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Meinung

Wagners Wirkung – Psychologie des Scheiterns

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Mittwoch, den 27. November 2013 um 11:16 Uhr
Wagners Wirkung – Psychologie des Scheiterns 4.5 out of 5 based on 164 votes.
Wagners Wirkung – Psychologie des Scheiterns

Wanderer
Du bist – nicht, was du dich wähnst!

Urmütter-Weisheit geht zu Ende:
Dein Wissen verweht vor meinem Willen.
Weißt du, was Wotan will?
(Langes Schweigen)
Dir Unweisen ruf' ich ins Ohr,
Daß sorglos ewig du nun schläfst!
Um der Götter Ende grämt mich die Angst nicht,
Seit mein Wunsch es will!
(...)
Drum schlafe nun du, schließe dein Auge;
Träumend erschau' mein Ende!
Was jene auch wirken,
Dem ewig Jungen weicht in Wonne der Gott.
Hinab denn, Erda! Urmütterfurcht!
Ursorge!
Hinab! Hinab, zu ewigem Schlaf!
Aus “Siegfried” 3.Akt

Was ist nun Wagners Wirkung? Warum gelingt es dieser Musik fast zwei Jahrhunderte nach ihrem Entstehen immer noch eine solche Brisanz zu entwickeln? Klassik – besonders Oper - wird doch allzu oft als gesellschaftlich tragend, etabliert und den Betuchten und Gesettelten zugehörig gesehen.
Schön zu hören, nicht? Weihevoll. Wagner ist da immer noch die wilde Ausnahme. Er wühlt auf.
Warum kommt ein Francis Ford Coppola auf die Idee einen Huey-Angriff aus dem Amerikanischen Krieg in Vietnam mit dem Walküren-Ritt zu unterlegen? Moderne Schlachtrösser, die totale Vernichtung auf ihrem Rücken tragen – tote ‚Helden’ sammelnd von der ‚Walstatt’. ‚This is the end my friend“ singen die Doors am Beginn des Films ‚Apocalypse now’ und das ist auch was Wotan will: ‚Das Ende – und für das Ende sorgt Alberich!“ der die Liebe verfluchte, der die Gier und den Besitz über das Leben stellte.
Ich stelle mir manchmal als absurde Vorstellung Adolf Hitler vor Augen der die ‚Götterdämmerung’ über alles liebte – obwohl sie glasklar sein Ende zeigt.
Sie brennt ihn und sein faschistisches System gnadenlos nieder und der ‚Führer’ jubelt dazu... Hat das etwas mit unserem inneren Wunsch zu tun zu verlieren – wie die Spieler? Im Verlust endlich erlöst zu werden?
Wagner erzählt nur Geschichten von ‚Loosern’. Der ‚Holländer’ verliert Senta, auch wenn sie mit ihm vergeht. ‚Tannhäuser’ verliert die inspirative Welt der Venus und die Bürgerlichkeit, auch wenn man ihn halbherzig am Ende im Tode ‚segnet’.
‚Lohengrin’ wird nicht bedingungslos geliebt, ohne hinterfragt zu werden – er muss gehen. Selbst Hans Sachs in den ‚Meistersingern’ verzichtet auf Eva, er will nichts von ‚Herrn Markes Glück’. Der Ritter-Künstler Stolzing wird ‚ein-gemeistert’, um eines langweiligen Goldschmieds Töchterlein willen.
‚Parsifal’ erlöst Amfortas nur in den Tod und hält den Speer und den Gral – für wen eigentlich?
Dieses grausame Liebespaar ‚Tristan und Isolde’, die sich nicht lieben können, weil sie von Anbeginn an nur den Tod suchen. Diese Kälte die von ihnen ausgeht, die Heiner Müller in seiner Inszenierung dadurch richtig darstellte, als er den beiden Akteuren jede Berührung auf der Bühne verbot.
Nur die Verletzungen sich gegenseitig zeigend und alle Menschlichkeit egoistisch zu Asche zu machen – selbst König Markes großzügiges Opfer zu verzichten. Alles tot. Wie kann man damit (weiter)-leben? Und dennoch ist Isoldes ‚Verklärung’ ‚ als ‚Liebestod’ missverstanden, am Ende dieser Oper das versöhnlichste Stück Musik, das ich kenne. Der traurige Trost über eine kalte Welt, die liebende Nähe nicht zulässt. Der ‚Lastwagen in den Himmel’ hat Thomas Mann das genannt – ein passender Vergleich.
Und dann der ‚Ring’ – alle in ihm verlieren. Siegmund und Sieglindes Traum zerbricht, Wotans Wunschheld, Siegfried, ist nichts als ein dummer Junge, der beim ersten ernsthaften Test als Mann völlig versagt – ein Kunstprodukt ohne Seele – und ohne Furcht.
Brünnhilde versteht am Ende, es ist an ihr , der Welt eine neue Chance zu geben:
‚O ihr, der Eide ewige Hüter! Lenkt euren Blick auf mein blühendes Leid,
Erschaut eure ewige Schuld! Meine Klage hör, du hehrster Gott!
Durch seine tapferste Tat, dir so tauglich erwünscht, weihtest du den, der sie gewirkt,
Dem Fluche, dem du verfielest: mich mußte der Reinste verraten, daß wissend würde ein Weib!
Weiß ich nun, was dir frommt? Alles, alles, alles weiß ich, alles ward mir nun frei!.’

Freiheit – vielleicht ist es das, die nur durch den Verlust zu erreichen ist.
Den ewigen Wechsel – das Ende das immer wieder zum Anfang wird.
Wagners unendliche Melodie des Lebens. Diese Psychologie des Scheiterns, dieses hautnahe Drama des Lebens hat Wagner in unerklärliche, immer wieder erschreckende und hinreißende Musik gebannt.
Was wäre geschehen, wenn die Rheintöchter Alberich geküsst hätten?
Wäre er schlagartig weise geworden und hätte auf Gold und Macht gepfiffen?
Ich glaube kaum.

Wagners Wirkung – sie liegt in uns selbst! Diese Musik berührt unsere innersten Seiten, unsere Wirklichkeiten. Deshalb wird sie auch in weiteren 200 Jahren so aktuell sein wie heute. Ich denke immer an den Schluss der beiden berühmtesten Bayreuther Ring-Inszenierungen, einmal von Patrice Chéreau und dann von Harry Kupfer. Bei Chéreau kommen, als Walhalla brennt, Menschen aller Altersstufen mit Taschenlampen auf die Bühne und suchen die ewige Wahrheit. Sei stehen am Schluss, bis der Vorhang fällt und sehen das Publikum – uns alle an – fragend. Harry Kupfer zeigt am Ende zwei Kinder die sich umklammern. Sie sehen sich um und sie sehen sich an – sie sehen die Welt, die man zerstört hat, und die sie nun neu begreifen und neu formen müssen.

Welttheater, wie es intensiver und berührender nicht sein kann: Wagners großes Welttheater.

Ihr Herby Neubacher


Herby Neubacher stammt aus Wuppertal und wurde in Salzburg zum Musikliebhaber: Mit sieben Jahren hat er als Sopranist im Salzburger Dom Bach-Kantaten aufgeführt. Nach einem Kunststudium arbeitere er 20 Jahre in der Musikindustrie. Heute ist er als Journalist und PR-Experte tätig. Seit 2012 schreibt er regelmäßig für Kultur-Port.De über Alte Musik, Barock bis zur Romantik. Er lebt und arbeitet in Vietnam.

Abb.: Richard Wagner Festspielhaus am Grünen Hügel in Bayreuth. Foto: Rico Neitzel (This photo is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 2.5 Generic license.)
Hinweis: Die Inhalte geben die Meinung der jeweiligen Autoren wieder. Diese muss nicht im Einklang mit der Meinung der Redaktion stehen.

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