Anzeige

Wer ist online?

Wir haben 748 Gäste online

Neue Kommentare

Hans-Joachim Schneider zu Meine 18. Lange Nacht der Museen in Hamburg: Herrrlisch, würde der Rheinländer in mir sagen....
Wajda Art zu „A Beautiful Day”. Joaquin Phoenix- Racheengel oder Erlöser?: Wir suchen nach Enthusiasten der Kinematographie ...
Manfred Köck zu Im Wunderland der Wünsche. Laila Biali: schade, dass sie nicht mit ihren stammmusikern un...
Helmuth Barth zu Thomas Gainsborough – die moderne Landschaft: Vorausschicken möchte ich, dass ich neben Bilder...
Anna Grillet zu „Call Me by Your Name”. Die Sinnlichkeit des Luca Guadagnino: Leider nein, kann die bitterböse ästhetisch bri...

Meinung

Filmfest Emden-Norderney: Die Kartographie

Drucken
(140 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Freitag, den 04. Juni 2010 um 14:11 Uhr
Filmfest Emden-Norderney: Die Kartographie 4.7 out of 5 based on 140 votes.
Filmfest Emden-Norderney: Die Kartographie

Seit zwei Tagen ist es Sommer, die Temperaturen, das Licht und der Himmel sind wie sie zu dieser Jahreszeit sein sollen.

Vor zwei Tagen begann das Filmfest Emden-Norderney, die Kinos sind dunkel und wenn man sich seine Filmliste festivalmäßig quantitativ (und natürlich qualitativ) zusammengestellt hat, so wie ich, genießt man vielleicht unter Umständen das schöne Wetter auf der Leinwand und stellt schließlich betrübt fest – es ist doch etwas anderes als draußen zu sein.

Klimatisch getröstet werde ich durch kleine Entdeckungstouren, cineastisch und städtisch, denn die lockere Festivalstimmung in einer Stadt wie Emden, scheint sich auch in den Kapillargefäßen des urbanen Raumes festgesetzt zu haben. Es wirkt familiär, man kommt ganz un-ostfriesisch schnell in Kontakt mit Leuten und spricht: über Filme, die Stadt und überhaupt über das Leben.

Apropos das Leben. Der deutsch-schweizerische Film „Marcello Marcello“, der in Deutscher Erstaufführung gezeigt wird, versetzt mich in den Sommer Italiens und baut eine schöne Brücke zwischen dem Filmort Amatrello und dem Filmfestort Emden.

Auf der italienischen Insel Amatrello hat sich ein archaischer Brauch erhalten. Die Väter entscheiden anhand von Geschenken, wer das erste Rendezvous mit ihren Töchtern erhält. Diese Tradition bestimmt seit Menschengedenken den Lauf der Liebe und des Hasses auf der Insel. Marcello, Sohn eines Fischers mit einem ungewöhnlichen Talent zum literarischen Erzählen, hält nichts von dieser ambivalenten Tradition und beteiligt sich nicht an den Geschenkaktionen. Bis Elena, die Tochter des Bürgermeisters, kurz vor ihrem 18. Geburtstag auf die Insel zurückkommt. Nun will Marcello Elenas Vater das perfekte Geschenk überreichen: den gehassten Hahn des Metzgers, der den Bürgermeister allmorgendlich aus dem Schlaf reißt. Doch der Metzger will sein Tier nur für einen anderen Gegenstand aus dem Besitz eines Anderen geben. Und plötzlich sieht Marcello sich in eine Reihe von Tauschgeschäften verstrickt. Irgendwie scheint jeder etwas vom anderen zu wollen und so entwickelt sich das Anfangsgeschäft zu einer Sysiphus-Aufgabe, durch welche die Vergangenheit des ganzen Dorfes aufgearbeitet werden muss.

Das eigentlich interessante Moment ist weder das einzelne Tauschgeschäft noch das Ergebnis, mit Elena ausgehen zu dürfen, sondern die Kartographie, das „Mapping“ der Beziehungen. Der Film erfasst die Netzwerke eines Raumes und kann als Instrument zum Begreifen von Landschaft und Ort verstanden werden. Das Inselstädtchen, die Landschaft und das Meer drum herum sind topografische und zugleich semiotische Räume, sie sind durch ihre Geschichte und Gesellschaft, Identität und Beziehungsgeflechte geprägt.

Ganz so erlebe ich nun den Festspielort Emden – zwar bin ich noch nicht bei den Tauschgeschäften angelangt, aber die Netzwerkbildung funktioniert schon prächtig und der kommunikative Reiz ist hoch und ausgeprägt.

Ihr Claus Friede

(Claus Friede ist Chefredakteur von Kultur-Port.De, Kulturjournalist, Moderator, Ausstellungs- und Filmreihenkurator. Er ist Mitgründer des Kulturklub Hamburg und leitet seit 20 Jahren die Kunstagentur Claus Friede*Contemporary Art)



Marcello Marcello. CH/D 2008. Regie: Denis Rabaglia. Buch: Mark David Hatwood nach seinem Roman „Marcello’s Date (Marcello und der Lauf der Dinge)“. Kamera: Filip Zumbrunn. Musik: Henning Lohner.
Mit: Francesco Mistichelli, Elena Cucci, Luigi Petrazzuolo, Renato Scarpa, Ivo Garrani, Mariano Rigillo u.a.
Farbe 97 Min. 35mm. Prod.: C-Films und zero fiction / Anne Walser. Verleih: Senator. DF/GermV.
Foto: Filmstill © C-Films
Filmfest Emden-Norderney 2. bis 9. Juni 2010
https://filmfest.icserver13.de/

Weitere Filme zum Thema Mapping von Beziehungen im o.g. Sinn: 
"andiamo!" von Thomas Crecelius (94 Min., D/I 2004, Venutura Film)

Eigenen Kommentar verfassen (Gasteintrag möglich - Bitte achten Sie auf unsere Email ggf. in Ihrem Spam-Order und klicken den Bestätigungslink)

Ihr Name (erscheint mit dem Kommentar) *
E-Mail (Nur für Bestätigungslink & Antworten)
Code   
Kommentar abschicken
 

Home > Kolumne > Meinung > Filmfest Emden-Norderney: Die Kartographie

Mehr auf KulturPort.De

Aspekte Festival 2018 – frozen gesture
 Aspekte Festival 2018 – frozen gesture



Welche kulturellen Spartenschubladen haben wir im Kopf? Wo ist der urbane, kulturelle Humus zu finden? Wieviel Bereitschaft zeigt Publikum für Entwicklungsphase [ ... ]



Meine 18. Lange Nacht der Museen in Hamburg
 Meine 18. Lange Nacht der Museen in Hamburg



...beginne ich, indem ich mit meinem Navi streite. Das tut so, als wüsste es nicht von der traurigen Tatsache, dass es in dieser Stadt mehr Baustellen als Kultu [ ... ]



Yvonne von Schweinitz: Syrien – Fragmente einer Reise. Fragmente einer Zeit
 Yvonne von Schweinitz: Syrien – Fragmente einer Reise. Fragmente einer Zeit



Wie nähert man sich in einer Fotoausstellung einem Land, deren Menschen tagtäglich durch Gewalt sterben, auf der Flucht, im Exil, traumatisiert sind, deren mat [ ... ]



„A Beautiful Day”. Joaquin Phoenix- Racheengel oder Erlöser?
 „A Beautiful Day”. Joaquin Phoenix- Racheengel oder Erlöser?



Lynne Ramsay inszeniert ihre virtuosen Thriller-Impressionen als Exkursion in die Abgründe der Seele.
Ein Auftragskiller ist Joe (Joaquin Phoenix) nicht, er t [ ... ]



Günter Grass-Haus Lübeck: George Bernard Shaw und die Fotografie
 Günter Grass-Haus Lübeck: George Bernard Shaw und die Fotografie



George Bernard Shaw (1856-1950) ist vor allem bekannt für sein dramatisches Werk, das über 50 Theaterstücke umfasst. Doch der Künstler hat sich zeitlebens in [ ... ]



Im Wunderland der Wünsche. Laila Biali
 Im Wunderland der Wünsche. Laila Biali



Wie konnte sich eine 16jährige Kanadierin, die Opernarien singt und klassische Pianistin werden will, zu einer über jeden „No street credibility“-Verdacht  [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Anzeige


Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.