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Annika Treutler – „Viktor Ullmann: Klavierkonzert, Op. 25 und Klaviersonaten Nr. 3 & 7"

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Montag, den 10. Februar 2020 um 08:29 Uhr
Annika Treutler – „Viktor Ullmann: Klavierkonzert, Op. 25 und Klaviersonaten Nr. 3 & 7

Man wüsste gern, wie diese Musik geklungen hat. „Huttens letzte Tage“ zum Beispiel, eine lyrische Symphonie für Tenor, Bariton und Orchester, op. 12. Viktor Ullmann begann just im selben Jahr 1936 mit der Komposition, als Richard Strauss und Carl Orff sich mächtig ins Zeug legten, um die Propaganda-Olympiade des Hitler-Staates auch musikalisch glänzen zu lassen.
Oder Ullmanns „Lieder des Prinzen Vogelfrei“, 1940 geschrieben nach Texten von Nietzsche. Oder das 1943/44 geschaffene, aber erst 1975 uraufgeführte Bühnenwerk „Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung“.

Viktor UllmannBei der Auflistung von Viktor Ullmanns (1898-1944) lyrischer Symphonie steht, wie neben vielen seiner anderen Werke im Hamburger Online „Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit“, der schlichte Vermerk: „Verschollen“. Dieses „Verschollen“ neben dem Werktitel – es zieht sich durch den gesamten, beeindruckenden Katalog von Ullmanns Kompositionen. Die NS-Kulturverfolger leisteten nach dem Einmarsch in Prag im Frühjahr 1939 ganze Arbeit. Jedenfalls fast. Denn erhalten blieben von seinem Schaffen immerhin einige Privatdrucke. Und ironischerweise knapp zwei Dutzend Stücke, die in seinen dunkelsten Jahren entstanden. Musik, die Ullmann in den zwei Jahren nach seiner Deportation 1942 ins „Vorzeige“-Konzentrationslager Theresienstadt komponierte, darunter ein Streichquartett, drei Klaviersonaten, Bühnenwerke und viele Lieder. Musik entstanden bereits im Schatten des gewaltsamen Todes.
1898 hineingeboren in eine Familie mit jüdischer Geschichte – aber schon seine Eltern waren konvertiert – geriet er mit dem Wachsen der Nazi-Repressionen ins Visier der Schergen, ohne dass ihn das zum Schweigen bringen konnte. Ullmann, der einst Kompositionsstudent von Arnold Schönberg war, arbeitete im Lauf seines Lebens als Komponist, Dirigent, Pianist, Publizist, Musikkritiker, Pädagoge. Lebte in Wien, leitete auch mal in Stuttgart eine anthroposophische Buchhandlung. Die allerdings sein Konto weit in den roten Bereich brachte und ihn dazu, nach Prag zu fliehen. Bis ihn die Nazis abholten. Und zwei Jahre später ermordeten. Im Theresienstädter Vorhof der Hölle des Vernichtungslagers Auschwitz, wohin man ihn 1942 brachte, organisierte er Musikevents wie ein Studio der Neuen Musik und sorgte für viele Aufführungen.

Die junge Pianistin Annika Treutler, die in Berlin lebt, hat getan, was diesem Viktor Ullmann gerecht wird: Sie spielte zwei seiner Klaviersonaten – Nr. 3 (1940) und Nr. 7 (1944) – sowie sein Klavierkonzert op. 25 ein. Musik, die es nach dem Willen der Nazis gar nicht mehr geben dürfte. Kennengelernt hatte sie Ullmanns Musik mit etwa 18 Jahren. Sie war fasziniert von der „unglaublich starken Aussage, ihrer ganz eigenen Sprache, ihrer unerschütterlichen positiven Kraft“. Ullmann schrieb einmal in einem Essay, den er „Goethe und Ghetto“ betitelte: „Zu betonen ist, dass ich in meiner musikalischen Arbeit durch Theresienstadt gefördert und nicht etwa gehemmt worden bin, dass wir keineswegs bloß an Babylons Wasserflüssen saßen, und dass unser Kulturwille unserem Lebenswillen adäquat war.“ Ein bitterer Optimismus, der die Mörder allerdings kaum beeindruckte. Sie vernichteten im Oktober 1944 den Komponisten und mit ihm viele andere Kulturschaffende aus dem so genannten „Künstler-Transport“ – unter ihnen etwa Brechts Premieren-Mackie-Messer Kurt Gerron.

Was der Musikwelt da entrissen wurde, lässt sich in den drei Werken auf Annika Treutlers CDs gut studieren: in den hochrepetitiven Passagen seines Klavierkonzerts aus dem Jahr 1939 mit seinen harschen Akzentsetzungen (Strawinsky lässt grüßen) über melancholisch spätest-romantische Gefühle, die eine direkte Fortentwicklung von Wagners leidenschaftlicher, sinnlicher Liebes- und Schmerzensmusik in „Tristan und Isolde“ sein könnte, hin zu Mahler oder zum Spiel mit der sektperlenden Leichtigkeit Mozarts im letzten, einem verblüffenden Variationen-Satz der 3. Klaviersonate aus 1940. Letztere dokumentiert seine Suche „nach einem Zwölftonsystem auf tonaler Basis“, auf der er sich zunächst seinem Lehrer Arnold Schönberg zuwandte, um sich später daran zu machen, „die Kluft zwischen der romantischen und der ‚atonalen‘ aufzufüllen“.

Annika Treutler – Viktor Ullmann: Klavierkonzert, Op. 25 und Klaviersonaten Nr. 3 & 7 COVERUllmann betreibt eine manchmal überraschende, manchmal verstörende Suche nach Neuem, als würde er mit Gewalt nachsehen wollen, was in den vielen Knospen der neuen Musik wohl noch verborgen sein könnte. Sein letztes vollendetes Werk, die Klaviersonate Nr. 7, entstand im August 1944, sechs Monate, bevor Auschwitz befreit wurde; die CD von Annika Treutler erschien nun pünktlich zum 75. Jahrestag. Doch die Befreiung kam zu spät für Viktor Ullmann und die Millionen Anderen, denen dort ihr Leben geraubt wurde. Seine letzte Klaviersonate ist im Grunde die Keimzelle für ein großes symphonisches Werk, das Ullmann spickte mit autobiographischen Anspielungen; in dieser Musik am Rande des Abgrunds gibt es Walzerseligkeit, sentimentale Operettenklänge, Variationen und Fuge über ein hebräisches Volkslied, einen protestantischen Choral und auch die Namensnoten des von ihm verehrten B-A-C-H. Eine erhebliche Herausforderung für die Pianistin, in dem Klavierkonzert gemeinsam mit dem Rundfunk Symphonie Orchester Berlin unter Stephan Frucht.
Annika Treutler hat sich dreier Werke Ullmanns angenommen. Nichts Besonderes, möchte man meinen angesichts der langen Listen aufgenommener Ullmann-Werke, die ihm gleichwohl kaum den Sprung zurück ins regelmäßig gespielte Repertoire ermöglichten. Aber Treutler lässt ihre Interpretation zu einer Sternstunde werden. Sie zieht ihre Kraft eben nicht allein aus dem Blick auf das grausame Schicksal des Komponisten. Wenn sie spielt, vergisst man beinahe, was ihm widerfuhr – Drangsalierung in Theresienstadt, Deportation nach Auschwitz, Ermordung in der Todesfabrik. Und sicher ist das die passende Würdigung und Verneigung vor seinem Werk und Schicksal – zu zeigen, welch begnadete und mitreißende Musik er geschrieben hat und eine Ahnung geben davon, was alles noch in den unbekannten Werken zu entdecken wäre, von denen nur der Titel geblieben ist und das bittere „Verschollen“. Und sie vor allem so gut aufzunehmen, wie es nur möglich ist. Hier mit der Hilfe des Siemens Arts Programms gleich viermal in einer neuartigen, transportablen 3-D-Raumakustik, die Ullmanns Ideen funkeln lassen, wo immer sie erklingen werden.

Seine Musik, das führt diese CD grandios vor, war für Ullmann das pralle Leben, das hier durch neues Hören aufgeschlossen und ausgelotet wird. Und man fragt sich unwillkürlich: Was, wenn er nicht ermordet worden wäre, welchen Platz im deutschen und europäischen Musikleben nähme er dann heute ein? Welche Opern, Symphonien, Kammermusik, Lieder und Oratorien hätte er noch schreiben wollen?
Und so, wie seine Musik immer nur ein Anfang ist, auf den ein weiterer und dann viele andere folgen, so soll auch die CD mehr sein als nur konservierte Musik: der Kristallisationspunkt eines Projekts, in dem Annika Treutler zusammen mit anderen Musikern Jugendliche in Schulen besucht um sie über die Musik und die Geschichte Viktor Ullmanns in der Idee zu bestärken, dass sich Geschichte nicht wiederholen muss, wenn man bereit ist etwas zu tun für eine offene, kreative Gesellschaft. Das gehörte schon zu Lars Vogts Projekt „Rhapsody in School“, das gab nun den Anstoß für die CD mit den Werken Ullmanns, und das geht nun in dem Projekt #respondinmusic weiter. Da sind Künstler, da ist Musik, die sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stellen. Man darf sicher sein: Da wäre auch Viktor Ullmann von Herzen dabei gewesen.

„Viktor Ullmann: Klavierkonzert, Op. 25 und Klaviersonaten Nr. 3 & 7"

Annika Treutler (Klavier) am Flügel. Dabei ist das Rundfunk Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Stephan Frucht.
1 CD, 1 BluRay
Label: Berlin Classics.
EAN: 885470014630
Weitere Informationen und Making-of-Video


Abbildungsnachweis.
Headerfoto: Portrait Annika Treutler. © Neda Navae
Portrait Viktor Ullmann. Quelle: Wikipedia Common Domain. Fotograf unbekannt.
CD-Cover

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