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Theater - Tanz

„Waisen“ von Dennis Kelly im St. Pauli Theater

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Freitag, den 28. Februar 2014 um 10:51 Uhr
„Waisen“ von Dennis Kelly im St. Pauli Theater 4.6 out of 5 based on 209 votes.
„Waisen“ von Dennis Kelly im St. Pauli Theater. Foto: Oliver Fantitsch

Harte Kost. So hart, dass mancher Zuschauer nach einer Stunde und 45 Minuten förmlich aus der Schockstarre zu erwachen schien.
So dauerte es eine Weile bis das Publikum das großartige Trio, Judith Rosmair, Uwe Bohm und Johann von Bülow, gebührend zu feiern begann: „Waisen“ von Dennis Kelly (Deutsch von John Birke), das Wilfried Minks jetzt im Hamburger St. Pauli Theater inszenierte, ist ein psychodramatisches Kammerspiel vom Feinsten. Ein Stück, das den Zuschauer mit seinen überraschenden Wendungen fast unerträglich auf die Folter spannt.


Es hätte alles so schön werden können: Sohn Shane ist bei der Oma, Helen und Danny endlich mal allein in den eigenen vier Wänden und gerade dabei, Helens Schwangerschaft bei einem romantischen Candle-Light-Dinner zu feiern, da platzt Helens Bruder Liam blutüberströmt ins Idyll. Erzählt eine wirre Geschichte von einem Verletzten, dem er helfen wollte, der bewusstlos auf der Straße lag, dann plötzlich aufsprang und wegrannte.
 

Von Anfang an ist klar, dass die Geschichte nicht stimmt. Dass sie so einfach nicht stimmen kann. Die nervös-zittrige Angespanntheit Liams, der wie ein angeschossenes Tier durch die Souterrainwohnung geistert, lässt nichts Gutes ahnen, doch wie Helen und ihr Mann reagieren, ist für den Zuschauer absolut nicht vorhersehbar, ebenso wenig, dass sich das Stück im Laufe des Abends als echter Psychothriller entpuppt, der nichts für schwache Nerven ist.

Uwe Bohm ist mittlerweile ganz offensichtlich auf die Sparte der kranken Geister abonniert und er ist brillant in dieser Rolle. Sein Liam ist erschreckend glaubwürdig. Liam ist der ewige ‚Loser’, Straftäter mit kaputter Kindheit und Waisenknabe, der aus abgrundtiefer Kränkung und Wut, symbiotischer Liebe zu seiner Schwester Helen und verdrängtem Hass auf seinen gutbürgerlichen Schwager zum „Krebsgeschwür“ wurde, wie er selbstkritisch erkennt.

Zerrissen zwischen Liebesbedürfnis und unterschwelligem Neid auf den Schwager erzählt Liam die Geschichte immer wieder anders, um zum Schluss fast triumphierend einzugestehen, dass er sein Opfer, einen „Araber“ aus purem Sadismus und unterschwelligem Rassismus auf offener Straße überfiel und niederstach.

Wirklich grandios, wie Bohm vom aufgeregt überdrehten Typen, der anfangs mit hochrotem Kopf die Treppe runterpoltert, zum zynischen Psychopathen mutiert. Diesem Mann möchte man wahrlich nicht im Dunklen begegnen. Großartig aber auch sein Gegenspieler Danny, den Johann von Bülow als gelassenen, humorvollen und anfangs auch durchaus souveränen Gutmenschen gibt. Er könnte Akademiker sein, ein Beamter in gehobenem Dienst, in jedem Fall ein Mann, der sich eher mal beleidigen und verprügeln lässt, als sich auf das Niveau seiner Angreifer herab zu lassen. Dass er und wie er umgekrempelt wird, ist der eigentliche Thrill des Abends und man kann diese Wandlung eigentlich nur mit der Liebe zu seiner Frau und deren raffinierten Schachzüge erklären.

Man kann es sogar verstehen: Judith Rosmairs Helen ist wirklich unerhört sexy und verführerisch. Schier atemberaubend, wie sich der ehemalige Thalia-Star vom erotischen Weibchen und fürsorglichen Schwesterherz zur eiskalten Ränkeschmiedin entwickelt. Helen ist die eigentliche Strippenzieherin in diesem spannungsgeladenen Trio. Um ihren Bruder zu schützen, ist sie bereit zu lügen, ihr ungeborenes Kind aufs Spiel zu setzen, selbst über Leichen zu gehen.

Wie gesagt, man muss als Zuschauer einiges aushalten in diesem Stück, das in Koproduktion des St. Pauli Theaters mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen entstand. Aber man muss „Waisen“ auch gesehen haben. Nicht nur, weil es ein Schauspielerfest ist. Nicht nur, weil das Stück hervorragend gebaut ist und sich jeder die Frage stellen muss, wozu er aus Loyalität zur Familie fähig wäre und wie leicht moralische Grundsätze über den Haufen geworfen werden können. Dieses grausame Kammerspiel hat auch eine gesellschaftskritische Dimension, die unter den Nägeln brennt. Die sozialen Konflikte innerhalb des Prekariats, diese unheilvolle Mischung aus Armut, Chancenlosigkeit sowie dem Clash der Kulturen und Religionen ist längst nicht mehr auf Londoner Vorstädte begrenzt. Überall werden Menschen auf offener Straße aus überbordender Aggression, Frust und Rassismus angegriffen und zu Tode geprügelt. Auch in Hamburg.

Bis 16. März, St. Pauli Theater, Spielbudenplatz 29, Karten unter Tel. (040) 4711 0666
Preise: 15,70 € bis 41,- € inkl. aller Gebühren
Vorstellungen: 28. Februar 2014 bis 02. März 2014
04. März 2014 bis 09. März 2014
11. März 2014 bis 16. März 2014
Beginn: 20 Uhr, sonntags 19 Uhr


Fotonachweis: Alle Fotos von Oliver Fantitsch
Header: v.l.n.r.: Joann von Bülow, Uwe Bohm, Judith Rosmair
Galerie:

01. v.l.n.r.: Uwe Bohm, Judith Rosmair, Joann von Bülow
02. v.l.n.r.: Joann von Bülow, Judith Rosmair, Uwe Bohm.

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