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Hamburger Architektur Sommer 2019

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Bildende Kunst

Oftmals wird die russische Avantgarde mit der russischen Revolution gleichgesetzt. Darüber wird vergessen, dass die Futuristen, Kubisten und Suprematisten, allen voran Kasimir Malewitsch, der sein Schwarzes Quadrat auf weißem Grund bereits 1913 entwickelt hatte, Jahre vor der Oktoberrevolution mit künstlerischen Konventionen brachen. Der Unterschied: Vor der Revolution schockierte die Avantgarde das damals noch zaristische Russland, nach dem Umbruch wird ihre Ästhetik nicht nur akzeptiert, sie wird mit einem Mal gewollt. Es ist die Stunde null. Nichts soll mehr an das verhasste Zarenreich erinnern. Der Kunstmarkt wird zerschlagen, die Museen umstrukturiert, der Künstlerberuf neu definiert. Die Bolschewiki fordern eine radikal neue Bildsprache, geschaffen von universellen Gestaltern, die den rasanten Aufbau der jungen Sowjetgesellschaft in allen Fasern erfassen.

Es ist Rodtschenkos Stunde: „Arbeiten für das Leben – und nicht für Paläste, Tempel, Friedhöfe und Museen“, jubelt der 26-Jährige. „Die Zukunft ist unser einziges Ziel“. Der Künstler, der in Tatlin seinen Mentor gefunden hatte, glaubt an die Revolution. Und er ist berauscht von den technischen Errungenschaften, die den Agrarstaat mit einem Mal in die Moderne katapultiert. Die darauffolgende Euphorie, die Karriere als Gewerkschaftsmitbegründer, Hochschulprofessor, Museumsgründer und Leiter des Volkskommissariats für Bildungswesen, dauert kaum länger als eine Dekade. 1928 beginnen die Stalinisten ihre Verbalattacken auf Rodtschenko: „Bürgerlicher Formalismus“ lautet einer der Vorwürfe. Rodtschenkos Kunst passt nicht zum „Sozialistischen Realismus“. 1930 werden ihm alle öffentlichen Funktionen entzogen. Danach zieht er sich ganz auf seine Fotografie zurück und wird Sportreporter.

Im Bucerius Kunst Forum steht Alexander Lawrentjew, Nachlassverwalter und Professor für Visuelle Kommunikation in Moskau. Lächelnd hält er die alte Leica in den Händen, mit der sein Großvater die schwindelerregenden Aufnahmen aus Frosch- und Vogel-Perspektive schoss. Ikonen der Fotografie, wie die zu einem Linienmuster stilisierte „Treppe“, der Pionier-Trompeter (1930) oder das stille, intensive „Porträt der Mutter“ (1924), die Rodtschenkos Weltruhm begründeten und wohl sein bedeutendstes Vermächtnis sind. Sie hängen ganz am Ende des Rundgangs und wirken gleichsam etwas an den Rand gedrängt, denn sie stehen ausnahmsweise mal nicht im Mittelpunkt einer Rodtschenko-Schau.

Die Hamburger Ausstellung, laut Lawrentjew „selbst ein Kunstwerk“, fokussiert den „Höhenflug“ des jungen Künstlers 1918-1928: Die zehn Jahren, in denen der von Technik und Luftfahrt faszinierte Künstler seine Schaffenskraft mit Feuereifer in den Dienst der Revolution stellte und eine unglaubliche Vielfalt an Dingen entwarf: Architektur, Arbeitskleidung, Anstecker, Buchumschläge, Fotocollagen, Flugzeuge, Geschirr, Möbel, Plakate, Stoffmuster, bis hin zur Zigarettenreklame. „Jedes Werk ein Experiment“ (Rodtschenko) – dynamisch, propagandistisch, utopisch.

Der Rundgang beginnt im oberen Stock mit einem noch von Picasso beeinflussten kubistischen Akt des Kunststudenten von 1915. Auf der zweiten Wand dann etwas völlig anderes: Tusche-Kompositionen mit Lineal und Zirkel, auch von 1915. Rodtschenko entdeckt die Linie als bildnerisches Mittel, um Licht, Raum und Bewegung darzustellen. Sie wird Dreh- und Angelpunkt seines konstruktiven Schaffens.

Aber welcher Besucher folgt in dieser Schau brav der Chronologie? Zu stark ist die Anziehungskraft des begehbaren blau-weißen Kubus‘, mit dem Ausstellungsarchitekt Gunther Maria Kolck hier einen Raum in den Raum gesetzt hat und der den Blick auf „Rot. Gelb. Blau“ (1921) an der Stirnseite lenkt. Für Rodtschenko war dieses Triptychon die Quintessenz der Malerei – und gleichzeitig das „Ende der Tafelmalerei“. Im Kubus selbst hängen die legendären „Schwarz auf Schwarz“-Kompositionen von 1918, die der Künstler in einer Zeit malte, in der er fast verhungert wäre.

So puristisch streng und kühl die Inszenierung im Obergeschoss ist, so spielerisch leicht präsentiert sie sich im Erdgeschoss. Wie Planeten oder Moleküle kreisen hier die Nachbauten verloren gegangener Holz-Mobiles im Zentrum des Oktogons, ausgeschnitten aus den geometrischen Formen Kreis, Quadrat, Dreieck, Ellipse und Sechseck. Auch sie sind lineare Versuchsanordnungen im Raum – und zeigen als faszinierendes Schattenspiel auf den großen, gespannten Leinwänden, zu welch komplexen Körpern sich die Grundelemente auffächern können.

Alexander Rodtschenko überlebt den Stalinismus – einsam, verbittert und verarmt. In seinem Tagebuch notiert er: „Ich bin absolut nutzlos, ob ich arbeite oder nicht, ob ich lebe oder nicht. Ich bin jetzt schon so gut wie tot…Ich bin ein Unsichtbarer“.
Irrtum! In den Werken der Neo-Avantgarde, der Op-Art, Farbfeldmalerei und kinetischen Kunst, sind seine Impulse bis heute lebendig.


Die Ausstellung „Rodtschenko. Eine neue Zeit“ ist bis zum 15. September im Bucerius Kunst Forum zu besichtigen. Rathausmarkt 2, 20095 Hamburg, Öffnungszeiten Mo-So 11-18 Uhr, Do bis 21 Uhr. Ein Katalog ist erschienen.

Bildnachweis: Alexander Rodtschenko (1891-1956)
Header: Detail aus Treppe, 1929, Sepherot Foundation, Liechtenstein, © VG Bild-Kunst, Bonn 2013
Galerie:
01. Alexander Rodtschenko im Arbeitsanzug, 1922, Photographie von Michail Kaufman, Sammlung Rodtschenko/ Stepanowa, Moskau, © VG Bild-Kunst, Bonn 2013
02. Alexander Rodtschenko (1891-1956): Bücher. Werbeplakat mit dem Portrait von Lilja Brik für den Staatsverlag Lengis, 1925, Sammlung Rodtschenko/ Stepanowa, Moskau, © VG Bild-Kunst, Bonn 2013
03. An alle. Werbeplakat für "Dobrolet", 1923, Sammlung Rodtschenko/ Stepanowa, Moskau, © VG Bild-Kunst, Bonn 2013
04. Komposition Nr. 66 (86), Dichte und Gewicht, 1919, Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau, © VG Bild-Kunst, Bonn 2013
05. Ausstellungsansicht "Rodtschenko. Eine neue Zeit". Foto: Ulrich Perrey
06. Ausstellungsansicht "Rodtschenko. Eine neue Zeit". Foto: Isabelle Hofmann
07. Ausstellungsansicht "Rodtschenko. Eine neue Zeit". Foto: Ulrich Perrey
08. Alexander Lawrentjew. Foto: Isabelle Hofmann.

Alexander Rodtschenko eine Geschichte

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