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Carion Quintet  Foto Janis Deinats

Eine der schönsten Tatsachen ist, dass man auch im 21. Jahrhundert Kunst, Musik und Literatur entdecken kann, von denen man zuvor noch gar nichts gesehen, gehört und gelesen hat. Das gilt in diesem Fall für die Musik, die entweder in der Vergangenheit aus irgendwelchen Gründen verfemt war oder die Jahrzehnte jenseits – zumindest vom Westen aus gesehen – der Eisernen Vorhangseite gelegen hat.

Insofern ist das neue Album des in Dänemark beheimaten Carion Quintets eine Besonderheit und eine inhaltliche Entdeckung zugleich. Gemischt aus dänischen und lettischen Musikern präsentieren die fünf Bläser zeitgenössische lettische Komponisten. Der Titel der CD „Northwind“ verspricht ein eher raues Lüftchen, nass und kalt, aber weit gefehlt, es wird dem Hörer wohlig warm ums Herz! Dieser Nordwind ist elegant, schön, ein wenig impressionistisch und poetisch dazu. Die lettische Sprache umschreibt „Schönheit“, übrigens intensiver als im Deutschen, nicht allein als gutaussehend, sondern auch als harmonisches Miteinander, und im Einklang stehend.

Klarinettist Egīls Šēfers arbeitet zudem als Geschäftsführer des vor einem Jahrzehnt gegründeten lettischen Labels SKANI – Sound of Latvia, das sich sich damit einen Namen macht, Komponisten und Musikgut des kleinen baltischen Staates zu fördern, zu produzieren und vor allem zu publizieren.

Carion Quintet Northwind CoverDer in Riga geborene Imants Zemzaris (*1951) ist ein Komponist, der neben Kammer- und Vokalmusik auch für die Oper arbeitet. Filmmusik gehört ebenfalls in sein Repertoire. Seine vier Präludien nach einem Thema von Alfrēds Kalniņš (1879-1951) sind hinreißend. Obwohl Zemzaris dafür bekannt ist, dass er sich gerne trivialem und einfachem Musikmaterial bedient, steht diese 1981 entstandene Komposition nicht so klar dafür. Das Stück von Kalniņš ist ein vertonter Luther-Choral „Fang dein Werk mit Jesus an“ auf den sich sein junger Kollege bezieht und in Reihung fortsetzt. Zemzaris selbst schrieb dazu: „Im Laufe der Entwicklung werden Elemente beleuchtet und bearbeitet, die sich um das Thema herumbewegen: Gegenstimmen, ein rhythmischer Puls, Stimmungen, ein Text zwischen den Zeilen.“
„Balss“, die zweite Komposition kommt ganz ohne Virtuosität aus. Der Titel bedeutet aus dem Lettischen übersetzt so viel wie Stimme, Tönen oder auch Bellen. 1985 entstanden, bezieht sich der Komponist, der übrigens auch ein sehr guter Pianist ist, einerseits in der Einfachheit auf Volkslieder sowie auf Minimalmusik. Das Klarinettensolo beginnt sanft melancholisch und schwingt sich wie ein Vogel empor über die naturverwöhnte lettische Landschaft.

Pēteris Plakidis (*1947) steht für polyphones Dialogprinzip, er lässt also die Instrumente der mehrstimmigen Komposition in einen gleichberechtigten Dialog treten, ohne die Individualität zu vergessen. Dieses künstlerische Kompositionsideal, das insbesondere im 15. und 16. Jahrhundert seine Blütezeit hatte, ist ein wenig in Vergessenheit geraten. Das Carion Quintet interpretiert „Präludium und Pulsation“ für Bläserquintett sowie die „Zwei Skizzen“ für Solo-Oboe, was zwar klanglich sehr gut funktioniert aber aus der Vielstimmigkeit wird ein Monolog und konterkariert die kompositorische Absicht.

Zum Abschluss finden sich zwei Werke von Pēteris Vasks (*1946) auf „Northwind“: „Musik für wegziehende Vögel“ und „Musik für einen verschiedenen Freund“.
Vasks begann bereits in den 1970er-Jahren landschaftliche Motive und freiheitsliebende Tiere in seinen Kompositionstiteln zu verwenden. Im Grunde sind dies aber Metaphern für die Freiheit an sich. Vasks ist nämlich den Letten (und Balten überhaupt) deshalb so lieb und teuer, weil er verklausuliert auf die Unterdrückung durch Sowjet-Russland hinwies und das Leiden unterjochter Völker auszudrücken vermochte.
So entstehen gleich multiple lyrische Bilder vor dem inneren Auge, von Vogelschwärmen, die aufflattern und sich gen Süden aufmachen sowie das Gefühl von dramatischer Zerrissenheit und dem Aufbegehren gegen Widerstände.
Obwohl sich auch eine Dramatik im Verlust eines Freundes (der in einem Feuer umkam) ausdrückt ist hier die Bewegungsrichtung eher ins Innere gerichtet. Vasks lässt den Hörer bis ins Mark emotional teilnehmen, zieht ihn hinein in den einmal still leidenden, mal aufgewühlten Stimmungskanon.
Der Komponist arbeitete vor Ort bei den Aufnahmen höchst selbst mit dem Quintett und studierte ein.

Musikalisch und interpretatorisch werden die fünf Musiker von Carion den Komponisten mehr als gerecht. Sie sind bei fast allen Stücken eng am Original und erzählen eine noch viel zu unbekannte Geschichte von hörenswerten lettischen Komponisten.

Carion Quintet: „Northwind"
Dóra Seres, Flöte, Piccolo / Egils Upatnieks, Oboe / Egīls Šēfers, Klarinette / David M.A.P. Palmquist, Horn / Niels Anders Vedsten Larsen, Fagott
Label: SKANI
VÖ: 28.4.2017
EAN: 4751025440192

Imants Zemzaris
- Vier Präludien über ein Thema von Alfrēds Kalniņš
- Balss für Klarinette (solo)
Pēteris Plakidis
- Präludium und Pulsation
- Zwei Skizzen für Oboe (solo)
Pēteris Vasks
- Musik für wegziehende Vögel
- Musik für einen verschiedenen Freund

YouTube-Video:
Carion Northwind CD teaser
Carion Northwind CD interviews


Abbildungsnachweis:
Header: Carion Quintet. Foto: Janis Deinarts
CD-Cover
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