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Theater - Tanz

Wenn man von Gewalt erzählt, erzählt man gleichzeitig von Liebe

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Mittwoch, den 01. April 2009 um 11:23 Uhr
Wenn man von Gewalt erzählt, erzählt man gleichzeitig von Liebe 4.5 out of 5 based on 312 votes.

Klaus Schumacher: Ich finde, man kann das im Theater sehr verantwortungsvoll dosieren. Es gehört zwar dazu, mit der Angst der Zuschauer zu spielen. Eine gute Geschichte bietet im besten Fall ein breites emotionales Spektrum. Aber im Theater bleibt der Vorgang immer ein abstrakter. Ob Erwachsener oder Kind, wir müssen aus einer Vielfalt von Zeichen eine Geschichte in unserem Kopf zusammenbauen und uns selbst einbringen. Insofern ist Theater ein Erfahrungsraum, der dafür prädestiniert ist, verantwortungsvoll mit Gewalterfahrungen und -darstellungen umzugehen. Denn immer bleibt gegenwärtig, dass es sich hier um eine Spielbehauptung handelt. Das ist ein großer Unterschied zum Bildschirm, dem wir passiv ausgeliefert sind, weil wir tiefer und subversiver ins Geschehen eintauchen. Und das macht Theater – ohne jeden moralischen Zeigefinger – zu einer echten Alternative und einem „ethischen“ Erfahrungsraum. Angesichts eines banalisierenden Umgangs mit Gewalt in den Medien, kann das Theater innere, tiefere „Erfahrungen“ von Gewalt transportieren und emotional und kognitiv weiter gehen als die oberflächliche Schockerfahrung der Medien, die kontextlose Bilder zu unverarbeiteten „Erlebnissen“ gerinnen lassen.

Kristo Šagor: Im Theater hat man einerseits die physische Anwesenheit des Schauspielers, die unglaublich wirkungsmächtig und beeindruckend ist, andererseits die Sicherheit der „Als-ob-Behauptung“. Es bleiben Figuren, die gespielt werden, es gibt Kostüme, auswendig gelernte Texte. Dieses Paradoxon aus Authentizität der Anwesenheit und Distanzierung über das „Als ob“ – das ist die spannende Konstellation des Theaters.

Klaus Schumacher: In „Sagt Lila“ wird beispielsweise die Vergewaltigung am Schluss in einem fast statischen Tableau in Szene gesetzt. Der Gewaltakt erzählt sich vor allem durch die intensive sprachliche Schilderung der Schauspieler. Diese Art der In-Szene-Setzung eines Gewaltaktes entfaltet eine ungeheure Intensität im emotionalen Erleben des Zuschauers, eindringlicher als es jede realistische Darstellung tun könnte. Die Gewalt passiert im Kopf des Zuschauers. Und das Monster im Kopf ist immer stärker als das, was wir sehen können.
Barbara, hast du bei der Stückrecherche je nach Themengeschichten gesucht? Zum Beispiel nach einem Stück zum Thema „Gewalt“?

Barbara Bürk: Nein. Ich suche Stücke danach aus, ob mir dazu etwas sehr persönliches einfällt. Es sei denn, es gibt eine Vorgabe durch das Theater, dass man beispielsweise ein Stück zum Thema Zukunft machen soll. Dann habe ich trotzdem die Stücke gewählt, die mich sowieso interessierten, aber in diese Richtung gedeutet werden können.

Kristo Šagor: Die Kategorie Themenstück ist ja eigentlich eine, die man nur negativ sehen kann. Wenn es gelingt, ein Konstrukt auf ein Thema hin zu entwerfen, dann ist das oftmals nicht so komplex, dass es vom wirklichen Leben handelt. Man hat ja auch kein „Themenleben“. Stücke sind dann gut, wenn sie viele Aspekte gleichzeitig enthalten, dann sind sie im besten Sinne „welthaltig“.

Klaus Schumacher: In „Sagt Lila“ findet sich einerseits eine extreme Brutalität und Gewalttätigkeit, auch in der Sprache, andererseits eine absolute Zartheit und intensive Suche nach Nähe. Sind wir uns darin einig, dass, wenn wir von Gewalt reden, wir immer auch gleichzeitig von Liebe sprechen?

Barbara Bürk: Ich habe gerade „MaxundMurx gesehen“ – da scheint es mir problematisch zu behaupten, dass es auch um Liebe geht. Wenn, dann geht es eher um ihre Abwesenheit.

Klaus Schumacher: Ja, genau. Man spürt bei dieser Geschichte eine große emotionale Leere. Die kann nur durch Zuneigung gestopft werden. Insofern ist die Liebe – durch ihre schmerzliche Abwesenheit – umso gegenwärtiger. Es gibt an einer dramaturgischen Wende des Stücks einen Schlüsselsatz, der genau diese anwesende Abwesenheit oder abwesende Anwesenheit auf den Punkt bringt: „Wenn dich keiner will Alter, haste ein Problem.“

Barbara Bürk: Aber ich glaube dennoch, dass „MaxundMurx“ ein Stück ist, bei dem die Jugendlichen hinterher Gesprächsbedarf haben. Das Stück stellt die Gewalt tendenziell unkommentiert aus und liefert kaum Erklärungen. Ich könnte mir vorstellen, dass das auch bei „Das Buch von allen Dingen“ Sinn macht. Als ich das Buch mit meinem Sohn gelesen habe, habe ich sehr viel mit ihm geredet.

Klaus Schumacher: Da würde ich widersprechen. Ich habe das Buch mit meiner Tochter gelesen. Ich finde, dass diese Geschichte alles Nötige zur Verarbeitung bereits enthält. Es zeigt Gegenstrategien auf, ist unglaublich tröstlich und warmherzig. Auch der Humor trägt dazu bei. Das macht das Buch so vollständig für mich. Eine Geschichte, die man im Nachhinein erklären muss, ist meiner Ansicht nach keine gute. Außerdem ist der Schluss sehr versöhnlich – ein Fest des Lebens. Da kommen die zusammen, die sich mögen, und sie besiegen spielend und lachend das Problem – wie in einem Märchen.


 
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