Neue Kommentare

Ada Rompf zu „The Rider”. Die zärtlich-raue Poesie der Chloé Zhao : Besser kann man meinen Lieblingsfilm dieses Früh...
yolo 456 zu Die Juden vom Altrhein: man sollte einen artikel erst einmal lesen bevor ...
yolo123 zu Die Juden vom Altrhein: Das jüdische Leben in Deutschland ist vorbei und...
Achenar Myst zu Nils Landgren with Janis Siegel: some other time: Die CD ist ein absoluter Genuss, tolle Auswahl de...
Achim zu Golnar & Mahan – Derakht: Musik, die glücklich macht - Danke !!!...

Meinung

Warum es in Hamburg keine Künstlerfamilien gibt

Drucken
(377 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Mittwoch, den 29. Dezember 2010 um 22:24 Uhr
Warum es in Hamburg keine Künstlerfamilien gibt 4.6 out of 5 based on 377 votes.
alt

Schon seit langem beschäftigt mich die Frage, warum es in Hamburg keine oder, selbst bei großzügiger Betrachtung, nur extrem wenige Künstlerfamilien gibt, die es über Generationen in der Hansestadt gehalten hat oder ausgehalten haben.
Dafür gibt es viele Gründe: Jeder Nicht-Hamburger und all die vielen, die als "Reingeschmeckte" in der Stadt leben, kommen irgendwann einmal an diesen speziellen Punkt, die noch immer bestehenden Dünkel, die die Herkunft betreffen.

Auch ich machte einmal eine jener Erfahrungen, die unmissverständlich klarmachen, was es bedeutet seit Generationen in Hamburg zu leben.
Es war bei einem Abendempfang bei einer dieser Familien, die auf 200-jährige hanseatisch-kaufmännische Geschichte in der Stadt zurückblicken können. Die Dame des Hauses – knapp 80-jährig – fragte höflich, ob ich denn auch aus gutem Hause sei und mich als Hamburger bezeichnen könne.
„Gewiss, aus gutem Hause – ja, aber Hamburger – das nun eher nicht, vielmehr prägt meine Familien seit Jahrhunderten das Nomadische – gewollt und gezwungen.“ Die knappe Antwort der Dame: „Nun ja, so kann man auch leben“, und damit war das Gespräch auch schon beendet.
Die namhaften Familien, die seit Generationen die Geschicke Hamburgs und übrigens auch Altonas, sowohl in merkantiler, politischer und namensgebender Weise prägen, sind allesamt in den Berufsfeldern der Kaufleute und Händler, Reeder und Bankiers zu finden – aber nicht im Feld der Künste!

Meine Recherchearbeit, was Hamburger Traditionsfamilien angeht, die in künstlerischen Berufsfeldern namhaft tätig waren und sind, ist ernüchternd.
Ich stoße durchaus auf Familiennamen, die es über zwei Generationen geschafft haben, in Hamburg künstlerisch tätig zu sein, aber das Gros dieser Familiennamen sind heute unbekannt und kaum bedeutsam.

In der Historie findet man berühmte Namen, die sich im konservativen Hamburg und im eher freidenkenden Altona aufhielten: Gotthold Ephraim Lessing, Johann Anton und Johann Jakob Tischbein, Carl Philipp Emanuel Bach, Friedrich Gottlieb Klopstock, Johannes Brahms, Gustav Mahler und Ernst Barlach, um nur eine kleine Auswahl zu benennen. Keiner der Aufgezählten war lebenslang hier, für alle war Hamburg ein Intermezzo.
Ein Beispiel mag für viele symptomatische Entwicklungen stehen. Gotthold Ephraim Lessing kam euphorisch nach Hamburg, doch er verzweifelte an der Stadt: Die Gründung des Hamburger Nationaltheaters hatte ihn 1767, aus Berlin kommend, umziehen lassen. Er bekam die Stelle als Dramaturg und Berater. Der Dichter und Theatertheoretiker Johann Friedrich Löwen, der seinen Freund Lessing für die Stelle vorschlug, hatte die „Hamburgische Entreprise“ schon frustriert Richtung Hannover verlassen. Auch Lessing sollte es nicht anders ergehen. Da im Winter der Spielbetrieb wegen fehlenden Heizmöglichkeit nicht stattfinden konnte, dachten die Hamburger Finanziers, könnte man auch gleich das Gehalt des Dramaturgs einbehalten. Als die Besucher nicht so zahlreich kamen wie angenommen, kürzte man Lessings Gehalt dann noch um die Hälfte. Das Urheberrecht gab es noch nicht, und so wurden Lessing-Stücke zwar aufgeführt – wenn sie nicht zensiert wurden wie die „Minna von Barnhelm“ – doch der Autor erhielt keinerlei Bezahlung. Im Gegenteil, das Hamburger Publikum boykottierte Lessings Theaterideen zeitweise und wollte lieber die sehgewohnten „Klamotten“, wie Lessing-Biograph Adolf Stahr schreibt, auf dem Programm sehen. Die „Klamotten“ wurden im „Comödienhaus“, das 1765 an der Stelle des sieben Jahre zuvor abgerissenen alten Opernhauses eröffnet wurde, gespielt und waren zwei Jahre sämtlich von französischen Autoren geschrieben, weil die Deutschen Theaterautoren in den Augen der Obrigkeit, ob in Berlin, München oder Hamburg nicht schreiben konnten. Aber selbst aus der Chance, das Französische integrativ für Hamburg zu nutzen, waren die Bürger der Stadt damals nicht in der Lage. Erst nach 1771 mit Friedrich Ludwig Schröder als neuem Direktor werden dann Shakespeare, Goethe und Schiller auch auf der Bühne erfolgreich.
Außerdem raubten Lessings Fehden mit dem Hallenser Philologen Christian Adolf Klotz, der Hamburger Schauspielerin Sophie Hensel (Ehefrau eines der Hamburger Finanziers des Theaters und Kaufmannes), dem Theaterkritiker Johann Jakob Dusch und mit dem Hauptpastor Johann Melchior Goeze ihm jeden Rest von Euphorie. 1770 verlässt Lessing Hamburg.


 
Home > Kolumne > Meinung > Warum es in Hamburg keine Künstlerfamilien g...

Mehr auf KulturPort.De

„Thietmars Welt. Ein Merseburger Bischof schreibt Geschichte“ – Eine Zeitreise in das Mittelalter
 „Thietmars Welt. Ein Merseburger Bischof schreibt Geschichte“ – Eine Zeitreise in das Mittelalter



Einer der berühmtesten Chronisten des Mittelalters war Thietmar von Merseburg (975-1018). Unter den römisch-deutschen Kaisern Otto III. bis zu Heinrich II. war [ ... ]



Elisabeth Weinek: „Was Sie sah“ – Andalusien, Marokko, Iran
 Elisabeth Weinek: „Was Sie sah“ – Andalusien, Marokko, Iran



Passend zur Festspielzeit werden in der Margarethenkapelle von St. Peter, eine der ältesten Kirchen Salzburgs, Fotografien gezeigt, die sich als „interkulture [ ... ]



Ilse Helbich: Kluge Chronistin des Alters – „Im Gehen“ gefundene Gedichte
 Ilse Helbich: Kluge Chronistin des Alters – „Im Gehen“ gefundene Gedichte



Auch heute noch geschehen beglückende Wunder: Mit 80 Jahren veröffentlichte die 1923 in Wien geborene Ilse Helbich ihren ersten Roman unter dem Titel „Schwal [ ... ]



Thierry van Werveke: Schauspieler, Rockstar, Troublemaker, Thierry National
 Thierry van Werveke: Schauspieler, Rockstar, Troublemaker, Thierry National



Thierry! – allein sein Vorname löst in Luxemburg schon entzücken aus und wird mit der Addition von „National“ zum Kult. In Deutschland und Österreich fr [ ... ]



„Foxtrot”. Samuel Moaz und das Konzept des Zufalls
 „Foxtrot”. Samuel Moaz und das Konzept des Zufalls



Samuel Moaz kreiert mit dem Antikriegsdrama „Foxtrot” einen atemberaubenden ästhetischen Kosmos: zornig, visuell kühn, emotional hochexplosiv, oft grausam, [ ... ]



Alexandre de La Patellière und Matthieu Delaporte: „Der Vorname“
 Alexandre de La Patellière und Matthieu Delaporte: „Der Vorname“



Das Stück brillant, die Schauspieler große Klasse, die Inszenierung rundum gelungen und der kleine Saal der Komödie Winterhuder Fährhaus restlos ausverkauft. [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.