Neue Kommentare

Ada Rompf zu „The Rider”. Die zärtlich-raue Poesie der Chloé Zhao : Besser kann man meinen Lieblingsfilm dieses Früh...
yolo 456 zu Die Juden vom Altrhein: man sollte einen artikel erst einmal lesen bevor ...
yolo123 zu Die Juden vom Altrhein: Das jüdische Leben in Deutschland ist vorbei und...
Achenar Myst zu Nils Landgren with Janis Siegel: some other time: Die CD ist ein absoluter Genuss, tolle Auswahl de...
Achim zu Golnar & Mahan – Derakht: Musik, die glücklich macht - Danke !!!...

Klartext

Klartext: Adrienne Goehler

Drucken
(132 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Dienstag, den 15. Mai 2012 um 09:25 Uhr
Klartext: Adrienne Goehler 4.6 out of 5 based on 132 votes.
Klartext

Während uns täglich "Uns-geht-es-prima"-Arbeitsplatzzahlen von Bundesregierung und ihrer Kanzlerin über die Medien erreichen, hat sich die Situation der KunstproduzentInnen und -wissenschaftlerInnen ohne Anstellung keineswegs verbessert.
Im Gegenteil: Seit dem Platzen der Bankenblase 2008 hat der Hype um die Kreativwirtschaft schlagartig aufgehört, der uns einige Jahre lang eine warme Prise gestiegener Wertschätzung und auch ein wenig Geld beschert hatte. Der Grund ist einfach: Als FreiberuflerInnen versauen wir keine Arbeitslosenstatistik und steigern keine Exportzahlen, der Fetisch einer jeden Regierung. Wir kriegen auch keine Zuschüsse von der Arbeitsagentur für Kurzarbeit: wir sind eine 'quantité négligable'. Die Kommunen zahlen die Zeche der Bankenrettung, sind ärmer denn je und reichen die Armut direkt an uns weiter: Denn Kultur ist keine Pflichtaufgabe!

Deshalb haben die Künste allen Grund neue, eigensinnige Wege zu beschreiten, die ihre gesellschaftliche Relevanz sichtbar werden lassen: Kreativität ist der Rohstoff des 21. Jahrhunderts.

Die Kulturgesellschaft stützt sich auf die Kreativität, Vorstellungskraft und Phantasie der Menschen. Sie sind der wichtigste Rohstoff in Hochpreisländern ohne Bodenschätze. Allerdings ist Kreativität von Strömung und Umfeld abhängig, flüchtig, nicht Vorrat. Sie braucht Bedingungen, um sich ständig erneuern zu können und so Quelle von Nachhaltigkeit zu sein. Denn die große Gegenspielerin der Kreativität ist die Existenzangst. Existenzangst lässt erstarren. Das gilt freilich nicht nur für die Künste und Wissenschaften.

Ein bedingungsloses, existenzsicherndes Grundeinkommen, das Allen eine Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Wohlstand zusichert, ist eine Alternative, die im Nachdenken über eine gerechte Gesellschaft eine zentrale Rolle einnimmt. Wer auf die Entfaltung und Entwicklung jedes Einzelnen setzt, kommt um eine Auseinandersetzung mit der Idee des Grundeinkommens nicht herum.

Was wir denken können, können wir auch realisieren. Und an vielen Ecken wird laut über die Kernfrage nachgedacht: »Was würde ich arbeiten, wenn für mein Einkommen gesorgt wäre?« Diese Frage ist zugleich verunsichernd, wie sie die Phantasie und die Imagination entfesselt, sie lädt zum Tagträumen, zum Verwerfen, zum verschwenderischen Neu-Denken ein und führt zur größeren Frage: »Wie wollen und wie können wir eigentlich leben, wenn wir nicht unter den Drohungen von vereinzelnder Existenzangst stehen, wenn wir unsere Fähigkeiten uns und der Gesellschaft zur Verfügung stellen könnten?

Die Idee knüpft an die humanistischen Ideale der Aufklärung an und schreibt sie ganz und gar unblutig weiter. »Freiheit, Gleichheit, Grundeinkommen« würden dann wirklich für alle Menschen – Frauen wie Kinder und Männer – gelten. Es entwickelt den Menschheitstraum von freien und gleichen Entfaltungsmöglichkeiten weiter. Zwei Jahrhunderte und zwei Jahrzehnte nach der Französischen Revolution könnte das Grundeinkommen den dringend notwendigen gesellschaftlichen Schub auslösen, um Leben, Arbeit, Gemeinschaft, Kümmern ganz anders zu verstehen.

Ihre Adrienne Goehler


Adrienne Goehler (*13. Oktober 1955 in Lahr im Schwarzwald) ist diplomierte Psychologin, ehemalige Präsidentin der Hochschule für bildende Künste in Hamburg und war Senatorin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Berlin. Sie lebt und arbeitet als Publizistin und Kuratorin in Berlin. Seit Jahren plädiert sie für das Grundeinkommen.

Hinweis: Die Inhalte von Klartext geben die Meinung der Autoren wieder. Diese muss nicht im Einklang mit der Meinung der Redaktion stehen.

Foto: Claus Friede

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

avatar Anton
+2
 
 
Ein sehr sehenswerter Beitrag zum Thema Grundeinkommen! Ein Filmessay von Daniel Häni und Enno Schmidt.
https://www.youtube.com/watch?v=XqJjWe1QeUY
Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
ChronoComments by Joomla Professional Solutions
Meinen Kommentar abschicken
Abbrechen
Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Kolumne > Klartext > Klartext: Adrienne Goehler

Mehr auf KulturPort.De

„Thietmars Welt. Ein Merseburger Bischof schreibt Geschichte“ – Eine Zeitreise in das Mittelalter
 „Thietmars Welt. Ein Merseburger Bischof schreibt Geschichte“ – Eine Zeitreise in das Mittelalter



Einer der berühmtesten Chronisten des Mittelalters war Thietmar von Merseburg (975-1018). Unter den römisch-deutschen Kaisern Otto III. bis zu Heinrich II. war [ ... ]



Elisabeth Weinek: „Was Sie sah“ – Andalusien, Marokko, Iran
 Elisabeth Weinek: „Was Sie sah“ – Andalusien, Marokko, Iran



Passend zur Festspielzeit werden in der Margarethenkapelle von St. Peter, eine der ältesten Kirchen Salzburgs, Fotografien gezeigt, die sich als „interkulture [ ... ]



Ilse Helbich: Kluge Chronistin des Alters – „Im Gehen“ gefundene Gedichte
 Ilse Helbich: Kluge Chronistin des Alters – „Im Gehen“ gefundene Gedichte



Auch heute noch geschehen beglückende Wunder: Mit 80 Jahren veröffentlichte die 1923 in Wien geborene Ilse Helbich ihren ersten Roman unter dem Titel „Schwal [ ... ]



Thierry van Werveke: Schauspieler, Rockstar, Troublemaker, Thierry National
 Thierry van Werveke: Schauspieler, Rockstar, Troublemaker, Thierry National



Thierry! – allein sein Vorname löst in Luxemburg schon entzücken aus und wird mit der Addition von „National“ zum Kult. In Deutschland und Österreich fr [ ... ]



„Foxtrot”. Samuel Moaz und das Konzept des Zufalls
 „Foxtrot”. Samuel Moaz und das Konzept des Zufalls



Samuel Moaz kreiert mit dem Antikriegsdrama „Foxtrot” einen atemberaubenden ästhetischen Kosmos: zornig, visuell kühn, emotional hochexplosiv, oft grausam, [ ... ]



Alexandre de La Patellière und Matthieu Delaporte: „Der Vorname“
 Alexandre de La Patellière und Matthieu Delaporte: „Der Vorname“



Das Stück brillant, die Schauspieler große Klasse, die Inszenierung rundum gelungen und der kleine Saal der Komödie Winterhuder Fährhaus restlos ausverkauft. [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.