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Theater - Tanz

Rezensiert! Die Ratte

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Mittwoch, den 18. November 2009 um 17:21 Uhr
Rezensiert! Die Ratte 4.5 out of 5 based on 106 votes.
Rezensiert! Die Ratte

Seit 1999/2000 gibt es in der Komödie im Winterhuder Fährhaus in Hamburg die Kontraste, ein Genre, das sich vom ‚klassischen’ Boulevard auf der Hauptbühne durch absurden, schrillen, bösen Humor unterscheidet – schwarze Komödien gewissermaßen, in einem eigenen kleinen Bühnenraum im Haus, sehr liebevoll und engagiert präsentiert.
Am 17. November war hier Premiere des Stücks ‚Die Ratte’ von Justine del Corte.
Ratten an sich sind seit Gerhard Hauptmann über Küchengenie Rémy bis zu Leseratte Firmin recht kulturelle Tiere. Der Nager in del Cortes Komödie hat indessen lediglich einen Camoe-Auftritt und sorgt im Grunde nur für ein wenig mehr Gekreisch und einigen Gesprächsstoff.

Ort der Handlung ist flotterweise New York.
Hier lebt, warum auch immer, die Deutsche Maria (Meike Harten) mit ihrem Gatten Nick (Herbert Schöberl), der mit Schweizer Akzent gurgelt. Die beiden hausen in einer wahrhaft kläglichen Zwei-Zimmer-Wohnung mit Kochnische - das Telefon auf dem im Wohnzimmer stehenden Kühlschrank – die jedoch mehrfach als ‚hübsch’ bezeichnet wird (Bühnenbild Heidrun Schüler). Immerhin erhärtet das Ambiente Nicks Erfolglosigkeit, von der verschiedentlich die Rede sein wird.

Man fragt sich, warum Maria, die zwar stark neurotisch ist - wer ist das nicht? - aber energisch und tatkräftig und bemerkenswert geschmackvoll gekleidet (Kostüme Julia Borchert), nicht das ihre dazu tut, um aus dem Elend raus zukommen.

Stattdessen besteht sie darauf, dass ihre kleine Schwester Isabell (Theresa Berlage) und deren Freund Richard (Markus Frank), gemeinsam gerade auf Urlaubreise im Big Apple, nicht in ein Hotel gehen, sondern sich auch noch in dieser winzigen Bude einquartieren.

Isabell ist mit Leib und Seele schwanger, Richard, im Gegensatz zu Nick schrecklich erfolgreicher, hornbrillengekrönter Professor und Schriftsteller, macht auch viel um ihren Riesenbauch her.
Zunächst kommen die beiden mit hinterlegtem Schlüssel allein in das Apartment, lesen die von Maria verfassten Verhaltensauflagen für Gäste, entdecken auf dem Balkon im Käfig vier Wachteln und ein Wachtel-Ei, wühlen ungeniert in Schränken und Schubladen und machen bereits überdeutlich, dass die Schwestern sich nicht grün sind.

Während die beiden einkaufen, tauchen Maria und Nick, einen Tag früher als angekündigt, in der eigenen Wohnung auf, durchwühlen ungeniert die Koffer der Verwandtschaft und zerrupfen ihre Gäste bereits verbal.
Dann kommen Isabell und Richard vom Einkauf zurück und man geht zum Nahkampf über.

Del Cortes Komödie ist jüngeren Datums, deutlich daran zu erkennen, dass beim Pinkeln die Klotür offen gelassen und bereits in den ersten Sätzen erklärt wird, er möchte ihn ihr jetzt reinstecken. Alles andere wäre bekanntlich spießiger alter Muff. Und natürlich übergibt sich die Schwangere, obwohl mindestens schon im achten Monat, hier und da und dort, ein bisschen halbherzig übrigens; das haben wir schon ergiebiger gesehen.

Hin und wieder erinnert ‚Die Ratte’ an Yasmina Rezas "Gott des Gemetzels": Streit um des Streitens Willen, mal Jener gegen Diesen und ganz unerwartet wieder Die gegen Den in völlig anderer Koalition, von seidig-perfide bis hysterisch brüllend.


Die Protagonisten fallen von einer Emotion in die nächste, es gibt sogar Momente des Verstehens und der Harmonie, etwa, wenn der Embryo strampelt und Isabell, Maria und Richard einträchtig ihre Hände auf Isabells Bauch legen und dazu ‚Lalelu’ singen. Allerdings behält Maria dabei geistesabwesend die ganze Zeit ihr riesiges scharfes Küchenmesser in der anderen Hand, was andeutet, es handle sich keineswegs um Frieden, nur um Waffenstillstand. Ebenso vereinen sich alle Vier jeweils, wenn die auf dem Balkon oder im Bad bekreischte Ratte vorbeihuscht.

Umrahmt wird das Ganze von nicht enden wollenden Anrufen der Mutter von Maria und Isabell, selten angenommen, meist in der Mailbox vermodernd, mit Jammern und Klagen über mangelnde Anteilnahme, schlaflose Nächte vor Sorgen und die Lieblosigkeit der Töchter.

Und dann wäre da noch der kurze, aber effektvolle Auftritt des Kammerjägers (Harun Yildirim), den Maria empfängt, als sie zufällig allein in der Wohnung ist.
Der Mann sieht aus wie etwas aus Asterix, so karrikaturhaft attraktiv, deshalb ist sein Auftritt an sich bereits ein Lacherfolg. Maria muss sich selbst immer wieder zurückreißen, um ihm nicht direkt unter die Achsel zu kriechen: offenbar riecht der Kerl ebenso gut, wie er aussieht. Er flirtet nicht einmal, er erzählt nur freundlich ein bisschen über Rattenbekämpfung, seine Frau und seine 8-Zimmer-Wohnung – ohne Kinder! An dieser Stelle bricht er, erschüttert über die eigene Kinderlosigkeit, kurz in Tränen aus.
Nachdem er gegangen ist, heult auch Maria los. Weil sie kein Baby hat. Oder keinen eigenen Kammerjäger…


 
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