Neue Kommentare

Ada Rompf zu „The Rider”. Die zärtlich-raue Poesie der Chloé Zhao : Besser kann man meinen Lieblingsfilm dieses Früh...
yolo 456 zu Die Juden vom Altrhein: man sollte einen artikel erst einmal lesen bevor ...
yolo123 zu Die Juden vom Altrhein: Das jüdische Leben in Deutschland ist vorbei und...
Achenar Myst zu Nils Landgren with Janis Siegel: some other time: Die CD ist ein absoluter Genuss, tolle Auswahl de...
Achim zu Golnar & Mahan – Derakht: Musik, die glücklich macht - Danke !!!...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2015


Theater - Tanz

„Sehnsucht“ und „Schmetterling“ – tänzerische Reisen der Hamburger Balletttage

Drucken
(128 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Mittwoch, den 09. Juli 2014 um 18:18 Uhr
„Sehnsucht“ und „Schmetterling“ – tänzerische Reisen der Hamburger Balletttage 4.4 out of 5 based on 128 votes.
„Sehnsucht“ und „Schmetterling“

Die Gastcompagnien, von denen Hamburg Ballett in jedem Jahr eine einlädt zu seinen Balletttagen, stoßen Fenster auf in die Tanzwelten außerhalb des Hamburger John-Neumeier-Universums.
Und sie fordern reizvolle Vergleiche heraus. In diesem Jahr für zwei Abende zu Gast in der Hamburgischen Staatsoper: NDT 1 – das Nederlands Dans Theater 1, die Haupttruppe des 1959 gegründeten Theaters für zeitgenössischen Tanz aus Den Haag.

Mitgebracht hatten sie zwei ältere Choreografien von des spanisch-britischen Choreografenpaars Sol León und Paul Lightfoot (der seit drei Jahren auch künstlerischer Leiter des NDT ist).
„Sehnsucht“ und „Schmetterling“ – diese Titel trugen die beiden übersichtlichen Werke, sie rissen die größtmöglichen Assoziationskreise auf. 19 Tänzerinnen und Tänzer waren nach Hamburg gereist, und sie ließen von den ersten Schritten an keinen Zweifel daran, dass sie zur Weltspitze gehören.
Den Anfang machten 30 Minuten „Sehnsucht“. Ein vorne offener weißer Kasten im schwarzen Raum, der gelegentlich um seine Achse rotiert, stellt immer mal wieder die Welt von Parvaneh Scharafali und Medhi Walerski auf den Kopf. Ein hübsche Idee, um zu zeigen: Wie immer man’s auch dreht mit der Liebe und Gemeinsamkeit, irgendetwas passt nie. Mal befindet sich die Eingangstür an der Decke, mal das Fenster auf dem Boden, mal liegt die Lampe quer, mal klebt ein Stuhl an der Wand. Es gibt viele hübsche und überraschende Bilder rund ums Zusammensein oder Nicht-zusammen-sein, ums Aneinander-abarbeiten, um Ausbruchsversuche und Fluchtgedanken. Ein raffiniertes Spiel mit Grenzen und Möglichkeiten.

Vor der drehbaren Miniwelt zelebriert Silas Hendriksen seine Sehnsucht nach – ja, was eigentlich? Ist er verliebt? Und wenn ja, in wen? Tanzt er bloß den Kontrast des Alleinseins zur Zweisamkeit in der Kammer? Am Ende sitzt er – Verzweifelt? Vergessen? – auf der großen Bühne, allein. Die Musik zur Nicht-Handlung: Beethoven, langsame Sätze aus den Klavierkonzerten 3 und 4. Schnelleres für ekstatische Ensemble-Szenen liefert die 5. Sinfonie des Meisters. Man schaut auf die athletischen Tänzerinnen und Tänzer, die im Ensemble mit freiem Oberkörper tanzen. Streben? Glück? Überwältigung?

Die hinreißende und perfekt getanzte Choreographie wirft viele, allzu viele mentale Anknüpfungspunkte in den Raum – so zwingend, dass man berührt würde, wirkt davon allerdings nichts. Eher sind es Rätselbilder auf höchstem ästhetischen Niveau, getreu einem Motto der beiden Choreographen: „Das nicht Ausdrückbare ausdrücken.“

Gedanken über die Liebe, Teil 2, kommt nach der Pause in „Schmetterling“: Aus den Lautsprechern kommen die aufregend improvisiert und ungeglättet vorgetragenen Songs über die Liebe von „The Magnetic Fields“, die Texte manchmal hübsch sophisticated, manchmal sehr direkt – „The cactus where your heart should be“. Und Musik von Max Richter. Eine ältere Frau, ein Mann in der Blüte seiner Kraft. Mutter, Sohn? Hinter ihnen ein Tor, hinter dem sich eine grandiose Landschaft ausbreitet. Eine Reise in die Vergangenheit, plakative Szenen um Liebe, Verlangen, um komische Missverständnisse, um Ungleichzeitigkeit, Tänzer in androgyner Kleidung verwischen Sicherheiten, es sind Fragmente von Liebesgeschichten, unfertige, unerledigte. Die Tänzer sind auf vielen Ebenen dabei, mit starken Grimassen, mit gesprochenen, gerufenen Wörtern, mit Ironie. Leben und Tod begegnen einander. Als die gesamte Szene hinter dem Tor sichtbar wird, geht die alte Frau ab ins Dunkle. Tanz pur, überwältigend, großartig.

Oft liegt ein feierlicher Ernst über der Szene, aus der fast alle Farbtöne verbannt sind, manchmal aber wird er unterbrochen von kreischender Albernheit, von stummem Mitteilungsbedürfnis. Stummfilme von Fritz Lang hätten sie bei dieser Arbeit beeinflusst, hat das Choreographenpaar mal verraten. Faszinierende Bilder sind so entstanden, und ein Gedankenpuzzle, bei dem nicht wenige Teile an höchst unterschiedlichsten Stellen liegen können.
Will man vergleichen, erscheinen John Neumeiers Choreographien neben solchen überraschend mehrdeutig und provozierend illustrativ wirkenden Arbeiten gedankentief, zwingend und konsequent bis ans Ende durchdacht. Sehr deutsch eben.

Die 40. Hamburger Balletttage gehen am Sonntag, dem 13. Juli, nach 13 verschiedenen Balletten an 14 Tagen und dem reizvollen Nebeneinander der Eugen-Onegin-Choreographien von John Neumeier („Tatjana") und John Cranko („Onegin") zu Ende mit der Mammutveranstaltung der „Nijinsky-Gala XL".

Einblicke in “Sehnsucht” und “Schmetterling”
Einblicke in “Schmetterling”


Abbildungsnachweis: Fotos von Rahi Rezvani, NDT

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Theater & Tanz > „Sehnsucht“ und „Schmetterling“ – t...

Mehr auf KulturPort.De

Ilse Helbich: Kluge Chronistin des Alters – „Im Gehen“ gefundene Gedichte
 Ilse Helbich: Kluge Chronistin des Alters – „Im Gehen“ gefundene Gedichte



Auch heute noch geschehen beglückende Wunder: Mit 80 Jahren veröffentlichte die 1923 in Wien geborene Ilse Helbich ihren ersten Roman unter dem Titel „Schwal [ ... ]



Thierry van Werveke: Schauspieler, Rockstar, Troublemaker, Thierry National
 Thierry van Werveke: Schauspieler, Rockstar, Troublemaker, Thierry National



Thierry! – allein sein Vorname löst in Luxemburg schon entzücken aus und wird mit der Addition von „National“ zum Kult. In Deutschland und Österreich fr [ ... ]



„Foxtrot”. Samuel Moaz und das Konzept des Zufalls
 „Foxtrot”. Samuel Moaz und das Konzept des Zufalls



Samuel Moaz kreiert mit dem Antikriegsdrama „Foxtrot” einen atemberaubenden ästhetischen Kosmos: zornig, visuell kühn, emotional hochexplosiv, oft grausam, [ ... ]



Alexandre de La Patellière und Matthieu Delaporte: „Der Vorname“
 Alexandre de La Patellière und Matthieu Delaporte: „Der Vorname“



Das Stück brillant, die Schauspieler große Klasse, die Inszenierung rundum gelungen und der kleine Saal der Komödie Winterhuder Fährhaus restlos ausverkauft. [ ... ]



Vergessen und wiederentdeckt: „Ludwig Meidner – Im Nacken das Sternemeer“
 Vergessen und wiederentdeckt: „Ludwig Meidner – Im Nacken das Sternemeer“



Der Titel der Ausstellung „Im Nacken das Sternemeer“ verweist auf das Buch mit Texten von Ludwig Meidner, das 1918 in Leipzig erschien. Meidner (1884-1966),  [ ... ]



Trio Elf & Marco Lobo – und die „Música Popular Brasileira“
 Trio Elf & Marco Lobo – und die „Música Popular Brasileira“



Die brasilianische Liedkunst – die dort den Status von Popmusik hat – nennt sich pragmatisch „Música Popular Brasileira“. Den Musikern des Trio Elf, Wal [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.