Werbung

Neue Kommentare

Martin Zopick zu „Nocturnal Animals” – Rachethriller als bittere Selbsterkenntnis : Der zweite Film von Tom Ford und der ist gar nich...
Michaela zu „Midsommar”. Die sonnendurchfluteten Abgründe des Ari Aster: Einer der magnetisierendsten Filme, die ich seit ...
Hampus Jeppsson zu „Der Distelfink“. Kühle Eleganz als Metapher für Schmerz: Interessant. Ein sehr guter Roman, dessen Verfilm...
Elvana Indergand zu Snøhetta: Architektur – Landschaft – Interieur: Ich bin begeistert von der Biblioteca Alexandrina...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2019


Theater - Tanz

Der Hamburger Jedermann: Nur meine Seele und kein Geld!

Drucken
(824 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Freitag, den 22. Mai 2009 um 10:01 Uhr
Der Hamburger Jedermann: Nur meine Seele und kein Geld! 4.7 out of 5 based on 824 votes.
Der Hamburger Jedermann: Nur meine Seele und kein Geld!

Nur meine Seele und kein Geld!

Wenn man davon ausgeht, dass Michael Batz’ Jedermann weniger dem anonymen englischen Moralitätenspiel und auch nur teilweise Hugo von Hofmannsthal verpflichtet ist, so könnte sich der Hamburger Künstler und Theatermacher an dem Spyeghel der salicheyt van Elckerlijc inspiriert haben.


Das Thema dieses frühen allegorischen Stücks, das Petrus Dorlandus zugeschrieben wird und bereits 1485 in Antwerpen zur Uraufführung gelangte, kreist um die begüterten Handelsstädte in Flandern und um den reichen Kaufmann Jedermann, der nur der materiellen Welt zugewandt ist. Der Hamburger Jedermann verlegt das Sujet in unsere heutige globalisierte Welt und in die norddeutsche Hansestadt, die als Platzhalter für den westlichen Neoliberalismus fungiert. In dieser gottlosen Zeit wirkt der das Stück eröffnende Teufel wie ein Anachronismus: „Ich tanze Seil, und am anderen Ende hat jemand losgelassen“. Die Zeitwidrigkeit spiegelt sich in der Grundfrage des Dramas wider, nämlich in der Frage nach der Beschaffenheit der menschlichen Seele, die das Bühnenwerk mit Begriffen der Menschlichkeit, Kunst und Kultur in Verbindung bringt. Die faustische Forderung des Teufels: „Der ganze Plunder in der Speicherstadt kostet eine Seele“, retourniert Jedermann mit der Gretchenfrage: „Nur meine Seele und kein Geld?“.

Das vermeintlich gute Geschäft entlarvt die Mentalität des Kaufmanns, der als Stellvertreter für die Hamburger Pfeffersäcke steht, die nur stehlen, gut verdienen und gut verkaufen wollen. In solchen Zeiten, in denen das alchimistisch anmutende Hauptanliegen der porträtierten Gesellschaft darin besteht, „aus Scheiße Geld zu machen“, verwundert der widersinnige Rat der freilich nur kurz in Erscheinung tretenden Intendantenfigur nicht: „Dann lass die Kunst doch in die Grütze fahren“. Jedermann kehrt die Resignation des Kulturvermittlers schließlich in die geldwirtschaftlich positiv formulierte Wendung: „Ökonomie ist das Wichtigste im Leben. An ihr bleiben Gut und Böse kleben!“. Die Zeitkritik des Hamburger Jedermann richtet sich gegen die Wertlosigkeit, kulturelle Einöde und moralische Unmenschlichkeit, die den Hamburger Kaufmann zu dem gemacht haben, als was er sich im Angesicht von Tod und Teufel fühlt. Zweckorientierung, Kultur als Spektakel und das Ausradieren kultureller und medialer Vielfalt haben nicht nur den Jedermann sozialisiert, sondern drohen auch seine Umwelt und das Stadtbild entscheidend bzw. ausschließlich zu prägen. In dieser Welt sitzen die Controller immer mit am Tisch, entscheiden nur noch betriebswirtschaftliche Kriterien darüber, ob und in welcher Weise kulturelle und mediale Ausdrucksformen aussterben oder überleben.



 
Home > Blog > Theater & Tanz > Der Hamburger Jedermann: Nur meine Seele und ...

Mehr auf KulturPort.De

Still in the Woods: Flying Waves
 Still in the Woods: Flying Waves



Schon in einer vorangegangenen KulturPort.De-Besprechung zum ersten Album (Rootless Tree) von „Still in the Woods“ kam das bemerkenswerte Potential der Band  [ ... ]



„Halloween“-Opern-Slam im Opernloft Altona
 „Halloween“-Opern-Slam im Opernloft Altona



Ein ungewöhnlich schönes Ambiente, ganz erstaunliche Stimmen und ein Spaßfaktor, wie er in der klassischen Musik wohl einmalig ist: Der „Halloween“-Sänge [ ... ]



Gottes Wort oder Menschenwerk? Zwei Bücher über die Geschichte der Bibel
 Gottes Wort oder Menschenwerk? Zwei Bücher über die Geschichte der Bibel



Die Bibel, sagt Arno Schmidt irgendwo, sei „ein unordentliches Buch mit 50.000 Textvarianten“. Auch wenn diese Zahl groß klingt – damit hat er gewiss noch [ ... ]



Die jungen Jahre der Alten Meister – Baselitz, Richter, Polke, Kiefer
 Die jungen Jahre der Alten Meister – Baselitz, Richter, Polke, Kiefer



Es war die Zeit, in der die Malerei totgesagt war. Jeder, der sich zur Avantgarde zählte, suchte den Ausstieg aus dem Bild. Jeder? Nein. Vier junge Maler dachte [ ... ]



Christian Frentzen: First Encounter
 Christian Frentzen: First Encounter



Hat Modern Jazz noch eine Zukunft? Oder ist seine Wiederbelebung ein Griff in die Mottenkiste? Nein: Der Kölner Pianist Christian Frentzen zeigt auf seinem Deb [ ... ]



„Alles fließt“ – Oliver Mark, Sibylle Springer und Sonja Ofen in der Gallery Lazarus Hamburg
 „Alles fließt“ – Oliver Mark, Sibylle Springer und Sonja Ofen in der Gallery Lazarus Hamburg



Mia Farrow, Ben Kingsley, Anthony Hopkins – Oliver Mark hat sie alle vor der Kamera gehabt. Jetzt stellt der international renommierte Fotograf mit Sibylle Spr [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.