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Cembalo explosiv: Jean Rondeau spielt Bach und Söhne

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Montag, den 13. März 2017 um 09:51 Uhr
Cembalo explosiv: Jean Rondeau spielt Bach und Söhne 4.3 out of 5 based on 90 votes.
Cembalo explosiv Jean Rondeau spielt Bach und Söhne Foto Katie Baillot

Bach auf dem Cembalo wird wieder aufregende zeitgenössische Musik, wenn Jean Rondeau, der junge Franzose mit der Elektroschock-Frisur, in die Tasten greift. Sein neues Album: Dynastie – mitreißende Kammerkonzerte von höchster Brillanz.

Der Autor war sechs Jahre alt, als er bei seiner Blockflötenlehrerin neben einem russischen Märchenbuch mit fantastischen Geschichten und Illustrationen ihr Cembalo entdeckte. Das Instrument, bei dem die Töne, hatte man den leichten Widerstand der Tasten überwunden, zart gezupft daherkamen, träumerisch, poetisch und doch energisch. Ein versponnener Klang, der süchtig macht, der einen nicht mehr loslässt. Fortan lernte ich Blockflöte, um ein paar Töne auf dem geheimnisvollen Instrument zu spielen, dessen weiße Tasten schwarz und dessen schwarze Tasten weiß waren. Darauf spielen zu lernen, blieb unerfüllte Sehnsucht.
Jean Rondeau, dem gerade mal 25 Jahre jungen Cembalo-Meister aus Frankreich, muss es ähnlich gegangen sein. Nur dass er das gezupfte Klangrätsel zuerst im Radio hörte, als es ihn packte. In einem Interview mit dem britischen „Independent“ erzählt er über sein Erweckungserlebnis, ebenfalls im Alter von sechs Jahren: „Ich wusste nicht, was das war, aber ich sagte zu meinen Eltern: Diesen Klang will ich auch machen. Ich wusste nicht mal, wie dieses Instrument aussah oder wie es heißt. Es ist sehr attraktiv für ein Kind, gefühlvoll, sehr delikat.“

Auch Jazz und Filmmusik sind ihm nicht fremd
Rondeau macht sich daran, das Instrument zu lernen. Und mit 21 Jahren wird er einer der jüngsten Gewinner des Cembalo-Wettbewerbs des Musica Antiqua Festivals 2012 in Brügge. Und heimst weitere renommierte Preise ein. Realisiert auch, dass das Cembalo nicht nur in der Alten Musik eine große Rolle spielt, sondern dass auch Rockgrößen wie die Beatles, die Rolling Stones, Queen und Led Zeppelin den feinen Klang schätzten und verwendet haben. „Es kann einfach eine Menge“, sagt Rondeau, der neben der Klassik durchaus Jazz und Improvisation schätzt und erst kürzlich einen Ausflug in die Filmmusik absolviert hat: Er schrieb die Musik zu Christian Schwochows „Paula“, dem Film über Paula Modersohn-Becker.

Jean Rondeau Foto Edouard-BressyDas Cembalo bleibt aber seine Leidenschaft, zu hören auf inzwischen drei CDs bei Erato/Warner Classics. Die erste, „Imagine“, versammelt Bach-Werke, neben dem Italienischen Konzert Transkriptionen von Kompositionen für Laute oder Lautenklavier, für Violine und für Flöte. Noch hört man hier den großen Respekt des Künstlers vor dem, was Bach schrieb und zum Beispiel ein Brahms – die berühmte Chaconne aus der d-Moll-Partita für Violine solo – für Klavier bearbeitete. Überragende Technik, vor allem aber die Idee, dass das Cembalo weit mehr sein kann als die tönende Nähmaschine, eine fast überwundene Fehlentwicklung der Instrumentengeschichte, wofür es ignorante Zeitgenossen bis heute halten. Man spürt eine Menge Energie, die in den Händen dieses jungen Cembalisten steckt – genau das, was auch seine wilde Frisur ausstrahlt, die aussieht, als hätte er dafür am Morgen mal eben zwei Finger in die Steckdose gehalten.

Derzeit nur bei amazon.fr zu erhalten, aber hoch spannend und noch in diesem Jahr auch für Deutschland avisiert ist „Vertigo“, eine CD mit Werken von Jean-Philippe Rameau und Pancrace Royer. Sie haben Feuer, romantische Attitüden, donnernde Märsche, sehnsüchtige Lockrufe der Liebe, abgrundtief melancholische Erinnerungen – hier spürt man, warum das Cembalo nie völlig vom modernen Klavier verdrängt wurde: Es hat zwar nur wenige Klangabstufungen, aber eine Unendlichkeit von Verzierungen allergrößter Finesse.

Neueste Veröffentlichung ist derzeit eine CD mit Konzerten von Johann Sebastian und seinen komponierenden Söhnen Wilhelm Friedemann, Carl Philipp Emanuel und Johann Christian. Und wir erleben einen völlig losgelösten Jean Rondeau, der diese grundverschiedenen Werke so zu Gehör bringt, als sei erst gestern die Tinte trocken geworden. So zupackend, überraschend, mitreißend muss es geklungen haben, vielleicht im berühmten Leipziger Zimmermannische Caffe-Hauß, als diese Konzerte noch moderne Musik waren und sich ihr Publikum durchaus von Connaisseurs zum ersten Mal erobern mussten. Dabei fügt sich Rondeaus Cembalo in eine feine Mélange von fünf Streichern und einem Fagott. Höchste Transparenz ergibt das einerseits, und explosive Kammermusik zugleich.

Herzzerreißende Seufzer und unerhörte Harmonien
Rondeau treibt im ersten Satz von Bach Seniors Klavierkonzert d-Moll BWV 1052 vibrierend und düster. Bei Johann Christians f-Moll-Konzert besorgt es einen pochenden Anfang und liefert eine fulminante Kadenz. Der zweite Satz könnte von Gluck stammen, der dritte sorgt ganz virtuos für hellere Farben.

Auf Wilhelm Friedemanns delikat gespieltes „Lamento“ mit ihren herzzerreißenden Seufzern folgt Johann Sebastians f-Moll-Konzert BWV 1056, dem Rondeau viel Zeit und moderates Tempo gibt, um sich zu entfalten. Im Largo hört man unschwer den Vivaldi heraus, dessen Werke Bach in Leipzig penibel studiert hat. Rondeau kostet jede Note aus. Und notiert im Booklet, was beim Anhören der CD unmittelbar einsichtig wird: „Denn der Schatten Johann Sebastians, das ist ein Boden der Moderne, der Kühnheit, der Ort musikalischen Elans schlechthin. Man möchte sich dorthin zurückziehen, in diesen Schatten, um dort die Frische des Ursprungs wiederzufinden, den keine Neuerung erschüttern kann.“

Unmittelbar danach zu spüren im d-Moll-Konzert des überschäumenden Neuerers Carl Philipp Emanuel, ein Wilder wie Jean Rondeau, der unerhörte Wendungen der Harmonie komponiert, raubauzig mit einem Bein beim Vater steht und mit dem anderen schon erste Haltepunkte weit in der Zukunft ertastet. Der verträumte Melodien schreibt, kühne Chromatik. Genau der richtige Stoff für Rondeau, der hier eine CD vorlegt, bei der man für Momente das Atmen vergisst – so aufregend ist all das, was dieser Bach-Clan ausgetüftelt hat und das Rondeau vom jedem Staubkorn befreit hat – zu hören ist pulsierende Musik, die das Leben selbst ist.


Jean Rondeau: Bach Dynastie – Harpsichord Concertos
CD Erato/Warner
0190 2958 88466

Jean Rondeau: Vertigo – Cembalomusik von Rameau und Royer
CD Erato
0825 6469 74580

Jean Rondeau: Bach Imagine – Cembalomusik von J.S. Bach
CD Warner/Erato
0825 6462 20090

YouTube Videos:
Jean Rondeau plays Bach on his debut album 'IMAGINE'
Jean Rondeau - Jean-Philippe Rameau - Nouvelles Suites de Pièces de clavecin (1727)
Bach: Harpsichord Concerto No.1 in D Minor BWV 1052 (Jean Rondeau: Dynastie)


Abbildungsnachweis:
Header: Jean Rondeau an einem historischen Cembalo. Foto: Katie Baillot
Jean Rondeau. Foto: Edouard Bressy

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