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In Europa sind wir ein großer Faktor für die Lebensbedingungen und Wege von Menschen in der ganzen Welt.

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Freitag, den 03. Mai 2019 um 08:05 Uhr
In Europa sind wir ein großer Faktor für die Lebensbedingungen und Wege von Menschen in der ganzen Welt. 4.2 out of 5 based on 76 votes.
Illustration von Dan Williams aus Khaled Hosseini Am Abend vor dem Meer

Das unterscheidet Menschen von anderen Lebewesen: Das Wissen um den eigenen Tod. Nachdenken zu können über Vergangenheit und Zukunft. Selbst zu entscheiden, wie man leben will. Und Kunst – sie schaffen und rezipieren zu können.
Mit diesen Kernen des Menschseins muss man sich auseinandersetzten, liest man „Am Abend vor dem Meer“ von Khaled Hosseini und „Menschenrechte und Menschenpflichten. Schlüsselbegriffe für eine humane Gesellschaft“ von Aleida Assmann. Beide im Kontext zu lesen lohnt sich.
Als Leserin in Deutschland kommt man zudem nicht um die Frage umhin, wie wir in Deutschland, in Europa heute leben – mit welchen Auswirkungen und Bedingungen. In Europa sind wir ein großer Faktor für die Lebensbedingungen und Wege von Menschen in der ganzen Welt.

Zu dieser Verortung von Menschsein in Vergangenheit Gegenwart Zukunft, über Menschenrechte und Menschenpflichten hat Aleida Assmann gearbeitet. In verschiedenen Kontexten und aus unterschiedlichen Perspektiven heraus hat sie der Menschlichkeit nachgespürt in Rechten, die seit dem Ende des 18. Jahrhunderts erarbeitet und erkämpft werden, und Pflichten, die jahrtausendealt sind, wie in der Weisheitsliteratur des alten Ägypten, und die neuzeitlich sind wie die humanen Tugenden, die Siegfried Kracauer formuliert hat.

Aleida Assmann: Menschenrechte und Menschenpflichten. Schlüsselbegriffe für eine humane Gesellschaft.Die UN-Menschenrechte gehören zum europäischen Selbstverständnis und sind von hier aus in die Welt getragen worden. Alle Demokratien berufen sich auf sie. Sie sind, so Assmann, universal. Die Menschenpflichten aber, so zeigt sie, sind universell: Sie sind zu jeder Zeit und an allen Orten der Welt immer wieder entstanden. Kurz zu fassen sind sie mit der „goldenen Regel“: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu. Und in all ihren Formulierungen wie sie bei Bach, Kant oder in der Bergpredigt zu finden sind. „Sei's in ihrer positiven, sei's in ihrer negativen Wendung, sei es in ihrer universellen Form, sei's in der universalistischen Form des Kategorischen Imperativs, die Formel lehrt uns, dass das Schwerste auf der Welt, die Erhaltung des sozialen Friedens, eigentlich ganz einfach ist, wenn wir das Prinzip der Wechselseitigkeit menschlicher Interaktion nur ernst genug nehmen.“
Die Menschenrechte sind die Rechte jedes einzelnen Menschen. Die Menschenpflichten fügen das soziale Wesen: Mensch kann nicht allein im Leben bestehen. Wir alle mussten und müssen nicht nur genährt, sondern auch geliebt werden. Das zeigt schon das Experiment Friedrich II.: Um die Ursprache zu finden, durften Betreuerinnen Waisenbabys nichts anderes als füttern und wickeln. Die Babys starben.
Während die Menschenrechte das Individuum ermöglichen, ermöglichen die Menschenpflichten die Gemeinschaft. Aktuell, so Assmann, offenbaren die großen Fluchtbewegungen nach Europa Uneinigkeiten in Ideen, wie wer warum mit wem zusammenleben kann und darf: Tausende stehen an Bahnhöfen und heißen Flüchtlinge willkommen. Tausende marschieren für schnelle Abschiebungen. Viele helfen mit Sprache und Freundschaft. Viele zünden Unterkünfte an. Assmann zeigt hier auf die Notwendigkeit für einen neuen Gesellschaftsvertrag. Auf die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen eines solchen Vertrages legt sie für ihre Untersuchungen den Fokus.
In Assmanns Verständnis von Welt zentral ist „Geschichtetheit“: von Geschichte/n, von Situationen, von Kulturen. Ein Zugleich von Gleichem und Widersprüchlichem, von gestern, jetzt, morgen, von uns und dem Anderen und den Anderen in mir. Dementsprechend arbeitet sie aus den Sedimenten menschlichen Selbstverständnisses Schlüsselbegriffe für eine humane Gesellschaft heraus mit kultur-, literatur- und geschichtswissenschaftlichen Meißelchen und Pinselchen.
So geht es im ersten Teil ihrer Publikation um Menschenrechte und Menschenpflichten, um verschiedene Schwerpunkte zu unterschiedlichen Zeiten und Arbeitsnotwendigkeiten in der Gegenwart. Im zweiten Teil widmet sich Aleida Assmann Schlüsselbegriffen für eine humane Gesellschaft. Für sie sind das Höflichkeit, Anerkennung und Respekt, Empathie und Ähnlichkeit. Dadurch, dass sie diese Begriffe gegenseitig konterkariert, zeigt sie auch, dass es keinen einfachen, eindeutigen Weg gibt. Es kann eben kein Rezept geben, das eine humane Gesellschaft schafft. Aber Assmann wägt Zutaten für ein gutes Zusammenleben. Im Ausblick berichtet Assmann von Gesprächen mit Anil Bhatti. „Es ist wichtiger, miteinander auszukommen, rät Bhatti, als einander zu verstehen.“ Das könnte Leitsatz des Buches sein. Das könnte Leitsatz auf dem Weg in eine humane Gesellschaft sein.

Human erscheint den Europäern die europäische Gemeinschaft. Der jährliche Bericht über die Menschenrechtssituation in Deutschland zeigt anderes. Die Abkommen von EU-Staaten mit Staaten wie Libyen und der Türkei zum Schutz der eigenen Grenzen vor Menschen in Not ebenfalls.

Khaled Hosseini: Am Abend vor dem MeerAuf ihrem Weg nach Europa ertranken 2018 vermutlich 2262 Menschen. Jede weiß, dass die Flucht über das Meer wahrscheinlich in den Tod führt. Auch die, die sich ins Boot setzen. Und sie setzten sich trotzdem hinein.
Weil Krieg ist, weil sein Leben und auch das seiner Familie unerträglich und bedroht ist, wird sich auch Khaled Hosseinis Protagonist mit seiner Frau und seinem Sohn in ein Boot setzten. In wenigen Sätzen schreibt Hosseini, was jemandem Am Abend vor dem Meer durch den Kopf gehen kann: Ein Vater schreibt an seinen Sohn. Er erzählt von seinen Kindheitserinnerungen, in denen Frieden war in Homs. In denen die Töpfe der Mutter klapperten und die Suks, die bunten orientalischen Märkte, surrten und dufteten.
Und er erzählt von der Kindheit seines Sohnes. In der gibt es vor allem Bomben und Hunger und Tote. „Du weißt, dass ein Bombenkrater als Schwimmbecken dienen kann. Du weißt, dass dunkles Blut ein gutes Zeichen ist, helles ein schlechtes.“ Die Illustrationen von Dan Williams wirken wie Erinnerungsbilder gleichsam klar und verschwommen. Sie lassen der eigenen Fantasie Raum und – aber nicht den sich zu entziehen.
Schließlich erfährt man Sehnsucht und Angst vor dem nächsten Morgen. Ein Moment, in dem man nicht mehr gestalten kann. In dem man sich nur noch dem Schicksal, Gott, dem Meer hingeben kann.

Diese Erzählung steht Angesichts Alan Kurdis. Er ertrank am 2. September 2015 vor Europa. Das Foto seiner Leiche am Strand ist ikonografisch für Schicksale Tausender.
Am Abend vor dem Meer schmerzt notwendig, weil es zeigt, dass Menschenrechte versagen, dass Menschenpflichten in den Hintergrund getreten sind. Es beweist, dass Menschenrechte und Menschenpflichten ineinandergreifen, dass sie, wie Assmann zeigt, interdependent sind. Beide Bücher zusammen sagen eindeutig: Die Welt braucht mehr, als Menschenrechte. Sie braucht einen Willen der Weltgemeinschaft zur Menschenpflicht, damit wir gut in ihr leben können.

Aleida Assmann: Menschenrechte und Menschenpflichten. Schlüsselbegriffe für eine humane Gesellschaft.

Picus
192 Seiten
Gebundene Ausgabe: ISBN: 978-3-7117-2072-6
e-Book: ISBN: 978-3-7117-5380-9
- Weitere Informationen
- Informationen zu Aleida Assmann


Khaled Hosseini: Am Abend vor dem Meer.

S. Fischer
48 Seiten
ISBN: 978-3-10-397409-6
- Weitere Informationen
- Informationen zu Khaled Hosseini


Lesen Sie zu diesem Thema auch bei KulturPort.De — Follow Arts: Über die bedingungen des Menschseins


Abbildungsnachweis:
Header: Illustration von Dan Williams aus Khaled Hosseini / Am Abend vor dem Meer
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