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Theater - Tanz

Thalia Theater: Eine Familie. Die Macht der Mütter

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Freitag, den 01. März 2019 um 08:21 Uhr
Thalia Theater: Eine Familie. Die Macht der Mütter 4.2 out of 5 based on 104 votes.
Thalia Theater Eine Familie – süffisant, rasant, tieftragisch, urkomisch

Diese Familie ist ein Schlachtfeld. In dieser Familie wird gelogen und gestritten was das Zeug hält, in dieser Familie haut man sich als Wahrheiten daherkommende Beleidigungen so gnadenlos und konsequent um die Ohren, dass am Ende jede und jeder schwer verwundet in die Flucht geschlagen ist.
Wer kennt den Horror nicht, den eine Familie, wenn nicht die eigene und nur sie, auszulösen vermag? Ist sie nicht die Lehrstube, in der wir die Bigotterie der Welt, die falschen Zungen, den vermeintlichen Trost und hinter allem die unendliche Sehnsucht nach Geborgenheit und bedingungsloser Liebe kennenlernen? Unsere Illusionen, die wir immer wieder zerstören müssen?

Tracy Lett hat daraus ein diabolisches well made play über eine Familie im ländlichen Oklahoma geschaffen, das in der westlichen Welt Furore machte und in einer Reihe mit den Klassikern von Edward Albee und Eugene O’Neill steht. Sein 2008 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnetes Familiendrama wurde 2013 mit Starbesetzung und Oscar-Nominierung verfilmt (unter dem Titel „August: Osage County“) und ist im deutschsprachigen Theater längst angekommen.

Nun hat sich Antú Romeru Nunes, Hausregisseur am Thalia Theater, an diesen Stoff getraut und der Versuchung, eine Klamotte daraus zu machen, mit Bravour widerstanden. Der in Tübingen aufgewachsene Regisseur chilenischer Abstammung hat sein Händchen für surreale Komik und seine überbordende Bühnenphantasie an schwergewichtigen Stoffen von der Antike bis zur Neuzeit oft genug bewiesen (Seine „Odyssee“ wurde vergangenes Jahr mit einer Einladung zum Theatertreffen geehrt).
Die Aufgabe, ein konventionelles (und perfekt gebautes) Stück zu inszenieren, muss wohl eine besondere Herausforderung für ihn gewesen sein. Und die Gelegenheit zu einer Studie über die generationenübergreifende Bosheit von Müttern , die hier aus dem Klischee der Mutterliebe herausdestilliert wird.

Eine FamilieDas Zentrum dieses Abends ist Karin Neuhäuser in Hochform, als Violet Weston – tablettenabhängig, krebskrank, psychiatrische Patientin. Neuhäuser gibt dieser vom Leben zerrütteten Frau, auch wenn sie mal lallt und Wortfindungsstörungen hat, ihre ganz eigene schnoddrige Energie. Ihr Selbstmitleid ist zugleich glaubwürdig und raffiniert. Sie tanzt zu Janis Joplins „Cry Cry Baby“, ganz aufgelöst in ihrem Kosmos. Mit scheinbar naiver und kalter Aggression übt sie Macht über ihre drei Töchter aus. Ihr Ehemann Beverly, der anfangs noch auf der Bühne sitzt und in einer angedeuteten Verführungsszene eine indianische Haushälterin (Sylvana Seddig) einstellt, nimmt sich das Leben, wie bald herauskommt.
Das Verschwinden des Hausherrn ruft nun die ganze Familie auf den Plan: Violets Schwester Matti Fae kommt in ein Badetuch gewickelt aus der Dusche: Gabriela Maria Schmeide lässt sie ebenso gemein wie temperamentvoll Mann und Sohn herum kommandieren. Violets 50jährige Tochter Ivy (Marina Galic) wird von ihrer Mutter permanent gemaßregelt und hat ein Verhältnis mit ihrem Cousin (Björn Mayer), der es aus der Versagerrolle nicht herausschafft. Violets Tochter Karen (Anna Blomeier) hat immer Pech mit den Männern und sich wieder einmal verlobt. Die älteste, Barbara (Cathérine Seifert), lebt heimlich in Trennung von ihrem Mann(Felix Knopp), Hochschulprofessor und schlauer Zyniker, der eine jüngere hat und sie mit der gemeinsamen Tochter Jean dennoch in ihr Elternhaus begleitet. „Krieg wenigstens mit, wenn ich versuche dich zu erniedrigen“, sagt sie.
Vordergründig sind hier alle am Leben gescheitert. Und viel mehr als mit dem behaupteten Beistand der Mutter sind sie mit ihren Enttäuschungen und Schuldzuweisungen beschäftigt. Nunes bremst das Tempo dieser schwarzen Komödie immer wieder aus, um dahinter in Abgründe zu schauen. Etwa wenn Violet Klartext spricht. „Du und Bill, ihr habt euch doch getrennt.“ Dann schweigt die Familie sehr lange, und in diesem Schweigen zeigt sich, dass jeder die Wahrheit hinter all dem Geplapper und Genöle kennt.

Neben die Lust am Sezieren der Geheimnisse dieser Familie tritt bei Nunes die Lust am Slapstick. Einen Höhepunkt der verschwiegenen Wut aller, die im Laufe des Abends offenbar wird, liefert die Haushälterin, die Karens untreuen Verlobten Steve (Rafael Stachowiak) eine Bratpfanne ins Gesicht schlägt, als er versucht die 14jährige Jean zu verführen. Einen weiteren liefert das Stolpern mit einem Auflauf bei der Trauerfeier. Ein wahrer Familientumult entwickelt sich daraus, bei dem sich Violets Tochter Ivy und ihr Cousin eine heftige Liebesszene unter dem Küchentisch liefern.

Matthias Kochs Bühne besteht aus einer zweigeschossigen Wohnung , die mit funktionstüchtiger Küche, Badewanne, Betten, Bücherregal und Fernseher naturalistisch und bis in die Details mit sanfter Ironie ausgestattet ist. Oben thront ein zerwühltes Ehebett, über dem ein Jugendfoto von Karin Neuhäuser prangt. Ähnlich wie in Alvis Hermanis’ Wiener Inszenierung von 2009 bildet das Publikum die vierte Wand und ist damit unmittelbar Teil des Hauses.

Eine Familie Thalia TheaterDas Erstaunliche an diesem Abend ist, dass es Nunes mit seinem neunköpfigen Ensemble gelingt, einen alltäglichen, ja familiären Ton und eine Sprache zu finden, die trotz gelegentlicher, meist urkomischer Giftspritzen niemals aufgesetzt, grotesk und sentimental überhöht daherkommt. Wenn Violets Töchter zusammenhocken und überlegen, wer für die kranke Mutter sorgen soll, ist das sehr nachvollziehbar. Doch dann gibt ihnen Barbaras Geschichte davon, wie Violet bei einer Einlieferung in die Psychiatrie in ihrer Vagina Tabletten schmuggelte, die Gelegenheit, genüsslich nach passenden Begriffen für die mütterliche Vagina zu suchen. In diesem Spannungsfeld bewegt sich die Inszenierung. Und keiner aus dem großartig zusammenwirkenden Ensemble verrät seine Figur für einen Lacher. Dafür sorgen auch die Kostüme von Gwendolyn Jenkins.
Insbesondere Karin Neuhäuser findet immer wieder einen Weg, Violet gerade nicht in die Niederungen der Sucht hinein zu spielen, sondern mit äußerster Klarheit ihre Töchter vor den Kopf zu stoßen („Ihr hatte keine echten Probleme“) und stets ihren eigenen Vorteil zu sichern. „Ich sage einfach die Wahrheit“.
Ein Fest für die Schauspielerinnen ist dieser Abend, und besonders der Mütter, deren Fallhöhe Gabriela Maria Schmeide und Cathérine Seifert schonungslos vorführen. Perfide spielen sie ihre bösen Seite heraus, besonders ihren Kindern gegenüber, denen sie keine Chance geben.
So muss auch Barbara, die ihrer Mutter immer ähnlicher wird und zwischenzeitlich das Ruder übernimmt, am Ende die Macht ihrer Mutter erkennen: „Ja, du bist die Stärkste!“

Eine Familie

von Tracy Letts / Regie Antú Romero Nunes
Zu sehen bis 29. Juni 2019 im Thalia Theater Hamburg, Alstertor, 20095 Hamburg

Bühne: Matthias Koch | Kostüme: Gwendolyn Jenkins | Dramaturgie: Emilia Linda Heinrich | Musik: Johannes Hofmann
Mit:
Günter Schaupp (Beverly Weston, Sheriff Deon Gilbeau) | Karin Neuhäuser (Violet Weston) | Cathérine Seifert (Barbara Fordham) | Felix Knopp (Bill Fordham) | Toini Ruhnke (Jean Fordham) | Marina Galic (Ivy Weston) | Anna Blomeier (Karen Weston) | Gabriela Maria Schmeide (Mattie Fae Aiken) | Andreas Leupold (Charlie Aiken) | Björn Meyer (Little Charles Aiken) | Sylvana Seddig (Johnna Monevata) | Rafael Stachowiak (Steve Heidebrecht)

Dauer 3:35h, inklusive Pause
Weitere Infomationen


Abbilsdungsnachweis:
Alle Fotos: Armin Smailovic

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