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Tschaikowsky: Eugen Onegin - Paraderolle für Anna Netrebko

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Donnerstag, den 01. Mai 2014 um 12:02 Uhr
Tschaikowsky: Eugen Onegin aus der Met

Die Metropolitan Opera in New York hat die Nase weit vorn, wenn es um’s globale Marketing geht. Kinos in aller Welt bringen Live-Übertragungen von dort auf ihre Leinwände, Fernsehstationen senden, und ein weiteres Puzzle-Teil sind die DVDs, auf denen zum Beispiel die Opening Nights verfügbar gemacht werden.

So wie jetzt Tschaikowskys „Eugen Onegin“, dessen aktuelle Inszenierung die Saison 2013/14 eröffnete – der TV-Mitschnitt ist jetzt im Programm der Deutschen Grammophon veröffentlicht. Große Besetzung, natürlich: Mariusz Kwiecin singt den Onegin, der aus der großen Welt auf das verschlafene Landgut der Larinas fällt, Piotr Beczala seinen Freund Lenski, am Pult steht der Valery Gergiev und die Rolle der Tatjana hat Anna Netrebko übernommen – ein halbes Jahr nach ihrem fulminanten Rollendebüt an der Wiener Staatsoper.

Tschaikowskys 1878 geschriebene Oper nach Alexander Puschkins zwischen 1823 und 1830 entstandenem Versepos „Eugen Onegin“ ist eine über die Zeiten gültige Parabel vom Verkennen von Liebeschancen, von Lebensentscheidungen, die – einmal getroffen – nicht revidierbar sind, vom Gefühlssturm aufblühender Liebe, der sich das Leben in den Weg stellt. Ein grundmelancholisches Werk, das Tiefen und Untiefen der russischen Seele wunderbar auslotet

DVD Cover Eugen OneginDie Metropolitan Opera ist kein Opernhaus, dass durch übertrieben modernistische Inszenierungen von sich Reden macht, „die Oper als Kostümparty“ lautet noch eines der milderen Urteile über den Ausstattungsprunk, der auf der Bühne getrieben wird. Auch dieser „Onegin“ ist von Regisseurin Deborah Warner so gestrickt, dass jeder darin seinen Klassiker wiedererkennen kann. Ein Hauch Tschechov, die Langeweile auf dem Lande, große Roben, Wintergarten, dräuende Ödnis fürs Duell. Wirklich spannend wird das, weil die Kamera sich mitten im Geschehen bewegt und feinste, psychologisch sehr genau gezeichnete Nuancen der Mimik und kleinste Gesten einfängt, die wahr machen, was da gespielt wird – der achtlos auf den Tisch geworfene Hut, mit dem Onegin demonstriert, dass er schon beim ersten Besuch seine eigenen Regeln macht und nicht im Traum daran denkt, sich in ein festes Gefüge bürgerlicher Konvention ziehen zu lassen. Der Apfel, in den er nach der spöttischen Zurückweisung von Tatjanas Liebe so herzhaft wie herzlos beißt.

Optisch werden keine großen Überraschungen präsentiert; in der Musik schon. An erster Stelle zu nennen: Anna Netrebko, die lange gewartet hat, bevor sie die Tatjana in ihr Repertoire aufgenommen hat. Eine kluge Entscheidung, denn ihre Stimme ist besonders in den mittleren und tiefen Lagen gewachsen, sie singt die lyrischen Passagen ebenso überzeugend wie die von dunkler, erwachender Leidenschaft durchglühten. Gut zu hören ist das in der berühmten Briefszene, in der Tatjana dem vorgeblichen Weltmann Onegin, der ihre Gefühle aufgewühlt hat und ihre Fantasien beflügelt, in einem Brief ihre Liebe gesteht. 2006 war der Auftritt der Schlusspunkt ihres „Russian Album“. Im Vergleich zur Met-Aufführung klingt ihre Stimme dort noch – begleitet von Gergiev, mit dem Mariinsky-Orchester – eher kühl kalkuliert und bloß behauptet. Jetzt, mit 43 Jahren, singt sie das so, dass es in einer großen Palette von Klangfarben und in allen Nuancen gelebt, geliebt, gelitten ist, von den sanften lyrischen Träumereien bis zu den großen dramatischen, zweifelnden und verzweifelten Ausbrüchen.

Dass Anna Netrebko außerdem schon immer für ihre enorme Spielfreude bekannt war, macht die Tatjana zu einer Paraderolle für die Russin, die heute in Wien lebt. Sehenswert, wie sie sich vom scheuen, etwas pummeligen und von unerfahrenen Gefühlen gebeutelten Bücherwurm auf dem Lande zur stattlichen, immer noch berührbaren, aber prinzipienfesten und allen Versuchungen zum Trotz treuen Generalsgattin entwickelt.

Ihr Widerpart als Onegin ist Mariusz Kwiecin, ein schlanker, federnder, gefährlich glitzernder Bariton. Kwiecin gibt weniger den kühlen Verführer als einen planlos Getriebenen, der alles auskosten möchte und sich selbst immer weiter nicht nur ins gesellschaftliche, sondern auch gefühlsmäßige Abseits manövriert. Wunderbar aufregend sein passgenaues Zusammenspiel mit Anna Netrebko bis zu seinem Zusammenbruch am Ende, als sie ihn zurückweist und nach einem leidenschaftlichen Kuss in seiner erschütternden Einsamkeit stehen lässt.

Großartiger noch singt Piotr Beczala die Tenorpartie des Lenski, der in Tatjanas Schwester Olga verliebt ist, sie nach Onegins ungalanten Annäherungen verstößt, den manischen Verführer zum Duell fordert, in dem er stirbt (ähnlich und aus ähnlichem Grund wie sein poetischer Erfinder Puschkin, der 1837 in St. Petersburg in einem Duell tödlich verwundet wurde). Beczala singt sich mit bezaubernden Liebesschwüren ebenso ins Herz des Publikum wie mit seiner ungezügelt rasenden, hochdramatischen Eifersucht und seinen dunkel-lyrischen Todesahnungen.

Tschaikowskys Musik liefert Gergiev mit dem Metropolitan Opera Orchestra in einer wahrhaft opulenten Version zu, er bettet die Stimmen fugenlos und sehr elegant in das Gefühlsgewebe von Tschaikowskys Tonsprache ein, trägt, sie, fordert sie, führt sie zu dramatischen Gipfeln, um dann ebenso selbstverständlich die Ausflüge in die gehobene Salon- und Ballettmusik zu absolvieren, die als Soundtrack zum gesellschaftlichen Leben und Grundton der gehobenen russischen Gesellschaft immer mitzudenken ist. Er kann den Orchesterklang aber auch weit zurückfahren, so dass fast versponnene Erinnerungen aus dem Graben heraufwehen; besser kann man Tschaikowsky, den Sehnsuchts- und Ahnungsvollen mit seinen birkenwäldchenhellen Aufheiterungen zwischen all den Düsternissen kaum dirigieren. Und so wird aus der New Yorker „Kostümparty“ eine große, sehens- und hörenswerte Oper.

Tschaikowsky: Eugen Onegin.
2 DVDs, Deutsche Grammophon Nr. 073 5114

Ausschnitt aus der DVD

Deborah Wagner spricht über Tschaikowsky. (in engl. Sprache)

Abbildungsnachweis:
Header: Foto: Lee Broomfield/Metropolitan Opera, N.Y.
DVD-Cover. (c) Deutsche Grammophon

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