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Hengelbrock dirigiert Mahlers Erste: Ein zutiefst menschlicher „Titan“

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Mittwoch, den 21. Mai 2014 um 13:16 Uhr
Hengelbrock dirigiert Mahlers Erste: Ein zutiefst menschlicher „Titan“ 4.0 out of 5 based on 1 votes.
Hengelbrock dirigiert Mahlers Erste

Mysteriös, aus einem flimmernden Nichts beginnt der erste Satz von Gustav Mahlers 1. Symphonie. Dann tönt aus der Ferne eine Hörner-Fanfare, die bald von den Trompeten ein Spürchen klarer aufgenommen wird. Es ist der Beginn einer Traumgeschichte, die Mahler-Biograph Jens Malte Fischer „die kühnste symphonische Visitenkarte der ganzen Musikgeschichte“ genannt hat. Mahler hat lange mit diesem Werk gerungen, hat es immer wieder umgeschrieben, retuschiert, sogar einen ganzen Satz – den zweiten - mehrfach hinein genommen und wieder daraus gestrichen. Jetzt legt das NDR-Sinfonieorchester mit seinem Chefdirigenten Thomas Hengelbrock eine dieser Zwischenfassungen vor: die 1893 während Mahlers Zeit als Erster Kapellmeister am Hamburger Stadttheater erstmals gespielte fünfsätzige, ausgesprochen selten aufgenommene „Hamburger Fassung“.

Mahler erste1884 hat Mahler mit der Arbeit an diesem Werk begonnen, 1888 entstehen wesentliche Teile, 1889 werden sie Budapest als „Symphonische Dichtung in zwei Teilen“ und fünf Sätzen uraufgeführt. In Hamburg nennt er die überarbeitete Fassung seines Werks „,Titan’. Eine Tondichtung in Symphonieform“ – der Titan stammt aus einem Romantitel Jean Pauls. 1896 in Berlin heißt das Stück dann „Symphonie“, und erst bei der Drucklegung 1899 heißt das Kind „1. Symphonie D-Dur“.
Eine schwere Geburt, während der der Komponist – ebenfalls für die Hamburger Fassung – ein Programm veröffentlichte, das den Zuhörern den Hintergrund der Musik klarer machen sollte. Über dem ersten Teil steht da: Aus den Tagen der Jugend; Blumen-, Frucht- und Dornenstücke, mit den Sätzen 1. „Frühling und keine Ende – die Einleitung stellt das erwachen der Natur aus langem Winterschlafe vor“, 2. „Blumine – Andante con moto“, 3. „Mit vollen Segeln – Scherzo“. Den zweiten Teil nennt Mahler „Commedia humana“ mit dem 4.Satz „Gestrandet! Ein Totenmarsch in Callots Manier“ und 5. „Dall’ Inferno – Stürmisch bewegt – der plötzliche Ausbruch der Verzweiflung eines im tiefsten verwundeten Herzens“.

Mahler ist kein Freund von solch expliziten Erklärungen seiner Musik, er schreibt: „Ich weiß für mich, daß ich, solang ich mein Erlebnis in Worten zusammenfassen kann, gewiß keine Musik hierüber machen würde“, und: „Mein Bedürfnis, mich musikalisch-symphonisch auszusprechen, beginnt erst da, wo die dunkeln Empfindungen walten, an der Pforte, die in die ,andere Welt’ hineinführt.“ Er wird die Erklärungen später wieder streichen, „weil ich es erlebt habe, auf welch falsche Wege hierdurch das Publikum geriet“.

Dabei legen neuere Recherchen des Amerikaners Jeffrey Gantz („Visions of Johanna – Gustav Mahler’s Blumine: A love story“) durchaus nahe, dass Mahler selbst mit seinem „Programm“ das Publikum von einer ganz anderen, sorgfältig verborgenen wahren Geschichte gelenkt hat: von seinem heißen Techtelmechtel mit der Sopranistin Johanna Richter, mit der er, damals 24 Jahre jung, während seiner beiden Jahre in Kassel Liebe und Trennung durchlebte.

Gantz reiht eine lange Beweiskette aus musikalischen Motiven, Briefzitaten und Andeutungen Mahlers aneinander. Nach seiner Auffassung steht hinter dem ersten Satz das Aufblühen dieser Liebe, ist der später entfernte und dann fast 70 Jahre lang verschollen gewesene zweite Satz „Blumine“ ihr Herzstück, der dritte mit Ländler-Scherzo und Walzer-Trio ein verliebtes Tanzen. Im Trauermarsch zieht an ihm das Ende seiner Liebe vorbei, in dessen Trio scheinen aus seinen Johanna Richter gewidmeten „Liedern eines fahrenden Gesellen“ die „zwei blauen Augen“ auf, die ihn fortgeschickt haben. Auch das „Ging heut morgen übers Feld“ wird in der Ersten öfter zitiert Der fünfte Satz beginnt mit dem gequälten Aufschrei der verwundeten Seele, er blickt zurück auf die Vergangenheit, reißt sich los und zieht los in Richtung Zukunft – ob die mehr als ein Traum wird, ob er den Tod findet, darüber darf gerätselt werden.
Motive aus „Blumine“ tauchen an vielen Stellen der dann gekürzten Symphonie auf, Gantz verfolgt sie in Mahlers Werk noch bis in die vierte, die neunte und zehnte Symphonie – der Versuch, sich das Herz herauszureißen, ist Mahler offenbar nicht vollständig gelungen.

Sinfonie NDRThomas Hengelbrock stehen menschliche Hoffnung, Liebe und Verzweiflung deutlich näher als das „Titanische“, das ein Leonard Bernstein aus der später viersätzigen Symphonie herausholt, wo jede Phrase ein Drama, eine Bedrohung sein kann, wo einzelne Einsätze in die Musik geradezu einbrechen. Schon im ersten Satz gibt es bei Hengelbrock selbst im vollen Orchesterklang keinen Bombast, er inszeniert keine harten Effekte. Seine Interpretation legt mehr als einmal – besonders aber in der langsamen Einleitung – die Assoziation „Das ist ein Traum“ nahe. Auch sind Akzente bei ihm keine Gewalttaten, sie strukturieren, „Blumine“, einst entstanden als Musik zu Scheffels „Trompeter von Säckingen“, ist ein das aus romantischer Leichtigkeit und frisch verliebtem Herzklopfen geborene Herzstück, ist fein modellierte Natur-Poesie, und wer genau hinhört, entdeckt auch die Schmetterlinge im Bauch. Das Scherzo ist ein flotter und zu Recht etwas grober Ländler, dem im Trio ein verträumt-romantischer Walzer gegenübersteht. Im „Trauermarsch“ hat man die einleitende Pauke noch nie so schön singen gehört, wobei Hengelbrock mit großen Spaß auch die parodistischen Elemente dieses Bildes hervorkitzelt. Er nimmt Mahlers Anweisung „ohne zu schleppen“ wörtlich, seine Tempi sind durchweg flott, der Trauermarsch ist bei ihm eine Minute kürzer als bei Bernstein, fast zwei Minuten kürzer als bei Solti.

Der Aufschrei zu Beginn des fünften Satzes, von Mahler selbst „eine brennende Anklage an den Schöpfer“ genannt, ist kein Clash von Kontinenten, es bleibt – und das ist nicht weniger – eine erschütternde menschliche Regung.
Thomas Hengelbrock und das NDR-Sinfonieorchester überhöhen da nichts ins Heroische, entfesseln nur selten Urgewalten. Sie setzen vielmehr auf Zwischentöne, da wird nicht nachgesüßt. Dieser „Titan“ ist wunderbar transparent und zutiefst unprätentiös. Weltklasse „Made in Hamburg“!


Mahler: Symphony No. 1 „Titan“, Version Hamburg 1893.
Thomas Hengelbrock, NDR-Sinfonieorchester.
Sony Classical 8884 3050 542

Hörbeispiele

Abbildungsnachweis:
Header: Thomas Hengelbrock dirigierend. (c) NDR
CD-Cover
NDR Sinfonieorchester (2009). (c) NDR

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