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Theater - Tanz

Hamburger Tradition seit 1894 – die 11. Spielzeit im Hansa-Theater

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Samstag, den 20. Oktober 2018 um 11:59 Uhr
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Hamburger Tradition seit 1894 die 11 Spielzeit im HansaTheater

Die Saison ist wieder eröffnet – nicht irgendeine, es ist die Hundertfünfundzwanzigste! Und zu dieser Jubiläumsspielzeit im Hansa Theater in Hamburg haben Thomas Collien und Ulrich Waller ein grandioses Programm an Weltklasse-Artistik zusammengestellt.
Das „handverlesene Publikum“ im nunmehr denkmalgeschützten Saal war völlig aus dem Häuschen – obwohl ihm Kabarettist und Conférencier Georg Schramm zwischendurch heftig ins Gewissen redete und den Stargast frech als „Grottenolm“ ankündigte.

Wie gut, dass die beiden Intendanten den zornigen Moralisten, der sich bereits in den Ruhestand verabschiedet hatte, wieder aktivieren konnten. Georg Schramm ist einer der bissigsten und charismatischsten Kabarettisten deutscher Zunge. Da passte es, dass der voll des Lobes Angekündigte die Begrüßung der beiden Hausherren (als Kapitäne in Papp-Gondeln) gleich süffisant niedermachte. Wie die beiden sich so vor dem Publikum zum „Horst“ machen würden… Na, ja! „Das können Sie auch“, rief er den Zuschauern zu. Eine prima Überleitung zu den KünstlerInnen, denn die zeigen in dem Varieté-Schmuckkästchen am Steindamm Darbietungen, die sonst kaum jemand auf der Welt beherrscht. Spitzenartistik sei die „ehrlichste Arbeit der Welt“, so Schramm, und zweifellos auch die faszinierendste und vergnüglichste.

Doch auch Schramm alias Rentner und Weltkriegsveteran Lothar Dombrowski (Markenzeichen: Hornbrille und schwarzer Handschuh, der eine Handprothese darstellt) war wieder einmal in Hochform. Dieser Kabarettist belässt es nicht bei allgemeinem Lamentieren über die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Zustände. Er geht das Publikum direkt an, besonders gern die Prominenz aus Hamburger Geldadel, Politik und Kultur, die sich zur Eröffnungsgala hier jedes Jahr ein Stelldichein gibt. Ein echtes Wechselbad der Gefühle war das, denn Schramm nutzte jede Umbaupause den Zuschauern ins Gewissen zu reden. Führt den Rechtsruck vor Augen. Macht klar, wie „viel geändert werden muss, damit alles so bleiben kann, wie es ist“. Und zitiert Warren Buffett aus der New York Times, der den zentralen Konflikt unserer Zeit als „Konflikt zwischen Arm und Reich“ bezeichnete. Da können einem die leckeren Häppchen des Fischereihafen Restaurants schon mal auf den Magen schlagen.

Aber nun zur Show selbst: Besonders beeindruckend sind ja immer jene Artisten, die ohne großen Budenzauber und technische Effekte auskommen. Die sich einzig und allein auf ihre atemberaubende Körperbeherrschung verlassen. Und das sind im Hansa Theater eigentlich immer alle, da auf der kleinen Bühne – anders als in Las Vegas oder Monte Carlo – große Aufbauten gar nicht möglich sind.

Da ist einmal die russische Hoola-Hoop-Reifenartistin Yulia Rasshivkina, die bereits mit dem Zirkus Roncalli durch Deutschland tourte und in den Shows von Hans Klok auftrat. Wie sie in eine Welle von 55 Reifen eintaucht, ist ebenso großartig, wie die unglaubliche Biegsamkeit ihrer russischen Kollegin. Maria Sarach kann definitiv keine Knochen im Leib haben, denn ihre Equilibristik und Kontorsion (so heißt die Artistik, die mit unglaublichem Gleichgewichtssinn und schlangenartiger Bewegungen arbeitet) sprengt alle physischen Grenzen. Gesund kann das nicht sein, aber John Neumeiers Tänzerinnen wären wahrscheinlich froh über diese Biegsamkeit und Geschmeidigkeit. Die dritte Künstlerin der diesjährigen Show heißt Alana, kommt aus Hamburg und die Magie wurde ihr gleichsam in die Wiege gelegt. Als Tochter professioneller Zauberkünstlern, die – wie sollte es anders sein – früher auch schon im Hansa Theater auftraten, bringt sie frischen Wind in das alte Metier. Vor den Augen der staunenden Zuschauer wachsen ihr fünf Hände aus dem Körper und sie schafft es sogar, kopflos auf der Bühne zu stehen.

Die männlichen Kollegen stehen den Künstlerinnen in nichts nach. Da wären der belgische Schattenspieler Hans Davis und die italienischen „Saly Brothers“ mit ihrer rhythmischen Boleadoras Show (Tanz mit durch die Luft wirbelnden, kleinen Kugeln an Seilen). Der Schweizer Jongleur Claudius Specht und der mittlerweile schon Kult gewordene mazedonische Puppenspieler Alex Mihajlovski mit seinem singenden und klavierspielenden Frauenliebling Barti - sie alle zählen zur Crème de la Crème des Varietès und wurden vom Premierenpublikum lautstark gefeiert. Höhepunkt dieser Hansa-Saison jedoch ist das Duo KVAS, die atemberaubende Akrobatik der beiden Ukrainer Vladimir Kostenko und Anton Savchenko, deren Hebefiguren von geradezu gemeißelter Präzision und Ästhetik erscheinen. Was Wunder, dass die beiden 2014, zum ersten Mal beim Zirkusfestival in Monte Carlo gleich zwei Preise gewannen: Einen Bronzenen Clown (zu vergleichen mit dem „Oscar“ der Filmwelt) und den Preis des Journals Nice-Matin.

Überraschungsgast, der Mann, den Georg Schramm als „Grottenolm unter den Deutschen Stars“ ankündigte, war übrigens Peter Kraus. Der Vergleich mag etwas despektierlich wirken, aber er ist als Riesenkompliment gemeint und trifft absolut zu: Wissenschaftler versuchen seit Jahren zu entschlüsseln, woran es liegt, dass diese Amphibien-Art so extrem langsam altert und noch mit 100 Jahren kaum verändert erscheint. Diesbezüglich müsste man die Gene des österreichischen Rock’n Roll-Star und Schmusesängers unbedingt auch mal untersuchen, da hat Schramm ganz recht: Man glaubt es einfach nicht, was für eine fantastische Performance der bald 80jährige Sänger und Schauspieler zu Hits wie „Sugar Baby“ da hinlegt. Der Mann, der den Rock’n Roll 1956 in Deutschland etablierte, wirkt auf der Bühne wie höchstens 50. Immer noch gutaussehend, immer noch fit, immer noch schlaksig, lässig wie eh und je, dabei mit einer gehörigen Portion Selbstironie – („Sugar Daddy“) verwandelte er die vielen Silberrücken im Publikum in johlende, kreischende Teenies. Das muss ihm erstmal jemand nachmachen. 2019 ist Peter Kraus wieder auf Tour, am 29.11.19 zu Gast in der Hamburger Laeiszhalle. Ein Datum, das man sich merken sollte.

11. Spielzeit Hansa Theater

Hansa Theater, Steindamm 17, bis 10. März 2019
täglich außer Montag, Dienstag - Freitag, 19.30 Uhr
Samstag 16.00 und 20.00 Uhr, sonntags im Oktober nur um 18 Uhr, ab November Sonntag 15.00 und 19.00 Uhr.
Infos und Karten unter www.hansa-theater.de


Abbildungsnachweis:
Headerfoto: Oliver Fantisch; Yulia Rasshivikina

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