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CDs KlassikKompass

Als Mozart noch neue Musik war

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Dienstag, den 03. Juni 2014 um 11:56 Uhr
Als Mozart noch neue Musik war 4.0 out of 5 based on 1 votes.
Mozart: Symphonien Nrn. 40 und 41

Wie mag es geklungen haben, als Mozarts Werke zeitgenössische Musik waren – modern, aufregend, überraschend, kühn im Umgang mit Traditionen, provokant im Spiel mit Konventionen und Brüchen? Vielleicht ganz so, wie das Ensemble Anima Eterna Brugge unter seinem Inspirator Jos van Immerseel 2001 die beiden letzten Mozart-Symphonien eingespielt hat: die große g-Moll-Symphonie Nr. 40 und die übergroße in C-Dur Nr. 41, der man später mit dem Beinamen „Jupiter-Symphonie“ Respekt zollte. Verdienstvoll, dass Outhere Music diese Aufnahmen jetzt neu vorlegt.


1788 war Mozart 32 Jahre alt, der Erfolg seines „Figaro“ zwei Jahre zuvor war fast verklungen, das konservative Wiener Publikum fing an, an dem Komponisten wegen seiner Modernitäten und seines immer eigenwilligeren Stils vorbeizusehen. Aus seiner hochherrschaftlichen Wohnung an der Domgasse hatte er ausziehen müssen, hoch verschuldet. Außerdem war Österreich im Februar in den Krieg Russlands gegen die Türken eingetreten, die Menschen litten unter der Inflation, keine gute Zeit für glanzvolle Konzerte. Mangels Besuchern musste auch Mozart Konzerte – seine Haupteinnahmequelle – absagen, „eine fatale Lage“, schrieb er. Das ist die Zeit, in der er seine letzten drei Symphonien mit den Nummern 39 bis 41 komponierte.

Mozart: Symphonien Nrn. 40 und 41Er brauchte dafür nur wenige hochproduktive Wochen im Sommer 1788, innerhalb weniger Wochen im Sommer 1788. Die Einträge dazu in seine Werkeliste nahm er am 26. Juni, 25. Juli und 10. August, die Daten bezeichnen wohl den Abschluss der Komposition. Der Dirigent unserer CD, Jos van Immerseel schreibt zu diesen Werken im Booklet: „Diese Symphonien sind miteinander verbunden, weil sie den ‚erwachsenen’ Mozart repräsentieren. Es ist ziemlich moderne und aggressive Musik. Nicht der freundliche oder der galante Mozart, sondern der, der in Wien zurückgewiesen wurde, als er zu weit gegangen war für die Ohren seiner Zuhörer. Seine ‚goldenen’ Jahre waren vollständig vorbei, vor allem, er immer stärker ‚modern’ wurde und immer weniger für die Erwartungen des Publikums komponierte.“ Das sah damals in ihm einen, der es immer häufiger auf Dissonanzen anlegte.

Gerade die letzten beiden symphonischen Werke sind außergewöhnlich, man könnte in ihnen fast eine Zusammenfassung der Ausdrucksmöglichkeiten der Gattung sehen, so komplex und formüberschreitend sind sie.

In der vorletzten in g-Moll verarbeitet er Emotionen von unruhigem Getriebensein, von Verzweiflung, man hört Seufzer und Aufbäumen – und vorbeiwehende Erinnerungen und Hoffnungen auf Frieden und Glück. Mozarts Partitur hat durchaus opernhafte Züge, als würden diese Affekte von unterschiedlichen musikalischen Charakteren vertreten und verhandelt. Und gleich das erste Thema im ersten Satz erinnert von Rhythmus und Duktus an die Arie des Cherubino „Non sò più cosa son cosa“.

In kühner Dissonanz wird das Thema des Andante übereinander gelegt, Sehnsüchte, Zweifel scheinen auf, unauflösbar ineinander verschränkt. Immer wieder bricht Mozart den Fluss der Entwicklung, mal fast humoristisch, mal in düsterem Trotz.
Ganz ungalant kommt das Menuett daher, kaum mehr tänzerisch gedacht, widerborstig im Rhythmus, dissonant geschichtet in der Harmonie. Und der Schlusssatz, Allegro assai, bringt die fiktiven Beteiligten hastig und manchmal über die Widerstände harmonischer Gewaltsprünge auf einen gemeinsam streitenden Kurs.

So gespielt wird Mozarts Musik nicht zum Menschheitsdrama überhöht. Als Menschendrama aber geht sie direkt unter die Haut.

Nummer 41 tauscht in der Orchestrierung die Klarinetten gegen Pauken und Trompeten. Imperial-repräsentatives, kühles C-Dur-Gepränge im Stil einer Ouvertüre eröffnet den ersten Satz, bis sich da mit dem zweiten Thema Flöten und Oboen gickelnd und gackernd einmischen und nach und nach andere im Orchester anstecken, bis sich Pauken und Trompeten wieder mit einem schroffen Machtwort Geltung verschaffen. Auch hier könnte man wieder den quirligen Beginn einer großen Oper im Auge haben.
Die besinnlich-gefühlvolle Stimmung des Andante cantabile wird immer wieder von bedrohlichem, verunsichernden Grummeln aus der Tiefe und Forte-subito-Akzenten als brüchig entlarvt.

Menuett und Trio leiten über zum vierten Satz, der immer wieder Bewunderung erregt und wegen seiner komplexen Komposition der ganzen Symphonie den Beinamen „...mit der Schlussfuge“ eintrug. Mozart, der bei Matineen des Barons van Swieten neuerlich Bekanntschaft mit den Werken von Bach und Händel gemacht hatte, schrieb in die Sonatenform hinein diffizil fugierte Passagen, besonders gegen Schluss, wo er fünf der Themen kontrapunktisch ineinander webt. „Diese Stelle wirkt in ihrer Gestik und Stimmführung wie ein quirliges Ensemble der verschiedenen Charaktere und Personen einer Opera buffa: eine klassische Dramatisierung der Instrumentalmusik“, urteilt der „dtv-Atlas zur Musik“. Und sie gibt einen Ausblick auf die Symphonik des 19. Jahrhunderts.

Jos van Immerseel und sein 1987 gegründetes Ensemble Anima Eterna Brugge spielen das mit dem gehörigen Furor, sie setzten auf Instrumente, die währen der Entstehungszeit der Musik in Gebrauch waren. Das ist wohltuend, denn damit wird eine erste Schicht des zum Klassiker erstarrten Mozart-Bildes abgetragen. Die weitere Restaurationsarbeit erfolgt behutsam, in größtmöglicher Transparenz, mit einem verblüffenden Gespür für Klangfarben, für überraschende Effekte (wozu auch der gehört, dass manche Stellen geradezu kammermusikalisch zurückgenommen klingen dürfen).

Gleichzeitig haben die Musiker keine Angst vor raschen Tempi, die die Musik revitalisierend und strahlen lassen. Die Streicher spielen mit sparsamstem Vibrato, die Lautstärken sind wunderbar ausbalanciert, wenn es sein muss, können sie Tutti in Nr. 41 richtig knallen lassen, andererseits auch raffiniertestes polyphones Gewebe mit großer Leichtigkeit und Klarheit ausbreiten. Und all das sind keine vordergründigen Effekte, sie klingt nicht gegen den Strich gebürstet, sondern dienen einzig Mozarts Musik.
Und die klingt, wenn man die Klassiker-Patina so sorgfältig und gekonnt wegpoliert, einfach unerhört lebendig und auch heute verblüffend zeitgenössisch.

Mozart: Symphonien Nr. 40 & 41.
Jos van Immerseel und Anima Eterna Brugge. Aufgenommen 2001, wiederveröffentlicht von Rewind by Outhere Music France 520

Probe und Interview zu KV 40 (auf flämisch)
Mitschnitt eines Live-Konzerts vom 8.11.2001 mit den Mozart-Symphonien 39 und 40 (Nr. 40 ab 34:00)


Abbildungsnachweis:

Header: Anima Eterna Brugge. Foto: Alex van Hee
CD-Cover

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