Neue Kommentare

Ada Rompf zu „The Rider”. Die zärtlich-raue Poesie der Chloé Zhao : Besser kann man meinen Lieblingsfilm dieses Früh...
yolo 456 zu Die Juden vom Altrhein: man sollte einen artikel erst einmal lesen bevor ...
yolo123 zu Die Juden vom Altrhein: Das jüdische Leben in Deutschland ist vorbei und...
Achenar Myst zu Nils Landgren with Janis Siegel: some other time: Die CD ist ein absoluter Genuss, tolle Auswahl de...
Achim zu Golnar & Mahan – Derakht: Musik, die glücklich macht - Danke !!!...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2015


Theater - Tanz

Available Light – damals revolutionär, heute ein Museumsstück

Drucken
(102 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Samstag, den 08. August 2015 um 10:14 Uhr
Available Light – damals revolutionär, heute ein Museumsstück 4.5 out of 5 based on 102 votes.
Available Light

In der Fotografie bedeutet Available Light, dass mit dem vorhandenen Licht gearbeitet wird – egal, wie wenig davon vorhanden ist. Auf Kampnagel eröffnete nun „Available Light“ von Lucinda Childs das diesjährige Sommerfestival – ein Minimalballett von 1983, bei dem die überarbeitete Lichtführung zumindest etwas Abwechslung in die radikale Monotonie von Bewegungsvokabular und elektronischem Klangteppich brachte.

Man kann sich heute kaum noch vorstellen, welchen Aufruhr das Stück, eine Auftragsarbeit zur Eröffnung des Museums of Contemporary Art in Los Angeles, bei seiner Uraufführung 1983 auslöste. Ein Ballett ohne jede Handlung, einzig bestehend aus sich immer wiederholenden, subtil variierenden Bewegungsmustern – puristisch-abstrakt bis an die Schmerzgrenze. Dazu ein skulptural strenger, fast ausschließlich durch Tageslicht beleuchteter Bühnenraum auf zwei Ebenen und eine einlullend melodisch-elektronische Klangkulisse. Drei Künstler aus ganz unterschiedlichen Sparten trafen für diese Auftragsarbeit zum ersten und einzigen Mal aufeinander: Lucinda Childs, Protagonistin des Postmodernen Tanzes, Frank O. Gehry, Vertreter einer neuen Formensprache in der Architektur und der Minimal-Musik-Pionier John Adams.

Dass ihr gemeinsames Stück auch nach 32 Jahren so unerhört ausgewogen erscheint, als komplette Einheit aus Raum, Klang und geometrisch-strengem Bewegungsmaterial, mag ein Hinweis darauf sein, dass sie sich an kreativer Kraft und Persönlichkeit in nichts nachstanden. Mit „Available Light“ schufen sie gemeinsam ein Stück Tanzgeschichte, das damals zweifellos revolutionär war.
Das „Revival“ jedoch wirkt aus heutiger Sicht seltsam brav und konventionell. Ein Museumstück, dessen mathematisch-abstrakte Struktur und Intention man schnell begreift, das den Zuschauer bestenfalls in eine meditative Trance versetzt – oder ihn einfach nur ermüdet.
Vor gut sechs Jahren fing Lucinda Childs an, ihre frühen Stücke zu rekonstruieren: „Einstein on the Beach“, die berühmte Oper von Robert Wilson und Philip Glass von 1976, für deren choreographischen Part sie verantwortlich zeichnet. Das legendäre Stück „Dance“, gemeinsam entwickelt mit Philip Glass und Konzeptkünstler Sol LeWitt 1979 – und nun „Available Light, das auf Kampnagel seine Europapremiere feierte.
Zehn Tänzer, vier in roten, vier in schwarzen und zwei in weißen Trikots, später kommt ein elfter in Weiß hinzu, absolvieren hier auf zwei Ebenen ihre Exercises – Schrittfolgen, Drehungen, kleine Sprünge, diagonal, kreuz und quer. Alles dem klassischen Ballett-Vokabular entlehnt, alles super exakt ausgeführt, alles „einfach bis zur Alltäglichkeit“, wie Lucinda Childs selbst sagt. Ihr komme es nicht auf das Bewegungsmaterial an, vielmehr auf die Art und Weise, wie es variiert wird, betont die mittlerweile 75-jährige Grande Dame des Postmodernen Tanzes jüngst in einem Interview mit FAZ. Gut möglich, dass sich aus diesen Rhythmen, Repetitionen und Kombinationen ein vor Energie vibrierendes Pattern-Ballett ergeben kann, wahrscheinlich sogar soll. An diesem Abend jedoch sprang der Funke einfach nicht über. Childs sportliche Tänzer wirkten eher wie mechanisch aufgezogene Puppen, die mehr Kopfarbeit als Körpereinsatz leisteten. Gehrys Raum allerdings begeistert auch nach 32 Jahren in seinem wunderschönen Purismus, den zwei Ebenen und den fünf Stahlgerüsten im Hintergrund, die im Laufe der 60-minütigen Vorstellung in ständig wechselndem Licht erschienen.

John Adams / Lucinda Childs / Frank Gehry: Available Light
am Sa, 8.8. um 19:30 Uhr (K6)

Internationales Sommerfestival 2015
05. bis 23. August 2015
Tickets: +49 40 270 949-49 (Montag bis Samstag 13:00-19:00)
Kampnagel Hamburg, Jarrestraße 20 in 22303 Hamburg.
Programm

YouTube-Video: John Adams / Lucinda Childs / Frank Gehry: Available Light
und Lucinda Childs on the Remount of Available Light at MASS MoCA


Abbildungsnachweis:
Header: SOMMERFESTIVAL: John Adams/ Lucinda Childs/ Frank Gehry: Available Light. Foto: Craig T. Mathew (2015)

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Theater & Tanz > Available Light – damals revolutionär, heu...

Mehr auf KulturPort.De

Elisabeth Weinek: „Was Sie sah“ – Andalusien, Marokko, Iran
 Elisabeth Weinek: „Was Sie sah“ – Andalusien, Marokko, Iran



Passend zur Festspielzeit werden in der Margarethenkapelle von St. Peter, eine der ältesten Kirchen Salzburgs, Fotografien gezeigt, die sich als „interkulture [ ... ]



Ilse Helbich: Kluge Chronistin des Alters – „Im Gehen“ gefundene Gedichte
 Ilse Helbich: Kluge Chronistin des Alters – „Im Gehen“ gefundene Gedichte



Auch heute noch geschehen beglückende Wunder: Mit 80 Jahren veröffentlichte die 1923 in Wien geborene Ilse Helbich ihren ersten Roman unter dem Titel „Schwal [ ... ]



Thierry van Werveke: Schauspieler, Rockstar, Troublemaker, Thierry National
 Thierry van Werveke: Schauspieler, Rockstar, Troublemaker, Thierry National



Thierry! – allein sein Vorname löst in Luxemburg schon entzücken aus und wird mit der Addition von „National“ zum Kult. In Deutschland und Österreich fr [ ... ]



„Foxtrot”. Samuel Moaz und das Konzept des Zufalls
 „Foxtrot”. Samuel Moaz und das Konzept des Zufalls



Samuel Moaz kreiert mit dem Antikriegsdrama „Foxtrot” einen atemberaubenden ästhetischen Kosmos: zornig, visuell kühn, emotional hochexplosiv, oft grausam, [ ... ]



Alexandre de La Patellière und Matthieu Delaporte: „Der Vorname“
 Alexandre de La Patellière und Matthieu Delaporte: „Der Vorname“



Das Stück brillant, die Schauspieler große Klasse, die Inszenierung rundum gelungen und der kleine Saal der Komödie Winterhuder Fährhaus restlos ausverkauft. [ ... ]



Vergessen und wiederentdeckt: „Ludwig Meidner – Im Nacken das Sternemeer“
 Vergessen und wiederentdeckt: „Ludwig Meidner – Im Nacken das Sternemeer“



Der Titel der Ausstellung „Im Nacken das Sternemeer“ verweist auf das Buch mit Texten von Ludwig Meidner, das 1918 in Leipzig erschien. Meidner (1884-1966),  [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.