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CDs KlassikKompass

Dürfen Tenöre Hamburg-Lieder singen?

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Dienstag, den 18. Oktober 2016 um 09:19 Uhr
Dürfen Tenöre Hamburg-Lieder singen? 4.1 out of 5 based on 65 votes.
Dürfen Tenöre Hamburg-Lieder singen? Daniel Behle

Daniel Behle, lyrischer Tenor, Jahrgang 1974, steht längst auf den größten Bühnen. Covent Garden, Semperoper, Concertgebouw Amsterdam, Konzerthaus Wien, Festspielhaus Bayreuth und bald auch Elbphilharmonie. Doch das Band des Hamburgers zu seiner Heimatstadt hat gehalten. Seine neue CD heißt „Mein Hamburg“ – es sind ganz besondere Hafen- und Hamburg-Lieder.

Reicht es nicht, dass Hans Albers den in der weichen Seele vernarbten Seemann gibt, nach der Freiheit runter und die Reeperbahn wieder rauf, nachts um halb eins? Muss da tatsächlich einer kommen, der echt singen kann? Und das schöne, aber reichlich abgenudelte Repertoire mit Augenzwinkern und kristallklaren Spitzentönen ein wenig bereichert?
„Mein Hamburg“ nennt der Hamburger Jung Daniel Behle, inzwischen zuhause in der Schweiz und auf den großen Opernbühnen der Welt, sein neustes Kabinettstückchen, einen Gruß „An die schönste Stadt der Welt!“ Das Cover seemannsblau unterlegt, Kräne, Michel und Segelschiff, Köhlbrandbrücke und Elbphilharmonie dazugezeichnet. Mit ihm werfen die Leinen los das Schnyder Trio und Elbeblech im „Klabautermannquintett“.
Daniel Behle - mein HamburgEin intelligenter musikalischer Spaß. Auch wenn die 18 Titel mehrheitlich salzwasser- und seemannsgarn-affines Liedgut vermuten lassen, hat Behle zwischen Evergreens wie „Auf der Reeperbahn“, „Ob blond, ob braun“ oder „Kleine Möwe, flieg nach Helgoland“ immer wieder Opern- und Konzertarien geschmuggelt. Die heißen dann „Meine kleine Elbeschleuse“, „Schlicht an der Waterkant“, „Klaus Störtebeker“, „Kennt ihr schon Hamburg“, „FC St. Pauli“, „Ich bin stolz auf meinen Steinway“ oder „Ein Tor zur weiten Welt“.
Und klingen auch ohne Akkordeon schön hamburgisch, es sind aber eingemeindete U-Boote aus der großen weiten Welt eines Spitzentenors – man kann mit dieser CD herrlich „Erkennen Sie die Melodie?“ spielen sowie Klassik- und Hamburg-Fans gleichermaßen verwirren. Die kleine Elbeschleuse öffnet sich zur Musik von Dvoraks Humoreske op. 101, Nr.7. „Ob blond, ob braun“ stammt von dem großen Seemannskomponisten Robert Stolz, für „Schlicht an der Waterkant“ hat Behle die grandiose und höllenschwere Arie des Paris „Au Mont Ida“ aus Offenbachs „La Belle Hélène“ umgedichtet, der „Postillon von Lonjumeau“ wird zum Piraten Störtebeker, mit Strauss’ „Komm in die Gondel“ lockt Behle verführerisch zu einer Fahrt durch die Hamburger Fleete. Und Granada sieht ganz schön alt aus, wenn er losschmettert: „Kennt ihr schon Hamburg bei Nacht?“

Ein Lied für die gebeutelten St. Pauli-Fans
Behle dichtet munter drauf los – reim dich, oder ich hau dich! Dabei kommen dann so hübsche Verse raus wie: „Der Weltpokalbesieger ist schnell / und wird es abends am Millerntor ganz hell / dann zeigen wir den anderen Fans / wie man das Leder ins Tor schlenzt / Denn David ist mächtig und Goliath ist doof / das hat sich bewiesen auf unserem Hof / ... / FC St. Pauli, mein St. Pauli / du bist ja im Grunde genau wie die Frau, die /wie ich für mich hier konstatier / im Leben ich nie mehr verlier.“ Wäre doch `ne amtliche Maßnahme, wenn er nun vor jedem Spiel auf einen Hebekran stiege, um die Pauli-Elf damit aus dem Tabellentief herauszusingen!
Auch auf die Melodie von „Ein Lied geht um die Welt“ des unsterblichen Josef Schmidt ersetzt er den alten Text der ‚Comedian Harmonists‘ durch Eigenreime, in denen er alte Hamburg-Lied-Klischees aus mehreren Songs elegant zusammenstrickt: „Ein Tor zur weiten Welt“. Da heißt es dann im Refrain: „Auch wenn die Winde harsch, ist’s schön auf Geest und Marsch, auch wenn die Aussicht trübe, werde ich nimmer müde: Hamburg, du Perle, bleibst doch auf ewig mein!“ Allein dieses Lied reicht aus, die in der Überschrift gestellte Frage mit einem klaren „JA!“ zu beantworten
Ganz klar: Da hat jemand offensichtlich schwere Sehnsucht nach Astra, Fischmarkt und Matjesbrötchen. Und mit einigen seiner Titel könnte locker die Uralt-Jukebox jeder Hafenkneipe aufpeppen.

Behles nächste Hamburg-Auftritte sind allerdings wieder etwas ernster: Im Dezember kommt er am 15. und 16. zu Bachs „Weihnachtsoratorium“ in die Laeiszhalle, unter der Leitung von Thomas Hengelbrock, bevor er dann am 26. und 28. Mai in der neuen Elbphilharmonie den Loge in Wagners „Rheingold“ singt.
Aber im Frühjahr 2017, das hat Daniel Behle versprochen, geht er dann auf Tour mit „Mein Hamburg“.

Daniel Behle, Schnyder Trio, Elbeblech: „Mein Hamburg“
CD Berlin Classics
0300826BC.
Und wer es ein bisschen mehr Retro mag, bekommt sie auch auf Vinyl als LP.
Hörbeispiel: ‚Mein Hamburg‘
YouTube-Video: Daniel Behle „Mein Hamburg“


Abbildungsnachweis:
Headerfoto von Daniel Behle: Nancy Horowitz
CD-Cover

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