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Hamburger Architektur Sommer 2015


Theater - Tanz

Privattheatertage Hamburg: King Charles III

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Freitag, den 16. Juni 2017 um 08:49 Uhr
Privattheatertage Hamburg: King Charles III 3.7 out of 5 based on 75 votes.
Privattheatertage Hamburg: King Charles III Foto marianne menke

Damit hat er sich wohl keinen Gefallen getan. Axel Schneider, Intendant von Hamburger Kammerspiele, Altonaer- und Harburger Theater, nutzte bislang jede Eröffnung der von ihm inszenierten Privattheatertage, um über die finanzielle Misere seiner Häuser zu lamentieren.
In diesem Jahr nun gab er der Elbphilharmonie Schuld am mangelnden Erfolg. Die Besucherzahlen seien in jüngster Zeit um bis zu 20 Prozent eingebrochen, so Schneider, jeder habe schließlich nur „ein begrenztes Budget an Zeit und Geld“. Natürlich wollen die Hamburger ihre „Elphi“ mindestens einmal von Innen sehen, aber mutieren deshalb 20 Prozent der Privattheaterbesucher zu glühenden Klassik-Musikfans?

Mike Barletts „King Charles III“ zum Auftakt der sechsten Privattheatertage geriet ob des „Störfaktors“ Elbphilharmonie jedenfalls ins Hintertreffen der Kritik. Schade, das hat das Gastspiel der Bremer Shakespeare Company im Altonaer Theater wirklich nicht verdient. Das von Stefan Otteni inszenierte „Future History Play“ um die britische Königsfamilie bot drei Stunden pausenlose Unterhaltung in bester Shakespeare-Tradition.

Pausenlos? Ja, wirklich! Kaum haben die Zuschauer nach den ersten zwei Stunden den Theatersaal Richtung Klo oder Café verlassen, stürmen „Royalisten“ und „Revolutionäre“ Foyer und Treppenhaus. Während die einen die Nationalhymne anstimmen, brüllen die anderen die Monarchie nieder und verteilen eine Extraausgabe des (fiktiven) Boulevardblatts „Blick“ mit den nackten Brüsten von Harrys Neuer auf dem Titel. Ein wahrhaft tolles Theater!
Mit durchaus realistischem Hintergrund: Noch weiß niemand, wer nach Elisabeth II den Thron besteigt, doch wie man hört, haben die Briten Sorgen, dass Prinz Charles, der schon verschiedentlich Briefe an Minister schrieb und damit tatsächlich versuchte, die Politik seines Landes zu beeinflussen, als König eine Katastrophe werden könnte.

Mike Bartletts hat diese Befürchtungen in ein brillant komponiertes Stück gegossen, das inhaltlich wie sprachlich auf gleich mehrere Shakespeare’sche Königsdramen anspielt. Am Anfang hat Charles Züge von „Richard III.“, der einen Widersacher nach dem anderen aus dem Weg räumt. Die Hexen aus „Macbeth“ tauchen auf und als Elisabeth II. ihrem grüblerischen Sohn als Geist erscheint, steht einem unwillkürlich „Hamlet“ vor Augen.

„Die Königin ist tot, es lebe der König – das bin ich“. Charles, der ewige Prinz und Eigenbrödler kann es noch gar nicht so recht fassen. Er soll tatsächlich den Thron besteigen, im Rentenalter noch an die Macht - und die will er nun reichlich auskosten. Anders als seine Mutter, die die Gesetze des Parlaments stets brav abgesegnet hat, will er mitbestimmen, will sich und sein Gewissen einbringen. Die Gunst des Publikums hat er dabei anfangs durchaus auf seiner Seite! Es geht nämlich um die vom Parlament beschlossene Einschränkung der Pressefreiheit in England. Und ausgerechnet der Mann, dessen Frau von den Paparazzi zu Tode gehetzt wurde und der sich mit seinen veröffentlichten Sex-Phantasien (im Telefonat mit seiner damaligen Geliebten Camilla) bis auf die Knochen vor der Welt blamierte, ist gegen jede Einschränkung.

Aber mit welcher Begründung?! Statt inhaltlich zu argumentieren, schwingt er sich auf zum völlig verblendeten König von Gottes Gnaden. Verirrt sich im Rausch der Macht, in Ängste und Verschwörungstheorien, mobilisiert das Militär, will schließlich sogar das Parlament auflösen und beschwört damit „türkische Verhältnisse“ herauf, die sich zum drohenden Bürgerkrieg ausweiten.

Cate, die ewig Lächelnde, mutiert der weilen zur kaltblütigen Intrigantin à la Lady Macbeth, die ihren Gatten William zum Verrat an seinem Vater anstachelt. Und Harry, der Rebell, opfert seine große Liebe der Loyalität zu William, der Charles dazu gezwungen hat, abzudanken und nun das Zepter schwingt.
Das neunköpfige Ensemble der Bremer Shakespeare Company verkörpert die Royal Family (und alle anderen Rollen) einfach phänomenal. Obwohl Tim Dominick Lee seinem Prinzen Harry nun wirklich nicht ähnelt, meint man ihn mit der Zeit auf der Bühne zu sehen, ebenso Camilla (Svea Meiken Auerbach), Cate (Petra Janina Schultz) und William, dem Markus Seuß in seiner souveränen, zurückhaltenden Art am stärksten gleicht. Erick Roßbander, Michael Meyer und Tobias Dürr bestechen als Premierminister, Oppositionsführer und Pressesprecher und Theresa Rose bezaubert als Harrys selbstbewusste Freundin Jess.

Fehlt nur noch der König selbst: Peter Lüchinger versucht erst gar nicht Charles zu imitieren. Er erscheint vielmehr als ein zeitloser Regent im Shakespeare‘schen Universum und das macht ihn vielleicht etwas zu sehr zum blutleeren Abziehbild. Und doch gelingt es ihm, die Zerrissenheit eines grundeinsamen Menschen zu vermitteln, der eigentlich das Gute will, dabei aber immer stärker den Bezug zur Realität verliert und schließlich im Sumpf seiner Allmachtsphantasien versinkt.

Die Privattheatertage Hamburg laufen noch bis zum 25. Juni.

Alle Infos über Programm und Aufführungsorte unter www.privattheatertage.de


Abbildungsnachweis:
Alle Fotos: © Marianne Menke
Header: Tim Lee
Galerie:
01. Svea Auerbach, Theresa Rose, Tim Lee
02. Markus Seuß, Michael Meyer, Petra-Janina Schultz
03. Petra-Janina Schultz, Peter Lüchinger, Svea Auerbach
04. Petra-Janina Schultz
05. Peter Lüchinger, Tim Lee

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