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Hamburger Architektur Sommer 2019

Theater - Tanz
40 Jahre Theater Zeppelin, 30 Jahre Theaterschule, 15 Jahre Hoheluftschiff – Und was jetzt? Auf zu neuen Ufern

Ist das ein Schwan oder ein Pelikan? Jedenfalls eines dieser menschengroßen, phantasievoll aus Draht und Stoffen zusammengebastelten Wassertiere, die Stephanie Grau, Leiterin des Theaters Zeppelin von befreundeten Theatermachern aus Hannover ausgeliehen hat für das Jubiläum ihres Theaters.

Obwohl sie selbst einen ordentlichen Fundus hat und für die Premiere am Samstag 7. September jede Menge wunderschöne Wassertierkostüme schneidern ließ. Der lange Drahthals über ihr schwankt bedenklich, als sie in das Drahtgestell hineinschlüpft, der untere Schnabel hängt lose herab. „Soll ich den mit Draht oder Faden wieder annähen?“, fragt Praktikantin Katja, die unser Gespräch unterbrochen hat, wie auch der ein oder andere Anruf. „Und was macht man mit dem Hals?“
„Festhalten“, antwortet Steffi, wie sie hier von jeder und jedem genannt wird, grapscht nach dem Hals und schüttelt sich vor Lachen über die Komik, die beim Tragen dieses Kostümgestells ganz von selber entsteht. Mit dieser Freude am Quatsch machen, am Verkleiden und an skurrilen Masken, mit ihrem hemmungslosen Spaß am Spielen hat sie ganze Generationen von Kindern und Jugendlichen ihren Bann und vor allem in ihr Theater gezogen. Ob sie nun in „Schröders Traum“ das Feuer spielte oder ein Huhn im Ganzkörperkostüm in „Hühnersuppe ohne Huhn“. Und das seit 40 Jahren.

Felicia und Stephanie GrauAuf dem Hoheluftschiff am Kaiser-Friedrich-Ufer nahe der Hoheluftbrücke befindet sich das ganze Theaterteam im Vorbereitungsfieber für das große Fest am Samstag.
Die Küche des frisch sanierten Foyers wird auf Hochglanz geputzt, das Schiffsdeck geschrubbt, ein halb aufgeblasener Krake, Gaffer Tape, Scheren, Seile und Kabel liegen herum, Plastikmüll ziert als Dekofähnchen die Tampen, die vom Schiff aus auf die andere Seite des Isebekkanals herübergezogen wurden. Dort drüben, im Mansteinpark, werden den Jubiläumsgästen am Samstagnachmittag Infostände, Filme und Musik geboten. Direkt am Schiff liegt eine schwimmende Bühne aus zwei Pontons, so lang und so breit wie das Schiff selber. Passend zum durchaus nachdenklich machenden Jubiläumsmotto „Wasser“ spielen hier Kinder aus den Ferienworkshops der Theaterschule Zeppelin ihr Stück „Alles im Fluss“ und die Schüler-Bigband des Kaifu-Gymnasiums, später dann langjährige Freunde des Theaters wie die gleichaltrige Bläsertruppe Tuten und Blasen. Die Komödiantin Andrea Bongers singt als Meerjungfrau, die Schauspielstudent*innen der IACT performen „70% Wasser“ und natürlich gibt es zahlreiche Überraschungsgäste, die zum Parcours rund um den Isebekkanal ermuntern werden.

„Angefangen hat alles vor 40 Jahren im Wohnzimmer meiner Eltern, als ich wir ‚Zwerg Nase’ probten und damit beim ersten Alstervergnügen 1979 auftraten“, sagt Steffi Grau und blättert in ihrer ersten Theaterchronik, die vierte hat sie gerade produziert. „Damals schaute zufällig Bruno Ganz zu und sagte: Klasse!“ Das hat gereicht zu Durchstarten. Wenig später zogen Stephanie Grau, Thomas Niese und Judith Compes mit einem Thespiswagen zu Fuß durch die Lüneburger Heide, um als „Theater Zeppelin“ die Heidebewohner zu beglücken. Mühelos schloss man sich der Revolution des Straßentheaters, der Gaukler und Clowns gegen das verschnarchte Bildungsbürgertum in den Schauspielhäusern an, und erlebte die Geburtsstunde der freien Szene, die im Laufe der Achtziger Jahre ihren Einzug ins Stadttheater halten würde. Wenig später gab es in der Sillemstraße „Faust im Hinterhof“, das Altonaer Thede-Schwimmbad wurde von 20 Laienspielern und Musikern zum Theater erklärt mit „Stadt statt Dschungel“, und nach der Besetzungsprobe der Kampnagelfabrik durch die freien Gruppen 1983 eröffneten sich immer neue Spielmöglichkeiten. „Meine erste Regie führte ich auf Kampnagel bei ‚Pinocchio’, das war 1988“, sagt Steffi Grau.

Und dann ging es Schlag auf Schlag. 1989 gründete sie die Theaterschule Zeppelin mit dem Probenraum am jetzigen Standort am Kaiser-Friedrich-Ufer in Eimsbüttel. Damit reifte auch der Entschluss, mit dem Theater Zeppelin mehr als ein „Mitspieltheater für Menschen ab 6“ anzubieten. Die neue Richtung: die Kinder selbst spielen und sie ihre Stücke selbst entwickeln lassen, selbstredend mit Unterstützung fachkundiger Theaterlehrer.“ Eine kleine Sensation im deutschen Kindertheater.
„Mit Kindern Theater gemacht habe ich zum ersten Mal in ‚Das Dschungelbuch’, das ich mit Mücke Quinckhardt für‘s Thalia produzierte. Wir spielten mit 80 Kindern und standen 1990 bestimmt 20 Mal auf der Bühne des TIK“. (der damaligen Studiobühne des Thalia Theaters unter der Kunsthalle).

In den nächsten 10 Jahren sollten unter anderem das preisgekrönte Clownsstück „Das kriegen wir schon gebacken“ mit Axel Pätz entstehen, ihr Kinderkriminalfilm „Schweinesand“, und schließlich „Tim und Struppi“ als farbenprächtiges Kindermusical mit 55 Kindern auf Kampnagel und im Ernst-Deutsch-Theater.
Da der Probenraum als eigener Aufführungsort für das Theater Zeppelin nicht ausreichte, sah sich Steffi Grau nach Möglichkeiten in der Nähe um und fand, als Meisterin des Querdenkens – einen Platz auf dem Wasser vor der Haustür und eine alte Schute, das heutige Hoheluftschiff. 2004 wurde es feierlich eröffnet, nachdem es in einer groß angelegten theatralischen Aktion durch die Alster und den Isebekkanal an seinen jetzigen Standtort gezogen und restauriert wurde. Und die Highlights seitdem?

„Für mich waren das ‚Momo’ im Jahr 2009“, sagt Steffi Grau, die seit den Neunzigern erklärter Michael-Ende-Fan ist, „und die ‚Odyssee’, die das Thema für die ganze Spielzeit 2013/14 lieferte. Da hat wirklich die ganze Schule von den Kleinsten bis zu den Größten mitgemacht. Eine tolle Erfahrung“.

Vor zwei Jahren wurde das Schiff mit großzügiger Unterstützung der Kulturbehörde überdacht und grundsaniert. So sind nicht nur viele neue Möglichkeiten der Nutzung entstanden, so ist vor allem dem ältesten freien Kinder- und Jugendtheater in Hamburg und dem einzigen in Eimsbüttel das Überleben gesichert.
Grund genug für Steffi Grau, die Verantwortung langsam an ihre Tochter Felicia zu übergeben. Und ihr Theater Zeppelin wieder einmal neu aufzustellen als Ort für vielfältige neue mediale und kulturelle Möglichkeiten. „Ist das gut so?“ Praktikantin Katja kommt mit dem wankenden Pelikankostüm zurück. „Ja“, sagt Steffi Grau.

40 Jahre Theater Zeppelin

Weitere Informationen



Abbildungsnachweis:
Header: Hoheluftschiff. Foto: Lena Lappert
Felicia (links) und Stepahnie Grau

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