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Dorothy Parker: „Denn mein Herz ist frisch gebrochen“ – Zwischen Sehnsucht und Satire

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Montag, den 14. Mai 2018 um 08:35 Uhr
Dorothy Parker: „Denn mein Herz ist frisch gebrochen“ – Zwischen Sehnsucht und Satire 4.4 out of 5 based on 81 votes.
Dorothy Parker: „Denn mein Herz ist frisch gebrochen“ – Zwischen Sehnsucht und Satire

Wir kennen Dorothy Parkers (1893-1967) großartige Kurzgeschichten in deutscher Übersetzung seit Ende der 1980er-Jahre. Jetzt können wir die berühmt-berüchtigte Dame, die der New Yorker High Society der damaligen Zeit regelmäßig die Leviten las, zum Glück endlich auch als Lyrikerin kennenlernen – Dank der deutschen Übersetzung ihrer zu Lebzeiten erschienenen Gedichte durch Ulrich Blumenbach, erschienen im Dörlemann-Verlag.

„Ein absolut geniales Buch. Damit schafft Dorothy Parker es locker ins 21. Jahrhundert“, lobte Literaturkritiker Denis Scheck den Lyrikband „Denn mein Herz ist frisch gebrochen“ im Interview (WDR 2).

Dorothy Parker war New Yorks berühmteste und gefürchtetste Literatur- und Theaterkritikerin der Zwanziger- und Dreißiger-Jahre. Berühmt war sie auch als Schriftstellerin, als Lyrikerin und Erzählerin. Dorothy war mit Ernest Hemingway befreundet, hatte mit Scott F. Fitzgerald ein Verhältnis und zog mit Truman Capote durch die Bars. Sie soff wie ein Kerl, fluchte wie ein Kutscher und dichtete – zum Glück für uns Leser – wie eine verletzliche Frau. Denn hinter einer Fassade aus beißendem Spott und Bitterkeit verbarg sie ihre lyrische, zerbrechliche Seite.

Buchumschlag Dorothy ParkerDorothy Parker, bekannt für ihre Bonmots, scharfen Kritiken und spritzigen Dialoge, gilt als eine der geistreichsten Frauen des 20. Jahrhundert. Sie war nur 1,50 Meter groß, frech, brillant, schlagfertig, rastlos, modern, erfolgreich. Sie verkörperte allerdings auch Härte, Grausamkeit und Einsamkeit. Ihre Gedichte legen Zeugnis ab von dieser Widersprüchlichkeit. Jenseits von Kitsch sind sie ein gelungenes Zusammenspiel aus Witz und Melancholie, aus Trauer und Scherz, aus Pathos und Spott, Selbstmitleid und Zynismus. Ein Abgleiten in Kitsch vermeidet die Dichterin gekonnt durch Humor, Schnoddrigkeit und Ironie. Dorothy Parker hatte einen untrüglichen Blick für das Tapfere und das Schäbige, für das Sehnsüchtige und das Verlogene. Auch die Untiefen im eigenen Leben lotete sie in ihren Gedichten aus.
In der zweisprachigen Ausgabe von „Denn mein Herz ist frisch gebrochen“ befinden sich die englischen und deutschen Gedichte auf gegenüberliegenden Seiten und lassen sich daher sehr gut parallel lesen. Das ist für den Leser doppelt ergiebig. Denn Übersetzer Ulrich Blumenbach formuliert zwar reimgebunden im Sinne der Dichterin, interpretiert aber manchmal recht frei. Das ist kein schlechter Kunstgriff: Blumenberg wird auf diese seine Weise den (meisten) Gedichten und der lyrischen Seele von Dorothy Parker gerecht. Zudem regen die freie Übersetzung und direkte Gegenüberstellung der deutsch-englischen Gedichte den Leser zu eigener Interpretation an.

Indian Summer
In youth, it was a way I had
To do my best to please,
And change, with every passing lad,
To suit his theories.

But now I know the things I know,
And do the things I do;
And if you do not like me so,
To hell, my love, with you!

Altweibersommer
Gefallsucht war einst meine Art
Und Beifall war mein Ziel
Drum fand ich jeden Typen smart
Und tat, was ihm gefiel

Doch heute weiß ich, was ich weiß,
Und tue, was ich tu;
Und Schatz: Lässt dich das kalt wie Eis,
Dann fahr zur Hölle, Du!


Ihr erstes Gedicht „Any Porch“ verkaufte Dorothy Parker 1914 für zwölf Dollar an „Vanity Fair“, eine Ballade in neun Strophen mit 18 Stimmen: Gespräche auf einer New Yorker Party, die nichts und zugleich viel (aus)sagen. Dieses Gedicht war der Anfang ihrer Karriere als Schriftstellerin. Fortan schrieb Dorothy Gedichte für Zeitschriften. Ihre erste Kurzgeschichte veröffentlichte sie erst acht Jahre später, im Jahr 1922.
Ihre drei zu Lebzeiten veröffentlichten Lyrikbände „Enough Rope“ (1926), „Sunset Gun“ (1928) und „Death and Taxes“ (1931) wurden zu Bestsellern und feierten literarische Erfolge. Die Dichterin Dorothy Parker stieg rasch zur Kultfigur auf. Doch kurz nach Erscheinen ihres letzten Gedichtbandes „Not so Deep as a Well“ (1936) änderte sich die öffentliche Wahrnehmung ihrer Gedichte – vor allem aufgrund der politischen Weltlage. Ihre Gedichte wirkten nun zynisch statt witzig. Hinzu kam, dass sich Dorothy Parker dauerhaft und störrisch dem „Regelwerk immerwährender Neuheit“ widersetzte. Auch das begann man ihr übel zu nehmen.
Parker fühlte sich der „Klassischen Moderne“, Metrum und Reim verpflichtet. Freie Verse verwendete sie nur in ihren berühmten „Hate Songs“, die zu Lebzeiten nicht in Buchform erschienen und daher leider nicht in „Denn mein Herz ist frisch gebrochen“ enthalten sind. Dabei sind dies wichtige, wahre und schöne Gedichte. Glücklicherweise kann man sie im Internet lesen.
Die Hate Songs bieten einen weiteren, tiefergehenden Einblick in das (lyrische) Leben von Dorothy Parker, die in den meisten ihrer Gedichte mit Kürze und Präzision die Sache rasch auf den Punkt bringt. Das belegen die berühmten zwei Zeilen des Gedichts „News Item“, die auch heute noch fast jeder New Yorker auswendig kann:
„Men seldom make passes / At girls who wear glasses“; (S. 124)

Dorothy Parkers Gedichte sind schnörkellos, steuern den Höhepunkt ohne Umschweife an. Und doch gelingt es ihr immer, einen großen Spannungsbogen zu schaffen. Häufig kommt es am Ende eines Gedichts zu einer überraschenden, komischen Wendung. So schlägt sie manchem ernsten Thema ein Schnippchen:

Unfortunate Coincidence
By the time you swear you`re his,
Shivering and sighing,
And he vows his passion is
Infinite, undying –
Lady make a note of this:
One of you is lying

Unglückliche Fügung
Lautet dein Eid, du bist sein,
Sehnsucht hat gesiegt,
Schwört er, seine Liebe rein
Ist aus Erz gefügt -
Herzchen, red dir bloß nichts ein:
Einer von euch lügt


Von Liebe, Liebesverlust und Verzicht handeln viele ihrer Gedichte, aber auch von Tod und Selbstmord. Manche ihrer Gedichte sind eng mit der eigenen Biografie verbunden. So wie das Gedicht „Résumé“, das 1922 nach Abtreibung und Selbstmordversuch entstand:

Résumé
Razors pain you;
Rivers are damp;
Acids stain you;
And drugs cause cramp.
Guns aren`t lawful;
Nooses give;
Gas smells awful;
You might as well live.

Résumé
Klingen ritzen;
Flüsse sind nass;
Säuren ätzen;
Gift macht blass;
Colts sind strafbar;
Strick könnte nachgeben;
Gas stinkt furchtbar;

Da kannst du auch leben.

Dorothy Parkers Name stand und steht für brillanten Witz, für scharfzüngige Schlagfertigkeit und beißende Ironie. Sie selbst empfand die Erwartung ihrer Mitmenschen, immer witzig und geistreich sein zu müssen, schon nach kurzer Zeit als großen Druck, als Zwang. Sie litt an Depressionen und Alkoholismus, auch in ihrer Hochzeit, in der sie wegen ihres Witzes und ihrer Konversationsfähigkeiten allseits geliebt und geschätzt wurde. Mehrmals unternahm sie Selbstmordversuche. Auch deshalb, weil ihre Liebschaften meist katastrophal endeten. Glücklich wird sie selten gewesen sein, dafür aber immer sehr lebendig. Letzteres nicht nur zu Lebzeiten. Das beweisen einmal mehr ihre Gedichte.

Dorothy Parker, Denn mein Herz ist frisch gebrochen. Gedichte

Englisch/Deutsch
Aus dem Amerikanischen von Ulrich Blumenbach
Mit einem Nachwort von Maria Hummitzsch
Dörlemann Verlag
ISBN 9783038200444
400 Seiten, Leinen, 34 Euro


Abbildungsnachweis:
Headerfoto: Claus Friede
Buchumschlag

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avatar Ulrich Blumenbach
+4
 
 
Vielen Dank für die schöne, fundierte und zitatreiche Besprechung, liebe Frau Hinz. Zum Trost: Die Übersetzung der von Ihnen zu Recht gepriesenen "Hate Songs" ist fast fertig und erscheint zusammen mit der Übersetzung der anderen Gedichte des Nachlassbandes "Not Much Fun" ... dermaleinst ...
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avatar Marion Hinz
+1
 
 
Lieber Herr Blumenbach, Ihr Kommentar freut mich sehr! Auch, dass die "Hate Songs" und andere Nachlassgedichte demnächst (?) Dank Ihrer Übersetzung und Ihres Engagements erscheinen. Vielen Dank!
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