Werbung

Neue Kommentare

Hamburger Architektur Sommer 2019

CDs JazzMe
Seven Faller: Night Musik – Foto Ralf Dombrowski

Ein Doppelalbum für die Schlafenszeit – von wegen! „Night Music“ stellt für den Kontrabassist, Komponist und Autor Sven Faller keinesfalls einen einzigen Gedanken in diese Richtung dar.

Faller nimmt uns gemeinsam mit dem Pianisten Bob Degen und dem Schlagzeuger Guido May auf CD eins mit zum nächtlichen „Cruisen“ (egal ob zu Fuß oder motorisiert). Ruhig, entspannt, unaufgeregt durchqueren wir gelassen eine nächtliche amerikanische Metropole, der coole Sound sitzt (läuft) neben uns, wir können ihn förmlich hören und riechen, denn die Stadt ist dunkel und schwarz, die visuellen Eindrücke haben sich versteckt und wir müssen uns auf unsere anderen Sinne ver- und einlassen. Der Duft der Musik umhüllt uns.

Wie in Patrick Süskinds Theaterstück „Der Kontrabass“ spielt sich das Instrument an die Spitze der Triopyramide, ist nicht nur begleitendes, manchmal gar unaufdringliches Sekundärinstrument wie im ersten Stück „The Shining Sea“ und später in „For All We Know“, sondern empfindet sich als Mittelpunkt der Welt, als Krönung der musikalischen Schöpfung, selbstbewusst und liebt letztlich doch das Piano innig wie in „I’ll Take You To The Escalator“. Die drei Instrumente bilden die optimalen Zutaten für einen Nachtklang dieser Art und bedürfen letztlich keines konkreten Geschehens, sondern sind sich selbst als Bilder- und Gefühls-produzierender Flow genug.
Die Durchquerung endet perfekt in „Westwood“ – ein grandioses Stück voller sehnsüchtiger Emotionen.

Seven Faller: Night Musik – CoverDie zweite silberne Scheibe im Album provoziert eine ganz andere Qualität der Nacht: sie ist konkreter, persönlicher und vor allem protestantischer in seiner Kombination aus elektronischer Musik und Sprache. Sie führt zurück aus der Stadt in einen Innenraum, von dem aus die Welt da draußen beschrieben wird. Symbolhaft das Bild auf dem Cover, denn Faller trägt sein verpacktes Instrument und spielt es nicht mehr.
Sven Fallers Wechsel von Note zu Text, von klanglicher zu erläuternder Beschreibung ist wie ein Filter. Hat er uns auf der ersten nachtmusikalischen Reise unsere eigenen Bilder kreieren lassen, nimmt er uns nun in den Lesepassagen selbst an die Hand und wir begleiten ihn durch seine Stadt, erkennen seine irren Typen, werden von seinem Regen nass und lernen seine Oma – die Nachteule – kennen.

Faller hat mit „Night Music“ etwas geschaffen, was zwei sehr unterschiedliche Seiten von Arbeitsmethoden aufzeigt: einerseits die Gabe etwas so zu erstellen, dass seine Hörer, sein Publikum kommunikativ teilnehmen kann, selbst kreativ werden muss und sich inhaltlich einbringt und andererseits sich als Künstler so stark als Schöpfer zu definieren, dass wir ihm einfach folgen müssen und uns seinen Deutungen der Welt anvertrauen. Damit bildet er künstlerisch etwas ab, was die Frage der Deutungshoheit thematisiert. Die beiden Alben oszillieren nämlich zwischen der Übergabe der Deutungsberechtigung an uns, indem wir uns unsere eigenen Bilder und Vorstellungen machen können (CD1) und der Interpretation der Welt aus Künstlersicht (CD2), bei der sich die gern und immer wieder vom Publikum gestellte Frage (insbesondere in der bildenden Kunst) „Was soll das bedeuten?“ erübrigt, denn die Antwort gibt der Musiker/Autor ausreichend und selbst. Unsere Phantasie wird nun in einer ganz anderen Weise gefordert, hält sich jedoch an einer Art vorgegebenem Manuskript fest.

Faller zieht also unterschiedliche Register künstlerischer Freiheit - von Behalten bis Delegieren. Auch dieses Spannungsverhältnis ist dem nun vorgestellten Album-Projekt qualitativ hoch anzurechnen und macht das Doppelalbum zu einem eigenen Erlebnis in einer scheinbar nicht enden wollenden Nacht.

Sven Faller: Night Music
Sven Faller: Kontrabass, Lesung, Elektronik; Bob Degen: Piano; Guido May: Drums. Andreas Domert: Gitarre; Samuel Dalferth: Elektronik.
GLM Music
EAN: 4014063156624 / 9783944345185
VÖ: 22.4.2016

Hörproben
Sven Faller

Live zu hören im Norden:
Schloss Agathenburg, Pferdestall
am 14. Mai um 20 Uhr
Tickets: € 18,- / € 14,- erm.
Weitere Informationen


Abbildungsnachweis:
Header: Sven Faller live in München. Foto: Ralf Dombrowski
CD-Cover
alt

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Mehr auf KulturPort.De

Die Kunst in den Zeiten der Pandemie Was macht ein Regisseur, was macht Jan Dvořák, den ein Auftrag der Oper in Mannheim erreicht, Mozarts „Die Zauberflöte“ nicht...

Schon Robert Seethalers preisgekrönte Romane „Der Trafikant" (2012) und „Ein ganzes Leben“ (2014) sind Romane über Leben und Tod. Mit dem letzten Buch dieser...

„Denn das Meer umgibt uns überall“Hokkaidō ist die japanische Bezeichnung für die nördlichst gelegene Insel Japans und bedeutet banal „Nordmeer Präfektur“. Seit...

So ist das, wenn plötzlich die Wirklichkeit der Regie auf der Opernbühne diktieren darf, was noch geht und was grundlegend anders gemacht werden muss. Corona...

In diesem Jahr wenden sich die Lübecker Museen ihren „Nachbarn im Norden“ zu. Mit einer Schau, in der die „Begegnungen zwischen dem Polarkreis und Lübeck“...

Nein, es ist kein Schreibfehler! Das Album heißt in der Tat „Millenial“ und nicht „Millennial“ – warum auch immer. Mag sein, dass es der guten alten Tradition von...


Home     Blog     Kolumne     Reisen     NewsPort     Live

Wir benutzen Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.