unsichtbar befestigten, großformatigen Edelstahltafeln, keramikgestrahlt und geschliffen; Pfosten-Riegel-Fassade; blaues Sonnenschutzglas; Jura, Ahorn, Glas

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