Anzeige

Wer ist online?

Wir haben 1055 Gäste online

Neue Kommentare

Hans-Joachim Schneider zu Meine 18. Lange Nacht der Museen in Hamburg: Herrrlisch, würde der Rheinländer in mir sagen....
Wajda Art zu „A Beautiful Day”. Joaquin Phoenix- Racheengel oder Erlöser?: Wir suchen nach Enthusiasten der Kinematographie ...
Manfred Köck zu Im Wunderland der Wünsche. Laila Biali: schade, dass sie nicht mit ihren stammmusikern un...
Helmuth Barth zu Thomas Gainsborough – die moderne Landschaft: Vorausschicken möchte ich, dass ich neben Bilder...
Anna Grillet zu „Call Me by Your Name”. Die Sinnlichkeit des Luca Guadagnino: Leider nein, kann die bitterböse ästhetisch bri...

Follow Book

Michael Cunningham: Die Schneekönigin

Drucken
(93 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Mittwoch, den 01. April 2015 um 12:00 Uhr
Michael Cunningham: Die Schneekönigin 3.2 out of 5 based on 93 votes.
Michael Cunningham

Die Schneekönigin“ ist das wohl komplexeste und ausgefeiltste Märchen von Hans Christian Andersen. Es erzählt von Kay und Gerda, den Nachbarskindern, den Gefährten – bis Kay ein Eissplitter, ein Stück des vom Teufel geschaffenen Spiegels, bis mitten ins Herz trifft. Die Schneekönigin kann gelesen werden als Kunstmärchen, als Biedermeiermärchen, als Ablösungs- und Pubertätsgeschichte.

Der US-amerikanische Autor Michael Cunnigham bezieht seinen neuen Roman auf eben dieses Märchen: Er übernimmt den Titel. Er stellt dem Roman als Zitat die Beschreibung der Säle der Schneekönigin voran. Einer der Protagonisten weht zu Beginn der Erzählung eine Schneeflocke oder ein Eissplitter ins Auge – und bleibt dort bis zum Ende des Romans.

altCunningham erzählt von den Brüdern Tyler und Barrett, die in einer WG wohnen – lange Zeit zusammen mit Beth, Tylers Gefährtin, seiner Verlobten, seiner Frau. In drei Episoden erzählt Cunningham, zu drei markierten Zeiten: Im November 2004, Silvester 2005 und im November 2008.

Die Ausgangskonstellation ist, dass Tyler versucht das Hochzeitslied zu schreiben für seine sterbende Geliebte Beth. Es soll das Lied sein, das all seine Liebe, all die Trauer, alle Wunder, allen Schmerz, alle Magie in sich trägt. Es soll ein Lied sein wie von Orpheus, es soll so gut sein, dass es vielleicht sogar Beth zurück ins Leben führen kann. Helfen dabei soll ihm – Kokain. Zur gleichen Zeit wurde Barrett wieder einmal unvermittelt von einem Liebhaber verlassen, sieht „ein himmlisches Licht“ und versucht das Zeichen zu deuten. Diese Konstellation verschiebt sich, wird jedes Mal zu einer recht unerwarteten neuen.

Wie weit nun reicht die Adaption der Schneekönigin? Tyler bekommt den Splitter ins Auge – ist er eine Entsprechung zu Kay? Irgendwie schon. Irgendwie flieht er seinem Leben, durch Kokain, durch Heroin. Und meint damit der Kunst nahe zu kommen. Wer oder was ist die Schneekönigin?

Das Kokain? Oh, doch nicht so platt! Liz, eine Freundin der Familie? Oder Beth? Oder der Krebs?
Ist Beth vielleicht doch auch eine Entsprechung zu Kay? Beth, die immer weiter gezogen wird in ein Reich der Leblosigkeit? Man kann das so interpretieren. Man kann New York, in dem der Roman spielt, interpretieren als die Säle der Schneekönigin; als der Ort, an dem „die Nordlichter flammten“.

Kay wird gerettet durch die Liebe, durch die Beharrlichkeit von Gerda, durch ihre heißen Tränen schmilzt das Eis in seinem Herzen. Um Tyler weint niemand, um ihn kämpft niemand mit dieser Beharrlichkeit. In seinem Auge bleibt das Eis. Um Beth kämpfen Tyler und Barrett für einige Zeit sehr beharrlich...

Nun, der große Titel lässt den Leser den Roman vielleicht drehen wie ein Kaleidoskop, immer neue Konstellationen der Lesart entdecken. Doch sie alle erscheinen doch immer recht konstruiert. Es ist darum kaum ein lustvolles Drehen und immer neu Entdecken. Die gewollte Verknüpfung zum Andersschen Märchen stört hier eher. Das feine Verweben klassischer Figuren und Geschichten wie in "Die Stunden" gelingt Cunningham bei der "Schneekönigin" nicht.

Trotzdem bleibt es ein kunstvoller Roman. Es lohnt jedoch, ihn zu lesen, denn er erzählt viel vom Hoffen, vom Scheitern, vom Streben im Leben. Nicht hoch aufgehängt, sondern ganz nah gearbeitet. Cunningham entwickelt vielschichtige Charaktere, zeigt beeindruckend ihre Facetten und deren oszillieren. Als Leser leb man für eine Zeit mit ihnen.

Michael Cunningham: Die Schneekönigin
Luchterhand Literaturverlag
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
ISBN: 978-3-630-87458-6
21,99 €
epub
ISBN: 978-3-641-15277-2
17,99 €


Abbildungsnachweis:
Header: Michael Cunningham. Foto: David Shankbone. Quelle: Wikipedia
Buchumschlag, Luchterhand Literaturverlag.

Eigenen Kommentar verfassen (Gasteintrag möglich - Bitte achten Sie auf unsere Email ggf. in Ihrem Spam-Order und klicken den Bestätigungslink)

Ihr Name (erscheint mit dem Kommentar) *
E-Mail (Nur für Bestätigungslink & Antworten)
Code   
Kommentar abschicken
 

Home > Kolumne > Follow Book > Michael Cunningham: Die Schneekönigin

Mehr auf KulturPort.De

Die Kunst Schmuckstücke zu fertigen – Babette von Dohnanyi
 Die Kunst Schmuckstücke zu fertigen – Babette von Dohnanyi



Der Vater ein bekannter Politiker, der Onkel ein international renommierter Dirigent. Man sollte meinen, auf Babette von Dohnanyi (52) würde ein enormer Erfolgs [ ... ]



Aspekte Festival 2018 – frozen gesture
 Aspekte Festival 2018 – frozen gesture



Welche kulturellen Spartenschubladen haben wir im Kopf? Wo ist der urbane, kulturelle Humus zu finden? Wieviel Bereitschaft zeigt Publikum für Entwicklungsphase [ ... ]



Meine 18. Lange Nacht der Museen in Hamburg
 Meine 18. Lange Nacht der Museen in Hamburg



...beginne ich, indem ich mit meinem Navi streite. Das tut so, als wüsste es nicht von der traurigen Tatsache, dass es in dieser Stadt mehr Baustellen als Kultu [ ... ]



Yvonne von Schweinitz: Syrien – Fragmente einer Reise. Fragmente einer Zeit
 Yvonne von Schweinitz: Syrien – Fragmente einer Reise. Fragmente einer Zeit



Wie nähert man sich in einer Fotoausstellung einem Land, deren Menschen tagtäglich durch Gewalt sterben, auf der Flucht, im Exil, traumatisiert sind, deren mat [ ... ]



„A Beautiful Day”. Joaquin Phoenix- Racheengel oder Erlöser?
 „A Beautiful Day”. Joaquin Phoenix- Racheengel oder Erlöser?



Lynne Ramsay inszeniert ihre virtuosen Thriller-Impressionen als Exkursion in die Abgründe der Seele.
Ein Auftragskiller ist Joe (Joaquin Phoenix) nicht, er t [ ... ]



Günter Grass-Haus Lübeck: George Bernard Shaw und die Fotografie
 Günter Grass-Haus Lübeck: George Bernard Shaw und die Fotografie



George Bernard Shaw (1856-1950) ist vor allem bekannt für sein dramatisches Werk, das über 50 Theaterstücke umfasst. Doch der Künstler hat sich zeitlebens in [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Anzeige


Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.