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Meinung

Die Frankfurter Buchmesse und das Buch als Kulturgut

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Dienstag, den 05. Oktober 2010 um 23:57 Uhr
Die Frankfurter Buchmesse und das Buch als Kulturgut 4.7 out of 5 based on 216 votes.
Zweifellos bewahren Bücher eine ganz eigene unverwechselbare, unnachahmliche Aura, eine eigene Benutzbarkeit, die das Nachschlagen eines Abschnitts nach Belieben ermöglicht und eine unendliche Reihung unterschiedlichster Lektüren ein und desselben Textes durch die Zeit hindurch gewährleistet. Der Leser wächst, entwickelt und verändert sich, der (kulturell anspruchsvolle) Text bleibt in seinem Wahrheitsgehalt, in seiner künstlerischen Aussage und seiner sozialen Wirksamkeit zwischen zwei Kartoneinbänden zwar haptisch begreifbar, inhaltlich aber immer wieder neu auslegbar und – einen sicheren und gut temperierten Aufbewahrungsort vorausgesetzt – Zeit überdauernd bestehen. Die Postmoderne kennt keine eindeutige, keine definitiv abschließbare Interpretation eines Buches mehr. Im Gegensatz zur Endgültigkeit seiner gedruckten Form, ist die Dekonstruktion seines Inhalts ad infinitum denkbar. Gerade aus dieser Spannung speist sich das Mysterium des Mediums Buch.

Unübertroffen bleibt auch die Ästhetik aneinandergereihter Buchrücken, das sensorische Erleben eines Buchs, das ich in den Händen halte, das Ritual des Durchblätterns, Beschriftens, Verzettelns oder von hinten nach vorne Lesens. Ob in den modernen Literaturarchiven dieser Welt oder in den historischen Bibliotheken Deutschlands, wie die der Herzogin Anna Amalia in Weimar oder vom Herzog August in Wolfenbüttel, verdichtet sich der atmosphärische oder ästhetische Wert des Buchs. Man denke nur an die labyrinthischen Bibliotheken in der Eco-Verfilmung Jean-Jacques Annauds von „Der Name der Rose“ (1986), an Borges’ „Bibliothek von Babel“ (1941) oder Michel Foucaults Begriff vom Bibliotheksphänomen als Vorstellungswelt zwischen den Zeichen, vom Werk Flauberts als Protokoll eines freigesetzten Traums oder „als Traum der anderen Bücher“, als ein imaginäres und visionäres Heraufbeschwören von Bildern, die „völlig traumhaft zu sein scheinen“ (1967). In den phantastischen Überhöhungen der Schriftsteller und Literaten wird über eine mögliche Welt spekuliert, die als eine Bibliothek aller möglichen Bücher dargestellt werden kann.

Was Eco, Borges oder Foucault an der Unendlichkeit der Geschichten, Ordnungssysteme und Zitate derart fasziniert, dass sie Bücherwelten und -galaxien mystifizieren, ohne je eine finale, sinnvolle Antwort zu finden, spiegelt sich in den Räumen, Sälen und Archiven wider, in denen neue und alte Büchersammlungen oder beständig sich vergrößernde Bibliotheken untergebracht sind. Unsichtbar, doch zum Greifen nah materialisiert sich im Buch das kulturelle Gedächtnis. Ideen, Angewohnheiten, Fähigkeiten, Verhaltensweisen, Erfindungen, Lieder und Geschichten bilden Einheiten, die sich verbreiten und vermehren. Bücher bilden die Identität und Diskurse der Menschheit aus, die in der Gesellschaft weiterwirken.
Heute verbinden sich neueste Befunde der neurowissenschaftlichen Hirn- und Gedächtnisforschung mit denen der Psychologie und Kulturwissenschaft in der Annahme, dass das Gedächtnis sozial und kommunikativ ausgerichtet sei. Ohne Austausch, ohne das vielfältige Wechselspiel mit anderen und ohne Emotionen wäre unsere Erinnerung leer – das glauben wir heute. Neben dem kollektiven Gedächtnis (Maurice Halbwachs) und Jan Assmanns Begriff des kulturellen Gedächtnisses verkörpern Bücher auch das kommunikative Gedächtnis (Harald Welzer). Die Erinnerung und die Zukunft als Potenzialität noch nie da gewesener Interaktionen und Strukturen schlummern in Büchern, die ein Licht werfen auf das Chaos des menschlichen Daseins und Fühlens, indem sie beleuchten und erhellen, was Zufall sein kann, aber in Wahrheit Orientierung, eine ordnende Archäologie und Zusammensetzung von geschichtlichen Begebenheiten und wissentlichen Formungen bietet: Bücher sind Produkte einer langen, ursprünglich deutschen Kulturtradition, die die individuelle und kollektive Identität auf transkultureller, nationaler und regionaler Ebene konsolidiert und das kulturelle Selbstverständnis einer Gesellschaft sowohl auf dem Niveau ihrer Herstellung als auch ihrer Rezeption festschreibt. Und gerade aus diesem Grund rückt in den letzten Jahren der Akt des Schreibens – und damit auch der Akt des Lesens – in seiner gefühlsbedingten, befreienden und autobiographischen, ja therapeutischen Bedeutung wieder in den Fokus: Lesen ist nicht zuletzt ein Genuss, es ist gut für Leib und Seele, und das geschriebene (und gelesene) Wort immer auch eine spirituelle Übung, denn es schult die Intimität des eigenen Bewusstseins ebenso wie es Meinungen und Verhalten verändern kann.

Ihre Dagmar Reichardt

(Dagmar Reichardt ist eine deutsche Literaturwissenschaftlerin, die über 50 Bücher sowie rd. 100 weitere akademische und kulturpolitische Publikationen geschrieben und herausgegeben hat.)
Header-Foto: © Max Friede

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