Anzeige

Wer ist online?

Wir haben 1696 Gäste online

Neue Kommentare

Manfred Köck zu Im Wunderland der Wünsche. Laila Biali: schade, dass sie nicht mit ihren stammmusikern un...
Helmuth Barth zu Thomas Gainsborough – die moderne Landschaft: Vorausschicken möchte ich, dass ich neben Bilder...
Anna Grillet zu „Call Me by Your Name”. Die Sinnlichkeit des Luca Guadagnino: Leider nein, kann die bitterböse ästhetisch bri...
Fabian Drux zu „Call Me by Your Name”. Die Sinnlichkeit des Luca Guadagnino: Danke für den Hinweis auf einen wunderschönen F...
Wolfdietrich Arndt zu Weimarer Musikwissenschaftlerin Prof. Dr. Helen Geyer erhält das Bundesverdienstkreuz am Bande: Gestern war ich im Tietz in Chemnitz zu einem Vor...

CDs KlassikKompass

Martin Stadtfeld und der junge Johann Sebastian Bach

Drucken
(0 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Freitag, den 03. Oktober 2014 um 13:51 Uhr

Johann Sebastian Bach

Wie das wohl war, als der knapp 20 Jahre alte Bach, Johann Sebastian, die thüringische Orgelszene aufmischte? Mit eigenen Werken, die gleichwohl auf den kräftigen Schultern unterschiedlicher musikalischer Traditionen standen, mit einer Spieltechnik, die bis verblüffend ist, mit einem Ungestüm, das ihn zu einem jungen Wilden macht.


Martin Stadtfeld, der sich 2003 – damals selbst gerade 23 – mit seiner Aufnahme der Bachschen Goldberg-Variationen auf die musikalische Tagesordnung spielte, versammelt auf seiner aktuellen CD „Wie schön leuchtet der Morgenstern – Der junge Bach“ Werke aus Bachs Frühzeit. Da Bach damals vor allem als Organist brillierte, hat Stadtfeld gleich drei Orgelwerke fürs Klavier adaptiert. Das muss man mögen, denn auf einem noch so guten Steinway muss der Pianist beim Nachspüren der klanglichen Möglichkeiten einer großen Orgel mit mehreren Manualen und Pedal und mit ihren vielfältig mischbaren Klangfarben Wege gehen, die nicht zwangsläufig überzeugen.

Stadtfeld beginnt mit dem Choralvorspiel „Wie schön leuchtet der Morgenstern“, im thematisch, nicht chronologisch geordneten Bach-Werke-Verzeichnis (BWV) die Nummer 739. Es ist vermutlich schon in den späten 1690er-Jahren komponiert worden sein; die Handschrift jedenfalls gilt als das älteste erhaltene Bach-Autograph und stammt wohl aus Bachs Zeit als Organist im thüringischen Arnstadt, die er 1703, im Alter von 18 Jahren, angetreten hatte. Stadtfeld spielt das leicht hingetupft, als wolle er in die Fußstapfen von Glenn Gould treten, auch wenn es ein paar Takte beinah impressionistisches Flirren gibt und ein eher in romantische Sphären verweisendes Bassgrummeln am Ende.

Stadtfeld - JSBachEs ist die Einstimmung in die drei Großwerke, die dann folgen: Bachs allbekannte Toccata und Fuge d-Moll BWV 565, die Passacaglia in c-Moll sowie die Chromatische Fantasie und Fuge d-Moll BWV 903.

Die virtuose Toccata, ebenfalls aus der Arnstädter Zeit und, wie man vermutet, nach seiner Studienreise zu Altmeister Dietrich Buxtehude nach Lübeck geschrieben, ist samt Fuge gerade mal acht Minuten lang. Ein Signaturwerk Bachs, das den den norddeutschen, expressiv improvisierenden Orgelstil aufnimmt und bei den klanglichen Möglichkeiten der Orgel in die Vollen geht. Der Gestus des Stücks kommt Stadtfeld hörbar entgegen. Den hochdramatischen Einstieg mit dem markanten Mordent nimmt er rasch in einen romantisch-raunenden Beginn zurück, dem er immer wieder wild und hoch virtuos in die Parade fährt. Manche Orgelregister imitiert er mit parallel geführten Stimmen. Die dezent begonnene Fuge lässt er später in der Tiefe der linken Hand donnern, Stadtfeld rast wie irrsinnig durch lange Läufe, wobei der Klang doch leicht in der Resonanz des Flügels verschwimmt – das klingt ein bisschen arg nach Liszt meets Bach.

Ebenfalls in Arnstadt entstanden ist die c-Moll-Passacaglia mit ihren vielfältigen und in der Dramatik sich steigernden Variationen über einem Ostinato im ruhigen Dreiertakt. Vermutlich ebenfalls nach der Lübeck-Reise, die Bach eigenmächtig aufs Dreifach der genehmigten Dauer ausdehnte. Was ihm eine Anhörung beim Rat der Stadt eintrug, wo man gleich vorträgt, was man immer schon mal loswerden wollte – es ist eine Generalkritik am junge Genie: „Daß er bißher in dem Choral viele wunderliche variationes gemachet, viele frembde Thone mit eingemischet, daß die Gemeinde darüber confundiret worden. Er habe ins künfftige wann er ja einen tonum peregrinum mit einbringen wolte, selbingen auch außzuhalthen, und nicht zu geschwinde auf etwas anderen zu fallen, oder wie er bißher im brauch gehabt, gar einen Tonum contrarium zu spiehlen. Nechst deme sey gar befrembdlich, daß bißher gar nichts musiciret worden, deßen Ursach er geweßen, weiln mit den Schühlern er sich nicht comportiren wollen.
In diesem Licht erscheint die Passacaglia genau wie die Toccata d-Moll als machtvolle Demonstration organistischen Selbstbewusstseins. Stadtfeld packt sie auf dem Steinway ruhig dahin fließend, fast schon meditativ und mit reichlich Pedal an, bei ausdrücklicher Gleichberechtigung aller Stimmen. Dennoch wird die Umsetzung auf dem Klavier in ihren klanglichen Ausprägungen besonders an den virtuoseren und lauteren Stellen etwas Bemühtes nicht los, auf der Orgel klingt das zwangloser und selbstverständlicher.

Anders die Chromatische Fantasie und Fuge d-Moll, die zeitlich in Bachs Engagement am Hof von Köthen (1717 bis 1723) verortet wird und nicht für Orgel geschrieben wurde. Sie ist zweifellos kein Jugendwerk mehr und fällt etwas aus der Reihe des Untertitels „Der junge Bach“. Bach ist um die 35 Jahre alt, hat schon mehrere Kinder. Etliche Bachforscher sehen in dem Werk eine Auseinandersetzung mit dem Tod von Bachs erster Ehefrau Maria Barbara, die 1720 im Alter von gerade mal 35 Jahren plötzlich starb und begraben wurde, während sich Bach auf einer Dienstreise befand. Stadtfeld rückt das Werk rasch weit in die romantische Spieltradition hinein, verträumte Arpeggien, die schon auf Chopins Nocturnes vorausweisen, fantasierende Passagen, die in sehr freien Tempi gespielt werden. Das klingt allerdings bei ihm wenig transzendental, eher auf pianistischen Effekt hin angelegt.

So ähnlich mag es geklungen haben, als Felix Mendelssohn in einer Konzertreihe 1840 und 1841 im Leipziger Gewandhaus spielte, der mit seiner romantisierenden, harte Kontraste vermeidenden und Klangschönheiten nachspürenden Bach-Auffassung viele Generationen von Pianisten bis weit ins 20. Jahrhundert prägte, der ein Glenn Gould dann seine radikale Entromantisierung entgegen stellte, aus der wiederum Generationen von Hörern ihr aufregendes Bach-Bild formten.

Hübsch und ebenfalls in eine über weite Strecken romantisch-melancholische Spielweise gepackt dann das „Capriccio sopra la lontananza de il fratro dilettissimo (Capriccio über die Abreise des sehr geliebten Bruders)“, das mit für Bach ungewöhnlichen und munteren programmatischen Titel für die einzelnen Sätze aufwartet – allerdings ist ein Autograph nicht erhalten. Es könnte geschrieben worden sein zur Abreise von Bachs Bruder Johann Jacob, der 1704 in die Dienste des schwedischen Königs als Oboist eintrat. Eine lange und mit Augenzwinkern gespielte Abschiedszene, inklusive der Aria di Postiglione mit ihren kessen Oktavsprüngen und der Schlussfuge, die noch einmal den Hornruf des Postillions aufnimmt.

Angefügt hat Stadtfeld ein Choralvorspiel des 1959 geborenen Stefan Heucke – „Wer nur den lieben Gott läst walten“ gibt ein Blick darauf frei, wie tief in den Adern heutiger Komponisten Bachs Stil bis heute fortwirken kann.


Johann Sebastian Bach: Wie schön leuchtet der Morgenstern – Der junge Bach.
Martin Stadtfeld, Klavier. CD
Sony Classical
Bestellnummer: 88430 97952

Hörbeispiele



Abbildungsdnachweis:
Header: Bach Autograph BWV 739 (älteste bekannte J.S. Bach-Handschrift)

CD-Cover

Eigenen Kommentar verfassen (Gasteintrag möglich - Bitte achten Sie auf unsere Email ggf. in Ihrem Spam-Order und klicken den Bestätigungslink)

Ihr Name (erscheint mit dem Kommentar) *
E-Mail (Nur für Bestätigungslink & Antworten)
Code   
Kommentar abschicken
 

Home > Kolumne > CDs KlassikKompass > Martin Stadtfeld und der junge Johann Sebasti...

Mehr auf KulturPort.De

„A Beautiful Day”. Joaquin Phoenix- Racheengel oder Erlöser?
 „A Beautiful Day”. Joaquin Phoenix- Racheengel oder Erlöser?



Lynne Ramsay inszeniert ihre virtuosen Thriller-Impressionen als Exkursion in die Abgründe der Seele.
Ein Auftragskiller ist Joe (Joaquin Phoenix) nicht, er t [ ... ]



Günter Grass-Haus Lübeck: George Bernard Shaw und die Fotografie
 Günter Grass-Haus Lübeck: George Bernard Shaw und die Fotografie



George Bernard Shaw (1856-1950) ist vor allem bekannt für sein dramatisches Werk, das über 50 Theaterstücke umfasst. Doch der Künstler hat sich zeitlebens in [ ... ]



Im Wunderland der Wünsche. Laila Biali
 Im Wunderland der Wünsche. Laila Biali



Wie konnte sich eine 16jährige Kanadierin, die Opernarien singt und klassische Pianistin werden will, zu einer über jeden „No street credibility“-Verdacht  [ ... ]



Aspekte Festival 2018: Der Kopf des Paul Orlac ist das Innenleben des Klaviers
 Aspekte Festival 2018: Der Kopf des Paul Orlac ist das Innenleben des Klaviers



Was für eine Horrorvorstellung: als Schauspieler die Stimme – als Fußballspieler die Füße – als Philosoph den Verstand – als Komponist das Gehör – u [ ... ]



Poetische Erkundung der Welt: Nico Bleutge: „Nachts leuchten die Schiffe“
 Poetische Erkundung der Welt: Nico Bleutge: „Nachts leuchten die Schiffe“



In seinem vierten Gedichtband „nachts leuchten die schiffe" beschäftigt sich Nico Bleutge mit unserer realen Welt in sieben Zyklen. Wie ein Jongleur wirft der [ ... ]



Aspekte Festival 2018: Different Trains. Eine Zeitreise zwischen Klängen, Bildern und historischen Filmschichtungen
 Aspekte Festival 2018: Different Trains. Eine Zeitreise zwischen Klängen, Bildern und historischen Filmschichtungen



Das 1988 vom amerikanischen Minimalmusiker Steve Reich komponierte Werk „Different Trains“ bildet den Ausgangspunkt einer Aufführung des London Contemporary [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Anzeige


Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.