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Theater - Tanz

Mariano Pensotti: „Loderndes Leuchten in den Wäldern der Nacht“

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Freitag, den 18. August 2017 um 09:46 Uhr
Mariano Pensotti: „Loderndes Leuchten in den Wäldern der Nacht“ 4.0 out of 5 based on 86 votes.
Loderndes Leuchten Foto - Grupo Mareo

Was für ein ungewöhnliches Stück! Eines? Nein: Was für drei ungewöhnliche Stücke – so intelligent, humorvoll und hintersinnig!
Mariano Pensottis „Loderndes Leuchten in den Wäldern der Nacht“, das am Mittwoch beim Sommertheater auf Kampnagel Premiere feierte, ist so vielschichtig verschachtelt, wie eine russische Matrjoschka: Ein Stück im Stück im Stück – wobei das erste Stück Marionetten-Theater und das letzte Stück ein Film ist, bei dem es körperlich in jeder Hinsicht zur Sache geht.

Hundert Jahre Russische Revolution. Feiert das irgendjemand? Ja, die Studenten der argentinischen Geschichtsprofessorin Estela, einer idealistischen Feministin und Marxistin und glühenden Verehrerin der russischen Revolutionärin und Sexualpolitikerin Alexandra Kollontai (1872-1952).
Estella ist eine Marionette, ebenso alle anderen Figuren. Geführt werden sie von menschlichen Doppelgängern, was zu hinreißend komischen Szenen führt, etwa wenn sich die Puppen und ihre Doubles zum Selfie gruppieren – oder es zwei von ihnen auf dem Tisch miteinander treiben.

Während Estalla in ihren Vorlesungen an der Uni leidenschaftlich über die Verquickung von Gender und Gesellschaft doziert, über die ökonomische und sexuelle Ausbeutung der Frau im Kapitalismus, Freie Liebe und ihre Rolle im Kommunismus nach Kollontai – während sie sich also nach allen Kräften für Gleichberechtigung und eine bessere Welt einsetzt, läuft in ihrem Privatleben alles schief.
Dass sich ausgerechnet ihre Tochter „wie ein Stück Fleisch“ benutzen lässt und ihren nackten Hintern in die TV-Kamera hält, bringt Estalla zwar noch nicht zur Verzweiflung. Als sie jedoch erfährt, gerade zurück von einem desaströsen Moskau-Vortrag vor lauter Kommunismusgegnern, dass ihr Mann, der Astronom, sie mit einer Jüngeren betrügt und diese auch gleich geschwängert hat, da weiß sie nur noch einen Ausweg: Ab in die Badewanne und Pulsadern aufschneiden.
Doch der Selbstmord scheitert. Ihre Familie kommt rettend zur Hilfe und überredet Estella zu einem ablenkenden Theaterbesuch. Und so setzen sich die Marionetten brav auf ihre Miniatur-Stühlchen vor der ersten Reihe und der zweite Teil beginnt.
Diesmal pures Schauspiel. Ein Stück über eine idealistische Deutsche namens Sonja, die in Kolumbien im Dschungel an der Seite der Rebellen gekämpft hat und just an Weihnachten wieder nach Hause kommt. Hier holt sie die Kleinbürger-Tristesse wieder ein: Die Mutter arbeitet an der Kasse im Supermarkt, die Schwester ist Putzfrau und Star eines laienhaften „Sonja-Musicals“. Nach Albträumen der Ex-Rebellin und einem Streit geht die Familie ins Kino und der dritte Teil beginnt.
Dieser dritte Teil nun, aufgezogen als Mix aus Spiel- und Dokumentarfilm, zeigt die Auswüchse des Kapitalismus und schließt den Kreis zu Kollontai und 100 Jahre Russische Revolution: Drei TV-Moderatorinnen aus Buenos Aires machen sich auf zu einem Wochenend-Trip nach Misiones. Nicht wegen der berühmten Wasserfälle von Iguazú, die zwischendurch über die Leinwand rauschen, sondern weil es dort ein Lokal mit russischen Strippern gibt, die für ein paar Peso nach der Show zu Diensten sind. Freie Liebe für die Emanzen von heue. Einer der Stripper entpuppt sich dann als Urenkel von Alexandra Kollontai. Hauptberuflich bewacht er Arbeiterinnen, die beim Bemalen russischer Matrjoschkas (!) in geschlossenen Räumen eingesperrt sind. Als eine der Journalistinnen den Skandal entdeckt, wird sie nachts zusammengeschlagen, kommt aber immerhin lebend, mit einem blauen Auge davon.

„Was soll das jetzt?“... „Wie komisch, dass sie auch noch einen Film in das Stück eingebaut haben!“ Als das Licht wieder angeht, wissen die Puppen nicht so recht, was sie von dem Theater halten sollen und ob es etwas bewirken kann. „Ach“, sagt einer, „das kann gar nichts bewirken, das ist ja nur Kunst“. Daraufhin zitiert Estela Majakowski: „Kunst ist nicht ein Spiegel, um die Welt zu reflektieren, sondern ein Hammer, um sie zu schmieden.“
Genau. Und Mariano Pensotti und seine Grupo Marea aus Buenos Aires haben gezeigt, wie das geht.

Langer und herzlicher Beifall für einen tollen Theaterabend, in dem es gelingt, politische Ideale, gesellschaftliche Utopien und die traurige Realität von heute auf verblüffend leichte, suggestive Art und Weise darzustellen.

Mariano Pensotti: „Loderndes Leuchten in den Wäldern der Nacht“
Internationales Sommerfestival 2017 Kampnagel
Fr, 18.08.2017 20:30
In spanischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln.
Kampnagel – K1. Eintritt: 24 Euro.
In spanischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln.
TEXT UND REGIE: Mariano PensottiMIT: Susana Pampín, Laura López Moyano, Inés Efrón, Esteban Bigliardi, Patricio Aramburu AUSSTATTUNG: Mariana TirantteMUSIK: Diego VainerLICHT: Alejandro Le RouxPRODUKTION: Florencia Wasser / Grupo Marea BÜHNENASSISTENZEN: Malena Juanatey, Tatiana Mladineo AUSSTATTUNGSASSISTENZEN: Gonzalo Córdoba Estévez, Tatiana Mladineo, Luciana Peralta REGIEASSISTENZ: Juan Schnitman


Vimeo-Video:
Mariano Pensotti / Kunstenfestivaldesarts 2017


Abbildungsnachweis:
Alle Szenenfotos: Grupo Mareo

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