Neue Kommentare

Martin Kostinak zu DFG-Schwerpunktprogramm „Das digitale Bild“: Förderzusage für neues Forschungsprojekt des Fachbereichs Kunstwissen­schaft & Medienphilosophie: Welche Förderzusage für das KIT ist hier gemein...
Miriam Fernandez zu Der öffentliche Raum und seine Nutzungen – Plätze in San Fernando del Valle de Catamarca, Argentinien: Agradezco infinitamente al Señor Stefan Diebitz ...
Peter Schmidt zu Jochen Schäfsmeier wird Intendant der Händel-Festspiele Göttingen: Herzlichen Glückwunsch an den einstigen Geschäf...
Ana María Breppe zu Der öffentliche Raum und seine Nutzungen – Plätze in San Fernando del Valle de Catamarca, Argentinien: The difference between the two cultures is very c...

Hamburger Architektur Sommer 2019


Follow Book

Egbert Scheunemann: „Vom Anfang und vom Ende. Erzählungen, Kurzgeschichten, Dialoge“

Drucken
(70 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Freitag, den 05. April 2019 um 08:11 Uhr
Egbert Scheunemann: „Vom Anfang und vom Ende. Erzählungen, Kurzgeschichten, Dialoge“ 4.1 out of 5 based on 70 votes.
Egbert Scheunemann: Vom Anfang und vom Ende. Erzaehlungen, Kurzgeschichten, Dialoge

Böse Schatten
Wer von einem versauten Leben oder gar von Selbstmord schreibt, so zu lesen im Klappentext des Buches von Egbert Scheunemann „Vom Anfang und vom Ende“, dem bleibt nur zu raten, ein Ticket für die neue Boing 737 Max zu kaufen. Spaß beiseite. Auch ihm, dem Politikwissenschaftler, Naturphilosophen und Buchautor, ist es – dem letzten Kapitel mit der Überschrift „Vom Ende – ein faustischer Pakt“ zu entnehmen − nicht wirklich ernst mit einem Sprung in die Tiefe. Es ist nur ein Traum.


Bereits zu seinem ersten Buch mit Kurzgeschichten „Trilogie des Scheiterns“, das ich von ihm rezensieren durfte, lud ich ihn gedanklich zu einem Gespräch in eine Gaststätte ein. Dort bescheinigte ich ihm einen gewissen Galgenhumor, viel Witz und ein unbändiges Bedürfnis nach Leben. Und nun, nach dem Lesen seines neuesten Werkes, sehe ich ihn in Gedanken auf einer Bühne. Und was passiert? Das Publikum applaudiert in Abständen, guckt interessiert aus der Wäsche, fühlt sich offenbar angesprochen und geht anschließend still nach Hause, ungeachtet dessen, dass sich interessanterweise besonders Gelbwesten mit starkem Beifall hervortaten.

Der Rezensent suchte vor allem einen inneren Zugang zu den elf Erzählungen und Dialogen zu finden. Beim nochmaligen gründlichen Lesen sprangen ihm zwei Begriffe förmlich ins Auge und ins Gedächtnis: Schöpfergeist und Schatten. Und das nicht nur in der einleitenden Erzählung über den im Matsch spielenden kleinen Jungen. Dieser formte aus Schlamm Häuser und Kanäle – er wollte etwas schöpfen, später Bauarbeiter werden, Häuser bauen für Flüchtlinge und ganze Städte −, als plötzlich hinter ihm ein Schatten auftauchte und ihm einen heftigen Tritt in den Rücken verpasste. Der kleine Junge fiel vornüber in die Pfütze und begrub seine Schöpfung unter sich. Der kleine Junge – offenbar das Sinnbild des Beginns des Nachdenkens im Leben des späteren Autors – schrie dem Schatten voller unbändiger Wut, aber machtlos hinterher. Er, der kleine Junge, konnte noch nicht wissen, „dass die Flucht seiner Familie, die Ursachen der Flucht – ein furchtbarer Krieg und die schlimmen Folgen −“ seine Familie „mehr und mehr zerstören würden“ (S. 11). Als aus dem kleinen Junge ein junger Mann wurde, wollte er alles besser machen in seinem Leben: „Er wollte die Ursachen untersuchen, die seine Familie zerstört hatten, die historischen, politischen, ökonomischen und sozialen Prozesse studieren und verstehen, die zu so viel Gewalt und Leid geführt hatten und noch immer führen.“ (S. 14)

Der einst in der Erinnerung schnell größer werdende Schatten hinter dem kleinen Jungen lässt dem in die Jahre gekommenen Mann in der – letzten − Geschichte über den faustischen Pakt keine Ruhe. Noch einmal stößt er ihm, den nun alten Mann, in den Rücken, wieder mit feixendem Gelächter. Dieser fällt und begräbt sein gesamtes Leben unter sich – seine Schöpfung. Sinnbildlicher kann sich der Autor über ein vermeintlich sinnloses Dasein nicht äußern.

Diesen Zusammenhang zwischen schöpferisch leben wollen und die Gefahren von gefährlichen und bösartigen Schatten bedenkend, sind die weiteren, teils ernsten, teils witzigen Einzelbeiträge gut zu verstehen. So das Bemühen von Egbert Scheunemann, in einem Dialog, einem Disput zwischen anonymisierten Dialogpartnern „A“ und „B“ das Universum, Gott oder auch den Urknall zu thematisieren und die Existenz von Gott als Schwachsinn zu charakterisieren. Hochinteressant sind die Gedanken über den Sinn des Lebens, über die Entfaltung der Persönlichkeit, über den systembedingten Zwangskonsum, über den Autowahnsinn, über die Idee von Marx, die Erwerbstätigkeit und sinnlosen Konsum, also das Reich der Notwendigkeit, zu reduzieren zugunsten des Reiches der Freiheit und freier individueller Entwicklungsmöglichkeiten. Scheunemanns Attacke gegen das kapitalistische System verschärft sich, wenn er im Dialog – wieder zwischen „A“ und „B“ − ab Seite 61 über Geschmack und Wahrheit philosophiert. Mit der Globalisierung zeichne sich eine Weltgesellschaft ab, eine Universalisierung von Geschmäckern. Die Menschheit stecke noch in ihrer Jugendphase, sie sei noch nicht richtig mündig, sie laufe Gefahr, eine „finale Degenerationsphase“ zu erreichen.

Egbert Scheunemann: Vom Anfang und vom Ende. Erzaehlungen, Kurzgeschichten, DialogeDoch der Autor Egbert Scheunemann lässt sich nicht unterkriegen. Er kehrt auf den Boden der Realitäten im gewöhnlichen Alltag zurück, auf die kleinen Unwägbarkeiten, Nachlässigkeiten und Versäumnisse, die jeden Menschen mehr oder weniger stets begleiten. Da berichtet er von einem beinahe Zusammenstoß mit einem Radfahrer, von einer fahrlässigen Überquerung einer Straße mit Todesfolge, vom Tod eines krebskranken engen Freundes sowie von einer zunächst unerfüllten Liebe zu einer Kellnerin mit Namen Eléni. Fazit: Das Große bedenkend steckt auch im Kleinen das ganz große, das sehr Menschliche.

Höchst aktuell ist der Brief des Autors an einen ehemaligen Freund. Er wirft ihm vor, einst gemeinsam anerkannte Werte über Bord zu werfen, sie mit Füßen zu treten, die Ehrlichkeit des Autors als geistige Provokation zu betiteln, verbale Aggressionen gegen die Vernunft zu fabrizieren, hässlichen Motiven wie Geldgier nachzuhängen. Er mahnt, Freundschaften seien doch keine Konkurrenzverhältnisse. Zweifellos ein Problem der mental oft auseinanderdriftenden Gesellschaft im Kapitalismus, in dem der illusorische Ruf nach mehr menschlichem Zusammenhalt in der Regel wie eine Luftblase platzt.

In der letzten Geschichte mit der Überschrift „Vom Ende – ein faustischer Pakt“ spricht der Autor Egbert Scheunemann Klartext, sozusagen ein Resümee seines Traumes von einer besseren Welt: „Der alte Mann hatte viele Bücher und Hunderte von Artikeln geschrieben, in denen er die Ursachen dieser Kriege und Konflikte unter Menschen und auch des großen Krieges der Menschheit gegen die Natur analysierte und darstellte und Wege aufzeigte in Richtung einer humaneren, sozialeren, gerechteren Welt, die im Frieden mit der Natur lebt. Aber er musste seit langer Zeit erleben, wie fast alles immer schlimmer wurde.“ (S. 98) Sprach- und hilflos würde er, der alte Mann, nun dastehen und fast aufgeben im Kampf gegen den Moloch aus Profitsucht, Kaltherzigkeit, selbst gewählter Unmündigkeit und Knechtschaft. Er wisse, ein einzelner Mensch könne nicht viel bewirken, aber er fühle sich nicht allein, denn sehr viele protestierten gegen den galoppierenden Irrsinn und die wachsende Unmenschlichkeit.

Das schmale Büchlein Egbert Scheunemanns mit seinen 104 Seiten ist ein Knaller mit viel, mit sehr viel Tiefsinn. Es ermuntert den Leser, mehr noch, es provoziert ihn, noch stärker in politischen Zusammenhängen zu denken. Noch klarer nach Ursachen zu fragen, der zunehmenden Verdummung durch die Politik und die hörigen Medien Paroli zu bieten. Der Autor stellt sehr hohe Ansprüche an sein Denken und Tun. Er kann mit Recht auch auf sehr interessierte Leser hoffen. Sein Buch – es könnte auch mit „Zwischen Anfang und Ende“ betitelt werden − endet mit einem Satz aus dem Talmud: „‚Wer auch nur ein Menschenleben rettet, der rettet die ganze Welt.‘ Und sei es sein eigenes Leben. Vor den bösen Schatten dieser Welt. Und vor sich selbst.“

Egbert Scheunemann: „Vom Anfang und vom Ende. Erzählungen, Kurzgeschichten, Dialoge“

Taschenbuch, 104 Seiten,
Verlag: Books on Demand, Auflage: 1 (4. März 2019), Sprache: Deutsch,
ISBN-10: 3748157932, ISBN-13: 978-3748157939,


Erstveröffentlichung in der NRhZ

Hinweis: Die Inhalte der Kolumne geben die Meinung der jeweiligen Autoren wieder. Diese muss nicht im Einklang mit der Meinung der Redaktion stehen.


Abbildungsnachweis:
Header: "Böse Schatten". Foto: Pete Linforth
Buchumschlag

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Kolumne > Follow Book > Egbert Scheunemann: „Vom Anfang und vom End...

Mehr auf KulturPort.De

Erntefest der Kunst – Letzte Session der Setouchi Kunst Triennale 2019 im herbstlichen Farbenrausch
 Erntefest der Kunst – Letzte Session der Setouchi Kunst Triennale 2019 im herbstlichen Farbenrausch



Seit dem Frühjahr steht die Region Setouchi im Südwesten Japans ganz im Zeichen der Kunst Triennale 2019. In drei Sessions von März bis Oktober verwandeln  [ ... ]



Boris Becker – Hochbunker. Photographien von Architekturen und Artefakten.
 Boris Becker – Hochbunker. Photographien von Architekturen und Artefakten.



Boris Becker? Gemeint ist nicht „Bobbele“ das Tennisidol, der einstige Sieger von Wimbledon. Gemeint ist der in Köln geborene und lebende Fotokünstler, der [ ... ]



„Ein leichtes Mädchen”. Leinwandheldinnen in Zeiten von #MeToo
 „Ein leichtes Mädchen”. Leinwandheldinnen in Zeiten von #MeToo



„Ich pfeif auf die Liebe", erklärt die 22jährige Sofia (Zahia Dehar) und stilisiert sich aus Überzeugung zum Objekt der Begierde. Für den Puritanismus der  [ ... ]



Kunst gegen Gewalt; die kolumbianische Künstlerin Doris Salcedo in der Kunsthalle St. Annen
 Kunst gegen Gewalt; die kolumbianische Künstlerin Doris Salcedo in der Kunsthalle St. Annen



Eine „der bedeutendsten Künstlerinnen des 21. Jahrhunderts“ – Kurator Oliver Zybok lehnte sich ziemlich weit aus dem Fenster, als er die kolumbianische K [ ... ]



Vilnius – Die italienische Seele Nordeuropas
 Vilnius – Die italienische Seele Nordeuropas



Kürzlich erst haben am 23. August die drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen an den 30. Jahrestag des „Baltischen Wegs“ erinnert. 1989 – gu [ ... ]



40 Jahre Theater Zeppelin, 30 Jahre Theaterschule, 15 Jahre Hoheluftschiff – Und was jetzt? Auf zu neuen Ufern
 40 Jahre Theater Zeppelin, 30 Jahre Theaterschule, 15 Jahre Hoheluftschiff – Und was jetzt? Auf zu neuen Ufern



Ist das ein Schwan oder ein Pelikan? Jedenfalls eines dieser menschengroßen, phantasievoll aus Draht und Stoffen zusammengebastelten Wassertiere, die Stephanie  [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.