Neue Kommentare

Stipe Gojun zu „La Vérité” Hirokazu Kore-eda und der Mythos Familie : Ach, wie gern würde ich heute ins Kino gehen. Ob...
Frank-Peter Hansen zu Frank-Peter Hansen: Die Heidegger-Dekomposition: Im Spätherbst letzten Jahres anlässlich einer S...
bbk berlin zu Dortmund geht neue Wege bei der Kunst-Förderung: Die Berliner Künstler*innen freut es sehr, dass ...
Markus Semm zu Frank-Peter Hansen: Die Heidegger-Dekomposition: Sehen Sie: Der Unterschied zw. Heidegger und Cass...
Karin Schneider zu Frank-Peter Hansen: Die Heidegger-Dekomposition: Ein großartiger Artikel! Stefan Diebitz schafft ...

Hamburger Architektur Sommer 2019


Follow Book

Nicht immer märchenhaft: Karen Duve schreibt die Grimms neu

Drucken
(180 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Mittwoch, den 14. November 2012 um 11:22 Uhr
Nicht immer märchenhaft: Karen Duve schreibt die Grimms neu 4.4 out of 5 based on 180 votes.
Karen Duve - Foto Thomas Mueller

Irgendwie sind alle verdorben. Der Vater der „Froschbraut“ ist ein Gangster, der mit seiner Tochter im Luxushaus lebt und einen autoritären Erziehungsstil pflegt.
Der Zwerg ist ein raffgieriger und hinterhältiger Kleinwüchsiger, der in „Zwergenidyll“ seine Körpergröße mit ausgeprägtem Dominanzverhalten kompensiert. Rotkäppchens Familie in „Grrrimm“ ist gewaltbereit und asozial. In Karen Duves Versionen einer Auswahl der Grimmschen Märchen herrschen Gemeinheit, Geiz und Lüge. Alles wenig erbaulich. Doch dass Karen Duves Märchenadaptionen nicht aus Zuckerwatte sind, war zu erwarten.

Rotkäppchen: eigentlich Elsie, wird von ihren Geschwistern gedisst und Feueranzünder oder Blutbeule genannt. Mutter: Säuferin und Ex-Knasti, schlägt gern mit dem Ledergürtel zu. Vater: herumwimmernder Taugenichts. Das Leben ist hart, die Sitten verroht. Und dann kommen die Wölfe. Sie holen den Müll. Niemand sonst befreit diesen Ort von Spuren menschlicher Zivilisation. Seit die EU-Gelder ausbleiben, versucht die Regierung zu sparen wo es geht. Die Müllabfuhr kam das letzte Mal vor Wochen und seit kurzem fällt auch noch täglich der Strom aus. In diesem Bergdorf lebt Elsie mit ihrer Riesenfamilie. Sie bewohnen eine „Holzbaracke, durch deren Bretter der Wind pfeift“. Elsie hat das Leben nichts geschenkt. Doch irgendwann hat sie die Gängeleien der Geschwister satt und schlägt zurück. „Und weil es sich so gut anfühlte, das zu tun, schlug ich sie gleich noch einmal und noch einmal, rechts, links, rechts, klatsch, klatsch, klatsch.“ Elsie verlässt ihr Elternhaus und flieht in den Wald zur Großmutter. Wie sich herausstellt, ist die seit 30 Jahren als Werwolf unterwegs, wird jedoch bald selbst von dem jüngeren Untoten Istvan erledigt, der daraufhin die Großmutter in kleine Stücke hackt. Elsie und ihr Verehrer Stepan nehmen den Kampf auf. Stepan zwingt die Hände des Untoten in einen Schraubstock und prügelt anschließend mit einer Eisenstange auf ihn ein, bevor Elsie ihm mit einem Beil den Kopf abtrennt, „eine Menge Blut sprudelt aus seinem Hals“. Das kann mit jedem Splattermovie mithalten.

Für ihre Sozialkritik im Märchengewand mixt die Autorin literarische Mittel. Realismus paart sich mit Komik und Phantastik: die goldene Kugel der Gangstertochter wird von einem in einen Frosch verwandelten Polizisten vom Teichgrund geholt, Rotkäppchens Brüder spielen Computerspiele und Schneewittchen und ihr Prinz lassen sich nach einem Jahr scheiden, er könne nicht „bei einer Frau liegen, die wochenlang mit sieben Männern (...) in einer Hütte im Wald zusammenlgelebt hätte, das müsste jeder einsehen.“ Die titelgebende Geschichte setzt Maßstäbe. Die anderen Märchenvariationen können nicht immer mithalten, Figuren bleiben blasser, die Handlungen näher an den Originalen und zuweilen geht es hauptsächlich um die Entzauberung der Märchenwelt. Platte Kalauer bleiben nicht aus.

Viel wichtiger ist jedoch, dass Duve das Märchen in einer Realität ankommen lässt. Ermöglicht die stereotype Personage im klassischen Märchen einfache Gegenüberstellungen von Gut und Böse, sind die Figuren in „Grrrimm“ mit Besonderheiten ausgestattet. Rotkäppchen ist kein namenloses Inventar und der Wolf kein böser Wolf, nur damit schlussendlich die Moralkeule geschwungen werden kann. Elsie wirft die verhasste, rote Kappe ins Feuer und nimmt es mit einem Zombie auf. „Grrrimm“ ist die Geschichte einer Emanzipation. Auch die anderen weiblichen Figuren teilen aus. Schneewittchen lässt den perversen Zwerg abblitzen und schnappt sich den Prinzen. Die Tochter des Gangsters verliert ohne Augenzucken ihren Vater an die Polizei. „Wie kalt und herzlos du bist.“ „Was erwartest du, ich bin deine Tochter.“ Ob sie herzlos ist, oder nur die Spielregeln verstanden hat, das stellt Karen Duve zur Disposition. Die Autorin verhandelt, was gesellschaftliche Umstände hervorbringen, wer der böse Wolf ist, wenn domestizierte Wolfhunde von menschlichen Werwölfen zerfleischt werden. Wer lehrt hier wen das Fürchten? Auch Elsie wird ein Werwolf sein, „da hat Großmutter mich noch schnell gebissen“. Man kann ja nicht einfach aus dieser Welt heraus, in die man geboren wurde. Mit „Grrrimm“ hält die existenzielle Trostlosigkeit Einzug in die Scheinwelt der Märchen. Hier gibt es keine Rosenranken, nur Gestrüpp und braune Tümpel, Gewalt, Leere und Einsamkeit. Karen Duve psychologisiert und seziert, befreit die Märchenklassiker vom schwarz-weißen Schleier, färbt sie grau, macht sie bitter, macht sie „grrrimm“.

Karen Duve: Grrrimm

Verlag Galiani Berlin
ca. 180 Seiten
Leinenband, besonders schön ausgestattet,
mit Lesebändchen und farbigem Vorsatz
Vignetten von Kat Menschik
ISBN 978-3-86971-064-8.


Abbildungsnachweis:
Portrait Karen Duve: Thomas Müller
Galerie: Buchcover "Grrrimm", Verlag Galiani, Berlin

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Kolumne > Follow Book > Nicht immer märchenhaft: Karen Duve schreibt...

Mehr auf KulturPort.De

BuchDruckKunst 2020 – Das Magazin
 BuchDruckKunst 2020 – Das Magazin



Menschen, Bücher, Sensationen: An diesem Wochenende, vom 27. bis 29. März 2020, sollte die renommierte BuchDruckKunst im Museum der Arbeit stattfinden. Ein Hig [ ... ]



Eoin Moore und Anika Wangard – eine Begegnung
 Eoin Moore und Anika Wangard – eine Begegnung



Eigentlich bin ich nicht besonders scharf auf Krimis. Wenn sie allerdings sehr gut sind, relativiert sich das. Wahrscheinlich befinde ich mich tief im Mainstream [ ... ]



„Waves” – Trey Edward Shults’ Opulenz der Emotionen
 „Waves” – Trey Edward Shults’ Opulenz der Emotionen



„Waves” ist ein visuell waghalsiger Kraftakt, überwältigend, mitreißend, voller Zärtlichkeit, trügerischer Hoffnungen und zerborstener Träume. US-Regis [ ... ]



Egon Friedell: Der Schatten der Antike
 Egon Friedell: Der Schatten der Antike



82 Jahre nach dem Freitod Egon Friedells liegt – endlich! – das letzte Kapitel seiner „Kulturgeschichte des Altertums“ vor, und jeder, dem die Gedanken d [ ... ]



Horst Hansen Trio: Live in Japan
 Horst Hansen Trio: Live in Japan



Nix da Japan – Krefeld (クレーフェルト). In solchen pandemischen Zeiten reist man nicht und wenn, dann nur virtuell. Spielerisch, alles ist spielerisch  [ ... ]



Literarische Neuentdeckung aus alter lettischer Zeit: Das Prosapoem „Straumēni“
 Literarische Neuentdeckung aus alter lettischer Zeit: Das Prosapoem „Straumēni“



Was für ein Glücksfall: Ein Antiquariatsfund in Rīga führte 2018 dazu, dass das Prosapoem „Straumēni“ von Edvarts Virza nun auch für deutschsprachige L [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.