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KlassikKompass: Die Welt der Bach-Cantatas – Himmelfahrt

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Donnerstag, den 29. Mai 2014 um 10:18 Uhr
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KlassikKompass: Die Welt der Bach-Cantatas – Himmelfahrt

Vierzig Tage nach Christi Auferstehung an Ostern finden sich zwei Schlüsselfeste der Christen ‚Christi Himmelfahrt’ und weitere 10 Tage später ‚Pfingsten’.
Johann Sebastian Bach hat zu ihnen einige seiner schönsten Kantaten und ein Oratorium zu Himmelfahrt komponiert. Es ist schon merkwürdig, dass diese beiden Feste heute einmal als ‚Vatertag’ mit sinn-entleerten Trinkgelagen und als reiner ‚Ausflugstag’ begangen werden, ohne eigentlich noch ihre Bedeutung zu kennen.

Dabei sind Himmelfahrt und Pfingsten eng verbunden – die Erhöhung Christi und die Erfüllung seines Versprechens durch die Sendung des ‚Heiligen Geistes’ an Pfingsten sind eigentlich die Grundlagen allen Glaubens – daher auch Bachs prächtige musikalische Ausstattung dieser beiden Feste.
Interessant sind auch die beiden Zahlen 40 und 50 – zusammengesetzt aus vier plus null und fünf plus null. In der Zahlenmystik des Mittelalters spielt die ‚Null’ eine Rolle als Zeichen für die Ewigkeit. Die Zahl Vier war bereits für die griechischen Naturphilosophen von Bedeutung, sie sahen vier Elemente – Feuer, Wasser, Luft und Erde – als Grundbestandteile allen Seins, diese Vier-Elemente-Lehre wirkt bis in die heutige Zeit.
Da es neben den vier Elementen vier Himmelsrichtungen, Jahreszeiten und Temperamente gibt, galt die Vier im Mittelalter als die Zahl des Irdischen, im Gegensatz zur Drei, der Zahl Gottes und der Trinität.
In der christlichen Zahlensymbolik des Mittelalters steht die Drei für die nach dem Bild des dreifaltigen Gottes geschaffene Seele und alle geistigen Dinge.

Aus den rechnerischen Verbindungen Drei und Vier ergeben sich weitere im Christentum heilige Zahlen: Sieben (Sieben Tage) und Zwölf (12 Apostel).
Die Sieben ist die Addition von drei und vier, von Geist und Seele einerseits sowie Körper andererseits, also das Menschliche.
Die Vier ist die Zahl der Elemente und steht damit symbolisch für die materiellen Dinge, die nach antiker Anschauung alle aus der Kombination der vier Elemente hervorgehen
Aus dieser christlichen Zahlenlehre ergibt sich für die Musik die Auffassung, dass der 3/4-Takt als der Vollkommene gilt – früher dargestellt durch einen Kreis, während der 4/4-Takt als der unvollkommene, der irdische gilt, der bis heute in der musikalischen Notation durch einen Halbkreis, ein dem großen C ähnliches Zeichen angegeben wird.
In der Zahlensymbolik steht die Vier außerdem unter anderem für das Kreuz. Sowohl in ihrer Darstellung kreuzt sie sich, als auch das Kreuz hat vier Ecken. Es steht somit für Tod und Leid generell.
Im Christentum sind die ‘Fünf Wundmale Christi’ Gegenstand der Andacht und Verehrung. Die Fünf ist in vielen östlichen und westlichen Kulturen die Zahl der Liebe als unteilbare Summe der männlichen Zahl drei und der weiblichen Zahl zwei. Sie galt als die Zahl der Liebesgöttin Venus. Auch die zahl der ‚fünf Sinne’ mit der wir die Welt erfahren.

Man kann also daraus schließen das die 40 Tage nach Ostern die Erhöhung Christi über alles Menschliche sehen – er geht über die Dimensionen der Menschen und das Leid des Kreuzes hinaus in die Ewigkeit seines ewigen Reiches. Und aus Liebe und in Erinnerung seiner Wundmale, die er am Kreuz erhielt, sendet er den ‚Heiligen Geist’ (rund) 50 Tage nach seiner Auferstehung, um in ihm alle Menschen, die weiblichen und männlichen Elemente miteinander zu versöhnen und ihnen eine Vision der Einigkeit und Liebe zueinander zu geben.

Bach hat beides – die Freude und den Abschiedsschmerz bei der Auffahrt Christi an Himmelfahrt und die ungebremste Begeisterung über das göttliche Geschenk der Erleuchtung durch den ‚Heiligen Geist’ an Pfingsten in einige seiner schönsten Cantatas gegossen.
Wir wollen uns sowohl an Himmelfahrt als auch an Pfingsten dieser Musik erfreuen und zu versuchen ihre Wirkung und ihren inneren Aufbau zu erklären, damit sie noch besser mit Seele und Geist verstanden werden kann.

Am Himmelfahrtstage
BWV 11 Lobet Gott in seinen Reichen
BWV 43 Gott fähret auf mit Jauchzen
BWV 128 Auf Christi Himmelfahrt allein
BWV 37 Wer da gläubet und getauft wird

„Auf, auf, mit hellem Schall
Verkündigt überall:
Mein Jesus sitzt zur Rechten!
Wer sucht mich anzufechten?
Ist er von mir genommen,
Ich werd einst dahin kommen,
Wo mein Erlöser lebt (...)“
Aus der Bass Arie & Rezitativ der Cantata ‚Auf Christi Himmelfahrt allein’ BVW 128 zum Himmelfahrtstage

Der Begriff ‚Himmelfahrt’ bezeichnet das in Religionen und Mythen weit verbreitete Motiv, bis zu einem höchsten Ziel zu gelangen. Im Juden- und Christentum bezieht er sich konkret darauf, dass jemand definitiv und leiblich ins Jenseits gelangt, ohne einen Leichnam zurückzulassen. Im deutschen Sprachraum bezieht sich der Begriff ‚Himmelfahrt’ meist auf die beiden christlichen Feste ‚Christi Himmelfahrt’ und ‘Mariä Himmelfahrt’, am 15. August, bezogen.
Bereits die altägyptische Vorstellung vom Himmelsaufstieg oder die Himmelsreisen der Schamanen bringen das Streben zum Ausdruck, zu einem höchsten Ziel zu gelangen.
Auch die hellenistischen Mysterienreligionen, wie zum Beispiel der Mithraismus, geben Anweisungen für eine Reise in den Himmel.
Das Alte Testament beschreibt unter anderem die Entrückung des Henoch: Altes Testament Genesis (1. Buch Mose) Kapitel 5, Vers 24 ff
Henoch war fünfundsechzig Jahre alt und zeugte Methusalah. Und nachdem er Methusalah gezeugt hatte, blieb er in einem göttlichen Leben dreihundert Jahre und zeugte Söhne und Töchter, dass sein ganzes Alter ward dreihundertfünfundsechzig Jahre. Und dieweil er ein göttliches Leben führte, nahm ihn Gott hinweg, und er ward nicht mehr gesehen (…) und die Himmelfahrt des Propheten Elias in einem feurigen Wagen

Altes Testament 2. Könige 2 Kapitel:
„Und da sie miteinander gingen und redeten, siehe, da kam ein feuriger Wagen mit feurigen Rossen, die schieden die beiden voneinander und Elias fuhr also im Wetter gen Himmel.
Das Judentum kennt ebenfalls die Legenden der Himmelfahrt des Mose sowie die von der Himmelfahrt des Jesaja.“

Christi Himmelfahrt bezeichnet im christlichen Glauben die Rückkehr Jesu Christi als Sohn Gottes zu seinem Vater in den Himmel.
Das Fest wird am 40. Tag des Osterfestkreises gefeiert. Deshalb fällt es immer auf einen Donnerstag. Der frühstmögliche Termin ist der 30. April, der spätmögliche der 3. Juni.

Die ‚Himmelfahrt Jesu Christi’ erwähnt das Neue Testament drei Mal –
im Evangelium des Markus 16 ff: „Und der HERR, nachdem er mit ihnen geredet hatte, ward er aufgehoben gen Himmel Und sitzt zur rechten Hand Gottes. Sie aber gingen aus und predigten an allen Orten.
Und der HERR wirkte mit ihnen und bekräftigte das Wort durch mitfolgende Zeichen.“

Im Evangelium des Lukas 24 ff: „Er führte sie aber hinaus bis gen Bethanien und hob die Hände auf und segnete sie.
Und es geschah, da er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel.
Sie aber beteten ihn an und kehrten wieder gen Jerusalem mit großer Freude
Und waren allewege im Tempel, priesen und lobten Gott.“

In der Apostelgeschichte 1 Kapitel 1 ff: „Und da er solches gesagt, ward er aufgehoben zusehends,
Und eine Wolke nahm ihn auf vor ihren Augen weg.
Und als sie ihm nachsahen, wie er gen Himmel fuhr,
Siehe, da standen bei ihnen zwei Männer in weißen Kleidern, welche auch sagten:
Ihr Männer von Galiläa, was stehet ihr und sehet gen Himmel?
Dieser Jesus, welcher von euch ist aufgenommen gen Himmel,
Wird kommen, wie ihr ihn gesehen habt gen Himmel fahren.
Einzig an letzter Stelle ist sie ausführlich beschrieben. Demnach begegnet der auferstandene Christus über vierzig Tage hinweg wiederholt seinen Jüngern und wird dann in den Himmel aufgenommen, wo er mit dem Platz ‘zur Rechten Gottes’ die Macht über Himmel und Erde erhält.
Die Himmelfahrt Christi hat große Bedeutung für die christliche ‚Eschatologie’, der prophetische Lehre von den Hoffnungen auf Vollendung des Einzelnen und der gesamten Schöpfung, auch die Lehre vom ‘Anbruch einer neuen Welt’.

Dazu die Epistel Brief an die Philipper Kapitel 2 Vers 8 ff: „Ihn, der sich selbst erniedrigt hat und gehorsam geworden ist bis zum Tode am Kreuz, hat Gott über alle erhöht und ihm einen Namen gegeben, der größer ist als alle Namen.“
Der Glaube an die Himmelfahrt wird bereits in dem alten römischen Glaubensbekenntnis des dritten Jahrhunderts, dem Vorläufer des Apostolische Glaubensbekenntnisses von 325 und des nicänischen Bekenntnisses von 381 ausgedrückt:
„Er ist am dritten Tag auferstanden
Und aufgefahren in den Himmel.
Er sitzt zur Rechten des Vaters
Und wird wiederkommen in Herrlichkeit
Zu richten die Lebenden und die Toten
Seiner Herrschaft wird kein Ende sein.“

Das Fest der ‘Himmelfahrt Christi’ ist ebenfalls bereits in der Liturgie von Jerusalem seit 383 durch die Pilgerin Egeria bezeugt. Sie war eine spätantike Schriftstellerin aus Gallien, die als Pilgerin von 381 bis 384 das Heilige Land bereiste und darüber einen Reisebericht in Form eines Briefes an ihre Mitschwestern verfasste, ein so genanntes ‚Itinerar’, das 1884 in der Klosterbibliothek von Arezzo in Mittelitalien wiedergefunden wurde. Gemäß den biblischen Texten ist der Termin von ‚Christi Himmelfahrt’ also vierzig Tage nach Ostern und zehn Tage vor Pfingsten. Das Verhältnis von Auferstehung und Himmelfahrt Christi war und ist Gegenstand theologischer Debatte. Das Grundereignis ist der Sieg. Gott zieht seinen Sohn heraus und empor. Dies ist ein Triumph über alle Mächte dieser Welt, ein Triumph, an dem alle Christen Anteil haben.
Die drei Tage der Woche vor ‚Christi Himmelfahrt’ werden als Bitttage und sogenannte ‚Rogationes minores’ (‚kleine Litaneien’) mit den sogenannten Bittprozessionen begangen oft Feldumgängen als Fürbitte um eine gute Ernte.
Auch am Freitag nach Christi Himmelfahrt, dem ‘Hagelfreitag’ oder ‚Schauerfreitag’, oder am dem Himmelfahrt folgenden Sonntag ‚Exaudi’ waren mancherorts Prozessionen üblich.
Die Himmelfahrts-Woche wurde deshalb auch als Gangwoche, Betwoche, Bittwoche oder Kreuzwoche bezeichnet, weil den Prozessionen das Kreuz vorangetragen wurde. Die Bitttage stehen in einer gewissen Spannung zum freudigen Charakter der Osterzeit, die liturgisch erst mit dem Pfingstfest endet.

Sehen wir uns nun genauer an, wie Bach in seinen Musiken diese Freude und den Aufbruch aber auch den Abschiedsschmerz der Himmelfahrt nachzeichnet und damit hörbar und geistlich erfahrbar macht.


Himmelfahrts Oratorium BWV 11 ‚Lobet Gott in seinen Reichen’
Uraufführung 19. Mai 1735 in Leipzig, Text: vermutlich Christian Friedrich Henrici ‚Picander’
Choral ,Du Lebensfürst Herr Jesu Christ’. Johann Rist 1641
Choral ‚Gott fähret auf gen Himmel’. Text: Gottfried Wilhelm Sacer 1697
Melodie: ‚Von Gott will ich nicht lassen’, Erfurt 1563
Evangelischen Gesangbuch Nr. 365

‘Lobet Gott in seinen Reichen’ das ,Himmelfahrtsoratorium’ BWV 11 wurde in der alten Bach-Gesamtausgabe noch bei den Kantaten eingeordnet. Daher stammt die kleine BWV-Nummer. Mittlerweile wird es folgerichtig den Oratorien zugeordnet, da es eine biblische Handlung zur Grundlage hat, die von einem Evangelisten und anderen Personen in den Rezitativen vorgetragen wird. Das zweiteilige Werk besteht aus elf Sätzen und wurde vom Komponisten selbst als ‚Oratorium In Festo Ascensionis’ (‚Oratorium zum Feste der Himmelfahrt’) bezeichnet. Interessant ist schon der Einleitungschor, der Gott in seinen ‚Reichen’ preist – Plural. Gemein hier wohl das Christuswort, das wir an den Anfang unserer Betrachtungen stellten: ‚Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden’ – in der Tat zwei ‚Reiche – Regentschaft im Himmel und auf Erden. Es gibt weitere interessante Querverbindungen zum Werke Bachs. Ich finde es immer wieder faszinierend wie folgerichtig und einheitlich Bach theologisch und musikalisch dachte. Vielleicht ist dies auch einer der Reize seiner Cantatas, die bis heute zu den meist aufgeführten Bach Werken zählen.

Das Himmelfahrtsoratorium hat eine direkte musikalische und theologische Verbindung zum Weihnachtsoratorium BWV 248. Dessen Teile wurden ein Jahr vor der Entstehung des Himmelfahrtsoratoriums, erstmals vom Thomanerchor in Leipzig in den sechs Gottesdiensten zwischen dem ersten Weihnachtsfeiertag 1734 und dem Epiphaniasfest 1735 in der Nikolaikirche und der Thomaskirche aufgeführt.
Beide Oratorien entstanden, wie übrigens auch das Osteroratorium, aus einer weltlichen Vorlage.
Das Weihnachtsoratorium unter anderem aus der Cantata BWV 214 ‚Tönet ihr Pauken! Erschallet Trompeten’, komponiert zum Geburtstag der Königin von Polen – das Himmelfahrtsoratorium aus einer verschollenen Fest-Cantata zu einer Eröffnung der Thomas Schule BWV Anhang 18 ‚Froher Tag, verlangte Stunden’.
Die erste Cantata des Weihnachtsoratoriums ‚Am Weihnachtstage’ beginnt ebenfalls mit einer Aufforderung an alle Gläubigen zum Loben beginnt ‚Jauchzet frohlocket, auf preiset die Tage’.
‚Lobet Gott in seinen Reichen’ ist fast eine Antwort darauf – nachdem Christus seine Zeit auf der Welt abgeschlossen und sein Heilswerk vollendet hat, am Himmelfahrtstag. Und Bach schafft auch eine musikalisch Parallele, die Instrumentierung des Einleitungschors ‚Lobet Gott in seinen Reichen’ gleicht aufs Haar der Instrumentierung des ersten Chors des Weihnachts-Oratoriums – zwei Clarin-Trompeten und Pauken. Ein festlicher Anfang an der Krippe findet in der ebenso festlichen Auffahrt seine Erfüllung.
Der Chor feiert Gott in seinen ‚Reichen’ und wiederkehrende nach oben gerichtete Triolen-Bewegungen signalisieren die Auffahrt Christi in den Himmel:
„Lobet Gott in seinen Reichen,
Preiset ihn in seinen Ehren,
Rühmet ihn in seiner Pracht.
Sucht sein Lob recht zu vergleichen,
Wenn ihr mit gesamten Chören
Ihm ein Lied zu Ehren macht!“

Sucht sein Lob recht zu vergleichen – meint gleich zu machen – dem Lob das ihr gesungen habt aus Freude über die Geburt?

Wie im Weihnachtsoratorium geht es weiter mit einem Rezitativ des Evangelisten. Zu Weihnachten heißt das – wie alle wissen: „Es begab sich aber zu der Zeit...“
Zu Himmelfahrt wird von der Auffahrt berichtet: „Der Herr Jesus hub seine Hände auf
Und segnete seine Jünger
Und es geschah, da er sie segnete,
Schied er von ihnen.“

Und nun kommt wieder eine interessante Parallele ins Spiel zwischen Anfang und Ende – zwischen Krippe und Heimfahrt zum Vater.
Das erste Wort (Rezitativ) und die erste Arie im Weihnachtsoratorium gehört dem Alt – der ‚Tochter Zion’. Die ‘Tochter Zion’ steht metaphorisch einmal für die jüdischen Glaubensinhalte zu Jerusalem und den Tempel. Aber auch für die christliche Mutter Gottes, Maria.
In der mittelalterlichen Mystik ist die ‚Tochter Syon’ ein Sinnbild für die Seele des gläubigen Christen, so in den Schriften des Franziskaner Mönchs Lamprechts von Regensburg. Sein Werk ‚Diu tohter von Syon’ entstand um 1250. Sie ist darin eine allegorische Figur für die Seele die danach strebt, die Vereinigung mit Christus und Gott zu suchen.

Im Weihnachtsoratorium beginnt die ‚Tochter Zion’ mit einem Rezitativ begleitet von den Hirteninstrumenten Oboe und Fagott:
„Nun wird mein liebster Bräutigam,
Nun wird der Held aus Davids Stamm
Zum Trost, zum Heil der Erden
Einmal geboren werden.
Nun wird der Stern aus Jakob scheinen,
Sein Strahl bricht schon hervor.
Auf, Zion, und verlasse nun das Weinen,
Dein Wohl steigt hoch empor.“

Das Gegenstück im Himmelfahrtsoratorium – das stilistische Mittel ist nun das ‚Seelen- und Trauerinstrument’, die (Quer)-Flöte. Eine flehende Abschiedsrede bei denen die ‚Tränen von den blassen Wagen’ wirklich ‚rollen’ – musikalisch in absteigender Bewegung von der traurigen Flöte begleitet:
„Ach, Jesu, ist dein Abschied schon so nah?
Ach, ist denn schon die Stunde da,
Da wir dich von uns lassen sollen?
Ach, siehe, wie die heißen Tränen
Von unsern blassen Wangen rollen,
Wie wir uns nach dir sehnen,
Wie uns fast aller Trost gebricht.
Ach, weiche doch noch nicht!“

Es folgt im Weihnachtsoratorium die berühmte Alt Arie der ‚Tochter Zion’ in freudiger Erwartung des Heilandes:
„Bereite dich, Zion, mit zärtlichen Trieben,
Den Schönsten, den Liebsten bald bei dir zu sehn!
Deine Wangen
Müssen heut viel schöner prangen,
Eile, den Bräutigam sehnlichst zu lieben!“

Bach setzt eine Alt Arie im Himmelfahrtsoratorium am gleichen Platz ein und erinnert sich der ‚zärtlichen Triebe’ der Erwartung und bittet ‚das liebste Leben’ doch nicht so bald zu fliehen:
„Ach, bleibe doch, mein liebstes Leben,
Ach, fliehe nicht so bald von mir!
Dein Abschied und dein frühes Scheiden
Bringt mir das allergrößte Leiden,
Ach ja, so bleibe doch noch hier
Sonst werd ich ganz von Schmerz umgeben.“

Der Thomaskantor hat noch ein weiteres, verstecktes, allegorisches Bild in dieser Arie untergebracht, das er später in der h-Moll Messe erneut zum Leben erweckte: ‚Agnus Dei’, das ‚Lamm Gottes’.

1748, zwei Jahre vor seinem Tod, nahm er diese Arie aus dem Himmelfahrtsoratorium und schuf daraus das grandiose Abschlussgebet seiner h-Moll Messe:
„Agnus Dei,
Qui tollis peccata mundi,
miserere nobis

Lamm Gottes,
Das du trägst die Sünden der Welt,
Erbarme dich unser!“

Erneut singt dies die ‚Tochter Zion’, der Alt, und diese Arie gehört zu den absolut überwältigsten Bach-Werken und Ikonen der Musikgeschichte.
‚Lamm Gottes’ – fähret auf zum Himmel – Ende eines Lebens – die Bitte um Erbarmen. Das macht Bachs musikalische und geistliche Dimension so erstaunlich und unvergleichlich – diese folgerichtige, innere Wahrheit seiner Kompositionen.

Das Himmelfahrtsoratorium kehrt zurück zur Erzählung des Evangelisten, des Tenor, der in einem schlichten Secco Rezitativ beschreibt:
„Und ward aufgehaben zusehends
und fuhr auf gen Himmel
eine Wolke nahm ihn weg vor ihren Augen,
und er sitzet zur rechten Hand Gottes.“

Ein prächtig instrumentierter Choral beschließt den ersten Teil des Oratoriums:
„Nun lieget alles unter dir,
Dich selbst nur ausgenommen;
Die Engel müssen für und für
Dir aufzuwarten kommen.
Die Fürsten stehn auch auf der Bahn
Und sind dir willig untertan;
Luft, Wasser, Feuer, Erden
Muss dir zu Dienste werden.
Wir haben am Beginn unserer Betrachtungen oben etwas Zahlenmystik betrieben und uns mit der Zahl ‚Vier’ beschäftigt. Auch in diesem Choral stellt Bach das eine Reich Christi – die Erde – durch die Vier-Zahl der Elemente vor.

Luft, Wasser, Feuer, Erden
Muss dir zu Dienste werden.“

Nach der Predigt – das Oratorium wurde durch eine Predigt unterbrochen - wie viele der zweitgeteilten Bach-Cantatas – kommt erneut der Evangelist zum Zuge und dramatisiert nun das Geschehen in einem Accompagnato mit ‚zwei Männern in weißen Kleidern’ dargestellt durch zwei Tenöre.

Evangelist
Und da sie ihm nachsahen gen Himmel fahren,
Siehe, da stunden bei ihnen
Zwei Männer in weißen Kleidern, welche auch sagten:

Zwei Männer
Ihr Männer von Galiläa, was stehet ihr
Und sehet gen Himmel
Dieser Jesus, welcher von euch ist aufgenommen
Gen Himmel, wird kommen,
Wie ihr ihn gesehen habt gen Himmel fahren

Die beiden Stimmen der Männer singen fugiert so dicht beieinander, das sie fast wie eine Stimme, die sich überschneidet, wirken. Es war eine beliebte musikalisch-dramatische Methodik seit der Renaissance bis ins Barock hinein überirdische Erscheinungen durch mehrere, möglichst gleichartige, Stimmen zu charakterisieren, nicht nur in der Kirchenmusik dieser Epoche. So lässt der britische Barock-Komponist Henry Purcell (1659-1695) seine Hexe, die ‚Witch of Endor’, in der Masque ‘In guilty night’ - Saul and the Witch of Endor’ -auch von zwei Stimmen singen – klingt wohl auch unheimlich.

Die ‚Tochter Zion’ im Alt unterstreicht nochmal ihre klagende Sehnsucht wieder von der Flöte unterstützt im sofort anschließenden Accompagnato-Rezitativ:
„Ach ja! so komme bald zurück:
Tilg einst mein trauriges Gebärden,
Sonst wird mir jeder Augenblick
Verhaßt und Jahren ähnlich werden.“

Etwas jedoch wird das Ganze Trauern konterkariert durch den Abschluss des Evangelisten-Berichts erneut im Tenor Rezitativ:
„Sie aber beteten ihn an,
Wandten um gen Jerusalem
Von dem Berge,
Der da heißet der Ölberg,
Welcher ist nahe bei Jerusalem
Und liegt einen Sabbater-Weg davon,
Und sie kehreten wieder
Gen Jerusalem mit großer Freude.“

Bach wendet in der folgenden Sopranarie einen weiteren kompositorischen Kunstgriff an, um das ‚Entschweben’ Christi und den ‚Awe’-Effekt der umstehenden Zeugen musikalisch sichtbar zu machen: Er lässt zwei Querflöten leicht wie Licht einen extrem hohen Sopran begleiten und darunter fehlt der übliche Bass-Unterbau.
Der Musikhistoriker und Bach Forscher Alfred Dürr schreibt in seinen Bemerkungen zu dieser Arie: „(...) Da alle an der Ausführung dieser Arie beteiligten Instrumente sowie die Singstimme der hohen oder mittleren Stimmlage zugehören, erweckt der Satz den Eindruck des Blicks nach oben. Alle Erdenschwere scheint aufgehoben. (...)“

Der Schlusschoral erinnert in seiner ganzen Prächtigkeit wieder an das Weihnachtsoratorium – Christus wird mit jubelnden Clarinen und Pauken zum Himmel geschickt, wie er einst mit jubelnden Chören begrüßt wurde.
Ein ungeheuer mitreißender Choral, der den Himmel weit offen macht, im Tanzrhythmus begleitet, in der Tat kehren sie und wir zurück, mit großer Freud:
„Wenn soll es doch geschehen,
Wenn kömmt die liebe Zeit,
Dass ich ihn werde sehen,
In seiner Herrlichkeit?
Du Tag, wenn wirst du sein,
Dass wir den Heiland grüßen,
Dass wir den Heiland küssen?
Komm, stelle dich doch ein!“

Ich möchte zu Beginn meiner CD Empfehlungen die Aufnahme des Himmelfahrtsoratoriums eines wahren Patriarchen deutscher Bach-Pflege Erneuerung der Kultur der Bach-Cantatas vorstellen, Helmuth Rilling, geboren 1933.
Der Stuttgarter Kirchenmusiker, Dirigent und Musikpädagoge. studierte zunächst an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst seiner Heimatstadt, dann ab 1955 Orgel in Rom. Rilling gründete im Januar 1954 die Gächinger Kantorei und 1965 das Bach-Collegium in Stuttgart. Seither ist das geistliche und weltliche Werk von Johann Sebastian Bach Rillings Arbeitsschwerpunkt. So spielte er zwischen 1970 und 1985 als erster Dirigent alle geistlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs auf Schallplatte ein. 2000 folgte dann die erste Gesamtaufnahme aller Werke von Johann Sebastian Bach unter Rillings künstlerischer Gesamtleitung auf 172 CDs in der international ausgezeichneten ‚Edition Bachakademie’. Rilling gründete ebenfalls bereits 1970 das Oregon Bach Festival und 1981 die Internationale Bachakademie Stuttgart, deren künstlerischer Leiter er bis zu seinem Rücktritt im Februar 2012 war. Eine seiner Spezialitäten sind die Gesprächskonzerte, in denen er Musikanalyse und Konzert verbindet.
Rilling hat sich Zeit seines Lebens geweigert sein Orchester mit ‚Originalen’ Musikinstrumenten auszustatten, wenngleich er viele der Ideen dieser Szene in seine Aufführungspraxis übernahm.
Über diese Auffassung Rillings heißt es in dem Begleitheft zu seiner Aufnahme des Oster -und des Himmelfahrtsoratorium, die dem Zyklus der ‚Bach Akademie’ entnommen ist und 1981 (Oster Oratorium) und 1984 (Himmelfahrtsoratorium) in der Gedächtniskirche in Stuttgart entstand:
(...) ‚Die Rekonstruktion isolierter Aspekte nützt jedoch wenig, wenn es darum geht dem modernen, in jeder Beziehung anders geprägten Hörer, den Sinn dieser Musik zu vermitteln. Das Ziel bleibt immer bestehen, auch wenn Elemente wie Emotionalität, Dynamik, Artikulation und Phrasierung, die den Affekt und den Sinn des vertonten Wortes erhellen, sich verändert haben.’ (...)
Rilling ist immer eine Klasse für sich – ich habe nach wie vor alle seine Cantatas und Oratorien im Plattenschrank – der schwäbische Bach-Experte hat wohl wie wenige das theologische und musikalische Denken des Thomaskantors verstanden und vermittelt es mit seinen Einspielungen.
Auch wenn der Klang seines Orchesters heute ungewöhnlich laut und sehr glänzend und präsent kling – eben wegen der modernen Instrumente – und er oft eher opernhafte Sänger Persönlichkeiten favorisiert – der Gesamteindruck der Aufnahmen ist intensiv und musikalisch bestechend in ihrer eigenen Art.

Die CD Johann Sebastian Bach Osteroratorium BWV 249 und Himmelfahrtsoratorium BWV 11 mit der Gächinger Cantorei und dem Bach Collegium Stuttgart sowie dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn, sowie den Gesangs-Solisten Arleen Auger (Oster Oratorium) und Constanza Cuccaro (Himmelfahrtsoratorium) (Sopran), Julia Hamari (Osteroratorium) und Mechtild Georg (Himmelfahrtsoratorium) (Alt), Adalbert Kraus (Tenor) sowie Philippe Huttenlocher (Oster Oratorium) und Andreas Schmidt (Himmelfahrtsoratorium) (Bass) unter der Leitung von Helmuth Rilling ist zu haben bei Hänssler Records ‚Edition Bach Akademie’ Nr. 77.

Zwei weitere Empfehlungen sollen für die Aufnahme des Himmelfahrtsoratoriums sowie einiger weiterer Kantaten folgen: Einmal die Einspielung von Philippe Herrweghe – eines hochgelobten wallonischen Bach-Interpreten den wir in eine unseren vorigen Folgen der ‚Welt der Bach-Cantatas’ bereits ausführlich vorstellten.
Herreweghe bevorzugt – natürlich – Instrumente im Originalklang und einen sehr feinen, handverlesenen Chor, den Collegium Vocale aus Gent sowie ein ausgesuchtes klein besetztes Orchester von 24 Solisten der Sonderklasse – hier nur erwähnt der Oboist Marcel Ponseele, der mittlerweile zu den besten seines Fachs zählt und in etlichen Orchestern mit Originalklang zuhause ist, sowie einige Bach-Cantatas mit eigenem Ensemble einspielte.
Dazu sucht Herreweghe ebenso hochkarätige Solisten aus wie die Sopranistin Barbara Schlick, die Altistin Catherine Patriasz, den ebenso hochgelobten Tenor und Evangelisten von Rang Christoph Pregardien und den Bassisten Peter Kooy.

Die CD Aufnahme des Himmelfahrtsoratoriums stammt von 1993 und bietet neben diesem Werk die Cantata die wir als nächste besprechen wollen – ebenfalls zum Himmelfahrtstage – ‚Gott fähret auf mit Jauchzen’ BWV 43 und die Cantata zum Sonntag ‚Exaudi’ zwischen Himmelfahrt und Pfingsten ‚Sie werden euch in den Bann tun’ BWV 44 die wir bereits vorstellten.

Die CD Johann Sebastian Bach ‚Himmelfahrts-Oratorium’ und den Cantatas ‚Gott faehret auf mit Jauchzen’ BWV 43 zum Himmelfahrtstage sowie ‚Sie werden euch in den Bann tun’ BWV 44 zum Sonntag ‚Exaudi’ mit dem Collegium Vocale und Instrumentalisten sowie den Solisten (siehe oben) unter der Leitung von Philippe Herreweghe gibt es bei Harmonia Mundi Records unter der Bestellnummer HMC 901479.

Außerdem sei hier noch an eine CD erinnert, die wir ebenso bereits in unserer Serie besprachen, des Flamen Sigiswald Kuijken, der mit seiner Petite Bande und vier Solisten das ‚Himmelfahrtsoratorium’ bestechend schön und begeisternd in Kleinstbesetzung mit einer Stimme pro Part aufgenommen hat.

Die CD Johann Sebastian Bach Cantatas Volume 10 ‚Himmelfahrtsoratorium’ mit den Cantatas ‚Es ist euch gut das ich hingehe’ BWV 108 und BWV 86 ‚Wahrlich, wahrlich ich sage euch’ zum Sonntag ‚Rogate’ sowie dem ‚Himmelfahrtsoratorium Lobet Gott in seinen Reichen’ BWV 11 und schließlich der Cantata zum Sonntag nach Himmelfahrt ‚Exaudi’ BWV 44 ‚Sie werden euch in den Bann tun’ mit Petite Bande und Gesangssolisten Siri Thornhill (Sopran), Petra Noskaiová (Alt), Christoph Genz (Tenor) und Jan Van der Crabben (Bass) unter der Leitung von Sigiswald Kuijken gibt es bei Accent Records unter der Bestellnummer ACC 25310.


Bach Cantata BWV 43 ‚Gott fähret auf mit Jauchzen’
Uraufführung 30. Mai 1726 in Leipzig, Text: unbekannter Dichter
Choral ,Du Lebensfürst Herr Jesu Christ’. Johann Rist 1641
Melodie: ’Ermuntre dich mein schwacher Geist’. Johan Schop 1641
Evangelisches Gesangbuch Nr. 33

Neun Jahre vor dem Himmelfahrtsoratorium hat Bach zur Auffahrt Christi eine wahre Rock’n’Roll-Veranstaltung komponiert die das Geschehen theatralisch prächtig und nachhaltig in Szene setzt – die Cantata ‚Gott fähret auf mit Jauchzen’ BWV 43 – und der Begriff ‚Jauchzen’ darf dabei gerne wörtlich verstanden werden.
Es gibt Cantatas, da bin ich mir nicht so ganz sicher, ob Bach nicht einfach bei der Komposition gründlich ausgeflippt ist. Dazu gehören die obige Himmelfahrts-Cantata, aber auch BWV 70 ‚Wachet, Betet, Betet, Wachet’ zum 26 Sonntag nach Trinitatis, die mal kurz mit lautem Krachen die Welt in Trümmer gehen lässt, oder die Pfingst-Cantata die uns später noch beschäftigen wird ‚O ewiges Feuer, o Ursprung der Liebe’ BWV 34, in der uns der Heilige Geist so entzündet, das wir uns tanzend in der Wohnung wiederfinden oder auch – mein augenblicklicher Favorit – ‚Ihr Tore zu Zion’ BWV 193 zur Leipziger Ratswahl 1727 in der die Himmelstore aufspringen.
So – mal erst zum ‚Jauchzen’.
Christus fährt auf zum Himmel – ‚Ja tausend mal tausend begleiten den Wagen’. Psalm 47 Vers 6 ff: „Gott fährt auf mit Jauchzen und der HERR mit heller Posaune.
Lobsinget, lobsinget Gott; lobsinget, lobsinget unserm König!
Denn Gott ist König auf dem ganzen Erdboden.“

Die Cantata ‚Gott fähret auf mit Jauchzen’ besteht wie schon das Himmelfahrts-Oratorium aus zwei Teilen, die vor und nach der Predigt musiziert wurden. Sie beginnt mit einem eigenartigen, mitreißenden Chor. Zunächst eine, fast brave, ruhige Adagio Einleitung, die dann schlagartig in einen von drei Clarin-Trompeten und Pauken eingeleiteten fugierten ‚(Er-) Schreckensschor’ einmündet ‚Gott fähret auf mit Jauchzen’ – man wird Zeuge der Auffahrt in den Himmel:
„Gott fähret auf mit Jauchzen
Und der Herr mit heller Posaunen.
Lobsinget, lobsinget Gott, lobsinget,
Lobsinget unserm Könige.“

Das folgende Tenor Rezitativ zitiert zum ersten Mal in dieser Cantata Querverweise auf alttestamentarische Psalter. Psalm 68 Vers 18 ff: „Der Wagen Gottes sind vieltausendmal tausend
Der HERR ist unter ihnen am heiligen Sinai.
Du bist in die Höhe gefahren
und hast das Gefängnis gefangen.“

Das wird im Rezitativ wie folgt umgearbeitet:
„Es will der Höchste sich ein Siegsgepräng bereiten,
Da die Gefängnisse er selbst gefangen führt.
Wer jauchzt ihm zu?
Wer ists, der die Posaunen rührt?
Wer gehet ihm zur Seiten?
Ist es nicht Gottes Heer,
Das seines Namens Ehr’,
Heil, Preis, Reich,
Kraft und Macht mit lauter Stimme singet
Und ihm nun ewiglich ein Halleluja bringet.“

Die folgende Tenorarie, die von den Violinen einstimmig begleitet wird führt die Querverweise auf alttestamentarische Bezüge zum Himmelfahrts-Geschehen fort – diesmal aus dem Buch Daniel. Der vollständige Text der Arie wird dreimal unterschiedlich vorgetragen – immer wieder betont wie ‚tausend mal tausend’ den Wagen begleiten.

Hier enthalten wir einen Hinweis auf das oben angeführte Zitat, aus dem 2. Buch der Könige über die Himmelfahrt des Elias:
„Und da sie miteinander gingen und redeten, siehe,
Da kam ein feuriger Wagen mit feurigen Rossen,
Die schieden die beiden voneinander
Und Elias fuhr also im Wetter gen Himmel“

In der Arie wird das dann so verarbeitet:
„Ja tausend mal tausend begleiten den Wagen,
Dem König der Kön'ge lobsingend zu sagen,
Dass Erde und Himmel sich unter ihm schmiegt
Und was er bezwungen, nun gänzlich erliegt.“

Das Ziel dieser Querverweise ist den ‚König der Kön'ge’ in die alten biblischen Prophezeiungen und Visionen einzubinden und Christus als ihre Erfüllung darzustellen.
Noch etwas Erstaunliches im folgenden Rezitativ des Sopran mit einer betrachtenden Erzählung die eigentlich normalerweise dem ‚Evangelisten’ – bei Bach vom Tenor repräsentiert – zugeschrieben wird. Erneut in ihr ein versteckter Hinweis auf eine Bibelstelle in der Apostelgeschichte. Apostelgeschichte des Stephanus 7 Vers 55 ff: „Wie er aber voll heiligen Geistes war
Sah er auf gen Himmel und sah
Die Herrlichkeit Gottes und Jesum stehen zur Rechten Gottes
Und sprach: Siehe, ich sehe den Himmel offen
Und des Menschen Sohn zur Rechten Gottes stehen.“

Im Text des Rezitativs dann wird das weiterverarbeitet:
„Und der Herr, nachdem er mit ihnen geredet hatte,
Ward er aufgehoben gen Himmel
Und sitzet zur rechten Hand Gottes“
Ebenso schließt diese Seele (Sopran) von Oboen verdoppelte Streicher begleitet den ersten Teil der Cantata. Besonders schön darin ausgeführt der Satz ‚Er schließt der Erde Lauf’ verdeutlicht durch ein aufwärts geführte Koloratur, der eine Gegenbewegung auf eine Wiederholung des Textes folgt:
„Mein Jesus hat nunmehr
Das Heilandwerk vollendet
Und nimmt die Wiederkehr
Zu dem, der ihn gesendet.
Er schließt der Erde Lauf,
Ihr Himmel, öffnet euch
Und nehmt ihn wieder auf!“
Der zweite Teil beginnt mit einem gewaltigen Bass Rezitativ im Accompagnato das Christi Heldentum darstellt – besonders ausgearbeitet die Stellen ‚Zerstreut der Feinde Hauf’ – wo musikalisch wirklich zerstreut wird und das ‚holt den Sieger auf’ – die Koloratur läuft dem Sieger nach:
„Es kommt der Helden Held,
Des Satans Fürst und Schrecken,
Der selbst den Tod gefällt,
Getilgt der Sünden Flecken,
Zerstreut der Feinde Hauf.
Ihr Kräfte, eilt herbei
Und holt den Sieger auf.“

Die folgende Bass Arie von einer einzelnen hellen Clarin-Trompete begleitet und Basso Continuo und dadurch einen glanzvollen einen fast kriegerischen Eindruck macht bezieht sich wiederum auf eine alttestamentarische Prophezeiung. Evangelium des Jesaja 63 Vers 3 ff: „Warum ist dein Gewand so rotfarben und dein Kleid wie eines Keltertreters?
Ich trete die Kelter allein und ist niemand unter den Völkern mit mir.
Ich habe sie gekeltert in meinem Zorn und zertreten in meinem Grimm.
Daher ist ihr Blut auf meine Kleider gespritzt, und ich habe all mein Gewand besudelt.

Er ist’s, der ganz allein
Die Kelter hat getreten
Voll Schmerzen, Qual und Pein,
Verlorene zu erretten
Durch einen teuren Kauf.
Ihr Thronen, mühet euch
Und setzt ihm Kränze auf!“

Den Wein in der Kelter zu treten – der rote Wein ist das Symbol für Christi Blut. Dies allein in der Einsamkeit der Passion - ‚Verlorene zu erretten, durch einen teuren Kauf’ und dann der Hinweis auf die Siegerkränze, natürlich auch an die Dornenkrone erinnernd. Man sieht an diesem einen Beispiel wie vielschichtig die Symbolik in Bachs Cantatas angelegt ist und wie sie mit feinsten musikalischen Mitteln ausgemalt und dem damals wohl sehr bibelfesten Hörer erklärt wird.

Der Alt, die ‚Tochter Zion’ betrachtet die Auffahrt in einem vom schlichten Continuo begleiteten Rezitativ:
„Der Vater hat ihm ja
Ein ewig Reich bestimmet:
Nun ist die Stunde nah,
Da er die Krone nimmet
Vor tausend Ungemach.
Ich stehe hier am Weg
Und schau ihm freudig nach.“
Die folgende Alt Arie mit obligater Oboe schließt die Szene in das Herz ein. Der Schluss des Rezitativs wird variiert. Heißt es dort ‚Ich stehe hier am Weg und schau ihm freudig nach’ so endet die Arie ‚Ich stehe hier am Weg und schau ihm sehnlich nach’ – ‚sehnlich’ koloriert und wirklich sehnlich ausgemalt – sich sehnend nach dem Tröster, dem ‚Heiligen Geist’ am kommenden Pfingsten:
„Ich sehe schon im Geist,
Wie er zu Gottes Rechten
Auf seine Feinde schmeißt,
Zu helfen seinen Knechten
Aus Jammer, Not und Schmach.
Ich stehe hier am Weg
Und schau ihm sehnlich nach.Ҥ

Der Sopran in seinem finalen Rezitativ das erneut vom Continuo begleitet wird variiert das ‚am Weg stehen’ erneut und diesmal heißt es – zum Choral überleitend ‚Ich stehe hier am Weg und schau ihm dankbar nach’:
„Er will mir neben sich
Die Wohnung zubereiten,
Damit ich ewiglich
Ihm stehe an der Seiten,
Befreit von Weh und Ach!
Ich stehe hier am Weg
Und ruf ihm dankbar nach.“

Die Cantata beschließt dann folgerichtig auch ein schlichter, vierstimmiger Dank-Choral in zwei Strophen auf die Melodie von ‚Ermuntre dich, mein schwacher Geist’ von Johan Schop 1641 komponiert.
Dieser Satz findet sich auch im ‚Neu Leipziger Gesangbuch’ von 1682 und soll – nach der neueren Bachforschung - angeblich bereits von dem Gubener Kantor Christoph Peter (1626-1689) stammen und von Bach original übernommen worden sein:
„Du Lebensfürst, Herr Jesu Christ,
Der du bist aufgenommen
Gen Himmel, da dein Vater ist
Und die Gemein’ der Frommen,
Wie soll ich deinen großen Sieg,
Den du durch einen schweren Krieg
Erworben hast, recht preisen
Und dir g'nug Ehr erweisen?

Zieh uns dir nach, so laufen wir,
Gib uns des Glaubens Flügel!
Hilf, dass wir fliehen weit von hier
Auf Israelis Hügel!
Mein Gott! Wenn fahr ich doch dahin,
Woselbst ich ewig fröhlich bin?
Wenn werd ich vor dir stehen,
Dein Angesicht zu sehen?“

Es ist ein mitreißender Choral als Tanz ausgeführt, der durch seine ungewöhnliche Rhythmik und melodische Intensität ein würdiger Abschluss dieses Bach-Werkes zum Himmelfahrtstage darstellt. Meine persönliche Lieblingszeile darin: „Zieh uns dir nach, so laufen wir, gib uns des Glaubens Flügel!“


Bach Cantata BWV 128 ‚Auf Christi Himmelfahrt allein’
Uraufführung 10. Mai 1725 in Leipzig, Text: Christiana Mariana von Ziegler
Choral ,Auf Christi Himmelfahrt alleinr’. Ernst Sonnemann 1661 nach
Josua Wegelin 1636
Melodie: ’Es ist gewisslich an der Zeit’. Martin Luther 1529
Evangelisches Gesangbuch Nr. 122

Choral ,Allein Gott in der Hoeh sei Ehr’, Nicolaus Decius 1523 nach
einem ‚Gloria in Exclesis Deo’ aus dem 4. Jahrhundert
Evangelisches Gesangbuch Nr. 179

Bachs nächste Himmelfahrts-Cantata, die wir uns jetzt genauer besehen wollen, dauert wieder nur knapp 17 Minuten. Aber wie bereits schon einmal erwähnt – was Bach aus 17 Minuten machen kann. Sie beginnt mit einem strahlenden Chor mit zwei Hörnern besetzt, die Pracht vom Himmelfahrt charakterisierend. Es ist ein Chor dem der Choral zugrunde liegt, der dieser Cantata den Titel gab ‚Auf Christi Himmelfahrt allein’ komponiert von
Ernst Sonnemann 1661.
Im ‚Cantus firmus’ – das heißt im ‚ Grundgesang der Basis’ - versteckt Bach einen weiteren Choral ‚Allein Gott in der Höh sei Ehr’ 1523 von Nicolaus Decius geschrieben.
Man sieht also schon an dieser kunstvollen Kombination die Botschaft – ‚Christi Himmelfahrt’ gibt ‚Gott in der Höh die Ehr’.
Nun ist das aber nicht genug. Ich habe mich immer schon gewundert, warum ich diese an sich so kurze ‚harmlose’ Cantata nicht aus dem Kopf bekomme, wenn ich sie mal wieder gehört habe – namentlich der Einleitungschor ist ein echter ‚Ohrwurm’, der einen gut mal den Tag lang verfolgen kann.
Bach benutzt hier einen Kompositionstrick, der uns an die Kinderzeit erinnert und bei unserer ‚musikalischen Genen’ packt, ein zentrales Motiv dieses Chors sind ‚pentatonisch’ angelegt und wird wie ein musikalisches Ausrufungszeichen wiederholt.
Zunächst bewegt er sich im Dreiklang absteigend ‚Auf-Christi-‚ und danach wieder zum Ausgangspunkt – nach oben ‚in den Himmel’ - zurück und fünf mal dort verharrend ‚Him-mel-fahrt-al-lein’.
Das wird man eine Zeitlang nicht mehr los. Und man läuft einen Sonntag lang durch die Gegend mit ‚Auf Chris-ti-Him-mel-fahrt-al-lein’ im Kopf.
Was ist das aber mit der ‚Pentatonik’ die Bach da anwendet?
Als ‚Pentatonik’ aus dem Griechischen ‚Penta’ für die Zahl ‚Fünf’ also ‚Fünftonmusik’. Damit bezeichnet man aus fünf verschiedenen Grundtönen bestehende einfache Tonleitern und Tonsysteme. Pentatonik ist das älteste nachgewiesene Tonsystem, das man etwa aus Funden von bis zu 4000 Jahren alten Knochenflöten mit drei bis vier Grifflöchern erschließt. Sie kennzeichnet auch seit etwa 3000 vor Christi Geburt die Musik vieler Völker Asiens, Afrikas, Amerikas und des frühen Europas.
Die Anthropologie hat auch herausgefunden, das jeder Mensch – ob er späterhin musikalisch ist oder nicht – mit der Kenntnis dieser Fünftonleiter auf die Welt kommt – ein musikalisches Himmelsgeschenk also. Viele Kinderlieder und gesungene Abzählreime sind daher ‚pentatonisch’.
Also ein super intensiver Trick vom Thomas Kantor, der damals schon wie ein echter ‚Popmusiker’ dachte und versuchte die Hörer mit seiner Kompositionstechnik so zu fesseln, das sie diesen ‚Hit’ und die damit verbundene Botschaft erst mal nicht mehr loswurden.
Ach noch eins – schön barock ist auch die Idee in diesem Choral das Christi ‚Haupt im Himmel ist’ und nun ‚Wird seine Glieder Jesus Christ zu rechter Zeit nachholen’ – also uns alle – Arme, Beine, Füße, Hände:
„Auf Christi Himmelfahrt allein
Ich meine Nachfahrt gründe
Und allen Zweifel, Angst und Pein
Hiermit stets überwinde.
Denn weil das Haupt im Himmel ist,
Wird seine Glieder Jesus Christ
Zu rechter Zeit nachholen.“

Der Text zu den weiteren Nummern stammt von einer damals in Leipzig führenden Dichterin, die viele von Bachs Cantatas textete und die wir schon in einer vorigen Folge vorstellten, Christiana Mariana von Ziegler. Der Tenor ist bereit Christus – dem Haupt – als Glied in den Himmel zu folgen und in ‚Salems Zelt’ verkläret zu sein. Salem? Salem ist ein alter hebräischer Ortsname, der an einigen Stellen im Alten Testament der Bibel so in Psalm 76 Vers 3 erscheint, als Gottes Wohnung:
„Gott ist in Juda bekannt.
In Israel ist sein Name herrlich.
Zu Salem ist sein Gezelt,
Und seine Wohnung zu Zion.“

Im Rezitativ ist das dann wie folgt verarbeitet:
„Ich bin bereit, komm, hole mich!
Hier in der Welt
Ist Jammer, Angst und Pein;
Hingegen dort, in Salems Zelt,
Werd ich verkläret sein.
Da seh ich Gott von Angesicht zu Angesicht,
Wie mir sein heilig Wort verspricht.“

Danach geht das Popkonzert zu Himmelfahrt weiter mit einer Bass Arie mit rezitativischem Finale, die beginnt wie eine Trompeten Fanfare und die auch von einer Clarin-Trompete begleitet wird – das Königtum Christi unterstreichend. Wieder ein solcher ‚Ohrwurm’ – ‚Ta ta ta ta tatata’ – wie ein Trompete mit obligater Trompete – ‚Auf, auf mit hellem Schall ...’ – in der Tat!
Auf, auf, mit hellem Schall
Verkündigt überall:
Mein Jesus sitzt zur Rechten
Der fröhliche Trompeten-Song beginnt ab diesem Teil plötzlich zu stoppen, der Ductus wird nachdenklich und wechselt hin zu einem Rezitativ Accompagnato:
„Wer sucht mich anzufechten?
Ist er von mir genommen,
Ich werd einst dahin kommen.“

Ab diesem Punkt unten wird die Arie zum reinen Rezitativ und zur Betrachtung der Möglichkeit ganz bei Gott zu sein und sich bei dem Aufgefahrenen sogar eine ‚Hütte zu bauen’ (siehe oben das ’Zelt’ in Salem) die gleiche Idee auch hier.
„Wo mein Erlöser lebt.
Mein Augen werden ihn in größter Klarheit schauen.
O könnt ich im voraus mir eine Hütte bauen!“ Das Ganze bezieht sich auf eine Stelle im Evangelium des Matthäus Kapitel 17 ff.Natürlich geht das nicht, weiß auch das Rezitativ, denn ‚Er wohnet nicht auf Berg und Tal’, aber die Parallele zwischen dieser ‚Verklärung Christi’ und der sehr ähnlichen ‚Verklärung an Himmelfahrt’ ist etabliert:
„Wohin? Vergebner Wunsch!
Er wohnet nicht auf Berg und Tal,
Sein Allmacht zeigt sich überall;
So schweig, verwegner Mund,
Und suche nicht dieselbe zu ergründen!“
Und der Bass schweigt ab hier. ‚So schweig, verwegner Mund’ und nur das Trompetenvorspiel zur Arie vom Anfang wird wiederholt. Das folgende Duett zwischen Alt und Tenor schließt sich der Idee der Bass Arie an und führt weiter aus wie unfassbar es ist ‚Sein Allmacht zu ergründen’.
Genial die Vision im zweiten Teil dieses von obligater, fast einsamer Oboe begleitetem Duett, wenn das Schweigen eintritt und man durch die Sterne den aufgefahrenen Christus im Himmel ahnt – musikalisch ungeheuer fein ausgemalt, das man die Sphären fast singen hört – und dichterisch von erster Güte. So beeindruckend, das der Komponist Max Reger (1873-1916) das Ritornell dieses Satzes als Thema seiner Bach-Variationen op. 81. benutzte: “Sein Allmacht zu ergründen,
Wird sich kein Mensch finden,
Mein Mund verstummt und schweigt.
Ich sehe durch die Sterne,
Dass er sich schon von ferne
Zur Rechten Gottes zeigt.“
Bleibt der Schlusschoral, wieder von strahlenden Hörnern umglänzt, der dieser Cantata, die in ihrer ganzen Eindringlichkeit ein echtes Juwel der geistlichen Werke Bachs darstellt, beendet.
In Wirklichkeit ‚Mich bringen zu der Lust, wo deine Herrlichkeit ich werde schauen an in alle Ewigkeit’ – man ist in dieser Cantata sehr nahe dran am Himmel:
„Als denn so wirst du mich
Zu deiner Rechten stellen
Und mir als deinem Kind
Ein gnädig Urteil fällen,
Mich bringen zu der Lust,
Wo deine Herrlichkeit
Ich werde schauen an
In alle Ewigkeit.“
Ich mochte gerne die Aufnahme dieser Cantata und auch der letzten zum Himmelfahrstage, die wir im Weiteren betrachten wollen ‚Wer da gläubet und getauft wird’ BWV 37 mit dem Bach Collegium Japan unter Leitung von Masaaki Suzuki empfehlen. Zwei großartige CD Einspielungen, die in ihrer Musikalität wirklich bestechend sind.

Die CD Johann Sebastian Bach ‚Cantatas’ Volume 35 mit dem Bach Collegium Japan, sowie den Solisten Yukari Nonoshita (Sopran), Robin Blaze (Altus), Makoto Sakurata (Tenor) sowie Peter Kooij (Bass) unter der Leitung von Massaki Suzuki.
Die CD enthält unter anderem unsere besprochene Cantata zu Himmelfahrt BWV 128 ‚Auf Christi Himmelfahrt allein’. Ebenfalls BWV 176 ‚Es ist ein trotzig und verzagt Ding’ zu Trinitatis, die Cantata BWV 87 ‚Bisher hat ihr nichts gebeten in meinem Namen’ zum Sonntag ‚Rogate’ und BWV 74 ‚Wer mich liebet der wird mein Wort halten’ zum Pfingstsonntag, die wir später noch besprechen werden. Die CD ist zu erhalten bei BIS Records unter der Bestellnummer BIS SACD 1571.

Eine weitere CD Johann Sebastian Bach ‚Cantatas’ Volume 19 mit dem Bach Collegium Japan, sowie den Solisten Yukari Nonoshita (Sopran), Robin Blaze (Altus), Makoto Sakurata(Tenor) sowie Stephen MacvLeod (Bass) unter der Leitung von Massaki Suzuki.
Darauf versammelt unter anderem unsere in einer vorhergehenden Folge von ‚Welt der Bach Cantatas’ besprochene Cantata zum Sonntag ‚Misercordias Domini’ BWV 104 ‚Du Hirte Israel, höre!’.
Dazu außerdem BWV 86 ‚Wahrlich, wahrlich ich sage euch’ zum Sonntag ‚Rogate’, die Cantata BWV 37 ‚Wer da gläubet und getauft wird’ zum Himmelfahrtage, die wir gleich im Anschluss betrachten wollen, und schließlich BWV 166 ‚ ‚Wo gehest Du hin?’ zum Sonntag ‚Cantate’.
Die CD ist zu erwerben bei BIS Records unter der Bestellnummer BIS CD 1261.


Bach Cantata BWV 37 ‚Wer da gläubet und getauft wird’
Uraufführung 18. Mai 1724 in Leipzig, Text: unbekannter Dichter
Choral: ,Wie schön leuchtet der Morgenstern’. Philipp Nicolai 1599
Evangelisches Gesangbuch Nr. 70
Choral: ,Ich dank Dir lieber Herre’. Johann Kolrose 1535

Die letzte der Bach-Cantatas zu Himmelfahrt ‚Wer da gläubet und getauft wird’ BWV 37 ist gleichzeitig auch die älteste – sie wurde bereits 1724 aufgefährt. Sie ist im Gegensatz zu den eher an ein Popkonzert erinnernden Auffahrts-Darstellungen der späteren Cantatas im ‚Himmelfahrtsoratorium’ BWV 11 von 1735, in BWV 43 ‚Gott fähret auf mit Jauchzen’ von 1726 oder in BWV 128 ‚Auf Christi Himmelfahrt allen’ von 1725 eher eine Art innerliche Reflektion und Predigt über den Sinn und die Konsequenz der Himmelfahrt für den einzelnen Gläubigen. Das beginnt schon mit dem Einleitungschor – die Oboe ruft – wie ein erhobener Zeigefinger – im Oktavsprung zur Aufmerksamkeit in der Sinfonia bevor der Chor ebenfalls mit aufwärts bewegter Melodielinie einsetzt – der Bass gibt die Losung aus, die anderen setzen fugiert ein. Der Inhalt ist die Ankündigung Christi (siehe oben). Immer wieder wird die Botschaft von Glaube und Taufe in allen Stimmen wiederholt:
“Wer da gläubet und getauft wird,
der wird selig werden.“

Der Tenor setzt die relativ kurze Cantata, nur etwa 16 Minuten Aufführungsdauer, mit einer sehr melodischen von einer feinen arabesken obligaten Solovioline verzierten Arie fort und bringt das Thema der ‚Liebe’ ein die im Pfingstgeschehen eine führende Rolle spielen soll – der Glaube als ‚Pfand der Liebe’:
„Der Glaube ist das Pfand der Liebe,
Die Jesus für die Seinen hegt.
Drum hat er bloß aus Liebestriebe,
Da er ins Lebensbuch mich schriebe,
Mir dieses Kleinod beigelegt.“

Da die Cantata trotz der Kürze zweiteilig angelegt ist – vor und nach der Predigt – endet der erste Teil mit einem außergewöhnlichen, dicht geführten Choral-Duett von Sopran und Alt aus dem Kirchenlied ‚Wie schön leuchtet der Morgenstern’ das hier – ehrlich gesagt - zunächst gar nichts zu suchen hat, denn es gehört zum Fest ‚Maria Verkündigung’ – am 25. März – was hat das also bei Himmelfahrt verloren?
‚Eia Eia’ kennen wir als freudigen Ruf zu Weihnachten. ‚Himmlisch Manna’, heißt es weiter – passt vielleicht doch? Speisen wir etwa das ‚Himmelsbrot Manna’ in Form der Liebe, die Christus auf die Welt gebracht hat? Eigentlich eine schöne Idee und Parallele. Mit darin verarbeitet ist auch die ‚Hochzeit zwischen Seele und Christus’, die sich auch im Advent wiederfindet – in der allegorischen Parabel der Jungfrauen, die sehnlich auf den Bräutigam warten – mit den Lampen nach dem ‚Geist’ suchend:
„Herr Gott Vater, mein starker Held!
Du hast mich ewig vor der Welt
In deinem Sohn geliebet.
Dein Sohn hat mich ihm selbst vertraut,
Er ist mein Schatz, ich bin sein Braut,
Sehr hoch in ihm erfreuet.
Eia! Eia!
Himmlisch Leben wird er geben mir dort oben.
Ewig soll mein Herz ihn loben.“

Das Bass Rezitativ-Accompagnato holt die Cantata zurück zu Himmelfahrt und belehrt die Christen wie sie ‚das Antlitz Gottes’ anschauen können – nämlich nur der Glaube macht allein ‚dass wir vor Gott gerecht und selig sein’:
„Ihr Sterblichen, verlanget ihr,
Mit mir das Antlitz Gottes anzuschauen?
So dürft ihr nicht auf gute Werke bauen.
Denn ob sich wohl ein Christ
Muss in den guten Werken üben,
Weil es der ernste Wille Gottes ist,
So macht der Glaube doch allein,
Dass wir vor Gott gerecht und selig sein.
Die folgende Bass Arie gibt die Synthese aus Glaube und Taufe mit einer jubelnden Oboe begleitet – ohne Zeigefinger - und wieder sehr swingend, besonders wenn sich darin die ‚Seele mit Flügeln in den Himmel schwingt’ ...
Der Glaube schafft der Seele Flügel,
Dass sie sich in den Himmel schwingt,
Die Taufe ist das Gnadensiegel,
Das uns den Segen Gottes bringt.
Und daher heißt ein sel’ger Christ,

Diese Bach Cantata wurde bei ihrer Wiederentdeckung im 19. Jahrhundert bereits hoch geschätzt und setzt wundervoll einen Schlusspunkt unter die ‚Himmelfahrt’ mit dem Ausblick auf ‚Pfingsten’ – das begeisternde Fest des ‚Heiligen Geistes’.

Ihr Herby Neubacher


Abbildungsnachweis:
Header: Detail aus Giotto di Bondone; um 1266-1337; und Werkstatt. "Christi Himmelfahrt", um 1303/05. Fresko, ca. 185x200 cm. Aus dem Zyklus mit Szenen aus dem Leben Mariä und Christi. Padua, Arenakapelle (Cappella degli Scrovegni), linke Wand, untere Reihe.
Galerie:
01. Rembrandt, Harmensz van Rijn; 1606-1669. "Die Himmelfahrt Christi", 1636. Aus dem Passionszyklus für den Statthalter Frederik Hendrik von Oranien. Öl auf Leinwand, 92,7x68,3 cm.
02. CD-Cover Johann Sebastian Bach Osteroratorium BWV 249 und Himmelfahrtsoratorium BWV 11
03. CD-Cover
04.Detail aus dem Apostelcredo der Frauenkirche zu Memmingen, mittelalterliche bildliche Zuordnung der zwölf Apostel zu Artikeln des Glaubensbekenntnisses, Fresko des Jüngers Thomas. Foto: Thomas Mirtsch
05. CD-Cover Johann Sebastian Bach ‚Cantatas’ Volume 19 mit dem Bach Collegium Japan
06. Giovanni Bellini: "Die Verklärung Christi", 1480-1485, Öl auf Holz, 115x152 cm. Museum: Galleria Nazionale di Capodimonte, Neapel.
 

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