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Michael Göring: „Hotel Dellbrück“

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Donnerstag, den 25. Oktober 2018 um 07:29 Uhr
Michael Göring: „Hotel Dellbrück“ 2.6 out of 5 based on 103 votes.
Michael Göring: „Hotel Dellbrück“

Michael Göring, Chef der Zeit-Stiftung und Autor in Hamburg, lässt die Geschichte einfach nicht los. Nach seiner eindringlichen Trilogie um Kindheit und Jugend in der westfälischen Provinz, legt er nun einen ebenso feinsinnigen wie anrührenden Generationsroman vor: „Hotel Dellbrück“. Das Haus steht, wie sollte es anders sein, in Lippstadt, Görings Geburtsort.

Wie viele Erinnerungen tragen wir in unserem Erbgut? Wie viele Erfahrungen unserer Eltern und Groß- und Urgroßeltern schlummert in unseren Genen? Ist eine jüdische Identität festgeschrieben, auch wenn die Religion nicht gelebt wird, beziehungsweise eine andere? Fragen, die bei der Lektüre von Michael Görings neuem Roman unwillkürlich auftauchen. Und die der Hotelier Antonius Dellbrück, genannt Tono, seine Frau Emmi und Tonos Schwester Betty, wohl sehr befremdlich fänden. Für sie ist der Siggi ein guter Katholik. Punkt. So hatten sie das Waisenkind erzogen nach dem viel zu frühen Tod seiner Mutter, der Kaltmamsell im Hotel Dellbrück. Tilla war Jüdin, auch der Vater, dessen Namen sie nicht preisgab, soll Jude gewesen sein. Aber der dreijährige Sigmund Rosenbaum? Er war zwar nach jüdischem Brauch beschnitten, aber kannte im Lauf der Jahre die katholischen Kirchenlieder so gut, dass er hätte Ministrant werden können. Doch die Zeiten waren nicht danach. Antisemitismus und Rassismus erfassten Lippstadt im „Dritten Reich“ wie den Rest Deutschlands und nach der sogenannten „Reichskristallnacht“ vom 9. auf den 10. November 1938, war Tono klar, dass er seinen geliebten Ziehsohn in Sicherheit bringen musste: Mit einem der „Kindertransporte“ nach England.

80 Jahre später, und hier beginnt Görings Roman, begibt sich Sigmunds Sohn Frido auf Spurensuche. Auch er hat Deutschland verlassen, jedoch freiwillig. Wie so viele junge Leute Auf Sinnsuche hat es ihn in den 70er Jahren nach Poona gezogen, dort hat er seine spätere Frau Cleo kennengelernt und ist ihr nach Australien gefolgt. Doch geflohen ist Frido letztlich auch – vor dem unerbittlichen, besessenen Aufarbeitungswillen seines Vaters. Sigmund ist nach dem Krieg nach Lippstadt zurückgekehrt und hatte mit Tonos Tochter Maria eine Familie gegründet. Als Lehrer an seiner ehemalgien Schule, später an der Universität Herdecke, widmete er seine ganze Arbeit den Auschwitzprozessen.
Nun steht Frido etwas ratlos in dem Asylantenheim, das einmal das stattliche Hotel seines Großvaters war – und die Zeitreise beginnt.
Mit Frido wird man anfangs schlecht warm Er bleibt einem lange fremd. Vielleicht erscheint es auch nur so, weil der Autor Fridos Vater Sigmund so ungleich mehr Emphathie entgegenbringt.

Michael Göring hat ein ungeheures Gespür für die Jahre vor und während des Zweiten Weltkriegs in der deutschen Provinz. Für die kleinbürgerliche Atmosphäre, für die netten und weniger netten Menschen, die darauf achten, dass alles schön ordentlich zugeht. Und Göring ist ein geborener Erzähler, der es versteht, den Leser in das Geschehen zu ziehen: Unmittelbar mit der ersten Rückblende in das Jahr 1938 wird Sigmunds Geschichte zum Film im Kopf. Man sieht Tono, Emmi, Tante Betty und Rile fröstelnd auf dem Lippstadter Bahnhof vor Sigmund stehen, wie schwer ihnen der Abschied von dem Jungen fällt. Man sieht, wie der 15jährige mit seinen Tränen kämpft und Tonos Pfefferminzbonbons fest umklammert.
Mit diesem Abschied beginnt ein mitreißender Coming-of-Age-Roman, der bei Sigmunds Sohn 30 Jahre später, ganz neue, faszinierende Facetten gewinnt. Das Verhältnis zum eigenen Körper, Zweifel, Erotik, Sex, die erste Liebe, philosophische Gespräche und den schmerzlichen Verlust des besten Freundes – alles, was einen Teenager auf dem Weg zum Erwachsenen umtreibt, erlebt und erleidet Sigmund während der Kriegsjahre bei den Methodisten John und Linda Leyland in Waderbridge. Und all diese inneren und äußeren Turbulenzen schmückt Michael Göring mit suggestiver Kraft und einer unaufgeregten, präzisen Sprache so lebendig aus, dass man meint, dabei zu sein.

Zwei Generationen, zwei ineinander verschränkte Entwicklungsgeschichten, zwei unterschiedliche jüdische Identitäten, eingebettet in das Zeitgeschehen über mehr als 80 Jahre, in Orte rund um den Globus und in vier ganz unterschiedliche Glaubensrichtungen. Michael Göring verwebt all das zu einem enorm dichten Roman, der mitunter die Leichtigkeit eines Roadtrips versprüht: Von Lippstadt in die Welt und wieder zurück. Zum Schluss schließt sich der Kreis auf wundersame Weise und auch Frido erkennt, welche Bedeutung Geschichte hat. Seine ganz persönliche Geschichte, wie auch das historische Erbe, für dessen Bewahrung wir die Verantwortung tragen.

Mit dem syrischen Emigranten Djad spinnt Göring anfangs zudem einen kleinen Faden in die unmittelbare Gegenwart und macht deutlich, dass nicht nur die jüdischen Flüchtlinge gewaltige Traumata zu bewältigen hatten.
Frido verabschiedet sich im Hotel Dellbrück von dem jungen Syrer mit den Worten: „Okay, Djad, ich melde mich“.
Man wünschte, er würde es tun.

Michael Göring: „Hotel Dellbrück“

Osburg Verlag
420 Seiten, gebunden, 22 Euro.
ISBN: 978-3-95510-165-7
Infos und Lesungen


Abbildungsnachweis:
Header: Portrait von Michael Göring und Buchumschlag (Homepage michael.goering.com)

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