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Trio Elf & Marco Lobo – und die „Música Popular Brasileira“

Die brasilianische Liedkunst – die dort den Status von Popmusik hat – nennt sich pragmatisch „Música Popular Brasileira“. Den Musikern des Trio Elf, Walter Lang, Peter Cudek und Gerwin Eisenhauer ist sie bereits vor zehn Jahren nahegebracht worden.
Der Perkussionist Marco Lobo, geboren in Salvador da Bahia und heute in Rio de Janeiro zuhause, lud die Band mehrmals nach Brasilien ein und tourte mit ihnen auch durch Europa. Daraus ergab sich nicht nur die Sympathie für die Vielfalt der Musik der beiden Heimaten der Protagonisten, sondern auch ein kongeniales Zusammenspiel.

The Brazilian Album - Trio Elf & Marco Lobo COVERDie musikalisch innovativen und eigenständigen Kreationen des Trio Elf definieren sich auf ihrer neuen Veröffentlichung „The Brazilian Album“ als maßgebende, dialogische, jazzige Kommunikation und nicht als pure Begleitung brasilianischer Lieder. Das kreiert so etwas wie einen neuen Ort, denn die ersten beiden Orte (Brasilien, Deutschland) sind jeweils das Erwartbare und Bekannte. Das „The Brazilian Album“ ist insofern im Ergebnis etwas, das sich neu aus den vorher genannten Verortungen ergeben konnte, sich nicht nur oberflächlich verbindet. Die energetische Wirkung der beiden musikalischen Substrate erweist sich erst in ihrer eigenständigen Kombination als etwas Neues.

Das Album ist also einerseits das Resultat dieser langjährigen Zusammenarbeit, andererseits fühlt es sich wie eine Wegetappe zu noch weiterem Projekten an. Mit dabei sind neben dem Trio Elf und Marco Lobo fünf der namhaftesten Sängerinnen Brasiliens.

Getragen von tiefgreifenden kulturellen und religiösen Strömungen ist die Provinz Bahia, die im Mittelpunkt des Albums steht, mit der ehemaligen Hauptstadt Brasiliens und heutigen Provinzhauptstadt Salvador ein eigenständiges und höchst produktives musisches Zentrum. In dieser Freiheits-denkenden Stadt ist vor allem die brasilianisch-christliche Gospelmusik wie die der Religion „Candomblé“ beheimatet. Viele der auf dem Album zu hörenden Sängerinnen haben ihre Karriere mit Kirchenmusik und religiösem Gesang begonnen und sind parallel auf der Suche nach den eigenen Wurzeln.

Die Zusammenarbeit ob regional, national und vor allem international basiert und das ist hier offensichtlich – auf Vertrauen und der Fähigkeit und Kenntnis, Glanzpunkte aus verschiedenen Kulturen zusammen führen zu können.

Die Singer-Songwriterin Maria Gadú, die unter ihrem eigentlichen Namen Mayra Corrêa Aygadoux arrangiert, führt gleich zu Beginn mit der Eigenkomposition „Dona Cila“ (Frau Cila) ins Milieu des tief empfundenen christlichen Glaubens. Dieses lyrische Stück mit einprägsamer Melodie verbindet sich kunstvoll dialogisch mit dem lockeren saltatorischen Klang des Pianos.

Mit „Ponto De Nanã“ (Der Ort der Nanã), von Roque Ferreira, besingt Mariene de Castro die Göttin der Mysterien. „Nanã“ stammt aus der afro-brasilianische Religion Candomblé und ist die Ursprungsgöttin, die mit der Erschaffung der Welt in Verbindung steht. Es ist die Religion der westafrikanischen und nigerianischen Sklaven, die zu Millionen nach Salvador verschleppt wurden. Bis heute bildet deren Schicksal und Herkunft eine musikalische Brücke zwischen Genese, Mythen und Natur-orientierten Vorstellungen und dem Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit.

Von Milton Nascimento und Ronaldo Bastos stammt „Fé Cega, Faca Amolada“ (Blinder Glaube, abgebrochenes Messer). Dieses inhaltlich aufgeladene Stück ist wie ein sich selbst hinterfragendes Glaubensbekenntnis. Besonders im Zusammenspiel von Margareth Menezes mit dem Trio Elf wird das Stück zu einem rhythmischen Erlebnis der ganz intensiven Art und entwickelt sich zu einer neuen Hymne des Jazz‘.

„Negrume da Noite“ (Negrume der Nacht), gesungen von Virginia Rodrigues und komponiert von Paulinho de Reco, ist eine Hommage an die Wurzeln der afro-brasilianischen Herkunft. Voller Inbrunst zelebrieren die Musiker und Rodrigues mit ihrer dezidierten Altstimme eine Verschmelzung zwischen den lyrischen, populären und den typischen Rhythmen des Candomblé.

Auf der Hälfte des „Brazilian Albums“ ist eine weitere Hommage zu finden: an das Musikerkollektiv „Clube da Esquina“ (Eckkneipe), das von Milton Nascimento und dem Lyriker Márcio Borges in den 1960er-Jahren in der Provinz Minas Gerais gegründet – und zudem ein Meilenstein des Global Pop durch das spätere ikonische und gleichnamige Album (1972) wurde. Die kritische politische Haltung gegen die Militärjunta jener Jahre ist im Text verklausuliert. Der Song ist voller Melancholie und Hoffnung und obwohl die Perkussion minimiert ist, wird „Clube da Esquina“ in der Interpretation vom Trio Elf mehr als zu einer Hommage, denn die flirrende Leichtigkeit wird hier zum universellen Statement.

Im „Canto das Três Raças“ (Lied der drei Rassen), getextet von Paulo César Pinheiro, geht es um die Befreiung aus der Sklaverei und um die Siedlung Quilombo, in der entflohene und frei geborene afrikanische Sklaven lebten, gegründet in den Hügeln von Serra da Barriga. Gesanglich interpretiert von Mariene de Castro ist das Stück auch eine Widmung an die kulturelle Vielfalt Brasiliens und an den Reichtum, den die indigenen, europäischen und vor allem afrikanischen Wurzeln brachten.

Viele der großen Sängerinnen Brasiliens haben „Amor de Índio“ (Indianische Liebe), das in den späten 1970er-Jahren und aus der Feder Beto Guedes und Ronaldo Bastos stammt, gesungen. Der Zauber, den dieses Lied auch durch den positiven Text verströmt, ist der zugewandten Art und der Stimme von Maria Gadú zu verdanken und dem hier weichen, aber dennoch energetischen Trio Elf-Klang.

„Cordeiro de Nanã“ (Das Lamm der Nanã) von João Gilberto kommt auf Grund seines Gebetscharakters – „Meine Stille ist ein einfaches Gebet“ heißt es übersetzt an einer Stelle im Liedtext – mit wenig Worten aus, umso schöner ist die spannungsreiche rhythmisierte Narration des Stücks auf diesem Album, der Wechsel zwischen den gesanglichen (Margareth Menezes) und den instrumental dominierten Sequenzen.

Die warme Stimme von Jussara Silveira in „Doce Esperança“ (Süße Hoffnung) und der eindringliche Percussion-Resonanz-Sound von Marco Lobo verdeutlichen erneut die tief gelebte Verbundenheit zum brasilianischen Candomblé. Dazu ein weicher, fast flüchtiger Anschlag auf dem Piano, der davonschweben darf.

Der Sänger Tiganá Santana ist mit der Komposition „Dembwe“ auf der Suche nach seinen afro-brasilianischen Wurzeln. Der Titel bezieht sich auf einen kleinen Ort in Nigeria. Santana ist einer der wenigen Komponisten, die Texte sowohl in brasilianisch-portugiesischer als auch afrikanischen und sakralen Sprachen schreibt. Das Trio Elf und Virginia Rodrigues interpretieren den hier rein portugiesisch-brasilianischen Text und den afro-brasilianischen Rhythmus wie eine jazzige Ballade.

Trio Elf & Marco Lobo: „The Brazilian Album”

Gerwin Eisenhauer [drums], Peter Cudek [double bass] , Walter Lang [piano], Marco Lobo [percussion]
featuring:
Maria Gadú [vocals] , Marienne de Castro [vocals], Virginia Rodrigues [vocals], Margareth Menezes [vocals], Jussara Silveira [vocals]
Label: yellowbird / enja
EAN: 767522778724
VÖ: 13-07.2018


Abbildungsnachweis:
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CD-Cover

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