Neue Kommentare

Stipe Gojun zu „La Vérité” Hirokazu Kore-eda und der Mythos Familie : Ach, wie gern würde ich heute ins Kino gehen. Ob...
Frank-Peter Hansen zu Frank-Peter Hansen: Die Heidegger-Dekomposition: Im Spätherbst letzten Jahres anlässlich einer S...
bbk berlin zu Dortmund geht neue Wege bei der Kunst-Förderung: Die Berliner Künstler*innen freut es sehr, dass ...
Markus Semm zu Frank-Peter Hansen: Die Heidegger-Dekomposition: Sehen Sie: Der Unterschied zw. Heidegger und Cass...
Karin Schneider zu Frank-Peter Hansen: Die Heidegger-Dekomposition: Ein großartiger Artikel! Stefan Diebitz schafft ...

Hamburger Architektur Sommer 2019


CDs KlassikKompass

Beethoven: Departure – Utopia. Symphonies Nos. 1 & 7

Drucken
(1 Bewertung - Wie es Euch gefällt!)
Montag, den 12. Mai 2014 um 11:40 Uhr
Beethoven: Departure – Utopia. Symphonies Nos. 1 & 7 4.0 out of 5 based on 1 votes.
Beethoven: Departure – Utopia. Symphonies Nos. 1 & 7

Seit 2006 ist Kent Nagano – ab 2015 der neue Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper – Music Director des Orchestre Symphonique de Montréal (OSM). Acht prägende Jahre mit Kanadas bestem Orchester, denen mindestens sechs weitere folgen werden. Ein Herz- und Vorzeigestück der Aufnahmetätigkeit dort ist – neben Werken von Gustav Mahler, Skrjabin und Rachmaninoff – sein Zyklus aller neuen Beethoven-Symphonien geworden, in dem er für die symphonischen Werke Themen findet, sie manchmal mit anderen Werken klug zusammenbindet. Zur Neunten als Solitär heißt es da „Human Misery – Human Love“, zur Dritten gesellen sich unter dem Motto „Gods, Heroes And Men“ die „Geschöpfe des Prometheus“, die Sechste und Achte stehen unter dem Leitmotiv „In The Breath of Time“ gemeinsam mit der „Großen Fuge“.

Nun hat Sony Classical in Deutschland unter den programmatischen Worten „Departure – Utopia“ die Erste und die Siebente veröffentlicht. Und man kann an diesen Aufnahmen gut die musikalischen Auffassungen Kent Naganos studieren.
Beethovens Erste Symphonie C-Dur, geschrieben 1799/1800, nimmt Nagano transparent und geradezu luzid im Adagio molto der langsamen Einleitung, um dann, durchaus noch aus dem Geist Haydns und Mozarts heraus ein mäßig forderndes, höchstens etwas ungeduldig wirkendes Allegro con brio zu begeben.

Das Andante cantabile des zweiten Satzes kommt unkompliziert, geradezu schlicht daher, Nagano sucht keine Widerhaken, seine Interpretation schnurrt wie ein Uhrwerk und wirkt selbst in den treibenden Partien des schnellen Menuettos glatt. Was Beethoven da an Brüchen mit den Konventionen seiner Zeit hinein gepackt hat, kommt fast beiläufig und ohne großen Gestus daher.

Kalkulierte Brillanz auch der vierte Satz mit seiner langsamen Einleitung, den superpräzisen Streichern, die generell mit sehr wenig Vibrato auskommen und doch kraftvoll wirken, den luftigen Holzbläsern und den effektvollen Akzenten aus dem Blech. Es ist ein fein geschliffener Klang, frei von jeder Rauheit, der im ersten Zugriff eher kühle Perfektion suggeriert als den Beginn der einer drängenden Ich-Revolte des junge Beethoven.

Beethoven: Departure – Utopia. Symphonies Nos. 1 & 7Das gilt auch für die Aufnahme von Beethovens 1811/1812 komponierten Siebten Symphonie, uraufgeführt nach wenige Wochen nach der Völkerschlacht bei Leipzig, durch die Napoleon nach der vernichtenden Niederlage gezwungen wurde, sich aus Deutschland zurückzuziehen. Daneben erklang im selben Konzert – ein Benefiz für die antinapoleonischen Kämpfer – „Wellingtons Sieg oder die Schlacht bei Vittoria“, ein musikalisches Kriegsgetümmel, in dem Beethoven eine weitere Niederlage der Franzosen in grellen Farben ausmalt und feiert. In seinem Dank an die Mitwirkenden sagt Beethoven: „Uns alle erfüllt nichts als das reine Gefühl der Vaterlandsliebe und des freudigen Opfers unserer Kräfte für diejenigen, die uns so viel geopfert haben.“

Die Apotheose der Freiheit wird in seiner Siebten Symphonie als Apotheose des Tanzes, der freien, der ekstatischen Bewegung zelebriert. „Alles Ungestüm, alles Sehnen und Toben des Herzens wird hier zum wonnigen Übermuthe der Freude“, schrieb bewundernd Richard Wagner, „diese Symphonie ist (...) der Tanz nach seinem höchsten Wesen, die seligste That der in den Tönen gleichsam idealisch verkörperten Leibesbewegung.“

Bei Kent Nagano und dem OSM erscheint das Dionysische vor allem klangschön verpackt. Ja, es gibt einen Übermut der Freude schon im ersten Satz, aber oft wirkt er wie befreit von tieferen Leidenschaften, atemlos, fast ein bisschen hektisch. Das Allegretto des zweiten Satzes wird unter Naganos Stabführung nicht zu einem Trauermarsch, sondern eher zu einer nachdenklichen Pilger-Prozession.

Was als Idee im Trio des explosiv angepackten Presto-Scherzos durch das Zitat eines Wallfahrerlieds fortgeführt wird, bis die fünf finalen Orchesterschläge den Weg bereiten zum ekstatischen Allegro-con-brio-Finale mit seinen auftürmenden, einander überrollenden und sich brechenden Wogen aufgewühlter Freude – körperlich spürbar, bis es keine Steigerungsmöglichkeiten mehr gibt, eine Hymne an das freie Leben ohne Regeln und Zwänge, eine heißblütige, erschöpfende Absage an diktatorische Ideen.

Die von Kent Nagano geleitete Aufnahme wirkt auch hier wie gereinigt von solchen aus der Historie abgeleiteten Affekten, es bleibt der schiere Notentext, akkurat gespielt wird. Nagano und sein OSM musizieren Fakten und nicht Gefühle. Das ist ein erfrischender, fast schon verstörend sachlicher Zugang zu den allbekannten Beethoven-Symphonien. Man wird als Hörer nicht hineingezogen in die Interpretation, besser: in eine bestimmte Interpretation, die leidenschaftlich Partei nähme für eine bestimmte Sichtweise.

Es wirkt andererseits aber auch immer distanziert – als würden die Stücke von außen betrachtet und daraufhin befragt, was an Affekten, an Emotionen sie wohl auszudrücken imstande wären. Das hilft beim Hineinhören in den Notentext, der in vielen Nuancen neu erlebbar wird. Nagano befreit Beethoven vom interpretatorischen Ballast, der sich aus unzähligen Aufnahmen in die Gehirnwindungen des Publikum gefräst hat.
Und das ist vielleicht der größte Reiz dieser Aufnahmen: dass Nagano die musikalischen Projektionsflächen wieder freischaufelt und die Reset-Taste für eine neue Sicht auf Beethoven drückt.


Beethoven: Departure – Utopia. Symphonies Nos. 1 & 7.
Kent Nagano und das Orchestre Symphonique de Montréal.
Sony Classical 8884 3036 172

Hörbeispiele aus allen Sätzen der CD

Header: Kent Nagano. Foto: Felix Broede
Cd-Cover

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Kolumne > CDs KlassikKompass > Beethoven: Departure – Utopia. Symphonies N...

Mehr auf KulturPort.De

Anime: Psycho Pass – Sinners of the System
 Anime: Psycho Pass – Sinners of the System



Ein spannender Cyperpunk-Thriller, angesiedelt im 21ten Jahrhundert und gepaart mit actiongeladener Science-Fiction erzählt von drei verschiedenen Fällen rund  [ ... ]



Die letzten zehn Tage im Leben einer Ikone: „Ach, Virginia“. Ein Roman über Virginia Woolf
 Die letzten zehn Tage im Leben einer Ikone: „Ach, Virginia“. Ein Roman über Virginia Woolf



Virginia Woolf (1882-1941) ist eine Ikone der literarischen Moderne. Wie kaum eine andere Frau ihrer Zeit steht sie für das Ringen um Eigenständigkeit und Raum [ ... ]



BuchDruckKunst 2020 – Das Magazin
 BuchDruckKunst 2020 – Das Magazin



Menschen, Bücher, Sensationen: An diesem Wochenende, vom 27. bis 29. März 2020, sollte die renommierte BuchDruckKunst im Museum der Arbeit stattfinden. Ein Hig [ ... ]



Eoin Moore und Anika Wangard – eine Begegnung
 Eoin Moore und Anika Wangard – eine Begegnung



Eigentlich bin ich nicht besonders scharf auf Krimis. Wenn sie allerdings sehr gut sind, relativiert sich das. Wahrscheinlich befinde ich mich tief im Mainstream [ ... ]



„Waves” – Trey Edward Shults’ Opulenz der Emotionen
 „Waves” – Trey Edward Shults’ Opulenz der Emotionen



„Waves” ist ein visuell waghalsiger Kraftakt, überwältigend, mitreißend, voller Zärtlichkeit, trügerischer Hoffnungen und zerborstener Träume. US-Regis [ ... ]



Egon Friedell: Der Schatten der Antike
 Egon Friedell: Der Schatten der Antike



82 Jahre nach dem Freitod Egon Friedells liegt – endlich! – das letzte Kapitel seiner „Kulturgeschichte des Altertums“ vor, und jeder, dem die Gedanken d [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.