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Felix Mendelssohns „Sommernachtstraum“ in Salzburg

Shakespeares „Sommernachtstraum“, inszeniert von Henry Mason, mit Mendelssohns kompletter Schauspielmusik, dirigiert von Ivor Bolton – eine traumhafte Aufführung der Salzburger Festspiele ist jetzt auf DVD erschienen.

Die Nazis hatten mit Felix Mendelssohns überaus populärer Schauspielmusik zu Shakespeares „Sommernachtstraum“ große Probleme. Der „Notstand“: „Die Musik Mendelssohns ist im Dritten Reich mit den unumstößlich und kompromisslos gültigen Gesetzen von Primat der Rasse und des Blutes nicht mehr zu verantworten. Diese Musik ist genialisch, aber unbeschadet ihrer musikalischen Werte ist sie für eine völkische Kulturbewegung untragbar.“ Man verbot die Aufführung – wie die aller übrigen Mendelssohn-Werke – und vergab Kompositionsaufträge, um sie zu ersetzen. Etliche deutsche Komponisten haben das brav versucht; Carl Orff etwa ließ sich für seine Fassung mit 5.000 Reichsmark belohnen.

Keine der Neukompositionen konnte sich durchsetzen, dennoch wird Mendelssohns „Sommernachtstraum“-Musik inzwischen dennoch sehr selten aufgeführt – mit zwei Ausnahmen: Die Ouvertüre ist in die Konzertprogramme gewandert, und der Hochzeitsmarsch ist ein Welthit geworden. Heutige Schauspielhäuser haben mit Mendelssohns Musik ein ganz anderes Problem als die NS-Unkulturpolitiker: Neben dem Schauspielensemble braucht man für eine komplette Live-Aufführung ein ganzes Orchester und ein Vokalensemble. Das macht eine Aufführung des Gesamtkunstwerks fast zwangsläufig zu einem Unternehmen, das sich nur große und potente Festivals leisten können.

So wie 2013 die Salzburger Festspiele, die dem Werk in warmen Sommernächten im Residenzhof eine spektakuläre Bühne für Wort, Spiel und Musik bereiteten. Auf der aktuell erschienenen DVD-Aufzeichnung kann man miterleben, dass Mendelssohns Musik nicht nur von außen herangetönter Kommentar zu den Verwirrungen im elfen- und feen-durchschwirrten Wald bei Athen ist, sondern ein integraler Bestandteil des Spiels, der immer neue Stimmungen setzt, den Text mit Ausrufe- oder Fragezeichen versieht, ein traumhafter Spielraum und funktional – um die Handlung nonverbal zu erklären, Umbauten elegant zu begleiten oder Übergänge zwischen der Menschen- und der Elfenwelt auszumalen.

Das zeigt sich schon im Bühnenbild, das das Orchester (das Mozarteum-Orchester unter seinem Chefdirigenten Ivor Bolton) in der ersten Etage über der Bühnenfläche platziert, gut sichtbar, immer wieder in wechselnde Lichtstimmungen getaucht und manchmal auch munter ins Geschehen einbezogen, wenn plötzlich Puck mit Bolton um den Dirigentenstab rangelt und damit wild gestikuliert.

 „Sommernachtstraum“ in SalzburgDas Verhältnis zwischen Musik und Spiel bietet in dieser Aufführung keine eindeutige Hierarchie, Masons Bilder und Regieeinfälle arbeiten der Musik ebenso zu wie sie dem Bühnengeschehen. Sie ist mehr als nur beiläufig-gefällige Untermalung des Spiels, sie ist seine gleichberechtigte Partnerin – auch wenn der Text in den knapp drei Stunden natürlich ein längenmäßiges Übergewicht hat gegenüber den 45 Minuten Musik. Doch die Musik bremst nicht, die Handlung auf der Bühne läuft durchgängig zur Musik weiter, so entsteht fast das Gefühl, eine gesprochene Oper zu erleben.

Gleich in der Ouvertüre, die Mendelssohn im Alter von 17 Jahren schrieb, erzählt Mason zur Musik ebenso viele kleine Handlungsbausteinchen aus dem Vorfeld der Athen Fürstenhochzeit, wie die Musik einmal im Schnelldurchgang durch alle Dimensionen des folgenden „Sommernachtstraums“ führt. Wobei Bolton da keineswegs nur flimmernden Sternstaub, Elfenkichern und süßliche Romantik ins Traumland hinabglitzern lässt – er malt vor allem auch die irrlichternden, düsteren, dunklen Stellen aus, in denen von untergründigen Ängsten, von Sehnsüchten und abgründigen Leidenschaften die musikalische Rede ist. Damit gibt er Mendelssohns Musik damit eine faszinierende Dimension der Tiefe zurück, die sonst gern leichthin überspielt wird und die ihm, dem Komponisten jüdischer Herkunft, die Nazis heftig absprechen wollten. Boltons Kunst ist es, das durchweg mit leichter Hand zu tun – es ist in seiner Version immer Märchen und Traum und kein Drama.

Die dreizehn Sätze nach der Ouvertüre – die Mendelssohn 16 Jahre nach dieser komponiert – hat er teils in kleinere Abschnitte aufgeteilt. So ist die Musik häufiger präsent und kann die Handlung noch dichter durchwirken.
Nicht genug loben kann man kann man Henry Mason neue Textfassung, die frei und frech, dabei mit großen Respekt die zu Ikonen gewordenen Verse von Schlegel/Tieck behutsam modernisiert, und ihren und Shakespeares Sprachwitz dezent ins Heute transportiert – eine große und großartig gelungene Arbeit. Genau wie seine quirlige, leichtgängige Regie mit einem jungen Ensemble (Theseus/Oberon: Michael Rotschopf, Hippolyta/Titania: Karoline Eichhorn, als grandios unberechenbaren Puck Markus Meyer, Hermia: Tanja Raunig, Lysander: Daniel Jeroma, Demetrius: Claudius von Stolzmann, Helena: Eva Maria Sommersberg, Squenz: Raphael Cramer, Zettel: Paul Herwig). Mason beherrscht den Elfenspuk ebenso wie die feine Karikatur des Yuppie-Hofs von Theseus und Hippolyta, lässt beim Streit zwischen Oberon und Titania gewaltig die Fetzen fliegen und Puck wunderbar anarchisch herumchaotisieren. Und das Huldigungsspiel der braven Athener Handwerker gleitet nur ein winziges bisschen in eine platte Klamotte ab.

Das ist Salzburger Sommertheater vom allerfeinsten. Ein Glück, dass es auf DVD dokumentiert wurde und erhalten bleibt.

William Shakespeare: Ein Sommernachtstraum.

Aufführung der Salzburger Festspiele 2013.
DVD EuroArts, Unitel Classica 2072698

Abbildungsnachweis:
Header: Ein Sommernachtstraum mit Karoline Eichorn (Titania), Vocalensemble und Mozarteumorchester. Dirigent: Ivor Bolton. Foto: Ruth Walz
DVD Cover

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