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„Bachs Welt“ – die Familiengeschichte eines Musikgenies

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Montag, den 25. Juli 2016 um 08:53 Uhr
„Bachs Welt“ – die Familiengeschichte eines Musikgenies 4.5 out of 5 based on 102 votes.
Bachs Welt die Familiengeschichte eines Musikgenies

Auf wessen Schultern stand der große Johann Sebastian Bach? Volker Hagedorn nimmt uns mit in „Bachs Welt“. Er zeichnet nicht nur die vielverzweigte Familiengeschichte des Genies nach, in der so viele begabte Musiker den Namen Bach tragen. Er lässt auch die Epoche lebendig werden und den Alltag, mit dem sich Bach und seine Vorfahren herumschlagen mussten. Eine ungemein farbige Reise ins 17. Jahrhundert.

107 Träger des Namens Bach zählt das Register dieses Buchs auf, und der doppelseitige Stammbaum, in dessen fünfter Generation Johann Sebastian Bach erscheint, bleibt so wuselig wie die Grenzen der Kleinstaaten, in denen sich überwiegend das Leben der Musiker-Dynastie Bach abspielte.
Bachs Welt - BuchumschlagVolker Hagedorn, studierter Bratschist und erfahrener Journalist, hat die Herkulesarbeit übernommen, aus der unübersichtlichen Vielfalt eine erzählbare Geschichte zu weben. Angefangen bei Urvater Veit Bach, der 1591 mit seinen beiden Söhnen Hans und Caspar aus Pressburg (heute Bratislava, Hauptstadt der Slowakei) die Umsiedlung ins thüringische Wechmar nahe Gotha floh – Protestanten waren in ihrer alten Heimat wenig gelitten, Veits Großvater stammte aus der Gemeinde, und schon damals gab es wohl weitere Mitglieder der weitläufig verteilten Sippe in der Gegend.
Von diesem Moment an verfolgt der Reporter und Autor akribisch den Weg der Familie – über unendliche Verästelungen. Spürt den Stadtpfeifern und Organisten nach, präpariert die Verbindungen zwischen den Familien heraus, die sich in Eisenach, Ohrdruf, Arnstadt, Erfurt und anderswo fest in der musikalischen Profession etablierten. Es sind Lebensgeschichten ohne große Höhepunkte, vieles muss Vermutung bleiben.
Dafür nutzt Hagedorn weidlich die Freiheit des Erzählers und die Findigkeit bei alten zeitgenössischen Quellen, um zu beschreiben, wie es sich damals lebte: Wir erfahren ganz farbig ausgeleuchtet in einem großartigen Patchwork, das aus vielen Quellen zusammengetragen wurde, von den Familienfesten und –treffen anlässlich von Taufen, Hochzeiten und Begräbnissen. Von der hohen Kindersterblichkeit, die den Tod fast schon zu einem Mitbewohner werden ließ. Ebenso wie die Pest, die im 17. Jahrhundert verheerenden in diesen Landstrichen wütete. Und sie war nicht die einzige Krankheit. Viele andere wurden während des dreißigjährigen Krieges von immer neuen Truppendurchzügen, Belagerungen, Angriffen ins Land getragen.
Wir erfahren auch von den Arbeitsbedingungen der Musiker jener Zeit, von dem feinen Netzwerk, das die Jugendlichen zur Ausbildung herumschickte und freie Stellen in Kirchen und an Herrscherhöfen immer wieder neu mit einem Bach besetzen half. Aber auch von den knappen Kassen – war Krieg, spürten das die Musiker sehr früh – sie wurden einfach nicht mehr bezahlt, oft über viele Monate. Wohl dem, der da noch etliche private Engagements bei Familienfesten ergattern konnte. Noch schlimmer waren Trauerfälle an den Höfen – die lange musikfreie Trauerzeiten nach sich ziehen.

Ein spannendes Familien- und Sittengemälde
Man spürt die Faszination, mit der Hagedorn in diese 400 Jahre entfernte Epoche eintaucht – bis hin zu zahnärztlichen Behandlungen oder dem Drama der Hexenverfolgung, wobei er nicht immer der Gefahr entgeht, mit viel Begeisterung vom Hölzchen aufs Stöckchen u kommen. Er lässt uns aber auch Freud und Leid des gewieften Redakteurs spüren, wenn er seine Enttäuschung beschreibt, weil sich so wenig von damals wiedererkennbar auffinden lässt. Oder wenn er einen lebenden Nachfahren des großen Thomaskantors in Wechmar aufspürt und das Gespräch zunächst so kurz wie unergiebig verläuft.
Es ist ein großes Familien- und Sittengemälde im Musikermilieu, das er da auffaltet – und es wird zuletzt auch noch ein musikgeschichtlicher Krimi, wenn Hagedorn die verschlungenen Wege des „Altbachischen“-Archivs nachzeichnet, das gegen Ende des Zweiten Weltkriegs für viele Jahrzehnte verloren erschien. Jenes Archiv, in dem Johann Sebastian Bach, vielleicht schon sein Vater Ambrosius, Manuskripte und Kompositionen von Musikern aus der Familie Bach sammelten. Stücke, die Bach durchaus in Leipzig aufführte. 20 Stücke, 200 Notenblätter – Kantaten, Motetten, Arien von Johann Christoph (1642-1703, Organist in Eisenach), der vor Johann Sebastian als der große Komponist der Familie galt. Von Johann Michael (1648-1694, Organist an der Schlosskapelle von Arnstadt, dann in Gehren). Von Georg Christoph (1642-1695, Kantor in Schweinfurt), von Johann Bach (1604-1673, Organist in Erfurt) und etliche Stücke, deren Urheber nicht festgehalten sind.

Aus Bachs Archiv über Kiew ins Internet
Der Hamburger Bach Carl Philipp Emanuel erbte diesen Familienschatz, den später der Sammler Georg Poelchau erwarb, von dem sie zur Singakademie zu Berlin wanderten. Um dem Weltkrieg zu entgehen, wurden sie ausgelagert ins niederschlesische Schloss Ullerdorf, von wo sie spurlos verschwanden und erst 1999 im Staatsarchiv der Ukraine in Kiew wiedergefunden wurden.
Heute lagern sie zum Leidwesen des Buchautors wieder so sicher in einem Tresor der Staatsbibliothek unter den Linden in Berlin, dass nicht einmal er einen Blick auf die originale werfen durfte.
Dafür – digitale Demokratisierung – kann sie nun jeder Internet-Nutzer online einsehen über www.bachdigital.de.
Hagedorn, selbst ja Musiker, gibt sich große Mühe, schriftlich eine Idee davon zu geben, wie die Musik der frühen Bachfamilie geklungen hat. Es wirkt dennoch ein bisschen wie die Erklärung von Gemälden, die man nicht vor Augen hat.

Altbachisches Archiv CD-CoverZum Glück aber wurden die Kompositionen des Altbachischen Archivs 2003 schon auf zwei CDs eingespielt – von Konrad Junghänel und seinem Cantus Cölln und den Blechbläsern des Concerto Palatino, wo unter den Bratschen auch Volker Hagedorn mitgespielt hat.
Da kann man mit eigenen Ohren erleben, dass die thüringischen Bachs auf feinen Wegen verbunden waren mit der europäischen Musikgeschichte, dass sie die Werke von Schütz kannten, der sich als Schüler des Venezianers Giovanni Gabrieli bezeichnen durfte, dass sie Orlando di Lassos Werke kannte. Sie schufen Kompositionen von einer Meisterschaft, die sicher ihren Nachfahren Johann Sebastian Bach schwer beeindruckten. Wer das Buch gelesen hat, weiß, warum sich so viele mit Tod und Vergänglichkeit beschäftigen.
Es erklingt aber auch die 22-stimmige Kantate „Es erhub sich ein Streit“ von Johann Christoph Bach, in der man ganz plastisch anrückende Landsknechte mit ihren Kriegstrommeln und Fanfaren hört, was den Kampf zwischen dem Drachen und dem Erzengel Michael illustriert – ein Prunkstück, dem Johann Sebastian dann mit seiner gleichnamigen Kantate (BWV 19) einen seiner großartigsten Kantatensätze folgen ließ – leider wenig gespielt, weil der Michaelistag anders als damals heute kein hoher evangelischer Feiertag mehr ist.

Perfekt wird Hagedorns Buch also exakt in der Kombination mit der Doppel-CD, auf der die Musik der musikalischen Bachs erklingt, die im Text beschrieben werden. So bekommt man eine Ahnung davon, auf wessen Schulter der große J.S. Bach gewachsen ist.

Volker Hagedorn: Bachs Welt – Die Familiengeschichte eines Genies
Rowohlt, 416 Seiten, 24,95 €

Konrad Junghänel: Altbachisches Archiv – Les Archives de J.S. Bach
2 CDs (2003) und Begleitbuch
HMG 501783.84

www.bachdigital.de
ist eine öffentliche Datenbank. Sie enthält vollständige und hochauflösende Scans von Werken (darunter 90% der Werke von J. S. Bach), eine Datenbank der handschriftlichen Quellen mit Kompositionen der Bach-Familie und verschiedene Werkverzeichnisse der Bach-Familie.


Abbildungsnachweis:
Header: Johann Sebastian Bach (1685-1750) im Kreise seiner Familie, Bild aus dem Jahr 1870 von
Toby Edward Rosenthal.
Buchumschlag; CD-Cover

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