Neue Kommentare

Kentin Abalo zu „Assassination Nation” – Leinwandheldinnen in Zeiten von #MeToo : WAS FÜR EIN FOTO!!!
Großartig. Hoffe der...

Sybille zu Das Chinesenviertel auf Hamburg St. Pauli: Danke für den Beitrag. Ich sehe gerade den Film ...
Nikias Geschke zu „The Guilty”. Der beklemmende Minimalismus des Gustav Möller: Das klingt superspannend. Danke für den Tipp. ...
Harry zu „Otto. Die Ausstellung“: OTTO ist großartig. Ich wusste nicht, dass er ei...
Alex zu Film Festival Cologne - Von starken Spielfilmdebüts und schwächelnden Stars: Wer bist du? Halten Sie Ihre Meinung besser, wenn...

CDs KlassikKompass

Johann Sebastian Bach: Violin Concertos. Bachs Reise nach Italien

Drucken
(132 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Dienstag, den 06. Januar 2015 um 13:09 Uhr
Johann Sebastian Bach: Violin Concertos. Bachs Reise nach Italien 4.9 out of 5 based on 132 votes.
Johann Sebastian Bach: Violin Concertos - G. Carmignola

Acht Violinkonzerte soll Johann Sebastian Bach geschrieben haben. Neben den drei bekannten sind andere nur noch in den Umarbeitungen zu Cembalokonzerten erhalten oder als Arien mit anspruchsvoller Violinbegleitung aus Bachs Kirchenkantaten.
Vivaldi-Experte Giuliano Carmignola hat jetzt mit Concerto Köln fünf Bach-Konzerte eingespielt, darunter zwei akribisch rekonstruierte. Und ihnen noch ein gutes Stück venezianischer Lebensart mit auf den Weg gegeben.


Was wäre geschehen, hätte sich Johann Sebastian Bach in jungen Jahren nicht nur nach Lübeck und Hamburg aufgemacht, um dort von seinen Orgel-Idolen Buxtehude und Reinken zu lernen, sondern hätte er sich auch nach Süden gewendet? Wäre nach Venedig ausgebüchst, um dort den sieben Jahre älteren Antonio Vivaldi zu treffen und mit ihm an der Riva dei Schiavoni den einen und anderen Ombra zu nehmen, im Ospedale delle Pietá Vivaldis Mädchenorchester zu lauschen und sich von dem Meisterviolinisten in dessen Kompositionsgeheimnisse einweihen zu lassen.
So wie das 1716/17 Johann Georg Pisendel tat, Violinist in Leipzig und Dresden, der seine Italienreise von den sächsischen Kurfürsten bezahlt bekam – der klassische Bildungsurlaub. Bach kannte Pisendel, der immerhin dicke Notenbündel aus Italien mitbrachte. Bach kopierte Vivaldi für seine umfängliche Notenbibliothek voller zeitgenössischer Musik, und er studierte ihn intensiv, arbeitete Violinkonzerte von Vivaldi zu Cembalo- und Orgelkonzerten um.
Kann es da nur Zufall sein, dass Bachs eigene Violinkonzerte ausgerechnet zwischen 1717 und 1723 entstanden sind? Oder kam der Impuls dazu doch aus Pisendels anregenden Italien-Souvenirs aus der Hand Vivaldis? Gleich acht Violinkonzerte soll Bach komponiert haben. Drei davon sind als solche erhalten, die anderen gingen den Weg so mancher Bachscher Komposition: Sie wurden weitererarbeitet zu Cembalokonzerten oder in Kantaten recycelt.

J. S. Bach: Violin ConcertosUmso spannender ist die Aufnahme, die Giuliano Carmignola, der herausragende italienische Vivaldi-Interpret, mit Concerto Köln eingespielt hat. Natürlich mit den drei Klassikern a-Moll, E-Dur und dem Doppelkonzert d-Moll. Dazu kommen zwei Rückübertragungen der Cembalokonzerte BWV 1052 und 1056, für die Marco Serino sich akribisch mit den Umarbeitungsprinzipien Bachs auseinandergesetzt hat, um möglichst dicht wieder an die Originale heranzukommen.
Das allein wäre aber noch nicht sonderlich bemerkenswert, rekonstruierte Bach-Violinkonzerte gibt es schließlich seit 30 Jahren in den unterschiedlichsten Aufnahmen, etwa von Itzchak Perlman, Thomas Zehetmair, Viktoria Mullova oder Isabelle Faust.

Carmingolas Interpretationen sind dadurch besonders, dass bei ihm der anregende Geist Vivaldis den Bachschen Kompositionen eine Frischzellenkur italienischer Herkunft angedeihen lässt, die mit Blick auf die Entstehungsgeschichte der Werke mehr Berechtigung hat, als man auf den ersten Blick meinen möchte.

Fast schon ein Hauch von Tod in Venedig
Das beginnt mit den durchweg munteren Tempi, in denen die Konzerte nur mit fulminanter Technik zu meistern sind, wie sie auch Bach und Vivaldi selbst auf der Violine besessen haben. Und wenn der Vorhang norddeutscher Strenge erst einmal beiseite geschoben ist, verraten viele der Konzertsätze ihre geheime Neigung zum Tänzerischen. So beginnt der erste Satz des a-Moll-Konzerts, ein recht lebhaftes, spielerisches Allegro moderato. Das dann von einem wunderschönen, geheimnisvoll sehnsüchtig über dem strengen Ostinato des Passacaglia-Basses schwebenden Andante gefolgt wird – als wär’s fast schon ein Hauch von Tod in Venedig. Um im dritten Satz eine elegant beiläufige Virtuosität zu entwickeln.
Das E-Dur-Konzert wirkt an manchen Stellen ein bisschen atemlos und verhuscht im schnellen Tempo, was aber die kadenzartigen Übergänge umso eindrücklicher hervortreten lässt. Das Adagio setzt nicht auf Romantik, sie bleibt hier im Knospenstadium. Carmignola spielt das bewusst unterkühlt, so wie er auch den dritten Satz treibt, als wolle er die hellblau-kühle Klarheit eines venezianischen Frühlingsmorgens illustrieren.
Auch das Doppelkonzert befreit der Italiener von norddeutsch fugiertem Ernst durch sein keck pointiertes, dabei aber unprätentiöses Spiel mit Doppelpartnerin Mayumi Hirasaki. Die lässige Perfektion und Eleganz seiner Bogentechnik kann dabei ebenso bewundert werden wie die dezent glühende Emotionalität im Largo, in dem die beiden Violinen im wiegenden Siciliano-Rhythmus einander umwerben. Um sich dann im eng geführten Kanon des Allegro in einem gewagten „Fang-mich“-Spiel voller Biss und Witz auszutoben.

Soundtrack zur Gondelfahrt bei Sonnenuntergang
Auch die beiden rekonstruierten Konzerte sind mehr von italienischer Leichtigkeit geprägt als von alttestamentarischer Strenge – was die grandiosen Einfälle Bachs noch sehr viel plastischer und überraschender hervortreten lässt. Und auch sie enthalten echte Juwelen: den Mittelsatz des g-Moll-Konzerts BWV 1056 etwa, den Bach noch einmal verwendete als Sinfonia mit Oboe solo in der Kantate 156: „Ich steh mit einem Fuß im Grabe“. Bei Carmignola ist von Grab so gar nichts zu spüren, er schafft ganz neue Zusammenhänge, lässt jeden Ton leuchten und delikat verglühen, fügt galante Auszierungen dazu – so wird das Largo zum idealen Soundtrack für eine Gondelfahrt bei Sonnenuntergang.
Das abschließende d-Moll-Konzert führt – alle drei Sätze davon sind noch einmal in Kantaten weiter gewandert – noch einmal vor, was passieren kann, wenn Bach und Vivaldi, einige Ombre später, noch einmal dicht zusammenrücken, sich ihre feinsten Kunststückchen vorführen und jeder vom anderen das Beste übernimmt. Ein Feuerwerk überlegen-funkelnder Virtuosität, dargeboten mit einem fröhlichen Augenzwinkern.
Concerto Köln ist für so eine Begegnung das perfekte Begleitensemble. Es lässt sich mit Verve auf Carmignolas „Bach trifft Vivaldi“-Experiment ein. Was dabei herauskommt, lässt den späteren Thomaskantor Bach deutlich lockerer aussehen und man wünscht sich, er hätte tatsächlich eine italienische Studienreise absolvieren können.

J. S. Bach: Violin Concertos
Giuliano Carmignola (Violine), Concerto Köln. CD
Archiv Produktion DG
479 2695.

Hörbeispiele


Abbildeungsnachweis:

Headerfoto: Anna Carmignola DG
CD-Cover

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Kolumne > CDs KlassikKompass > Johann Sebastian Bach: Violin Concertos. Bach...

Mehr auf KulturPort.De

„add art 2018 – Hamburgs Wirtschaft öffnet Türen für Kunst"
 „add art 2018 – Hamburgs Wirtschaft öffnet Türen für Kunst



„Zu einem attraktiven Arbeitsplatz gehört auch eine ästhetische Umgebung“, sagt Caspar Philipp Woermann, Geschäftsführer von ims, Internationaler Medien  [ ... ]



100 Jahre Lettland: Handschuh-Daumen hoch
 100 Jahre Lettland: Handschuh-Daumen hoch



Eine Handschuh-Aktion passt wie die Faust aufs Auge, wenn die lettische Hauptstadt Riga, der baltische Staat Lettland und der Rest der Welt heute, am 18. Novembe [ ... ]



Peter de Vries – Hut- und Urnenhüllen-Macher
 Peter de Vries – Hut- und Urnenhüllen-Macher



Wie muss man sich eine Person vorstellen, die Freunde und Kollegen als „Naturereignis“ bezeichnen?
In jedem Fall als einen charismatischen Menschen mit üb [ ... ]



Maria Austria. Eine jüdische Fotografin aus Amsterdam in Berlin
 Maria Austria. Eine jüdische Fotografin aus Amsterdam in Berlin



Das Verborgene Museum in Berlin-Charlottenburg präsentiert bis zum 10. März 2019 Fotoarbeiten und Dokumente der niederländischen Fotografin Maria Austria (191 [ ... ]



„Cold War – Der Breitengrad der Liebe” - Oder die Magie einer schwarzen Leinwand
 „Cold War – Der Breitengrad der Liebe” - Oder die Magie einer schwarzen Leinwand



Paweł Pawlikowski hat das schwermütige, visuell atemberaubende Noir-Drama „Cold War” seinen Eltern gewidmet, deren stürmische On- und Off-Beziehung ihn zu [ ... ]



Madeleine Peyroux: Anthem
 Madeleine Peyroux: Anthem



Jazz oder nicht Jazz? – Was Madeleine Peyroux auf ihrem neuen Album präsentiert, ist relaxt und poetisch, warm und subtil, aber auch modern, überraschend luf [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.