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Carl Orff „Carmina Burana“: Triumph bewusster Einfachheit

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Donnerstag, den 13. November 2014 um 14:41 Uhr
Carl Orff „Carmina Burana“: Triumph bewusster Einfachheit 5.0 out of 5 based on 1 votes.
Carl Orffs Carmina Burana

Am 8. Juni 1937 wird in der Oper in Frankfurt/Main eine neue Musiktheater-Produktion uraufgeführt: „Carmina Burana. Cantiones profanae cantoribus et choris cantandae comitantibus intrumentis atque imaginibus magicis“ (übersetzt: Carmina Burana. Weltliche Kantaten für Sänger und Chöre begleitet von Instrumenten und magischen Bildern). Carl Orffs Werk wird die ganze Welt erobern. Jetzt hat es der Originalklang-Sucher Jos van Immerseel neu eingespielt.

Auch wenn Igor Stravinsky die „Carmina Burana“ ihrer Simplizität wegen als „neo-neandertalsche Schule“ verspottet und der „Völkische Beobachter“ damals sogar gefährliche „Jazzstimmung“ wittern will, loben andere: Orffs Musik wirke in der Simplizität ihrer Satztechnik monumentalisierend. Sie sei „ein Triumph bewusster Einfachheit“ – ein schönes Lob im Dritten Reich. Ein ähnlicher Streit flammt auch heute immer mal wieder auf: Sind die „Carmina“ megalomane Massen-Musik, oder sind sie genial simplifizierter Ausdruck der Moderne?

Carmina Burana CoverDer jüngste Audio-Beitrag zu dieser Debatte stammt vom belgischen Klangzauberer Jos van Immerseel, der mit seiner Suche nach Originalklang längst nicht bei Mozart und Beethoven halt macht, sondern auch bei Johann Strauss, Poulenc, Ravel oder eben Carl Orff nach der wahren Art sucht, den Intentionen des Komponisten so nahe wie möglich zukommen. Er befragt die Originalhandschriften und Zeitgenossen von Orff nach dessen Vorlieben und Prioritäten.

Die Streichinstrumente seines Orchesters Anima Aeterna (eine hübsche Latinisierung von Immerseel) sind mit Darmsaiten bespannt, die Trommeln und Pauken mit Fellen – historische Reverenzen. Immerseel legt wie Orff wert auf klarste Aussprache. Er reduziert die Chormassen auf 36 professionelle Sänger des Collegium Vocale Gent und 15 aus dem Königlichen Belgischen Knabenchor Cantate Domino. Das Orchester ist bei Immerseel nur noch 60 Musiker stark. Wobei die Streicher maximal sechsfach besetzt sind, was sie im Klang stark zurücknimmt und akustischen Raum schafft für Orffs ungewöhnliche Klangexperimente mit dahin unüblichen Kombinationen im Bläser- und Schlagzeugbereich. Das reduziert das süßliche Element der Musik und schärft die Klänge frisch an. Und es macht die präzise notierten Akzentuierungen und Tempowechsel viel leichter. Immerseel setzt auf einen transparenten Orff-Klang mit Durchblick.
Grandios sind die Solisten dieser Aufnahme: Yeree Suh mit einem glasklaren, glockenreinen Sopran, Yves Saelens mit einem ultraschlanken, beweglichen Tenor und Thomas Bauer mit einem profunden Bariton.

Musik für Olympia 1936 machte Orff salonfähig
Bei der Uraufführung 1937 war der Komponist Carl Orff 41 Jahre alt. An der Münchener Schule der Tanzpädagogin Dorothee Günther, deren Musikabteilung er leitet, hat er erste Grundzüge eines ganzheitlichen Vermittelns von Musik aus der Bewegung heraus entwickelt – ein an Bewegung und Rhythmus orientiertes, improvisatorisches Arbeiten mit Schlaginstrumenten und Blockflöten und Melodien von absichtlicher Simplizität. Fremde Klänge in deutscher Musik – höchst verdächtig, Orff ist von der Obrigkeit nicht gut gelitten.

Doch alles hat zwei Seiten: Die Schule darf 1936 bei den Olympischen Feiern in Berlin etliche Choreographien aufführen, so kommt Orff an den Auftrag für ein Stück namens „Einzug und Reigen der Kinder“ zur Eröffnungsfeier. Auf der Führertribüne ist man entzückt. Fortan hat es der Komponist einfacher.

Bereits zwei Jahre zuvor hat er die Entdeckung seines Lebens gemacht: Er fand in einem Antiquariat ein 1847 gedrucktes Büchlein, „das mich mit magischer Gewalt anzog: Carmina Burana.“ 1803 war in der Bibliothek des Klosters Benediktbeuren eine Handschrift aus dem 13. Jahrhundert entdeckt worden, die in den Katalogen des Klosters nicht aufgeführt war, „wahrscheinlich war sie ihres nicht durchaus unverfänglichen Inhalts wegen und besonderem Verschlusse aufbewahrt worden“. Nach dem Fundort wurde die Sammlung „Beurener Lieder“, lateinisch „Carmina Burana“ genannt. Etliche hundert Texte aus dem 11. und 12. Jahrhundert – das einzige erhaltene Manuskript dieser Anthologie.

1935/36 komponiert Orff zu ausgewählten Texten daraus Musik für großes Orchester mit zwei Klavieren und fünf Schlagzeugern. Es singen drei Solisten, ein großer, ein kleiner und ein Kinderchor.

Orffs Musik orientiert sich vage an dem, was man damals über die Musik des Mittelalters wusste: Er setzt oft auf Bordun-Begleitung und historische Tonleitern. Er erfindet einfache, mitreißende Melodien und tänzerische Rhythmen. Arbeitet mit Wiederholungen statt mit thematischer oder kontrapunktischer Entwicklung. Ständige rhythmische Wechsel akzentuieren scharf den Sprachfluss der Texte. Orff lässt sich auch auf Überwältigungsästhetik ein, nicht nur im Anfangs- und Schlusschor „O Fortuna“. Seiner szenischen Idee, das Werk von magischen Bildern begleiten zu lassen, kommt man heute gern in gigantischen Event-Inszenierungen mit Massen-Chören und Feuerwerk nach.
Die Mehrzahl der Kritiken zur Uraufführung 1937 fiel übrigens positiv aus, auch wenn Orff nach dem Krieg den Eindruck erwecken will, das Werk sei von den Nazis kritisch betrachtet worden. „Carmina Burana“ wird in den 40er-Jahren recht häufig aufgeführt. Der Komponist zählt fortan zur Elite der deutschen Tonsetzer. Er bekommt 1942 einen „Staatszuschuss“ von 2000 Reichsmark, arbeitet mit am Projekt der Nazis, die berühmte Musik des angeblichen „Juden“ Felix Mendelssohn zu Shakespeares „Sommernachtstraum“ zu ersetzen, Vorschuss: 5000 Reichsmark. Hitler setzt ihn 1944 auf die Liste der 1041 „gottbegnadeten Künstler“, die vom Kriegsdienst befreit bleiben sollen und dafür dem Regime an der künstlerischen Front dienen.

In der Bundesrepublik wird Orff – seltsame Duplizität – im Vorfeld der Olympischen Spiele von 1972 gebeten, Musik für die Eröffnungsfeier zu schreiben. Er komponiert einen „Gruß an die Jugend“. Gestorben ist Orff im Jahr 1982.

Die „Carmina“ sind massentauglich in ihrer kompositorischen DNA
Selten hat ein Komponist mit einem einzigen Werk solche Weltgeltung erlangt. Die „Carmina Burana“ sind seit den 60er-Jahren Teil der globalen Populärkultur geworden, tauglich auch als Musik in mehr als 60 Spielfilmen. Stanley Kubrick wollte Orff wegen dieser Komposition überreden, die Musik für „2001 – Odyssee im Weltraum“ zu schreiben. In Hunderten Werbespots von Autos bis Aftershave wird mit der Musik aus den „Carmina“ geworben, Michael Jackson eröffnete damit seine Bühnen-Auftritte, für David Copperfield erzeugte sie Spannung in seinen Zauber-Shows.
Warum dies alles funktioniert? Orff hat simple Musik von bodenständiger Spielfreude geschrieben, Musik mit Ohrwurmqualitäten. Und suggestive, massentaugliche Musik – diese Attitüde kann ihr, wie seine „Carmina“-Aufnahme zeigt, nicht mal Jos van Immerseel ganz austreiben, sie steckt einfach tief in ihrer kompositorischen DNA. So wie Beethovens Neunte gewalttätig wirkt, wenn die Freude, der schöne Götterfunken, ihren Kuss der ganzen Welt aufzwingen will.

Setzt das Orffs Musik nicht tatsächlich in eine zuweilen behauptete kulturelle Nähe zur ideologisch gegründeten Massenverherrlichung der Nazis? Jos van Immerseel bleibt da gelassen. Er lobt die Qualität der Musik, Orffs phänomenale Orchestrierung und sagt: „Komplexität ist kein Kriterium von Qualität, nicht mal eine Voraussetzung, nicht wahr?“

Carl Orff: Carmina burana. Musica Aeterna Brugge, Collegium Vocale Gent, Knabenchor Cantate Domino, Yeree Suh, Yves Saelens, Thomas Bauer. Leitung: Jos van Immerseel.
ZigZag territories/Outhere Music
ZZT353

Hörbeispiele


Abbildungsnachweis:
Header: Anima Aeterna
CD-Cover

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