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"Alaaf und Heil Hitler"

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Montag, den 15. Februar 2010 um 17:06 Uhr
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Rezensiert!

Dr. Carl Dietmar und Marcus Leifeld, die Autoren dieses Buches, sind Historiker und Experten für die Stadt Köln, sie wissen also, wovon sie sprechen.
Und sie sprechen, kurz zusammengefasst, davon, dass der Karneval (nicht nur) am Rhein in der Nazizeit zwar einerseits immer noch bunt, aber andererseits deutlich braun eingefärbt war.
Die Sitte, einmal im Jahr aus Leibeskräften sittenlos zu sein, ist uralt und heidnisch. Seit ungefähr 500 Jahren vor Christi Geburt gab es beispielsweise in Rom die Tage der Saturnalien, ursprünglich Sonnenwend- und Neujahrsfest und im Dezember gefeiert. Jedermann widmete sich mit Hingabe Wein, Weib und, wie zu befürchten ist, auch dem Gesang.

Ebenso existierte später im Christentum dieses Dampfventil des geregelten, farblosen Alltags. Nachweis für den Kölner ‚Fastelovend’ findet sich erstmals 1341 in einem Verbot für die Behörden, öffentliches Geld für karnevalistische Veranstaltungen zu bewilligen.
Seit dem 12. Jahrhundert tobte sich offenbar gerade der Kölner Bürger vor der trüben, disziplinierten 40tägigen Fastenzeit gern noch mal aus, möglichst derart, dass die letzten Winterdämonen entsetzt das Weite suchten. Der Kölner Rat erging sich, vor allem im 15. Jahrhundert, in einer Flut von Verordnungen, verbot beispielsweise ‚Vermummung in der Öffentlichkeit’ bei Strafe von einem Monat Haft im Turm.
Diese Spaßbremserei hatte ihre guten Gründe. Im Februar 1482 wurden der Bürgermeister und einige Ratsherren selbst vom ‚tausendköpfigen, betrunkenen Pöbel’ unter Anführung eines Gürtelmachers in die Türme gesperrt. Am Aschermittwoch fand dann allerdings die Enthauptung des aufmüpfigen Narren statt – der hatte nun wirklich übertrieben.
Wüst, anarchisch und obrigkeitsfeindlich agierte das rheinische Volk zur Fastnacht auch in den kommenden Jahrhunderten. Schamlose Tänze, liederliche Gesänge und ‚Das Tragen geistlicher Kleidung’ – zum Zweck der Verhöhnung natürlich und das erboste besonders die Jesuiten – führten nicht selten zu Gewalttätigkeiten bis hin zu Mord und Totschlag.

Dann kamen die Preußen.
Sie bildeten seit 1815 ‚Die Wacht am Rhein’, um den Erbfeind Frankreich abzuschrecken und wenn sie schon mal da waren, nahmen sie sich des verwilderten karnevalistischen Treibens an, indem sie es reinigten, sortierten und zurechtstutzten.
Die Preußen förderten die Gründung eines ‚Festordnenden Comitees’. Daraus entstand später das FKK – nein, nein, hier handelt es sich ums Kürzel für das bis heute mächtige Festkomitee Kölner Karneval, 1822/23 geboren.
Die zottelige, barbarische Angelegenheit bekam ein völlig neues Gesicht.
Gestriegelte Militärpferde im Paradegeschirr trippelten mit den ersten Rosenmontagszügen, das Musikkorps der Garnison spielte zackig-frohe Weisen.
Ein Sachse, Brigade-General von Czettritz und Neuhaus, wurde 1827 in der Generalversammlung der Großen Carnevalsgesellschaft ‚nationalisiert’, also zum Ehrenbürger ernannt. Er revanchierte sich gerührt für diese Ehre mit dem kreativen Vorschlag, kleine bunte Käppchen aufzusetzen, um Nichteingeweihte sofort erkennen und abweisen zu können. Die Anregung wurde jubelnd aufgenommen und sofort umgesetzt.
Der Erfinder der Narrenkappe war demnach ein preußischer General.
Nach und nach bildeten sich mehrere repräsentative Truppen. Zuerst die Roten und die Blauen Funken, nach 1900 die Ehren- und die Prinzengarde.
Dietmar und Leifeld sagen in ihrem Buch:
‚Von einer Parodie auf das preußische Militär konnte bei den meisten Korps keine Rede sein, vor allem die blauen Gardisten spielten sich in ihren zackigen Ritualen mittlerweile so auf, als seien sie Bestandteil des preußischen Heeres.
Diese Disziplinierung des ursprünglich rebellischen Treibens schadete der Fastnacht am Rhein ganz und gar nicht. Im Lauf des 19. Jahrhunderts entwickelte sie sich zu einem nicht unbedeutenden Wirtschafts- und Tourismusfaktor. Kurz vor dem ersten Weltkrieg war der Kölner Karneval aus einem Volksfest zu einer Industrie geworden, an der viele Existenzen hingen.’

Diese Entwicklung wurde durch den Krieg unterbrochen, in dem man selbstverständlich nicht feierte. Später verboten es die Sieger und auch Inflation und Hunger dämpften das Bedürfnis nach Ausgelassenheit. Erst ab Mitte der Zwanziger Jahre lebte das närrische Treiben langsam wieder auf.
1933 setzte sich Kölns Oberbürgermeister Konrad Adenauer für finanzielle Unterstützung ein und der Kölner Rosenmontagszug fand wieder überregionale Anerkennung.
Wenige Wochen später, im März, schnappten sich die Nationalsozialisten die Macht, entfernten Adenauer aus dem Amt und verbuchten den Karnevalserfolg sofort aufs eigene Konto:‚Der Zug hatte nichts Improvisiertes, Volksfremdes, wie das in den Nachkriegsjahren unter den mannigfachen Einflüssen liberalistischer marxistischer Strömungen der Fall war.’

Lange Zeit wurde überzeugt behauptet: „In Köln gab es keine Nazis!“
Ende der vierziger Jahre bildete sich eine Widerstandslegende des Inhalts, dass vor allem die frechen Narren sich nicht hätten gleichschalten lassen.
Seit ungefähr fünf Jahren – seit Christoph Kuckelhorn Chef des Rosenmontagszugs ist – wird immer mehr aufgedeckt, wie wenig das stimmte.
Markus Leifeld wurde von der Kölner Karnevalsgarde Rote Funken sogar das Archiv zur Verfügung gestellt. Offenbar hat sich die Stadt dafür entschieden, diesen Teil ihrer Geschichte gründlich aufzuarbeiten.

Hätten die braunen Machthaber so gierig nach dem Karneval gegriffen, wenn er sein ursprünglich rebellisches Gesicht behalten hätte? Uniformen, Gleichschritt, Marschmusik und dreimaliger Tusch, bevor gemeinsam gelacht wird – das dürfte sie angeheimelt haben. Sie liebten sowieso jede Art von Massenauflauf, sie versprachen sich Kraft durch Freude.
Nichtarier wurden aus den Komitees ausgeschlossen.
Ab 1934 gab es in Rosenmontagszügen Wagen mit stark offensiven antisemitischen Diffamierungen wie zum Beispiel den Palästinawagen, auf dem langbärtige orthodoxe Juden standen. Ein Schild verkündete ‚Wir machen nur e kleines Ausflügche nach Liechtenstein und Jaffa’, ein anderes triumphierte: ‚Die Letzten ziehen ab’.
1936 wurde ein Stimmungslied mit folgendem Text gesungen:

‚Hurra, mer wäde jetzt die Jüdde los,
die janze koschere Band
trick nohm jelobte Land
mir laachen uns for Freud kapott,
der Itzig und die Sara trecken fott!’

Auch in anderen Städten zeigte sich der aktuelle Humor. Durch Nürnberg, tausend Jahre lang Reichsparteitagsstadt, zog im Faschingsumzug 1938 ein Motivwagen namens Todesmühle, an dem unter anderem ein Jude wie an einem Galgen baumelte.
Bald mischte die NSDAP kräftig mit, um den Karneval in jeder Weise zu verbessern. Wenn sie von etwas Ahnung hatte, dann war das Massenwirksamkeit. Sie steckte Geld in die Werbung und das machte sich bezahlt. 1934 verbuchte der Kölner Verkehrsverein einen Überschuss von 10 000 Mark. 1937 konnte bereits dem Winterhilfswerk aus den Mehreinnahmen 28 687 Mark zur Verfügung gestellt werden.

1939 gab es den Gipfel der Inszenierung in Köln. Die Stadt war zu einem einheitlich geschmückten Festraum umgeformt worden.
Da konnten die Zuschauer nicht einfach individuell aussehen, wie sie wollten. Jeder nach Köln kommende Volksgenosse sollte bereits im Bahnhof für weniger als eine Mark seine eigene Narrenkappe erwerben und 10 000 Papierfähnchen wurden ausgegeben, damit einheitlich gewedelt werden konnte. Schulkinder bekamen schulfrei, Unternehmer wurden aufgerufen, ihre Angestellten zu beurlauben. 1934 erließ der Zugleiter in Köln dezidierte Richtlinien zur Beteiligung am Rosenmontagszug. Jeder aktive Teilnehmer sollte in einem Kostüm in peinlich sauberem Zustand erscheinen.

1938 hatte eine Million das närrische Köln besucht, 1939 waren es anderthalb Millionen Menschen, vor allem aus Holland, Belgien, Frankreich und Luxemburg. Sie durften ein diszipliniert-fröhliches, friedliches und freundliches Volk besichtigen. (Und sie durften Devisen ins Land bringen.) Wenn auch nicht immer alles ganz so einheitlich verlief wie gewünscht: von den Einheitsmützen verkaufte sich nur etwas mehr als die Hälfte, die lustigen Reden in kölscher Mundart verstanden die Fremden nicht (obwohl sie ja durchaus lachen konnten, sobald der Tusch ertönte) und Schunkeln muss man auch gelernt haben.

München, die ,Hauptstadt der Bewegung', mischte Militärisches in den Fasching.
1937 fuhr im Umzug unter Anderem eine NSDAP-Motorstandarte, die Kriegsschule München, das Musikkorps Fliegergruppe, ein Infanterieregiment, ein Flakregiment, der Gaumusikzug des Reichsarbeiterdientes und die SS-Standarte Deutschland mit.
Die Faschingszeitung bemerkte dazu: ‚…Fasching und Soldatentum sind wirklich keine Gegensätze… wo der Gedanke der Volksgemeinschaft tiefere Bedeutung gewonnen hat.’

Und dann gab es da in Köln die Sache mit den Funkenmariechen und der Jungfrau aus dem Dreigestirn. Die wurden traditionell von Männern dargestellt. Erstens war Karneval Männersache. Und zweitens sind bekanntlich Männer in Frauenkleidern saukomisch.
Das konnten die neuen braunen Freunde der Lustbarkeit nicht so recht nachempfinden. Es entsprach überhaupt nicht ihrem Geschmack, die Würde des Mannes zu verunglimpfen. Außerdem litten sie an ausgeprägter Homophobie. Ein deutscher Kerl im Fummel? Sehr unpassend. Schließlich wollte man die gepflegte Lustbarkeit des Volkes auch im Ausland präsentieren.
Die Funkenmariechen wurden auf der Stelle ausgetauscht und schwenkten von da ab nicht mehr haarige und muskulöse, sondern zierliche und wohlgeformte Beine. (Was wohl derart gefiel, dass dieser Austausch bis heute beibehalten worden ist.)
Mit der Jungfrau ging die Sache nicht so schnell. Die Karnevalisten klammerten sich am perückenbezopften Vereinskameraden fest und beharrten auf alten Bräuchen und Traditionen.
Erst 1938 setzten die Herren von KdF ihre natürlichere und gesündere Sicht der Dinge durch. Jungfrau Paula I. bekam Hochrufe und donnernden Applaus, sehr zum Missvergnügen des neben ihr winkenden Prinz Hubert I., der zischte: „Ich bin doch nicht die Staffage für die Jungfrau!“

Die nächste weibliche Jungfrau, Else, brach erst mal in Tränen aus, als eine Abordnung erschien und sie mit dem Glück vertraut machte, dass die Wahl auf sie gefallen sei. Nachdem ihr Vater lange auf sie einredete, ihr die große Ehre verdeutlichte und die Unmöglichkeit, abzulehnen, erklärte sie sich schließlich bereit, das Amt anzunehmen, was sie dann auch ‚mit Bravour’ bewältigt haben soll.
Sie war sowieso die letzte ihrer Art. Der nächste Krieg beendete erst mal wieder jeden Karneval – und später kehrten die männlichen Jungfrauen zurück. Mit Zopfperücke.

Adenauer, nach dem Krieg erneut für kurze Zeit Oberbürgermeister der Stadt Köln, verkündete: „Keine andere Stadt ist vom Krieg so schwer getroffen worden – und dabei hatte sie es am wenigsten verdient, denn nirgendwo ist dem Nationalsozialismus bis 1933 so offener und seit 1933 so viel geistiger Widerstand geleistet worden.“
Das war eben lange vor der Aufarbeitung.

Nachdem Autor Dietmar seinen ersten Aufsatz in dieser Sache veröffentlicht hatte, erhielt er am nächsten Morgen ungefähr fünfzehn Anrufe.
Der erste sagte einfach nur „Dreckschwein“.
Der zweite Anrufer fragte: „Wie viel Geld haben dir die Juden für diesen Artikel bezahlt?“

Carl Dietmar – Marcus Leifeld: Alaaf und Heil Hitler. Karneval im Dritten Reich

Herbig Verlag
224 Seiten


Abbildungsnachweis:
Foto: © Archiv-Thomas-Liessem
 

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