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Chris Gall – Piano Solo (c) Mike Meyer

Chris Gall ist ein deutscher Pianist, aus Bad Aibling, Jahrgang 1975, mit einer fundierten Klassik- und Jazz-Ausbildung am renommierten Berklee College of Music in Boston.
Sein Spiel, seine Arrangements und seine Kompositionen sind gekennzeichnet von genreübergreifenden Elementen: Er ist zwar im Jazz zuhause, aber Klassik, Minimal Music, Tango und Indie-Rock sind wichtige musikalische Energiequellen.

Sein Anschlag ist präzise, im forte wie im pianissimo, er ist zuweilen leicht, selten wirklich hart und im Ton überwiegend warm. Das liegt nicht allein am Klang des Steinway-Flügels auf dem er seine erste Solo-CD eingespielt hat „Piano Solo“.
Schon nach den ersten Stücken des Albums ist der Hörer in der klanglichen Welt Galls aus Impressionismus (My Waltz), romantischen Passagen (Yorke’s Guitar), minimalistischer bis bluesiger Ruhe (Empty, Pale Blue Paper) und expressiven, zuweilen südamerikanischem Temperament (Boedo).

altDie Solo-CD ist der pure Genuss und die Spielfreude, einmal allein und nicht im Duo oder Trio zu spielen, ist dem Pianisten anzumerken. Das von Label und Kritik bereits im Vorfeld der Release in dieser Woche herausgehobene Stück „Yorke’s Guitar“ gehört nicht wirklich zu meinen Favoriten. Es bedient eher den Standard und eine wohlklingende Gefälligkeit aus „déjà entendu“. Möglicherweise verständlich, wenn sich Gall auf einen gewissen "Pete" Yorke bezieht und dessen hypnotisierenden Gitarrenklang. Ich kenne zumindest keinen Gitaristen/Sänger des Namens, lediglich andere Instrumentalisten, die sich so rufen lassen...
Herausgehoben gehört vielmehr „Empty, Pale Blue Paper“. Der Klangteppich, den der Pianist hier anbietet steht für seine Fähigkeiten aus einem einfachen Stück eine immense Vielseitigkeit und Variabilität herauszuholen. Das entstandene Konzentrat ist minimal, intensiv, jazzig, innig und expressiv zugleich. Das blasse Stück Papier wird von Gall beschrieben und zu einem hervorragenden Stück Kunst.

Chris Gall steht aber auch dafür, europäisch zu sein. Vielleicht ist er in seinen meisten Eigenkompositionen am weitesten entfernt von der amerikanischen Auffassung des Jazz und nahe an den europäischen Komponisten der Moderne und des Minimal.

„Boedo, Cuarto dia“ ist eine Reminiszenz an das Arbeiterviertel in Buenos Aires und entstand während seiner Tour-Begleitung für das Weltmusik- und Jazz-Quartett „Quadro Nuevo“. Die vier Tage in Argentiniens Hauptstadt hatten es wohl auch schöpferisch in sich. Es ist ein fließendes Stück von etwas mehr als zwei Minuten. Schon früher widmeten Tango-Komponisten dem Viertel, in dem eine der bekanntesten Literatengruppen der 1920er-Jahre agierte, viele Lieder.
„Forró“ ist der Name eines äußerst beliebten brasilianischen Musik- und Tanzstils. Auch die Tanzfeste, bei denen diese Musik gespielt wird, werden als Forró bezeichnet. Chris Gall fasziniert die Leichtigkeit dieser Musik, deren Feste die ganze Nacht dauern können. Diese “lebensfrohe Wucht“ (Gall) überträgt sich in seiner Komposition.
„A Roundabout’s Diary“ ist der Kreisverkehr unserer Zeit mit Wiederholungen, die im Detail keine identischen sind.
Nicht nur der klassischen Musik von Claude Debussy auch der Hommage ist viel Platz gewidmet: Yann Tiersens Filmtitelmelodie „La Valse a’Amélie“ ist eine Widmung an Amélie Poulain (aus dem Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“), sie ist schwebend – gar eine Liebeserklärung. Für den New Yorker Jazz-Pianisten Jason Moran ist ein eigenes, gleichnamiges Stück auf der CD zu finden sowie für den bereits erwähnten – who ever it is – "Pete" Yorke.

Chris Gall Piano Solo
Label: GLM Music, München / Edition Collage
4014063156129

Tourdaten
Video: Chris Gall Piano Solo – „Empty, Pale Blue Paper"
Video BR Klassik: Jazzpianist Chris Gall präsentiert live im U21-Studio sein neues Album "Piano Solo" und "Forró"


Abbildungsnachweis:
Header: Chris Gall. Foto: Mike Meyer
CD-Cover

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