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Ilse Helbich: Kluge Chronistin des Alters – „Im Gehen“ gefundene Gedichte

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Freitag, den 13. Juli 2018 um 08:36 Uhr
Ilse Helbich: Kluge Chronistin des Alters – „Im Gehen“ gefundene Gedichte 4.2 out of 5 based on 60 votes.
Ilse Helbich: Kluge Chronistin des Alters – „Im Gehen“ gefundene Gedichte

Auch heute noch geschehen beglückende Wunder: Mit 80 Jahren veröffentlichte die 1923 in Wien geborene Ilse Helbich ihren ersten Roman unter dem Titel „Schwalbenschrift“.
Dieses erfolgreiche Debüt eingeschlossen, schrieb sie seitdem sechs Bücher voller Erinnerungen, Erzählungen und Aufzeichnungen. Jetzt ist Ilse Helbich 94 Jahre alt und hat 2017 ihren ersten und – wie sie selbst sagt – zugleich letzten Gedichtband veröffentlicht. „Im Gehen“ heißt das Buch. Und das aus gutem Grund: Viele dieser Gedichte sind im Gehen entstanden, beim Durchschreiten des heimischen Kamptals bei Wien.

Pointierter noch als in ihren Erzählungen und Aufzeichnungen bringen Ilse Helbichs Gedichte die eigene und unser aller Welterfahrung auf den Punkt. Kraft ihrer Wahrnehmung – das gilt für die Natur ebenso wie für Menschen und Begegnungen – beleuchtet sie in diesen Gedichten auf kluge Weise Wahrgenommenes. Dabei bleibt sie in der Wortwahl schlicht, kommt ohne Kitsch und ohne Polemik aus.
Der Lyrikband „Im Gehen“ ist in vier Abschnitte gegliedert: I. „Frühe Gedichte“, II., III. „Kindergedichte“, IV. „Späte Gedichte“. Im zweiten Abschnitt fällt auf: es gibt hier - im Gegensatz zu den anderen Abschnitten – keine Untertitel. Hier heißen alle Gedichte Ben und sind durchnummeriert.
Im III. Abschnitt „Kindergedichte“ lesen wir zu Beginn des Gedichtes Verstecke:

Ich habe viele Verstecke.
Manche sind sehr schwierig
viele sind auch verboten.
Wo ich am liebsten bin
dort könnte mich jeder finden –
sie müssten nur ihre Augen heben.
[…]


Längst ist Ilse Helbich Lesern und Kritikern als nachdenkliche, wissende Chronistin des hohen Lebensalters ein Begriff. Sie sei eine Autorin präziser, poetischer Erinnerungen, dokumentiere unabhängig und unerschrocken das Leben, „wo sich ein Jenseits ins Dasein mogelt“, schreibt Susanne Mayer in „Die Zeit“. Ilse Helbich hat seit Mitte der 70er Jahre immer wieder auch Gedichte geschrieben – aus denen sie mit „Im Gehen“ erstmals eine Auswahl an die Öffentlichkeit bringt. Darunter Gedichte wie dieses:

Empfindung in Landschaft

Die Leere des Himmels, die ausgebreiteten Felder
die Verknotungsgebärden der Sträucher
sind dem Gehenden stumm;
voraus seinem stetigen Schritt drehen
sich wirbelnd die Zorngedanken
über die Wiesen gejagt von einem Sturm,
der die Pappeln nicht anrührt, Zorngedanken
mit rasenden Rädern schneiden sie in den Himmel
gehen dort verloren
ehe sie wiederkommen
eingeschmolzen zu schwarzen Angstbrocken
während der Gehende geht.
Während der Gehende geht, aufrecht
die Zeiger der Pappeln vorm Loche des Himmels
ehe der Schrei
die gerasterte Landschaft zerbricht.
Dann: Wellen der Felder. Pappelsäulen. Und Himmel.
Im Gehen sagt sich der Gehende:
Aus nichts wird nichts.


Ilse Helbich geht, wandert und nimmt uns an die Hand. Sie lässt uns mit sich gehen und schon wird aus einem Nichts ein Etwas, wächst aus dem Geringsten das Große. So ist uns beispielsweise die Natur plötzlich wieder zum Greifen nah. - Wenn wir uns einlassen auf diese Gedichte, den inneren Blick weiten, die Augen öffnen und aufschauen zu den Pappeln und weiter hoch hinauf in den weiten Himmel.

Am Berg wohnend

Als ich am Morgen den Kopf hob,
regnete es in meine Augen.
Die Nacht jetzt ist sternenklar, mild.
Sterne. Kreisende Sterne
neigen sich, lassen sich sinken.
Wenn einer den Mund auftut,
regnen nun Sterne hinein.
Sterne auf wispernden Bahnen.
Sternenregen auf diesen Stern.


Ilse Helbich Im GehenEs ist viel Märchenhaftes und Träumerisches in diesen Gedichten. Und plötzlich tauchen Bilder aus der Tiefe wieder auf: Bilder, die wir vielleicht als Kinder gesehen haben, die uns an unsere Kindheit erinnern. Bilder, von denen wir träumten und vielleicht heute noch träumen. Nur erzählen wir davon selten oder gar nicht. Glücklicherweise macht das eine Dichterin wie Ilse Helbich stellvertretend für uns. Sie nimmt uns an die Hand, hilft uns, Wesentliches, Vergessenes wiederzufinden. Sie führt uns zurück in die Kindheit und spricht - obwohl selbst betroffen - ohne Angst vom Alter.
Mit einer Dichterin wie dieser gelangen wir fernab von jedweder Hektik mitten hinein in eine andere Welt. In eine Welt, in der wir auch und immer noch leben, die zu unserem Leben gehört. Wir wissen das. Doch dort hinzugehen, das fällt uns meist schwer. Leichter fällt es, wenn jemand wie Ilse Helbich uns an die Hand nimmt – in aller Güte, ohne Sentimentalität, mit Wärme und Gelassenheit.

September

September, zögernde Rosen, verweile.
Verweile. Der stetig heitere Himmel,
von Schickungen leer.
Das böse Herz schlägt gegen den gläsernen Sarg.
Festhalten, durchkneten, durchkauen:
Sein Kopf über die Lehne rücklings geknickt
Blut aus dem Fressmaul ich werde lachen
Himmel, ausgespannt über die abgeernteten Felder.
Das hungrige Herz drischt die Bläue.
Wie schwer ist es, leicht zu sein.


Manchmal „vergisst“ die Dichterin, einen Punkt oder ein Komma zu setzen. So wie im obigen Gedicht „September“. Manchmal sind es sogar mehrere Kommata, die „fehlen“, z.B. in „Empfindung in Landschaft“. Natürlich geschieht das nicht zufällig, sondern gewollt. Nur scheinbar also handelt es sich um fehlende Zeichen. Als Verfahren angewandt, werden so ganz andere Zeichen gesetzt, sichtbar gemacht. Denn in diesen Gedichten entzieht sich nichts den Worten (und Zeichen), auch wenn dies von der Autorin am Ende suggeriert wird: „Das Andere, das jetzt ist, entzieht sich den Worten. Tief innen ist jetzt eine Melodie, die sich dem Nachsingen versagt.“ Die Melodie dieser Gedichte geht ins Ohr, wandert ins Herz, versagt sich nicht: wir singen sie gerne nach. - Der erste und letzte Lyrikband von Ilse Helbich endet mit einem Vierzeiler, datiert auf den 20. November 2016:

Es ist gesagt, was zu sagen war. Das Andere, das jetzt ist,
entzieht sich den Worten.
Tief innen ist jetzt eine Melodie, die sich dem Nach-
singen versagt.

Ilse Helbich, Im Gehen. Gedichte

Droschl Verlag, Wien 2017
ISBN 978-3-99059-002-7
71 Seiten, geb., 18 Euro
Leseprobe


Abbildungsnachweis:
Headerfoto: Claus Friede
Buchumschlag

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