Werbung

Neue Kommentare

Claus Friede zu „Der Leuchtturm” – Robert Eggers und die Metaphorik des Wahnsinns: Nein, nur eine kurze Pause......
Kalle mit der Kelle zu „Der Leuchtturm” – Robert Eggers und die Metaphorik des Wahnsinns: Seit November nichts Neues. Ist der Film-Blog ges...
Geli zu Impressionismus – Meisterwerke aus der Sammlung Ordrupgaard: Mal eine nette Eigenwerbung zur Abwechslung... gl...
Rudi Arendt zu Impressionismus – Meisterwerke aus der Sammlung Ordrupgaard: Reflexion der Landschaft - aktuelle impressionist...
Ulrike Tempel zu Adventsmessen und Handwerkermärkte in Hamburg – Alle Jahre wieder...: Leider sind die Termine veraltet 2017 / 2018...

Hamburger Architektur Sommer 2019


CDs KlassikKompass

Beethoven: Departure – Utopia. Symphonies Nos. 1 & 7

Drucken
(1 Bewertung - Wie es Euch gefällt!)
Montag, den 12. Mai 2014 um 11:40 Uhr
Beethoven: Departure – Utopia. Symphonies Nos. 1 & 7 4.0 out of 5 based on 1 votes.
Beethoven: Departure – Utopia. Symphonies Nos. 1 & 7

Seit 2006 ist Kent Nagano – ab 2015 der neue Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper – Music Director des Orchestre Symphonique de Montréal (OSM). Acht prägende Jahre mit Kanadas bestem Orchester, denen mindestens sechs weitere folgen werden. Ein Herz- und Vorzeigestück der Aufnahmetätigkeit dort ist – neben Werken von Gustav Mahler, Skrjabin und Rachmaninoff – sein Zyklus aller neuen Beethoven-Symphonien geworden, in dem er für die symphonischen Werke Themen findet, sie manchmal mit anderen Werken klug zusammenbindet. Zur Neunten als Solitär heißt es da „Human Misery – Human Love“, zur Dritten gesellen sich unter dem Motto „Gods, Heroes And Men“ die „Geschöpfe des Prometheus“, die Sechste und Achte stehen unter dem Leitmotiv „In The Breath of Time“ gemeinsam mit der „Großen Fuge“.

Nun hat Sony Classical in Deutschland unter den programmatischen Worten „Departure – Utopia“ die Erste und die Siebente veröffentlicht. Und man kann an diesen Aufnahmen gut die musikalischen Auffassungen Kent Naganos studieren.
Beethovens Erste Symphonie C-Dur, geschrieben 1799/1800, nimmt Nagano transparent und geradezu luzid im Adagio molto der langsamen Einleitung, um dann, durchaus noch aus dem Geist Haydns und Mozarts heraus ein mäßig forderndes, höchstens etwas ungeduldig wirkendes Allegro con brio zu begeben.

Das Andante cantabile des zweiten Satzes kommt unkompliziert, geradezu schlicht daher, Nagano sucht keine Widerhaken, seine Interpretation schnurrt wie ein Uhrwerk und wirkt selbst in den treibenden Partien des schnellen Menuettos glatt. Was Beethoven da an Brüchen mit den Konventionen seiner Zeit hinein gepackt hat, kommt fast beiläufig und ohne großen Gestus daher.

Kalkulierte Brillanz auch der vierte Satz mit seiner langsamen Einleitung, den superpräzisen Streichern, die generell mit sehr wenig Vibrato auskommen und doch kraftvoll wirken, den luftigen Holzbläsern und den effektvollen Akzenten aus dem Blech. Es ist ein fein geschliffener Klang, frei von jeder Rauheit, der im ersten Zugriff eher kühle Perfektion suggeriert als den Beginn der einer drängenden Ich-Revolte des junge Beethoven.

Beethoven: Departure – Utopia. Symphonies Nos. 1 & 7Das gilt auch für die Aufnahme von Beethovens 1811/1812 komponierten Siebten Symphonie, uraufgeführt nach wenige Wochen nach der Völkerschlacht bei Leipzig, durch die Napoleon nach der vernichtenden Niederlage gezwungen wurde, sich aus Deutschland zurückzuziehen. Daneben erklang im selben Konzert – ein Benefiz für die antinapoleonischen Kämpfer – „Wellingtons Sieg oder die Schlacht bei Vittoria“, ein musikalisches Kriegsgetümmel, in dem Beethoven eine weitere Niederlage der Franzosen in grellen Farben ausmalt und feiert. In seinem Dank an die Mitwirkenden sagt Beethoven: „Uns alle erfüllt nichts als das reine Gefühl der Vaterlandsliebe und des freudigen Opfers unserer Kräfte für diejenigen, die uns so viel geopfert haben.“

Die Apotheose der Freiheit wird in seiner Siebten Symphonie als Apotheose des Tanzes, der freien, der ekstatischen Bewegung zelebriert. „Alles Ungestüm, alles Sehnen und Toben des Herzens wird hier zum wonnigen Übermuthe der Freude“, schrieb bewundernd Richard Wagner, „diese Symphonie ist (...) der Tanz nach seinem höchsten Wesen, die seligste That der in den Tönen gleichsam idealisch verkörperten Leibesbewegung.“

Bei Kent Nagano und dem OSM erscheint das Dionysische vor allem klangschön verpackt. Ja, es gibt einen Übermut der Freude schon im ersten Satz, aber oft wirkt er wie befreit von tieferen Leidenschaften, atemlos, fast ein bisschen hektisch. Das Allegretto des zweiten Satzes wird unter Naganos Stabführung nicht zu einem Trauermarsch, sondern eher zu einer nachdenklichen Pilger-Prozession.

Was als Idee im Trio des explosiv angepackten Presto-Scherzos durch das Zitat eines Wallfahrerlieds fortgeführt wird, bis die fünf finalen Orchesterschläge den Weg bereiten zum ekstatischen Allegro-con-brio-Finale mit seinen auftürmenden, einander überrollenden und sich brechenden Wogen aufgewühlter Freude – körperlich spürbar, bis es keine Steigerungsmöglichkeiten mehr gibt, eine Hymne an das freie Leben ohne Regeln und Zwänge, eine heißblütige, erschöpfende Absage an diktatorische Ideen.

Die von Kent Nagano geleitete Aufnahme wirkt auch hier wie gereinigt von solchen aus der Historie abgeleiteten Affekten, es bleibt der schiere Notentext, akkurat gespielt wird. Nagano und sein OSM musizieren Fakten und nicht Gefühle. Das ist ein erfrischender, fast schon verstörend sachlicher Zugang zu den allbekannten Beethoven-Symphonien. Man wird als Hörer nicht hineingezogen in die Interpretation, besser: in eine bestimmte Interpretation, die leidenschaftlich Partei nähme für eine bestimmte Sichtweise.

Es wirkt andererseits aber auch immer distanziert – als würden die Stücke von außen betrachtet und daraufhin befragt, was an Affekten, an Emotionen sie wohl auszudrücken imstande wären. Das hilft beim Hineinhören in den Notentext, der in vielen Nuancen neu erlebbar wird. Nagano befreit Beethoven vom interpretatorischen Ballast, der sich aus unzähligen Aufnahmen in die Gehirnwindungen des Publikum gefräst hat.
Und das ist vielleicht der größte Reiz dieser Aufnahmen: dass Nagano die musikalischen Projektionsflächen wieder freischaufelt und die Reset-Taste für eine neue Sicht auf Beethoven drückt.


Beethoven: Departure – Utopia. Symphonies Nos. 1 & 7.
Kent Nagano und das Orchestre Symphonique de Montréal.
Sony Classical 8884 3036 172

Hörbeispiele aus allen Sätzen der CD

Header: Kent Nagano. Foto: Felix Broede
Cd-Cover

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Kolumne > CDs KlassikKompass > Beethoven: Departure – Utopia. Symphonies N...

Mehr auf KulturPort.De

Vittorio Hösle: Globale Fliehkräfte. Eine geschichtsphilosophische Kartierung der Gegenwart.
 Vittorio Hösle: Globale Fliehkräfte. Eine geschichtsphilosophische Kartierung der Gegenwart.



Ein Buch über die tiefe Spaltung der westlichen Gesellschaft und das mögliche Scheitern der liberalen Demokratie hat der in den USA lebende Philosoph Vittorio  [ ... ]



Vom Wasser und von der Sicht aufs Leben: Ulrike Draesners Roman „Kanalschwimmer“
 Vom Wasser und von der Sicht aufs Leben: Ulrike Draesners Roman „Kanalschwimmer“



Biochemiker Charles hat „zu sicher gelebt“. Das begreift er leider erst im Alter von zweiundsechzig Jahren, also kurz vor dem Ruhestand.
Als seine Frau ihm [ ... ]



„Tattoo-Legenden. Christian Warlich auf St. Pauli“
 „Tattoo-Legenden. Christian Warlich auf St. Pauli“



Überall – nur nicht im Gesicht. Für einen „anständigen Tätowierer“ ein ungeschriebenes Gesetz. Christian Warlich (1891-1964) war mehr als nur anständi [ ... ]



Welten: Akureyri
 Welten: Akureyri



Akureyri ist eine Stadt im äußersten Norden Islands. In dem idyllisch, an einem Fjord gelegenen Zwanzigtausend-Seelen-Ort sind mehrere Kulturzentren, dort lebe [ ... ]



Buddenbrook-Debütpreis 2019: „Otto“, ein tragisch-komischer Roman von Dana von Suffrin
 Buddenbrook-Debütpreis 2019: „Otto“, ein tragisch-komischer Roman von Dana von Suffrin



Die Gewinnerin des Debütpreises des Buddenbrookhauses und des Lions Clubs Lübeck-Hanse für 2019 steht fest: Dana von Suffrin erhielt den mit 2.000 Euro dotier [ ... ]



Aspekte Festival 2020 – Die Programmatik
 Aspekte Festival 2020 – Die Programmatik



Woraus besteht die Musik unserer Zeit, was macht sie aus? Und überhaupt: Ist es die, die wir hören, ist es die, die komponiert wird oder die, die zeitgenössis [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.