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Indianerleben und Pflicht zum Ungehorsam

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Montag, den 21. Oktober 2019 um 07:34 Uhr
Wald Valiphotos

„Wer anfängt, Rechtsstaatlichkeit zu beugen,“ schrieb am 7. Oktober Ulf Poschardt in der „Welt“, „sei es mit Boykott der Schulpflicht, Nötigung oder Sachbeschädigung, zersetzt das Fundament unserer Gesellschaft. Trotzdem“, empörte er sich, „sind viele wieder ganz entzückt bei der Aktion von ‚Extinction Rebellion‘.“
Was dieser Freund des freien Autowanderns vielleicht wirklich nicht weiß, ist, dass es schon lange zurückliegt, dass ein Mann über die „Pflicht zum zivilen Ungehorsam“ schrieb – und es war mit Henry David Thoreau (1817-1862) auch noch ein Amerikaner! Angesichts von Sklaverei und ungerechten Kriegen verweigerte er die Steuerzahlung und ging deshalb sogar ins Gefängnis. Später reduzierte er seine Arbeit auf das geringstmögliche Maß, um sich wichtigeren Dingen zu widmen.

Über das leider nicht sehr lange Leben Thoreaus hat Frank Schäfer eine temperamentvolle Biographie vorgelegt, in der uns nicht allein die Persönlichkeit Thoreaus, sondern auch noch sein Umfeld nahegebracht wird, der amerikanische Nordosten mit seinem puritanisch angehauchten Protestantismus, seinen Wäldern und der Universität Harvard. Thoreau war ein Intellektueller, den es in die freie Natur zog, worüber er in dem berühmtesten seiner Bücher, in „Walden oder Das Leben im Wald“, berichtete. Sein Freund Nathanael Hawthorne, Autor von „Moby Dick“, sprach von Thoreaus „Indianerleben“, und gelegentlich machte er wirklich Kanutouren in den Wäldern, mit einem Indianer als Führer. In mancher Hinsicht erinnert Thoreaus Lebensführung an die Lebensreformer ausgangs des 19. Jahrhunderts. Wenn das stimmt, war er seiner Zeit wirklich sehr weit voraus; und vielleicht kann er ja auch uns noch etwas sagen?

Thoreau CoverDie Gruppe von Intellektuellen, denen Thoreau sich zugehörig fühlte, nannten sich selbst „Transzendentalisten“. Das ist ein Name, der viele Leser abschrecken muss, denn er klingt nach Immanuel Kant und seiner „Kritik der reinen Vernunft“. Aber in Wahrheit traten diese Außenseiter um Thoreau, Ralph Waldo Emerson, Theodore Parker, Margaret Fuller und anderen für eine Lebensanschauung ein, die sich nur zu deutlich von Kant und den Philosophen des Deutschen Idealismus unterschied – schon deshalb, weil es ja nicht theoretische Entwürfe waren, auf die es ihnen ankam, sondern das rechte Leben. Für Thoreau ging es laut Schäfer darum, „sein Leben tatsächlich nach ideellen Maßstäben wie ein Kunstwerk zu formen.“

Es waren also nur am Rande philosophische Themen, um die ihre Werke kreisten. Vielmehr ging es um Schulreform und liberale Erziehung, um den Kampf gegen die Sklaverei, die Abkehr von einem starren, unpersönlichen Glauben und um die Emanzipation der Frau. Es ist verblüffend, wie modern die zwischen 1828 und 1860 erschienenen Essays anmuten, die sich in dem dicken Buch „Der amerikanische Transzendentalismus“ versammeln, von Dennis Sölch und Laura Wackers übersetzt, sachkundig eingeleitet und kommentiert. Es bietet nicht allein eine fast hundertseitige Einführung in den Themenkreis – das ist das erste von fünf Kapiteln – sondern für jeden einzelnen der 23 Essays schrieben die beiden Herausgeber eine Einleitung mit einer Kurzbiographie des Verfassers, Hinweisen auf die Aufnahme des Artikels und anderen Informationen mehr. Von Thoreau fanden zwei Arbeiten Aufnahme, „Walking“ („Über das Flanieren“) und „Widerstand gegen die Zivilregierung“. Besonders der erste Essay hat die Lebensweise Thoreaus zum Thema, und man glaubt gerne, dass ein Loblied auf das Spazierengehen und Herumschlendern sein puritanisch geprägtes Umfeld ziemlich provozierte.

Man sieht schon an den Zitaten aus der Bibel und den Anspielungen auf die große Literatur, dass es sich um Aufsätze und Essays hochgebildeter Autoren aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts handelt. Aber in ihren Aussagen und in ihren Zielen muten sie manchmal fast wie Zeitgenossen an. Dass Thoreau den Widerstand gegen die Politik propagierte, sogar eine „Pflicht zum Ungehorsam gegenüber dem Staat“ erkannte, ist nur ein erster Hinweis auf die Aktualität dieser Richtung. Ein anderer ist die Hinwendung zu einem betont bescheidenen Leben. Die Transzendentalisten schätzten nicht nur die Natur, sondern Emerson kaufte sogar Wald auf, um ihn vor der Rodung zu schützen. Und sie übten und kultivierten ihre Sinne und Beobachtungsgabe.

Trotz seiner Weigerung, in derselben Weise fleißig zu sein wie alle anderen, war Thoreau keinesfalls untätig. Aber er brauchte nur wenig zum Leben und stellte fest: „Wenn die Menschen im Durchschnitt nicht leichter schwitzen als ich, dann ist kein Anlass, im Schweiße des Angesichts zu leben.“ So etwas hörten Puritaner gar nicht gern! Und nicht allein Thoreau, auch manche seiner Kollegen setzten sich für ein bescheidenes Leben und für das rechte Maß ein, und ihre Gesellschaftskritik tendiert nicht selten in Richtung Sozialismus. „Bei der Arbeit ist Maßhalten das Gesetz“, schrieb Theodore Parker. In seinem Essay „Gedanken über Arbeit“ beklagte er, dass ein Teil dieser Gesellschaft „seinem Anteil an der Arbeit ausweicht“, und forderte, dafür zu sorgen, dass „jeder seinen angemessenen Teil verrichtet“. Das ist noch so ein Punkt, bei dem der nachdenkliche Herr Poschardt die Stirn runzeln wird.

Thoreau mit seinem Buch „Walden oder Das Leben im Wald“ taugt noch heute als Vordenker für jene, die den Verzicht proklamieren; und seine „Pflicht zum Ungehorsam gegenüber dem Staat“ könnte sogar als Bibel einer ganzen Bewegung dienen. „Der amerikanische Transzendentalismus“ enthält allerdings einen anderen Essay zu diesem Thema unter dem Titel „Widerstand gegen die Zivilregierung“. „Walking“ beginnt mit einer Absichtserklärung, die viele Leser ansprechen wird: „Ich möchte das Wort für die Natur ergreifen, für die absolute Freiheit und Wildheit im Unterschied zu einer bloß bürgerlichen Freiheit und Kultur“.

Wie modern Thoreau und die Transzendentalisten in vielen Punkten dachten, zeigt auch Elizabeth Palmer Peabodys Aufsatz über Kindergärten, in dem sie sich gegen eine übertriebene Disziplinierung der Kleinen ausspricht. Der Kindergarten, schreibt sie, macht „es sich zum ernsthaften Ziel, das Herumtoben zu organisieren und es mit Musik zu begleiten […] Herumtoben ist die Ekstase des Körpers, und wir werden feststellen, dass Kinder in dem Maße dazu tendieren, ungestüm zu sein, wie sie körperlich lebhaft sind. Es gibt immer dort irgendeine Art morbider Schwäche, wo es keinen Instinkt für wildes Spielen gibt“. In Schäfers Biographie kann man nachlesen, mit welchem Nachdruck sich der Lehrer Thoreau gegen die damals noch obligatorische Prügelstrafe wehrte.

Hauptautor des Sammelbandes ist Ralph Waldo Emerson (1803-1882). Von ihm sind von den beiden Herausgebern fünf Essays ausgewählt und übersetzt worden, darunter „Der Transzendentalist“ und seine berühmten „Kreise“. Wie Thoreau trat Emerson für ein einfaches Leben und die Kultivierung seiner selbst ein; und natürlich kämpfte auch er gegen die Sklaverei. „Vor diesem Hintergrund“, schreiben die Herausgeber, „versteht sich der Transzendentalismus als eine Ethik oder gar als eine Ästhetik der Existenz, deren Ziel darin besteht, dass der Mensch sich mit sich selbst und der Welt um ihn herum im Einklang erfahren kann.“

Manche der Transzendentalisten haben großen Einfluss auf bedeutende Autoren ausgeübt – schon deshalb sind diese Schriften wichtig. Aber auf einen Aspekt kommt es besonders an. In seinem Essay „Kreise“ macht Emerson deutlich, dass unser Leben „eine Lehrzeit für die Wahrheit“ ist und „dass um jeden Kreis ein anderer gezogen werden kann; dass es in der Natur kein Ende gibt, sondern jedes Ende ein Anfang ist; dass nach der Mittagssonne stets ein neues Morgenrot aufsteigt und unter jeder Tiefe sich eine größere Tiefe auftut.“ Sein Werk lässt sich als ein Plädoyer für den Wandel lesen: „Permanenz ist nur ein gradueller Begriff,“ denn für ihn steht es fest, dass es „nichts Feststehendes in der Natur“ gibt. Alles wandelt sich: „Das Universum ist fluide und flüchtig.“ Und entsprechend müssen auch wir uns verändern – kaum etwas schien ihm schlimmer als eine starre Ideologie.

Heute werden viele kontroverse Themen gar nicht mehr diskutiert – man ist „Klimaleugner“ oder „Bibelfundamentalist“, wenn man gewissen Thesen über den Wandel des Klimas oder die Evolution skeptisch gegenübersteht, und wer abweichende Meinungen über historische oder aktuelle Ereignisse äußert, der ist „Verschwörungstheoretiker“. Von großen Gruppen wird es von vornherein abgelehnt, auf kritische Fragen oder abweichende Überzeugungen einzugehen. Ganz im Gegensatz dazu kultivierten die Transzendentalisten die Offenheit ihres Geistes, und der „Hedge Club“, wie ihre regelmäßigen Treffen nach einem der Teilnehmer genannt wurden, wird von Sölch / Wackers in ihrer sehr umfangreichen Einleitung als ein philosophisches Laboratorium bezeichnet. „Konsens“, schreiben die Herausgeber, war „weder üblich noch erklärtes Ziel der Treffen.“

Buchumschlag amerik  Transzendentalismus„Der amerikanische Transzendentalismus“ enthält fünf Kapitel. Im ersten informieren die Herausgeber über „Die Entwicklung des amerikanischen Transzendentalismus“, das zweite ist „Von der Theologie zur Philosophie“ überschrieben, das dritte enthält „Philosophische Positionsbestimmungen“, die vier Essays des folgenden Kapitels sind „Selbstkultur und Bildungsreform“ gewidmet, und schließlich geht es um „Gesellschaftskritik und Sozialreform“. Ein umfangreicher Anhang enthält ein Quellenverzeichnis, eine Bibliographie sowie zwei Indices (Personen und Sachen). Auffällig ist generell die große Sorgfalt, die überall durchscheint – auf fast siebenhundert Seiten finden sich praktisch keine Druckfehler!

Als gut lesbare, anschauliche und lebendige Einführung in das Thema ist die Thoreau-Biographie zu empfehlen, die dem Leser das soziale und kulturelle Umfeld der Transzendentalisten näherbringt. Für die nähere Beschäftigung mit wichtigen und anregenden Essays liegt nun der schwergewichtige Sammelband vor.

Dennis Sölch / Laura Wackers (Hrsg.): Der amerikanische Transzendentalismus.

Eine Anthologie, herausgegeben, kommentiert und eingeleitet von Dennis Sölch und Laura Wackers.
Verlag Peter Lang 2018, 680 Seiten
ISBN-13: 978-3631729687

 

Frank Schäfer: Henry David Thoreau. Waldgänger und Rebell. Eine Biographie.

Suhrkamp 2017, 251 Seiten
ISBN-13: 978-3518467695


Abbildungsnachweis:
Header: Wald, Foto: Valiphotos
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