Neue Kommentare

Stipe Gojun zu „La Vérité” Hirokazu Kore-eda und der Mythos Familie : Ach, wie gern würde ich heute ins Kino gehen. Ob...
Frank-Peter Hansen zu Frank-Peter Hansen: Die Heidegger-Dekomposition: Im Spätherbst letzten Jahres anlässlich einer S...
bbk berlin zu Dortmund geht neue Wege bei der Kunst-Förderung: Die Berliner Künstler*innen freut es sehr, dass ...
Markus Semm zu Frank-Peter Hansen: Die Heidegger-Dekomposition: Sehen Sie: Der Unterschied zw. Heidegger und Cass...
Karin Schneider zu Frank-Peter Hansen: Die Heidegger-Dekomposition: Ein großartiger Artikel! Stefan Diebitz schafft ...

Hamburger Architektur Sommer 2019


Follow Book

Pageturner – ohne Turn

Drucken
Montag, den 03. November 2014 um 09:59 Uhr
Dave Eggers Circle

Der Begriff „Pageturner“ kann sich zukünftig auf eine neue KulturPort.De-Rubrik anwenden lassen.
In diesem November startet ein neues Format namens „Follow Book“: In regelmäßigen Abständen werden Neuerscheinungen des Buchmarkts, „vergessene“ Bücher oder die persönlichen Highlights der KulturPort.De-Autoren vorgestellt. Beginnen wir mit Dave Eggers Roman „Der Circle“, der seit Ende August in den Buchläden zu finden ist.

Wir alle werden Opfer des Internets. Wir werden unfrei durch all die Technologien, die unser Leben leichter eigentlich machen sollten. (Sind wir es nicht eigentlich schon?) Die Demokratisierung, die die globale Vernetzung verspricht, ist eine Illusion – die Vernetzung wird sich offenbaren als direkter Weg in die Tyrannei durch einzelne Konzerne! (Ist es nicht schon längst zu spät?)

Dave Eggers © Michelle QuintJa, Dave Eggers Roman „Der Circle“ passt in diese Vorstellungswelt. Und wer so denkt, mag ihn als würdigen Nachfolger von Orwells 1984 sehen. Doch das sind oft dieselben Leute, die ohne Bedenken an der Supermarktkasse ihre Payback-Karte zücken und die der Kassiererin sofort ihre Postleitzahl nennen – beim Kauf einiger Dübel oder eines Kabels.
Hier offenbart sich das große Manko des Romans: Die Figuren sind so plakativ, dass der Leser sich nicht mit ihnen auseinandersetzen muss. Da gibt es keinen Identifikationspunkt. Sie können niemand anderes sein als der naive, gefährliche Andere. Oder sie sind Sprecher einer flachen Rede für die Freiheit.
Eggers erzählt den Weg der jungen Mae Holland in die Fänge des Konzerns „Der Circle“ – von ihrem ersten Arbeitstag bis zur Vollendung der tyrannischen Machenschaften der Firma. „Der Circle“ ist vornehmlich Entwickler für Social Media-Werkzeuge. Zudem entwickelt er mehr und mehr technische Zusatzgeräte – und en passant eine neue gesellschaftliche Ordnung.

Mae ist von Beginn an vollkommen unkritisch und folgt allen Neuerungen mit totaler Begeisterung. Tiefe hat diese Figur nicht. Innere Konflikte auch nicht – jedenfalls keine, die man ihr abnimmt. Tatsächlich ist sie ein sehr blasses, wenig emanzipiertes Mädchen. Und so sind es vor allem vier Männerfiguren, die den Roman dominieren: Bailey, die Vaterfigur, einer der Drei Weisen des Circle.
Er lenkt und leitet Mae auf seinem Weg der Tugend. Francis, ein Geliebter und unbedingter Vertreter der Ideologie des Circle: Er entwickelt ein Implantat für Kinder, das sie stets auffindbar macht um sie gegen Verbrechen zu schützen. Sein Gegenpart ist Kalden, Geliebter zur gleichen Zeit – und der große Unbekannte. Er ist ebenfalls Teil des Circle, warnt Mae allerdings ausdrücklich vor dessen Vollendung. Und schließlich ist da noch Mercer, der Ex-Freund, der Repräsentant der analogen Welt. Der fleischliche Vertreter der Freiheit, in deren Namen er zwei flammende Monologe halten darf.

Circle - EggersZwei Männer für den Circle – und zwei dagegen. Ihre Aktionen und Reden, ihre Charakterisierung sind schmerzlich platt. Das geht so weit, dass Francis ein furchtbarer Versager im Bett ist – während der Sex mit Kalden sensationell gut ist.
Wenn dieser Roman nun so plakativ ist – warum dann eine Kritik zu ihm? Weil das Thema höchst relevant ist! Denn Überwachung und Übertransparenz sind große Gefahren unserer Zeit.
Was bringt uns denn eigentlich dazu, so leichtfertig unsere Daten zu präsentieren? Staaten und Konzernen gleichermaßen! Was bringt uns dazu, es in Ordnung zu finden, dass unsere Verbindungsdaten gespeichert werden? Unsere E-Mails gescannt? Unsere Bewegungen aufgezeichnet? Und wie kann eine Zukunft vor diesem Hintergrund sich entwickeln?
In Nuancen! Und nicht als plakative Anti-Utopie.


Dave Eggers - Der Circle (Roman)
Gebundene Ausgabe: 560 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN-10: 3462046756
ISBN-13: 978-3462046755


Abbildungsnachweis:
Header: Detail aus "Der Circle". Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH
Portrait Dave Eggers: © Michelle Quint
Buch-Cover

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Kolumne > Follow Book > Pageturner – ohne Turn

Mehr auf KulturPort.De

BuchDruckKunst 2020 – Das Magazin
 BuchDruckKunst 2020 – Das Magazin



Menschen, Bücher, Sensationen: An diesem Wochenende, vom 27. bis 29. März 2020, sollte die renommierte BuchDruckKunst im Museum der Arbeit stattfinden. Ein Hig [ ... ]



Eoin Moore und Anika Wangard – eine Begegnung
 Eoin Moore und Anika Wangard – eine Begegnung



Eigentlich bin ich nicht besonders scharf auf Krimis. Wenn sie allerdings sehr gut sind, relativiert sich das. Wahrscheinlich befinde ich mich tief im Mainstream [ ... ]



„Waves” – Trey Edward Shults’ Opulenz der Emotionen
 „Waves” – Trey Edward Shults’ Opulenz der Emotionen



„Waves” ist ein visuell waghalsiger Kraftakt, überwältigend, mitreißend, voller Zärtlichkeit, trügerischer Hoffnungen und zerborstener Träume. US-Regis [ ... ]



Egon Friedell: Der Schatten der Antike
 Egon Friedell: Der Schatten der Antike



82 Jahre nach dem Freitod Egon Friedells liegt – endlich! – das letzte Kapitel seiner „Kulturgeschichte des Altertums“ vor, und jeder, dem die Gedanken d [ ... ]



Horst Hansen Trio: Live in Japan
 Horst Hansen Trio: Live in Japan



Nix da Japan – Krefeld (クレーフェルト). In solchen pandemischen Zeiten reist man nicht und wenn, dann nur virtuell. Spielerisch, alles ist spielerisch  [ ... ]



Literarische Neuentdeckung aus alter lettischer Zeit: Das Prosapoem „Straumēni“
 Literarische Neuentdeckung aus alter lettischer Zeit: Das Prosapoem „Straumēni“



Was für ein Glücksfall: Ein Antiquariatsfund in Rīga führte 2018 dazu, dass das Prosapoem „Straumēni“ von Edvarts Virza nun auch für deutschsprachige L [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.