Anzeige

Wer ist online?

Wir haben 807 Gäste online

Neue Kommentare

Wajda Art zu „A Beautiful Day”. Joaquin Phoenix- Racheengel oder Erlöser?: Wir suchen nach Enthusiasten der Kinematographie ...
Manfred Köck zu Im Wunderland der Wünsche. Laila Biali: schade, dass sie nicht mit ihren stammmusikern un...
Helmuth Barth zu Thomas Gainsborough – die moderne Landschaft: Vorausschicken möchte ich, dass ich neben Bilder...
Anna Grillet zu „Call Me by Your Name”. Die Sinnlichkeit des Luca Guadagnino: Leider nein, kann die bitterböse ästhetisch bri...
Fabian Drux zu „Call Me by Your Name”. Die Sinnlichkeit des Luca Guadagnino: Danke für den Hinweis auf einen wunderschönen F...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2015


Theater - Tanz

Rezensiert! Tannöd

Drucken
(72 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Donnerstag, den 25. Februar 2010 um 15:37 Uhr
Rezensiert! Tannöd 4.6 out of 5 based on 72 votes.
rezensiert-tannoed Deutsches Schauspielhaus Hamburg, Malersaal

Die schrecklichsten, blutigsten Katastrophen haben häufig immer noch ein Gutes: einen hohen Unterhaltungswert.
Allein die Weltkriege bieten unbegrenzt Stoff, von ernsthafter Dokumentation bis zu ‚so-hätte-es-doch-eigentlich-auch-sein-können’ (Hitler verbrutzelt in Pariser Kino).
Dasselbe gilt für Kriminalfälle, bevorzugt solche, die nie gelöst wurden. So gesehen hat Jack The Ripper viel für die Kultur getan.

In der Nacht vom 31. März auf den ersten April 1922 wurden auf dem Einödhof Hinterkaifeck in Oberbayern sechs Menschen mit einer Spitzhacke niedergemetzelt: der Hofbesitzer und seine Frau, ihre Tochter, die beiden Enkel (sieben und zwei Jahre alt) sowie eine Magd, die am selben Tag ihren Dienst auf dem Hof angetreten hatte. Erst vier Tage später wurden die Leichen entdeckt. Merkwürdigerweise stellte sich heraus, dass in der Zwischenzeit der Hund und das Vieh gefüttert worden waren, die Kühe gemolken, die Brotvorräte aufgegessen, das Rauchfleisch angeschnitten, zweifellos vom Mörder. Ein Mechaniker reparierte sogar, wie vorher beauftragt, auf dem offenbar menschenleeren Hof eine Maschine, ein Postbote brachte Briefe, beide wunderten sich über die Stille. Andererseits rauchte ja einige Tage lang stets der Schornstein des Einödhofs.
Den – oder die - Täter hat man nie gefunden.

Wer das Stichwort ‚Hinterkaifeck’ googelt, erhält ‚ungefähr 442.000 Seiten auf Deutsch’. Das spricht für ein gewisses Interesse an dem Fall. Vor ungefähr sieben Jahren bot ein Alpenverein hier sogar ‚Gruselwanderungen’ an – und das, obwohl der ‚Mordhof’ etwa ein Jahr nach dem Verbrechen abgerissen wurde, man also nur noch ‚die Stelle’ zeigen konnte.
Vor allem der Journalist Peter Leuschner hat sich jahrelang damit beschäftigt und ausführliche Dokumentationen herausgegeben. Sein erstes Buch erschien 1978, ‚Hinterkaifeck, Deutschlands geheimnisvollster Mordfall’, das zweite: ‚Der Mordfall Hinterkaifeck, Spuren eines mysteriösen Verbrechens’ 1997.

Im Januar 2006 kam dann ‚Tannöd’ heraus, ein Werk, das vom Umfang an Japanische Kalligraphie oder ein Haute Cuisine-Dessert auf einem Riesenteller erinnert: sehr viel leerer Platz um einen Klecks, gutwillig betrachtet 128 Seiten und eine endlose ‚Litanei zum Troste der armen Seelen’, die allerdings ausgezeichnet in den Zusammenhang passt.
Autorin Andrea Maria Schenkel versetzte das grausige Geschehen in die heile Welt der Fünfziger Jahre und leistete es sich, unter den seit fast 90 Jahren Verdächtigen einen Mörder auszumachen. (Beides half ihr, den empörten Plagiats-Protest von Ur-Hinterkaifeck-Forscher Leuschner in letzter Instanz niederzuschlagen.)
Elke Heidenreich, damals noch eifrig bemüht, das deutsche Volk zum Lesen! zu ermuntern, empfahl ‚Tannöd’ in ihrer Sendung als fabelhaft und unglaublich, was nicht ganz wirkungslos blieb.
2007 erhielt das Buch den Deutschen Krimi Preis sowie den Friedrich-Glauser-Preis, 2008 wurde es mit dem Martin Beck Award für den besten internationalen Kriminalroman ausgezeichnet und es verkaufte sich inzwischen über eine Million Mal.

Ich muss zugeben, dass sich mir das Fabelhafte an ‚Tannöd’ beim Lesen nicht recht erschloss. Ich fand es ganz interessant, aber auch recht eintönig.
In sehr kurzen Abschnitten kommen Dorfbewohner wie in dokumentarischen Interviews zu Worte, Beobachter, Beteiligte, solche, die damit zu tun hatten und solche, die nichts damit zu tun haben wollen. Dazwischen wird ebenso knapp beschrieben, was die Opfer erlebten und wie sich der Mörder fühlt. Zwar hat die Autorin versucht, der verwirrten Alten eine andere Stimme zu geben als dem kleinen Mädchen, aber sie sprechen eben doch alle miteinander sehr Schenkel, einfach und holzgeschnitzt.
Mittlerweile ist ‚Tannöd’, 2009, verfilmt und erhielt, (trotz der immer großartigen Monica Bleibtreu in ihrer vorletzten Rolle), nur recht mittelmäßige Kritiken.
Vorher im selben Jahr gruselten sich übrigens schon Alexandra Maria Lara und Benno Fürmann ‚Hinter Kaifeck’ durch den dunklen deutschen Wald, es war nun mal gerade sehr aktuell.


 

Home > Blog > Theater & Tanz > Rezensiert! Tannöd

Mehr auf KulturPort.De

Yvonne von Schweinitz: Syrien – Fragmente einer Reise. Fragmente einer Zeit
 Yvonne von Schweinitz: Syrien – Fragmente einer Reise. Fragmente einer Zeit



Wie nähert man sich in einer Fotoausstellung einem Land, deren Menschen tagtäglich durch Gewalt sterben, auf der Flucht, im Exil, traumatisiert sind, deren mat [ ... ]



„A Beautiful Day”. Joaquin Phoenix- Racheengel oder Erlöser?
 „A Beautiful Day”. Joaquin Phoenix- Racheengel oder Erlöser?



Lynne Ramsay inszeniert ihre virtuosen Thriller-Impressionen als Exkursion in die Abgründe der Seele.
Ein Auftragskiller ist Joe (Joaquin Phoenix) nicht, er t [ ... ]



Günter Grass-Haus Lübeck: George Bernard Shaw und die Fotografie
 Günter Grass-Haus Lübeck: George Bernard Shaw und die Fotografie



George Bernard Shaw (1856-1950) ist vor allem bekannt für sein dramatisches Werk, das über 50 Theaterstücke umfasst. Doch der Künstler hat sich zeitlebens in [ ... ]



Im Wunderland der Wünsche. Laila Biali
 Im Wunderland der Wünsche. Laila Biali



Wie konnte sich eine 16jährige Kanadierin, die Opernarien singt und klassische Pianistin werden will, zu einer über jeden „No street credibility“-Verdacht  [ ... ]



Aspekte Festival 2018: Der Kopf des Paul Orlac ist das Innenleben des Klaviers
 Aspekte Festival 2018: Der Kopf des Paul Orlac ist das Innenleben des Klaviers



Was für eine Horrorvorstellung: als Schauspieler die Stimme – als Fußballspieler die Füße – als Philosoph den Verstand – als Komponist das Gehör – u [ ... ]



Poetische Erkundung der Welt: Nico Bleutge: „Nachts leuchten die Schiffe“
 Poetische Erkundung der Welt: Nico Bleutge: „Nachts leuchten die Schiffe“



In seinem vierten Gedichtband „nachts leuchten die schiffe" beschäftigt sich Nico Bleutge mit unserer realen Welt in sieben Zyklen. Wie ein Jongleur wirft der [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Anzeige


Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.