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Hamburger Architektur Sommer 2019

Theater - Tanz
Yasmina Reza „Ihre Version des Spiels“ im St. Pauli Theater

Schlechtes Stück, klasse Schauspieler – auf diese Formel ließe sich Yasmina Rezas „Ihre Version des Spiels“ im St. Pauli Theater herunterbrechen.
Für Hannelore-Hoger-Fans ist die Hamburger Inszenierung dennoch empfehlenswert: In ihrer Rolle als medienscheue Star-Autorin zeigt sich die Schauspielerin in Bestform. 

„Kaum zu glauben, auch Yasmina Reza kann schlechte Stücke schreiben“, so eine aufgeschnappte Bemerkung beim Rausgehen. Ja, in der Tat, das war keine Glanzleistung: Statisch, verschachtelt, eintönig, zum Teil sogar langatmig. Ungewohnt von einer Autorin, die mit „Kunst“, „Der Gott des Gemetzels“ und „Drei Mal Leben“ in den Olymp der Komödienschreiber aufgestiegen ist und in diesen Stücken ein so phantastisches Gespür für Pointen, Timing und Überraschungen beweist. Mit diesem neuen Werk wollte sie offenbar weg von der „Boulevardkomödie“ und endlich mal etwas Ernstes auf die Bühne bringen – und das, indem sie sich und ihr Metier selbst aufs Korn nimmt. Vielleicht war sie sich hier einfach zu nah, um die Schwächen des Konversationsstückes zu sehen. Vielleicht ist es einfach so, dass nicht immer das Beste dabei herauskommt, wenn Autoren über sich und ihre Arbeit reflektieren.

Der Schauplatz von „Ihre Version des Spiels“ ist eine Mehrzweckhalle, irgendwo in der französischen Provinz. Nathalie Oppenheim (Hannelore Hoger), die vielfach preisgekrönte Bestseller-Autorin, ist Stargast des literarischen Abends von Roland Boulanger, dem ambitionierten Bibliothekar und Hobby-Lyriker des Städtchens, den Oliver Urbanski bei der Premiere mit etwas zu viel Nervosität und Tollpatschigkeit versah. Gegenspielerin der Oppenheim ist die Journalistin Rosanna Ertel-Keval. Tatja Seibt ist absolut zu Hause in dieser Rolle. Sie spielt die überheblich-kühle Intellektuelle mit bewunderungswürdiger Grandezza und Lässigkeit, man möchte glauben, dass sie eigentlich noch ganz andere Fragen auf der Pfanne hat, als Yasmina Reza sie ihr in den Mund legt. Später, nach der zähen Veranstaltung, die durch blendende Lichtschneisen ihre Zäsur erhalten, wird es Backstage auch noch lustig. Dann werden reihenweise Cocktails geschlürft und der vollgetankte Provinz-Bürgermeister (Volker Lechtenbrink) rückt der bereits schwankenden Schriftstellerin auf die Pelle. Gemeinsam singen sie dann Gilbert Becauds Schlager „Nathalie“ und tanzen um das Sofa herum. Das war’s dann.

Diese letzte Szene erscheint wie ein Zugeständnis an das Boulevard, um letztendlich doch noch irgendetwas Lustiges auf die Bühne zu bringen. So sehr es hier menschelt, inhaltlich werden wir kein Stück schlauer. Keine Offenbarungen unter Alkohol, die Autorin bleibt so wortkarg, wie sie schon auf dem Podium gewesen ist. Eine Situation, die Regisseur Ulrich Waller so quälend wie möglich darstellt. Sicher, immer und immer wieder werden Schriftsteller - mit oder ohne Publikum - gefragt, wie weit sie mit ihren Figuren identisch sind. Wo die Literatur beginnt, die ausgedachte Geschichte und wie viel eigene, authentische Erfahrungen verarbeitet wurden. Und wahrscheinlich sind die meisten Schriftsteller restlos angeödet von diesen Fragen. In diesem Fall treibt Yasmina Reza das Spiel mit den Identitäten sogar noch auf die Spitze: Ihre Autorin Nathalie Oppenheimer hat eine Autorin zur Heldin des neuen Buches gemacht. Und diese Autorin, wie könnte es anders sein, hadert mit ihrem Werk, aber auch mit ihrem Mann, den sie von einem Ex-Polizisten umbringen lässt. So, und nun die Frage: Inwieweit ist das alles biographisch? Yasmina Reza hätte daraus ohne weiteres einen Thriller machen können. Sie wollte aber nicht. So fragt die Journalistin noch nicht einmal nach den Mordgelüsten der Autorin, wir erfahren auch nichts über die privaten Verhältnisse der Nathalie Oppenheim, die zweifellos in Erfahrung zu bringen gewesen wären. Stattdessen veranstaltet die wenig sympathisch wirkende Rosanna ein hochgestochenes Zitaten-Quizz, in dem immerhin ein entscheidender Satz fällt: „Die zentrale Rolle des Schreibens zu erkennen, bedeutet auch, die Wirklichkeit als unzulänglich zu erkennen.“

Wie unzulänglich die Wirklichkeit ist, zeigt sich in diesem Stück in jeder Minute. Das macht es insgesamt leider nicht besser. Toll, wirklich sehenswert, ist dieses fast choreografisch anmutende Pas de Deux von Volker Lechtenbrink und Hannelore Hoger auf dem Sofa: Lechtenbrink gibt seinem jovialen Provinz-Bürgermeister kräftig Zucker ohne dabei in die Knallcharge abzugleiten. Und Hannelore Hoger, die insgesamt mit wohltuender Zurückhaltung spielt, ist beim versonnen-beschwipsten Cocktail-Früchte-Lutschen zum Niederknien gut. Dieses Paar, diese Szene - das reißt einfach alles raus.

(Text korrigiert am 22.03.13)

Yasmina Reza „Ihre Version des Spiels“
St. Pauli Theater, Spielbudenplatz 29-30, Hamburg-St. Pauli
Bis 2. 3., 5.-10.3. und 12.-17.3.2013, jeweils 20 Uhr, sonntags 19 Uhr.
Karten unter (040) 4711 0666
www.st-pauli-theater.de

Fotonachweis:
Header: Hannlore Hoger, Volker Lechtenbrink, Tatja Seibt Foto: Jim Rakete
Galerie: alle (c) Jim Rakete
01. Tatja Seibt, Hannelore Hoger, Oliver Urbanski
02. Hannelore Hoger
03. Hannlore Hoger, Volker Lechtenbrink, Tatja Seibt

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