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Theater - Tanz

Haus, Spielzeit, neue Intendanz: Das Deutsche Schauspielhaus eröffnet mit „Die Rasenden“

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Donnerstag, den 16. Januar 2014 um 11:27 Uhr
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Haus, Spielzeit, neue Intendanz: Das Deutsche Schauspielhaus eröffnet mit „Die Rasenden“

Nachdem der verheerenden Bühnenunfall am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg den Start unter neuer Intendanz vereitelt hatte eröffnet Intendantin Karin Beier schließlich am 18. Januar ihr Haus.
Keinen Tag länger, war ihr erster Gedanke, nachdem der Eiserne Vorhang hochgeschnellt war und die Gegengewichte den Bühnenboden durchschlagen hatten. „Notfalls bring ich das Stück auf den Bahnhofsvorplatz.“ Etwas später spürte sie, dass „es Quatsch ist, an einen alternativen Spielort zu gehen, das große Projekt wurde für genau dieses Haus mit seinem großen Zuschauerraum konzipiert.“
In der nächsten Nacht folgten hitzige Debatten, die für Kreativität sorgten, wie die 49-jährige Intendantin lachend erzählt. Am Morgen darauf trommelte sie ihr Ensemble auf der Probenbühne zusammen und verkündete ihren Plan: „Die Rasenden“, erklärte sie, werde sie auf Eis legen, die anderen Arbeiten kämen zunächst aber wie geplant auf Außenspielstätten heraus und würden dann so schnell wie möglich auf die große Bühne wechseln. Dass dies dann erst über zwei Monate später soweit sein würde, sei kräftezehrend gewesen, erzählt sie weiter.

Trotz der Havarie und dem verpatzten Start scheint sie hellwach, ihre Hände fliegen beim Erzählen wie Schmetterlinge durch die Luft. Sie ist die erste Frau an der Spitze des Schauspielhauses und es scheint sicher, dass sich hier dank ihrer Dynamik und Energie vieles ändern wird. Stichworte genügen, schon sprudelt sie los, emotional und mit Verve: Einmal fährt sich etwas erschrocken mit der Hand über den Mund und sagt: „Ups, das durfte ich so jetzt bestimmt wieder nicht sagen“, um dann gleich munter weiter zu erzählen.

Sie hätte mit ihrem Antikenprojekt „Die Rasenden“, Muskeln und Mut zeigen wollen. Die Größe des Schauspielhauses verlange nach einen mutigen, kraftvollen Zugriff und groß erzählten Stoffen. Deshalb und weil sie in der Eröffnungspremiere einen Großteil des Ensembles vorstellen wollte, kam ihr die Idee, diesen Artriden-Antiken-Marathon rund um Troja zu inszenieren, bestehend aus fünf griechischen Tragödien, denen eins gemein ist: Das Prinzip der Blutrache. Das erste Stück, „Iphigenie“ (Euripides) behandelt die Zeit vor Ausbruch des Trojanischen Krieges. Der 10jährige Krieg selbst wird dann ausschließlich musikalisch von den 18 Streichern vom Ensemble Resonanz in Form eines Konzerts übersetzt. Weiter geht’s mit dem Blick auf die Besiegen, die „Troerinnen“ (Euripides), gefolgt von der dreiteiligen „Orestie“: „Agamemnon“ (Aischylos), „Elektra“ (Hofmannsthal) und den „Eumeniden (Aischylos).“

„Meistens wurden die Tragödien als Kommentar zu den Eroberungskriegen gelesen, mich reizte aber der Verknüpfungspunkt zwischen Politik und Religion“, sagt Beier. Insbesondere interessiere sie sich für diesen Moment, wo der Mensch beginnt, die Götterwelt und das Mystische zu zerschlagen, wo er in der allmählichen Säkularisierung der abendländischen Welt beginnt, sich als verantwortliches Subjekt seines Handelns wahrzunehmen. Daraus ergeben sich die Fragen: „Wie viel, oder wie wenig Religion verträgt der Staat? Wie kann Religion für politische Taten missbraucht werden und Argumente für militärische, strategische Notwendigkeiten liefern? Wie entwickeln sich Menschen wie Agamemnon zu kampffähigen Tötungsmaschinen?“

Das ist ein heftiger Stoff, auch für Karin Beier, die bekannt ist für ihren spielerischen, virtuosen Umgang mit verschiedensten Theatermitteln und Stilen von ‚Commedia dell’ arte’ bis Brecht. Sie sagt: „Es gibt ganze Strecken, die emotional sehr anstrengend sind, aber das Wunderbare an den griechischen Tragödien sind die stoffimmanenten und formalen Setzungen. Dass ich als Regisseurin neben den Chorszenen etliche sehr psychologische Zweierszenen gestalten kann.“

Also doch keine trockene Geschichts- und Griechenlektion? Beier lacht und schüttelt energisch den Kopf. Sie versuche auch hier, „durch diverse Theatersprachen zu laufen, ästhetisch unterschiedliche Wege zu gehen. Das bin ich, das macht mir Spaß.“ Schauspielerbezogen und spielerisch soll das Ganze werden. Und musikalisch. Wie kaum eine andere ist Beiers Bühnensprache gleich einer Partitur durchkomponiert, gern verwebt sie Klänge und Sprache miteinander.

Bevor es los ging, hatte sie schon über ein Jahr an dem Antikenprojekt gearbeitet, hatte Fassungen zusammengestellt, mal mit ihrer Dramaturgin Rita Thiele oft aber auch im Alleingang, um im genauen Lesen und Streichen Ideen zusammenzuführen und für szenischen Umsetzungen zu sammeln. Sie sei keine Regisseurin, die ohne Konzept auf die Probe geht, doch ihre Vorüberlegungen seien dann nicht zwingend. „Teilweise findet es dann so statt wie es mir ausgedacht habe, teilweise auch nicht. Theater ist Teamarbeit, da sind viele Kräfte am Werk.“

Zunächst aber liegen immer noch große Stolpersteine auf der Zielgeraden, Steine, die dort liegen, seit die Sanierung beendet aber keinesfalls abgeschlossen ist. Sie sorgten für tägliche Hiobsmeldungen und erschwerten ihre Probenarbeit. Während sie „Off the Record“ von dramatischen Fehlern und Fehlplanungen berichtet, wirkt sie dann doch etwas müde. Es geht schließlich um jede Menge Geld.

Um im sportlichen Endspurt – pro Tragödie zwei Probentage – überhaupt noch kreativ sein zu können musste die inszenierende Intendantin sämtliche dieser baulichen Desaster von sich schieben. Übrig blieb jedoch die Sorge, dass sie im Augenblick all die Schauspieler die sie für ihre jetzigen Bühnenproben benötigt, aus anderen Produktionen und Proben herauslösen muss. „Wenn ich jetzt einem Herrn Marthaler seine Schauspieler wegnehme oder einer Karin Henkel, interessiert das im März, wenn deren Arbeiten rauskommen niemanden mehr.“

Unsere 40 Minuten Gesprächszeit sind um. Eingehüllt in ihren schwarzen Strickmantel eilt Karin Beier auf Fellstiefeln wieder in die Probe zurück.
„War es heute jemals hell?“, hatte sie mit einem Seufzer gefragt, als sie aus dem abgeschotteten Zuschauerraum gekommen war und in den regennassen grauen Winterhimmel gesehen hatte. Egal, jetzt ist es draußen wieder dunkel. Tageslicht ist für Regisseure im Endprobenstress nun mal so begehrt wie für alle die Sonne in den dunklen Monaten des Jahres.


„Die Rasenden“, Premiere am Deutschen Schauspielhaus am 18.1., Beginn 17 Uhr. Karten unter: (040) 24871-3.
Der Zyklus wird am Premierenabend und am Wochenende in der etwa 6 bis 7-stündigen vollständigen Fassung gezeigt (Marathon), aber auch in zwei in sich geschlossenen Teilen (Teil 1: „Die Troerinnen“, Teil 2 „Die Orestie“) angeboten.

KulturPort.De-Tipp: 22. Januar 2014, 19 Uhr: Vortrag und Gespräch „Die Rasenden“, Politik, Gewalt und Religion. Mit Karin Beier (Intendantin Deutsches Schauspielhaus), Hein-Hünther Stobbe (Theologe und Friedensforscher), Rita Thiele (Chefdramaturgin und stellvertr. Intendantin Deutsches Schauspielhaus)
Eine Veranstaltung der Katholischen Akademie Hamburg in Kooperation mit dem Deutschen Schauspielhaus.
Marmorsaal. Eintritt: 7 €, erm. 5 €


Abbildungsnachweis Header: Collage mit Schauspielhaus-Logo sowie Foto: Claus Friede

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