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Hamburger Architektur Sommer 2019

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Axel Simon: Eisenblut Foto: Rowohlt

Das alles für was?
„Eisenblut“ ist der erste Band einer Reihe, in der Gabriel Landow, gefallener Sohn einer ostpreußischen Getreidejunker-Dynastie, als Ermittler eingeführt wird.

Der Hamburger Autor Axel Simon wählt als Setting des Romans das Berlin des Jahres 1888 – das sogenannte Dreikaiserjahr.

Die einzelnen Kapitel beginnen jeweils mit „Noch xx Tage bis zum Tode des Kaisers“. (Gemeint ist der zweite Kaiser dieses Jahres, Friedrich III, der nach 99 Tagen Regentschaft an Kehlkopfkrebs starb.)

Die Verbrechen
Während ganz Deutschland auf den Tod des todkranken Kaisers wartet, erfährt der Leser parallel von drei Verbrechenssträngen.
Gleich im ersten Kapitel verliert ein Geheimkurier auf einem frisch gezimmerten Abort einer Pferdewechselstation seinen linken Arm, an den eine Ledertasche mit geheimen Plänen zum Bau eines U-Bootes befestigt ist. Er ist nicht der erste und wird nicht der letzte sein, der seines Armes (und damit vermutlich seines Lebens) verlustig geht.

In Berlin treibt gleichzeitig ein Frauenmörder sein Unwesen. Er bewundert das weibliche Geschlecht: „Das ist für ihn das Schönste. Rubinrot und glänzend liegen ihre Eingeweide in der geöffneten Bauchhöhle vor ihm wie in einer gerade geöffneten Schatztruhe“. Diesen Mörder kennen wir als Leser von Anfang an. Er heißt Hans, kommt aus dem nordhessischen Örtchen Schlitz und arbeitet in einer Abdeckerei, wo seine Kunstfertigkeit im Umgang mit den scharfen Messern allzu wenig gewürdigt wird. Dabei sehnt er sich doch nach Beachtung. Doch egal, was er auch veranstaltet, um in die Zeitung zu kommen, die Polizei hat die Anweisung, in dieser Zeit, in der alle auf die Nachricht vom Tod des Kaisers warten, die Öffentlichkeit nicht auch noch durch Nachrichten über einen brutalen Frauenmörder zu beunruhigen. Und so ginge sein Talent (fast) unter, wenn er nicht auf schicksalhafte Weise in das Geschehen um Sonderermittler Landow hineingezogen würde.

Die dritte Verbrechensserie konfrontiert uns (und Gabriel Landow) mit dem Tod dreier Angestellter des preußischen Innenministeriums, die ebenfalls mit den geheimen U-Bootplänen befasst waren. Hier kommt der Schnüffler Landow endlich ins Spiel.
Denn einer dieser drei Ministerialbeamten, dem er im Auftrag der eifersüchtigen Ehefrau hinterherspioniert, fällt ihm eines Nachts mitten auf dem Tempelhofer Flugfeld aus großer Höhe tot vor die Füße. Das Seltsame, was die drei Tode miteinander verbindet: Sie alle halten im Tod ein Buch der Brüder Grimm in der Hand – was zumindest bei dem Mann, der vom Himmel fiel und mit großer Wucht auf dem Boden aufschlug, für Verwunderung sorgt. Zumal sein Daumen als Lesezeichen noch immer eine bestimmte Seite markiert.

Wer, außer Landow, tritt sonst noch auf?

Perikles
Landows acht Minuten älterer Zwillingsbruder, der, anders als der jüngere, mit einem Klumpfuß zur Welt kam – weshalb er seinen Bruder hasst und ihm – wohl auch schon in der Jugend – heimlich nach dem Leben trachtet. Als der alte Graf stirbt, investiert Perikles das auf ihn übergegangene Familienvermögen bis auf den letzten Heller in kriegswichtige Firmen. Diese Geschäfte versprechen die höchsten Gewinne.

Die alte Gräfin Landow
Sie hofft, dass der verlorene Sohn eines Tages doch wieder den Weg aufs heimatliche Gut findet. Das weiß der Bruder aber geschickt zu hintertreiben.

Köster (auch Kössi genannt)
Ein alter Kriegskamerad, dem Landow an der Front einst das Leben rettete. Aus Dankbarkeit darf Landow in der miefigen Pension des Freundes wohnen. Kössi geht (im Nebenerwerb) noch der Zuhälterei nach und findet im Übrigen sein Glück in der Beziehung mit dem „schönen Franz“.

Orsini
Ein ehemaliger Artist, ein Trapezkünstler, dessen Karriere ein jähes Ende findet, als er in einem unaufmerksamen Moment aus der Zirkuskuppel abstürzt. Als er aufwacht, hat er einen Arm weniger. Mit der Geschicklichkeit seiner noch vorhandenen Hand schlägt er sich auf den Straßen, an Bahnhöfen und auf der Pferderennbahn als Taschendieb durchs Leben. Bis er eines Tages versucht, den ihm bis dahin noch unbekannten Landow zu berauben. Der ist aber etwas flinker als gedacht. Fortan geht Orsini Landow bei dessen Ermittlungen zur Hand.

Die geheimnisvolle, aufregende, kaltblütige Schöne
Sie ist es, die im Hintergrund die Fäden in der Hand hält. Dass diese faszinierende Frau den unattraktiven Verlierer Landow in ihr Bett zieht, ist eine der eher unverständlichen Facetten in dieser Geschichte.

Dr. Pfeiffer
Gerichtsmediziner an der Charité. Auf seinem Seziertisch landen die meisten der Toten in diesem Roman, nicht nur die toten Regierungsbeamten, sondern auch die Opfer von Hans, dem Schlitzer (das mag sich jetzt jeder selbst ins Englische übersetzen). Er schuldet Landow noch einen Gefallen und versorgt ihn mit allerhand Informationen, die dem überforderten Ermittler auch nicht wirklich weiterhelfen.

Und natürlich das Hubbertchen, ein liebevoll gezeichneter Fünfjähriger, nicht so ganz richtig im Kopf, daneben noch eine ganze Reihe anderer Personen, auch der sterbende Kaiser hat einen kurzen Gastauftritt unmittelbar vor seinem Tod.

Axel Simon: Eisenblut COVERDie Geschichte
Bei den Ermittlungen zum Tode des vom Himmel gefallenen Regierungsbeamten (und untreuen Ehemannes) findet sich Landow plötzlich als Sonderermittler des preußischen Innenministeriums wieder. Er versteht nicht wirklich, das ihm da geschieht, aber selbst, als der Leser die Hintergründe erfährt, bleiben doch allzu viele Fragezeichen. Landow verstrickt sich immer tiefer in die Machenschaften der geheimnisvollen Drahtzieherin, begegnet dabei unverhofft seinem Bruder wieder und bleibt doch am Ende des Romans ziemlich ratlos zurück.
„Das alles für was“, schreit er seine Verzweiflung heraus und drückt somit unbewusst die große Schwäche dieses Romans aus. Es geht einerseits ums große Geschäft mit neuen Kriegswaffen wie U-Boote, Nervengas und Maschinengewehre. Oder geht es doch um Rache? Und über allem schwebt die Frage: Wieso steht ausgerechnet Landow mitten im Zentrum der Geschehnisse?

Die Sprache
Schon auf der ersten Seite nimmt die atmosphärisch bildhafte Sprache des Autors für sich ein. Genauso überzeugend ist sein hintergründiger Humor. Zitat: „Wie wohl so ein Japaner aussieht? Gelb wie reifer Mais, sagt Brandstetter. Und der kennt sich aus. Zumindest mit Mais.“
Wenn ein gutes Buch daran zu messen ist, ob es ihm gelingt, den Leser gleich auf der ersten Seite mitzunehmen, so ist dies dem Autor schon mit der Schilderung des Überfalls auf dem zugigen Abort gelungen. Sein Fingerspitzengefühl für sprachliche überraschende Bilder, sein feines Gespür für das Menschliche, sein Witz, all das fasziniert den Leser bis zur letzten Seite. Dort aber bleibt er etwas ratlos zurück.

Der Autor
Axel Simon wurde 1962 im Ruhrgebiet geboren. Er inszenierte an verschiedenen Theatern zeitgenössische Opern. Später arbeitete er als Creative Director (und erinnert damit ein wenig an Frank Schätzing) in großen Agenturen in Hamburg und München.
Heute lebt er in Hamburg und schreibt gerade am zweiten Band der Landow-Orsini-Reihe. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die historischen Berlin-Krimis des Kölner Autors Volker Kutscher (erfolgreich verfilmt als Berlin-Babylon) um den Ermittler Gerhard Rath bei der Idee zu dieser historischen Kriminalreihe Pate standen. Selbst der Verlag nimmt in einer Pressemitteilung Bezug darauf. Der Autor, gefragt nach seiner Motivation, gerade diese Zeit für seine Kriminalromanreihe zu wählen, sagt dazu in einem Presseinterview:

„Das ist eine mörderisch interessante Zeit. Man hört förmlich das Knirschen der tektonischen Platten, die hier aufeinanderstoßen. Der Motor der Veränderung in dieser Zeit ist der sprunghafte Anstieg von technischen Entwicklungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen. Vieles, was unser Leben heute noch prägt, war damals in den Kinderschuhen: Kommunikation (Telefon), Energie (Strom), Mobilität (Automobil), Massenproduktion. (…) Davon, ein Babylon zu sein, ist das Berlin dieser Tage noch ein gutes Stück entfernt. Aber die Vertreibung aus dem Paradies hat längst stattgefunden.“

Fazit: Tiefgründiger Witz, atmosphärisch dichte Sprache, verschwendet an einen nicht überzeugenden Plot. „Das alles für was?“

Axel Simon: Eisenblut

Kriminalroman
Rowohlt Verlag Hamburg
416 Seiten
ISBN: 978-3-463-00012-1
Weitere Informationen
Leseprobe (siehe Anlage)

Auch als Hörbuch erhältlich mit Sprecher: David Nathan
Weitere Informationen


Abbildungsnachweis:
Header © Rowohlt Verlag
Buchumschlag

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